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Äer Kreislillltt.

Gratisbeilagen:Illnstrirtes Sonntagsblatt" n.Jllustrirte landwirthschastliche Beilage".

Nr. A.Aenftig öen 18 Febmr 1896.

Dr. Martin Luther.

Zur Erinnerung an die 350. Wiederkehr seines TodcstageS.

18. Februar 1546.

Ein reiches, großes Leben voll unberechenbarer Er­folge ist heute vor 350 Jahren zu Ende gegangen; das Herz stand still, das so warm und treu geschlagen für sein Volk, für die Christenheit, für das Evangelium. Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Du hast mich erlöset, du Gott der Wahrheit!" Das waren die Worte, die der große Neformator in den letzten Stunden am häufigsten wiederholte. Mit einem deut­lichenJa" antwortete er, als Jonas und Cölius ihn fragten:Ehrwürdiger Vater, wollet Ihr auf Christum und die Lehre, wie Ihr die gepredigt, beständig sterben?" DiesJa" war sein letztes Wort auf Erden, in den ersten Stunden des 18. Februar 1546.

Noch einmal stehen wir vor unserm Luther in Witten- berg; aber der beredte Mund schweigt, das Auge ist ge­brochen, das er einst gegen Kaiser und Reich, gegen Papst und Kardinäle mit heiliger Zuversicht aufschlug; er schweigt nun für immer in der Kirche, an deren Thüre vor dreißig Jahren er ein welterschütterndes Wort geschrieben hatte. Im feierlichen Zuge hatten sie, auf des Kurfürsten Befehl, seine Leiche von Eisleben nach Wittenberg geführt, um ihr in der Schloßkirche eine Ruhestätte zu bereiten. An seinem Sarge steht der Freund, der seit achtundzwanzig Jahren an der Seite des Entschlafenen unermüdlich mitgekämpfl hatte, Me- lanchton. Schon am Morgen des 19. Februar hatte er, von der Todesnachricht niedergebeugt, in seinem Hörsaale das Zeugniß der Geschichte und der protestantischen Weltanschauung in wenigen bedeutenden Worten über den Entschlafenen ausgesprochen:Richt durch mensch­lichen Scharfsinn ist die Lehre von der Vergebung der Sünden und dem Glauben an den Sohn Gottes entdeckt worden, sondern sie ist uns von Gott geoffenbart durch diesen Mann, den er erweckt hat!"

Auch am Begräbnißtage ergriff er, nachdem Pfarrer Bugenhagen gepredigt hatte, noch einmal das Wort, um das Werk des Dahingeschiedenen in seiner wahren Be­deutung zu würdigen:Nicht in aufrührerischen, unge­stüm verbreiteten Meinungen besteht seine Lehre; viel­mehr ist sie eine Darlegung des göttlichen Willens und des wahren Gottesdienstes, eine Erklärung der heiligen Schrift und eine Predigt des göttlichen Wortes, nämlich

Geopfert.

Novelle von P. Olliverio.

(Fortsetzung.)

Doktor Wernhagen hatte kaum ein Wort gesprochen, mit mir überhaupt nicht. Er hatte sich, ohne die min­deste Ungeduld zu verrathen, an den Tisch gesetzt, während der Advokat mit der größten Umständlichkeit die Papiere herbeiholte, eine lange Vorrede hielt, die Bänder und Siegel löste und endlich das Schreiben entfaltete.

Er räusperte sich noch einmal, strich das Papier glatt und begann zu lesen.

Ich kann den Wortlaut des Testaments nicht wieder­geben, der Inhalt jedoch war, daß Herr von Helmuth feinem einzigen, geliebten Kinde Käthe Alles, was er besaß, vermachte, jedoch unter der einen Bedingung, daß sie, falls sie an ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstage noch unvermählt sei, und ihr Vormund, Doktor Wern­hagen, desgleichen, die Beiden binnen der nächsten sechs Monate Mann und Frau würden. In diesem Falle sei es sein Wunsch und Wille, daß sein geliebtes Kind die Hälfte des Vermögens auf ihren zukünftigen Gatten überschreiben laffe; alle dazu erforderlichen Anordnungen lagen dem Schreiben bei.

Sollte Käthe sich weigern, dem Wunsche nachzukommen, so verscherzte sie sich das Vermögen bis auf eine Jahres- rente von sechstausend Mark; selbst der alte Familiensitz solle dann auf Wernhagen übergehen. Sollte er sich weigern, so solle der ihm zugedachte Antheil an Wohl- thätigkeitö-Anstalten fallen.

des Evangeliums Jesu Christi!"Nun ist er verbunden mit den Propheten, von denen er so gerne sprach; nun heißen sie ihn willkommen als ihren Mitarbeiter, und danken mit ihm dem Herrn, der seine Kirche sammelt und erhält!"

Schon dreimal wurde in Wittenberg das Säkularfest seines Todes gefeiert. Vielen war es nach Luther ge­geben, einzelne Seiten seines großartigen Wesens in gleichem oder höherm Grade herauszubilden; aber wo fand sich zum zweiten Male jene unerschöpfliche Tiefe des Glaubens mit derselben hinreißenden Macht des volks- mäßigen Wortes, mit derselben Felsennatur des Willens und der Thatkraft zusammen? Wo diese selige Ver­tiefung in Gott mit dieser Herrschergewalt über die Welt? Wo diese Vereinigung von Eigenschaften, deren Vereinzelung seit Jahrhunderten das Erbübel der Deut­schen geworden?

So fragen wir heute noch am Grabe des deutschen Reformators.

Politische Nachrichten.

Inland.

Berlin, 15. Februar.

Se. Majestät der Kaiser fuhr gestern Nach­mittag in Begleitung Ihrer Majestät derKaiserin, Allerhöchstwelche gestern gegen Mittag wohlbehalten in Hubertusstock eingetroffen war, von dort nach der Ober- försterei Pechteich und erlegte im dortigen Revier zwei Vierzehnender und einen Damschaufler. Gegen Abend kehrten b e i d e M a j e st ä t e n nach dem Jagdschloffe zurück. Nach Meldungen aus Hubertusstock herrscht daselbst schönes Wetter.

Die vom preußischen Kriegsministerium reffortirenden G e n eralkommandoS haben an die ihnen unter­stellten Unteroffiziere und Mannschaften im Januar und Februar 1894 Befehle erlassen, in welchen diesen jede Dritten erkennbar gemachte Be­thätigung revolutionärer oder sozialdemokra- lischer Gesinnung, insbesondere durch ent­sprechende Ausrufe, Gesänge oder ähnliche Kundgebungen dienstlich verboten worden ist. Diese Urtheile sind, nach einem Urtheil des Reichsgerichts vom 8. November v. J. Befehle i n D i e n st s a ch e n", im Sinne des § 92 des Militärstrafgesetzbuchs vom 20. Juni 1872, und

Das Testament schloß mit der Versicherung, daß er der Erblasser seine Tochter innig liebe und keinen größeren Wunsch hege, als ihr Lebensglück zu begründen. Deshalb habe er die Verbindung zwischen ihr und dem Manne beschlossen, den er liebe und achte wie keinen Andern auf der Welt, und er habe die Kundgebung dieses seines Willens bis zu Käthes dreiundzwanzigstem Jahre hinausgeschoben, um ihr wie ihrem Vormund reichlich Zeit zu lassen, ihren Neigungen zu folgen. Er glaube, falls Beide dann noch frei seien, keine Tyrannei zu begehen, wenn er in erwähnter Weise über ihre Hand verfüge.

Es herrschte eine athemlose, beklemmende Stille in dem weiten Raum, als die Stimme des Advocaten ver­hallt war. Hätte ich nicht zuvor den Entschluß gefaßt gehabt, meine Liebe zum Opfer zu bringen, so hätte ich es nun thun müssen. Konnte Wernhagen er, der an sich selbst stets zuletzt dachte zulassen, daß ein Mädchen um seinetwillen den größten Theil ihres Ver­mögens einbüße? Gewiß nicht, und wäre seine Ab­neigung gegen Käthe noch so groß gewesen, jenes rechts­kräftige Testament ließ ihm kaum eine Wahl.

Ich sah zu ihr hinüber, aber ihre Züge waren von den bebenden Händen beschattet. Darauf wandte ich den Blick nach ihm. Bleich und gelassen stand er auf und trat zu dem Advokaten.

Das Testament kann keine Gültigkeit haben," sprach er mit gedämpfter aber fester Stimme;es trügt untrügliche Zeichen eines gestörten Geistes. Die Ver­fügungen sind einfach"

eine Aufforderung an diese Soldaten, die sozialdemokratischen Lehren während ' ihrer Dienstzeit unter ihren Kameraden zu verbreiten, ist aus § 112 St.-G.-B. zu bestrafen, wenn der Auffordernde jene Befehle gekannt hatte, oder wenn er mit der Möglichkeit, daß derartige Befehle er­lassen seien, gerechnet und das Bewußtsein gehabt hat, zu ihrer Nichtbefolgung aufzufordern; dies gilt auch für den Fall der Aufforderung an die zur Einstellung in das Heer bestimmten und vorläufig in die Heimath beurlaubten Rekruten. In den Erkenntnißgründen heißt es: Ob der Angeklagte gerade diese Erlasse kannte oder nicht, ist nicht ausschlaggebend; der in dem erwähnten Strafgesetze erforderte Vorsatz würde vielmehr auch dann anzunehmen sein, wenn der Angeklagte mit der Möglichkeit, daß derartige Befehle erlaffen seien, gerechnet und außerdem was allerdings hinzukommen müßte das Bewußtsein gehabt hätte, zu ihrer Nicht- i befolgung aufzufordern. Nach den Feststellungen des Urtheils war die Aufforderung des Angeklagten gegen Ende September gemacht und an Personen, welche zum Herbst zur Einstellung in das Heer bestimmt waren, ge­richtet, mithin an vorläufig in die Heimath beurlaubte Rekruten, und bah-. an Personen des Soldatenstandes im Sinne des § 112 Strafgesetzbuchs.

Der Großherzog von Mecklenburg- Schwerin hat sich vor einigen Tagen eine Erkältung zugezogen, durch welche die asthmatischen Anfälle wieder in verstärktem Maße aufgetreten sind.

Die Justizkommission des Reichstags hat den § 27 der Justiznovelle über die Zuständigkeit der Schöffengerichte angenommen.

Ausland.

Die Engländer betreiben noch immer die D e u t s ch e n - hetze. Die AntwerpenerMetropole" meldet, mehrere Antwerpener englische Schifffahrtlinien hätten die sie vertretenden Firmen ausdrücklich angewiesen, auf ihren Schiffen angestellte deutsche Offiziere bei der Ankunft in Antwerpen zu entlasten und englische oder nichtdeutsche Offiziere einzustellen.

Der berüchtigte französische Gauner A r t o n ist nun­mehr endlich von England an Frankreich ausgeliefert worden. Am Freitag Mittag traf er in Calais ein und wurde von der französischen Polizei in Empfang genommen.

Frankreich scheint wieder einmal am Vorabend einer Ministerkrisis zu stehen. Obwohl das Kabinet

Er stockte, denn Käthe hatte die Hände von dem Ge­sicht fallen lasten und sah ihn, ohne es zu wissen, mit einem halb flehenden, halb verzweifelten Blick an.

Ich für meinen Theil," entgegnete der Advokat mit steifer Verbeugung,bin bereit zu bezeugen, daß der Testator zur Zeit, als er diesen seinen letzten Willen niederschrieb, im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten war, und kann Herrn Doktor Wernhagen zu den glän­zenden Aussichten, die sich ihm eröffnet haben, nur gratuliren."

Bravo!" rief einer der anderen Herren hinzutretend. Wir alle wollen unserm Freund Glück wünschen zu o, der reizende Vogel ist davon geflogen! Das ist ein gutes Zeichen, Wernhagen; gestatten Sie mir, daß ich die Rolle des Wirths übernehme und auf das Wohl der vorläufigen Erbin trinke."

Mit einer beinahe krampfhaften Selbstbeherrschung gelang es Wernhagen, das Zittern seiner Hand und Stimme zu überwinden, den ihm gereichten Wein hin­unter zu gießen und Käthe von Helmuths Wohl in so ruhiger Weise auszubringen, daß er selbst den schärfsten Beobachter täuschen mußte. Ich aber entdecke dennoch einen so traurigen Schleier über seiner Stimme, eine so fahle Blässe auf seinen Wangen und Lippen, daß mir das Herz vor Schmerz und Kummer fast brach.

Ich wollte Käthe folgen und auch das Zimmer ver­lassen, Charlotte aber legte ihre Hand auf meinen Arm und zwang mich, zu bleiben.

Gleichzeitig schienen die Herren zu merken, daß sie ihre Aufgabe erfüllt und keine Veranlassung zu längerem