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Sr. 88. Donnerstag öen 29. Wi 1897.
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tot des Stmtsiiliiiißers 8.8. tot
Während der entscheidenden Berathung des Abgeordnetenhauses über die Novelle zum Vereinsgesetze hat der Minister des Innern, Freiherr v. d. Necke, noch einmal das Wort ergriffen, um in längerer Rede die Stellungnahme der Regierung zu vertheidigen. Der Hauptinhalt dieser Rede ist dauernder Beachtung werth und verdient es, festgehalten und beherzigt zu werden, auch wenn sich das Tagesinteresse an der bestimmten gesetzgeberischen Aktion längst verflüchtigt haben sollte.
Es besteht ein dringendes Bedürfniß zur Vermehrung der staatlichen Machtbefugnisse auf dem Gebiete des Vereins- und Versammlungswesens angesichts der immer drohender anschwellenden sozialdemokratischen Bewegung — das war der Kernpunkt der Ausführungen des Ministers. Nicht bloß in direkter Weise machen sich die Gefahren der Umsturzbewegung geltend, indem die Köpfe revolutioniert und für die utopischen Ideen in den weniger gebildeten und einsichtigen Kreisen der Bevölkerung immer neue Anhänger geworben werden. Nein, auch in dem gutgesinnten Theile der Bevölkerung erleidet die Autorität der Staatsgewalt Einbuße, wenn Bestrebungen, die öffentlich auf Untergrabung der Grundlagen alles Bestehenden abzielen, einfach geduldet werden müssen, weil es an der gesetzlichen Handhabe fehlt, ihnen entgegenzutreten. Das Bewußtsein des Volkes wird verwirrt; das Zutrauen zu der schützenden Macht des Staates und der unerschütterlichen Geltung von Recht und Gesetz schwindet in demselben Maße, in dem ungesetzliche Handlungen gesetzmäßigen Anstrich gewinnen.
Wer der Meinung ist, daß die Sozialdemokratie den Höhepunkt ihrer agitatorischen Wirksamkeit bereits über
schritten habe, konnte sich durch die eingehenden und lichtvollen Ausführungen des Ministers leicht eines Besseren belehren lassen. Dieser Höhepunkt ist noch nicht erreicht. Noch sind das platte Land und das Heer intakt geblieben. In fieberhafter Thätigkeit setzt die Sozialdemokratie alle Hebel an, um auch diese festen Bollwerke des Staates ins Wanken zu bringen. Ganze StrichederMonarchie werden mit Flugblättern vollständig überschwemmt, die darauf abzielen, die ländliche Bevölkerung in die Netze der Sozialdemokratie zu bringen, und kaum vergeht ein Tag, wo nicht Agitatoren auf das Land sich begeben, um dort zu hetzen und zu wühlen. Nicht minder energisch ist das Liebes- werben der Sozialdemokratie um das Heer, insbesondere um die Reservisten und Landwehrmänner. Halten aber die sozialdemokratischen Ideen aus dem flachen Lande und im Heere ihren Einzug, gelingt es auch hier der revolutionären Propaganda, festen Fuß zu fassen, dann ist der Anfang vom Ende da. So lassen die dringendsten Lebensinteressen des Staates eine Verstärkung seiner Machtbefugnisse als unabweisbare Nothwendigkeit erscheinen.
Von neuem widerlegte auch der Minister das alberne Märchen, die Sozialdemokratie sei eine friedliche Reformpartei, eine radikale Arbeiterpartei, oder, wie die schönen Phrasen sonst noch lauten, ^worden. Sie hängt sich wohl aus taktischen Gründen gelegentlich ein harmloses Mäntelchen um, im Kerne ihres Wesens aber ist sie geblieben, was sie von Anbeginn war und auch immer bleiben wird, nämlich eine durch und durch revolutionäre Partei, die nur auf den passenden Augenblick lauert, um die bestehende Gesellschaftsordnung gewaltsam umzustürzen.
Nicht minder wirksam wurden die übrigen Einwände, die man gegen das geplante Vereinsgesetz auSzuspielen versucht hat, abgethan. Auf das Bedenken, der Weg der Sondergesetzgebung könne und werde erbitternd wirken, erklärte der Minister nochmals wie schon im Herrenhause, daß die zur Berathung stehenden Bestimmungen in keiner Weise den berechtigten Bestrebungen der Arbeiter zur Besserung ihrer Lebensverhältnisse entgegentreten sollten. Wer sich aber mit seinen Bestrebungen gegen den Bestand von Staat und Gesellschaft.wende, der könne sich doch auch nicht wundern, wenn ihm gegenüber zu Vertheidigungszwecken außergewöhnliche Mittel in Anwendung gebracht würden.
Die Rede des Ministers schloß mit einem warmen Appell an die Volksvertretung, der Regierung die Wunde
zu heilen helfen, die an dem Herzen unseres Volkes frißt. Leider blieb der Appell unwirksam. Aber sicherlich haben die Worte des Ministers im Lande weithin Widerhall gefunden, und die Zeit wird kommen, wo auch die jetzige Opposition im Landtage dieselben in ihrer Wahrheit an- zuerkennen genöthigt sein wird. Hoffen wir, daß diese verspätete Einsicht nicht mit zu großen Opfern für unser theures Vaterland erkauft werden muß
Politische Nachrichten.
Inland.
Berlin, 27. Juli.
Se. Majestät der Kaiser weilte am Sonntag und Montag in Molde und konnte bei schönstem Wetter mit den Herren der Umgebung zweimal Spaziergänge an Land machen.
Ihre Majestät die Kaiserin begab sich am Sonntag in Tegernsee mit den Prinzen in die protestantische Kirche, wo von dem Generalsuperintendenten Dry- ander der Gottesdienst abgehalten wurde. Nach dessen Beendigung fuhr die Kaiserin mit den Prinzen in das herzogliche Schloß, um der Herzogin Elisabeth, Tochter des Herzogs Karl Tyevoor, zum Geburtstage Glück zu wünschen.
Am Montage weilte die Kaiserin in München. Sie wurde am Bahnhöfe von dem Prinzregenten, dem preußischen Gesandten Grafen Monts und dem Personal der preußischen Gesandtschaft empfangen. Am Bahnhöfe hatte sich eine zahlreiche Menschenmenge eingefunden, welche die Kaiserin mit stürmischen Hochrufen begrüßte. Vom Bahnhöfe begab sich die Kaiserin mit dem Prinzregenten in offenem Wagen zur Besichtigung der internationalen Kunstausstellung im Glaspalaste. Später erfolgte ein Besuch der Schack-Galerie. Nachmittags 2 Uhr fand in der Residenz zu Ehren der Kaiserin größere Tafel statt. Später fuhr sie mit der Prinzessin Ludwig zur Glyptothek und Abends nach Tegernsee zurück.
Der Kaiserin wurde bei ihrer Anwesenheit in München von der Prinzessin Ludwig von Bayern, Groß- meisterin des königlichen Theresie Nordens, die Abzeichen dieses Ordens in Brillanten überreicht.
Neuern Bestimmungen zufolge werden der Kaiser, die Kaiserin und der Prinzregent von Bayern am 2. September Morgens in Nürnberg eintreffen und sich
Nachdruck verboten.
Aus schweren Tagen.
Novelle von Ida von Conring.
Es war im Jahre 1807. In einer Loge des ersten Ranges im hell erleuchteten Hoftheater zu Cassel saßen zwei Herren. Der ältere, ein Mann von etwa dreißig Jahren, halte das tiefbrünette Haupt derBühne zugewandt, und die großen braunen Augen in dem blaffen, geistvollen Gesicht leuchteten auf bei den ernsten, ergreifenden Klängen von Glucks „Armide". Sein jüngerer Begleiter schien der : Vorstellung weniger aufmerksam beizumohne», er hielt ' eifrige Umschau im Logenhause, und als jetzt nach Schluß des ersten Aktes der Vorhang fiel, berührte er den Arm seines Nachbars und fragte gespannt: „Sage mir, Magnus, £ wer sind die Damen uns gegenüber?"
Der Angeredete warf einen schnellen Blick in die be- -^zeichnete Loge.
„Auch du, Friedrich!" sagte er halb spöttisch, halb Kmiltleibig; „auch dich interessiert unser via-ü-vio so sehr, - daß selbst Glucks Musik dich daneben nicht mehr fesselt! l:« Du bist indessen nicht der Einzige," fuhr er fort, „mindestens zwei Drittel unserer jungen Kavaliere haben ihr Herz einer von den beiden Schönen dort zu Füßen gelegt!"
8 „Auch du gehörst vielleicht zu diesen?" fiel Friedrich halb ärgerlich ein.
„Davor möge mich Gott bewahren," fuhr Magnus von Kettenberg aus. „Ich bin ein Deutscher, und einer von ganzem Herzen! Und jene Damen? Nun, die reizende
Blondine ist die Tochter des französischen Präsidenten von Napoleons Gnaden, Marguerite von Werden!"
„Marguerite von Werden!" unterbrach der Freund.
„Ja wohl!" war die sarkastische Antwort; „der Präsident ist von Geburt Deutscher, der Repräsentant einer unser ältesten Familien, — der Gesinnung nach aber durchaus Franzose. Seine ganze Familie strebt ihm darin nach, selbst seine Tochter läßt ihren wunderschönen deutschen Namen französisch aussprechen. Die andere Dame," fuhr Magnus ruhiger fort, „ist die junge Witwe eines Gutsbesitzers, Frau von Ruberg. Sie ist sehr intim mit Fräulein von Werden!"
„Bist du bekannt in der Familie, Magnus?"
„Ich verkehre nie im Hause eines Franzosen," war die stolze Antwort; „auch kann ich mit meinem lahmen Fuß, dem Andenken an Jena, nicht tanzen, — was sollte ich also im Hause des fröhlichen Leichtsinns?"
„Du urtheilst hart, Magnus!" rief Friedrich.
„Es ist wahr," gab der andere zu, „aber mir fehlen die Worte, die Verachtung für den Deutschen auszudrücken, der die Liveree der Feinde seines Vaterlandes trägt!"
„Still doch, Magnus," rief der Freund besorgt, „nicht so laut, man könnte dich hören; Werdens sehen schon zu dir herüber!"
Magnus lachte bitter. „Das hat seine besondern Gründe: der Unter-Präsekt Dubois ist drüben eingetreten, — er ist mein besonderer Freund, wer weiß, was für Geschichten er dort wieder erzählen mag!"
„Welch eigenthümlichen Schmuck die beiden Damen tragen!" meinte Friedrich, das Opernglas senkend.
„Das sind die berühmten Maltheser-Kreuze!" lachte Magnus spöttisch. „Der Präsident hat sie den Freundinnen von Paris mitgebracht, — sieh sie dir nur erst an, — ein Malthcser-Kreuz aus blauen Steinen, von Brillanten eingefaßt, — Marguerite trägt es stets. Doch still, der Vorhang hebt sich!" —
Nach Schluß der Oper gingen die beiden Freunde langsam die Treppe hinab. Werdens waren ihnen einige Schritte voraus. Frau von Ruberg ging am Arme des Präsidenten; Marguerite hatte den des Herrn Dubais genommen. Als sie die Stimme Kettenbergs hörte, wandle das junge Mädchen sich um. Die veilchenblauen Augen trafen mit einem fast flehenden Blick die seinen. Friedrich fühlte den Arm des Freundes leise heben; er sah zu ihm auf und erschrak fast vor dem Ausdruck zorniger Pein, der auf dem Antlitz des Freundes lagerte. Die Damen stiegen in den harrenden Wagen; der Präsident folgte, und Herr Dubais nahm den vierten Platz ein.
Magnus von Kettenberg und sein Freund gingen durch die dunkeln Straßen dem Hotel zu, in dem letzterer Wohnung genommen hatte.
„Du bist irre an mir geworden, Friedrich," begann Magnus; „die harte, fast feindselige Stimmung, wie ich sie heute gezeigt habe, war mir sonst nicht eigen, es kommt da eben viel zusammen, was mir das Herz bedrückt'"
„Ist das nur die Politik, Magnus?"
„Nein, Friedrich, noch viel anderes, — doch warum soll ich es dir verschweigen? — wir haben noch weit zu gehen, bis wir dein Hotel erreichen, da kann ich dir alles über mich und — nun ja, Marguerite von Werden er-