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Sr. 88.
Donnerstag Den 28. AM
1888.
Politische Nachrichten.
Inland.
Berlin, 18. August.
Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin sind mit den Prinzen Oskar und Joachim und der Prinzessin Viktoria Luise am Montag Nachmittag um 6 Uhr auf der Wildparkstation eingetroffen. Zum Empfange waren der Polizeipräsident v. Balan und der Oberhofmeister Frhr. v. Mirbach mit den Prinzen Adalbert und AugM Wilhelm auf dem Bahnhöfe anwesend. Vom Bahnhöfe aus begaben sich die Majestäten unter den Hurrahrusen der zahlreich anwesenden Bevölkerung nach dem Neuen Palais.
Wie aus Potsdam gemeldet wird, traf Se. Majestät der Kaiser mittelst Wagens heute früh 8'/2 Uhr vom Neuen Palais im dortigen Lustgarten ein. Daselbst war das 1. Garderegiment zu Fuß anläßlich des Jahrestages der Schlacht bei Gravelotte aufgestellt. Es fand zweimaliger Parademarsch statt, das erste Mal in Zügen, das zweite Mal in Kompagniefront. Sodann formirte sich das Regiment im offenen Viereck. Se. Majestät hielt eine kurze Ansprache und ritt sodann nach dem Osfizierskastno des Regiments.
Aus Hilzingen wird unterm 17. d. gemeldet: Auf dem gestrigen Hegauer Kriegertag, welcher mit der Einweihung des hiesigen Kriegerdenkmals verbunden war, hielt der Großherzog von Baden eine Ansprache in welcher er, wie die „Bad. Landesztg." meldet, unter Anderem Folgendes sagte: Die Kriegervereine vergegenwärtigen die beste Schule, die man sich denken könne, die Schule der Hingebung, des Gehorsams und der Treue, alles Eigenschaften, ohne die im Lande nichts von Erfolg bestehen könne. „Trachten Sie darnach, Meine Freunde, daß die Kriegervereine auf diesem Stande beharren, und daß sie ein Beispiel geben für die Jugend, ja überhaupt in der Gemeinde für Alle und für alles Das, was Tugend heißt — Tugend ebenso wie Furchtlosigkeit gegenüber allen Gewalten. Insbesondere im Innern heißt Furchtlosigkeit keine Menschenfurcht, aber Gottesfurcht. Mit dieser Gottesfurcht werden Sie voranschreiten und den Sieg erlangen, den Sieg über das Böse, den Sieg über die Unordnung, den Sieg zum Wohl des Ganzen, der Familie, der Gemeinde, des Staates und des Reiches." Der Großherzog
deutsche Zeitung das Unglück eines deutschen Schiffes zu Angriffen gegen einen heldenhaft in den Tod gegangenen deutschen Offizier benutzt, für dessen Verhalten auch die gesammte Presse des Auslandes nur Worte des Lobes und der Bewunderung gehabt hat. Daß der das | Gefühl jedes deutschen Patrioten verletzende Artikel des ultramontanen Blattes den Angriff in den Deckmantel religiöser Betrachtungen hüllt, macht ihn um so widerlicher.
Auf den deutschen Münzstätten sind im Monat Juli d. Js. geprägt worden: 1506 600 Martin Doppelkronen, 100 000 Mk. in Zweimarkstücken, 1350 509 Mk in Einmarkstücken, 125 635 Mk. in Zehnpfennigstücken und 49311,74 Mk. in Einpfennigstücken. Die Gesammtausprägung an ReichSmünzen nach Abzug der wieder eingezogenen Stücke bezifferte sich Ende Juli d. Js. auf 3 052 279 195 Mk. in Goldmünzen, 492579976,40 Mk. in Silbermünzen, 53 407 013,90 Mk. in Nickel- und 13176999,71 Mk. in Kupfermünzen.
Auslanv.
Wie kürzlich in L i l l e, so hat am Sonntag auch in einer anderen Stadt des nördlichen Frankreich, in L e n s, die Bevölkerung Gelegenheit genommen, ihrem Urtheil über die Vaterlandslosigkeit der marxistischen Sozialisten drastischen Ausdruck zu geben. Die dortigen Sozial- demokraten hatten eine Versammlung rn Billy-Montigny zusammenberufen. In Folge der von den französischen I Sozialisten den deutschen sozialistischen Abgeordneten in Lille bereiteten Aufnahme empfing die Bevölkerung die sozialistischen Arbeiter mit den Rufen: „Es lebe Frankreich! Nieder mit den Vaterlandslosen!" Es entstand darauf eine Schlägerei, bei welcher Viele schwer verwundet wurden; es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen.
Aus Rom wird unterm 18. August gemeldet: Die „Agenzia Stefani" macht bekannt: Der König theilte dem Ministerpräsidenten di Rudini mit, daß heute die Verlobung des Prinzen von Neapel mit der Prinzessin Helene von Montenegro in Cetinje publiziert wurde, und beauftragte den Ministerpräsidenten, hiervon dem Ministerrath Mittheilung zu machen. Der Ministerpräsident theilte heute den Präfekten die Verlobung, welche glückbringend für die königliche Familie und für Italien sein werde, mit und setzte dieselben zugleich von dem Wunsch des Königs in Kenntniß, daß die Stadtverwaltungen sich aller Festlichkeiten, welche den Stadt-
schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hurrah auf Se. Majestät den Kaiser.
Prinzessin Marie von Bayern, die zweite Tochter des Prinzen Ludwig von Bayern, hat sich mit dem ältesten Sohne des Grafen von Caserta, dem Prinzen Ferdinand Pius Maria, verlobt.
Von einigen Seiten wird wieder das Gerücht verbreitet, daß Major von Wißmann nicht nach Afrika zurückzukehren gedenke. Nachdem die Neuorganisation der Schutztruppe in einer Weise erfolgt ist, die allen Wünschen Wißmann» entspricht, und da auch seine Gesundheit zu Besorgnissen keinen Anlaß bietet, ist nicht abzusehen, worauf man die Verbreitung solcher Gerüchte stützen soll, es sei denn auf das Uebelwollen einer kleinen aber betriebsamen kolonialen Gruppe, die Wißmann und der Kolonialverwaltung gern Schwierigkeiten bereiten möchte.
Wie der „Franks. Ztg." aus Berlin gemeldet wird, kehrt der Gouverneur von Puttkamer Ende dieses Monats auf seinen Posten nach Kamerun zurück. Das Auswärtige Amt hält die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen für durchaus grundlos und hat dementsprechend Klage gegen das „Berliner Tageblatt," das sie veröffentlicht halte, erhoben. Von den Hamburger Kaufleuten, die in Kamerun Geschäfte betreiben, wird eine Vertrauensadreffe an Herrn v. Puttkamer vorbereitet. Ein Buch über Kamerun wird nächstens aus seiner Feder erscheinen. i
Der Reichskanzler Fürst H o h e n l o h e hat sich in Begleitung seiner Gemahlin und des Wirkl. Geh. Regierungsraths Günther nach Schloß Werki im Gouvernement Wilna begeben.
An die den Thatsachen widersprechende Behauptung, der Kommandant des „Iltis" habe im Moment der Katastrophe die Mannschaft zur Absingung patriotischer Lieder angehalten, knüpft die „Deutsche Reichsztg." vom 13. d. Mts. Angriffe gegen den verstorbenen Kapitän Braun, dem sie Verletzung der religiösen Pflichten vor- wirft. Wer die Berichte über das dem „Iltis" zuge- stoßene Unglück gelesen, muß sofort erkennen, daß int Moment der Katastrophe überhaupt von Absingung von Liedern nicht hat die Rede sein können. Wenn der Verfasser des Artikels selbst die Nachricht, an die er seine Betrachtungen knüpft, für zweifelhaft erklärt, so war es um so mehr seine Pflicht, sie zu unterlassen. Er hätte uns damit die beschämende Thatsache erspart, daß eine i
(Nachdruck verboten.)
schwere Kämpfe.
Roman von J. P i a.
(Fortsetzung.)
„Das Haus," hub er an, „wird von zwei Schwestern — unverheiratheten Damen — bewohnt. Früher waren es drei, aber die eine starb vor ungefähr fünf Jahren. Ihr Vater war Advokat, betrieb aber nebenbei das viel einträglichere Geschäft eines Wucherers. In der ganzen Umgegend gab es keinen Mann, den man mehr gefürchtet, mehr gehaßt hätte als ihn, und dennoch häufte er einen enormen Reichthum auf. Er stahl nicht, betrog ^tcht, und dennoch war sein Geld nicht auf ehrenhafte Weise verdient. Eines Abends kehrte er nicht nach Hause zurück, und am andern Morgen fand man ihn todt am Wege liegen. Sein Kopf zeigte die Spuren eines wuchtigen Schlages, wer aber denselben geführt hatte, kam niemals an das Licht. Das große Vermögen üchg nun zu gleichen Theilen an die drei Töchter über. Wie ich hörte, sollen diese in ihrer Jugend sehr hübsche Mädchen gewesen sein. An den beiden Lebenden sieht man ja heute noch die Spuren davon. Und wie ganz anders sind sie als ihr geiziger, habgieriger Vater! Margarethe, Laura und Anna hießen sie; und wahrscheinlich, weil sie sehr klein sind, nannte man sie allgemein die „kleinen Schwestern." Man erzählt sich in der Stadt, daß des Vaters Gewerbe den drei Schwestern tiefen Abscheu eingeflößt und ihnen viel Kummer und Schmerz bereitet habe, und es muß sich in der That so
verhalten haben, denn obgleich ihr Reichthum manchen Bewerber herbeilockte, hatten sie doch für Jeden nur ein taubes 'Ohr und widmeten sich nebst ihrem Reichthum den Armen und Nothleidenden. Kein Kranker, keine Hülfsbedürftige ist seitdem ungetröftet von ihrer Thür gegangen. Sie pflegen einen jeden mit unermüdlicher Sorgfalt und Opferfreudigkeit und haben fd>ou häufig solche in ihrem Hause ausgenommen, welche der Pflege und Wartung bedurften und solche im eigenen Hause nicht haben konnten."
„Wie gut, wie edel müssen die kleinen Schwestern sein!" rief Elfriede, und ihre dunklen Augen leuchteten vor Bewunderung. „Aber, Sie sagten, die eine von ihnen wäre todt?"
„Ganz recht, vor fünf Jahren starb sie, kurz nachdem ich zu Ihrem Vater in das Geschäft gekommen war; Anna, die jüngste. Sie soll von jeher zart und leidend gewesen sein; und als sie einmal eine Frau am Nervenfieber pflegte, wurde sie von dieser angesteckt und starb."
„Wie eine Märtyrerin!" flüsterte Elfriede träumerisch. Erst nach einer Weile, während welcher Beide schweigend in die Ferne geblickt hatten, fuhr sie — in demselben träumerischen Ton — fort: „Und seitdem ist in dem Hause eine Lücke, eine leerer Platz, und die anderen zwei Schwestern schaffen weiter an ihrem edlen Werke."
„Eine Zeit lang — ja; vor ungefähr drei Jahren aber gesellte sich ihnen eine andere Dame zu, die, nach ihrer Haltung und ihrem Gang zu urtheilen, viel jünger sein muß als jene, obgleich ihr Haar — so viel man davon sieht — schneeweiß ist und ihr Gesicht bleich und
abgehärmt aussieht, als ob sie Schweres durchgemacht hätte."
„Ist sie eine Verwandte der „kleinen Schwestern?" fragte Elfriede.
„Ich habe nie Näheres über sie gehört," antwortete Mervinger, „auch ist es schwer zu sagen, welche Stellung sie in dem Hause einnimmt. Vielleicht ist sie eine bezahlte Pflegerin, vielleicht eine gute Freundin. Jedenfalls trägt sie genau wie jene auch ein grauwollenes Kleid, dazu aber eine große Haube, die ihr tief bis in die Stirn hineinreicht und auch von beiden Seiten das Gesicht fast verdeckt, obgleich sie nichts Entstellendes an demselben hat. Eins ist gewiß — wenn die Fräulein Haller, so heißen nämlich die kleinen Schwestern" — ergänzte er — „wenn die Fräulein Haller edel und opferfreudig sind, so ist diese Dame es noch bei Weitem mehr. Ihre Geduld erlahmt niemals, ihr eifriges Sorgen läßt niemals nach; und ihr Mitleid für die, welche gefehlt haben und irrten, ist fast sprichwörtlich geworden. Mehr als einmal hat ihre Fürsprache einen Verbrecher vor dem Gefängniß bewahrt und ihn auf den rechten Weg zurückgeleitet, wo alle anderen Mittel fehlschlugen. Manch' junges Mädchen ist vor Schmach und Schande behütet worden durch ihren rechtzeitigen Rath und Eingriff. Ja, wo es Kummer und Leid giebt, findet man die kleine Schwester Anna als waltenden Engel."
„Die kleine Schwester Anna?" fragte Elfriede verwundert.
„Man kennt sie unter keinem anderen Namen," erklärte Mervinger, „und diesen erhielt sie von der Ver-