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erWn meisblatt.

GratirbeUagen:Illustrirter Ssnntagrblatt" u.JUuftrirk lanSwirthschaftliche Beilage".

Sr. 160.

IsmerftU in 26. August

1097.

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mit den Gratisbeilagen Jllnstrirtes Sonntagsblatt"» Mustrirte landwirthschaftl. Beilage" für den Monat September werden von allen Aaiserlichen Postanstalten, kandbriefträgern und von der Expedition angenommen.

Amtlicher Theil.

Hersfeld, den 19. August 1897.

Im Anschluß an die unter Mitwirkung der StaatS- Regierung in Berlin errichtete Centralstelle für Arbeiter- Wohlfahrts-Einrichtungen (Vorsitzender des Vorstandes: Staatssekretair a. D. Wirklicher Geheimer Rath Herzog) hat sich mit Unterstützung der landwirthschaftlichen Ver­waltung ein Ausschuß für Wohlfahrtspflege auf dem Lande gebildet. Die Aufgaben, welche sich dieser Ausschuß gestellt hat, gehen aus dem hierunter abgedruckten Auf­ruf hervor.

Bei der Wichtigkeit der Erhaltung einer zahlreichen gesunden und seßhaften Landbevölkerung und bei dem Nutzen, den eine Centralstelle für alle hier einschlagenden Bestrebungen durch Anregung und Belehrung bieten kann, mache ich die Herren Ortsvorstände des Kreises sowie sonstige Interessenten auf den Ausschuß für Wohlfahrts­pflege auf dem Lande aufmerksam und empfehle den Beitritt zu demselben.

Besondere Abdrücke des Aufrufs können von dem Ausschußbüreau in Berlin, Schillstraße 16, bezogen werden.

Bei derselben Stelle ist zu beziehenDie Bedeutung der Landbevölkerung im Staate und unsere besonderen Aufgaben auf dem Lande." Vortrag gehalten im Klub der Landwirthe von Heinrich Sohnrey (Kostenpreis 15 Pfg. für das Einzelstück, 10 Pfg. bei Entnahme von über 100 Stücken bei freiem Versand.) Endlich mache ich noch auf den im Verlage von Trowitzsch u. Sohn in Berlin erscheinenden Musterkatalog:Die ländliche Volks­bibliothek", II. vermehrte Auflage von Wilhelm Bube, aufmerksam.

I. I. Nr. 4203. Der Königliche Landrath

Freiherr von Schleinitz, Geheimer RegierungS-Rath.

Aufruf!

Bereits seit Jahren vollzieht sich inmitten unseres Volkes ein Krankheitsproceß, der nicht nur unser wirthschastliches Gedeihen untergräbt, sondern auch unsere sittliche und nationale Kraft mehr und mehr zu schwächen droht.

Das bedeutsamste äußere Anzeichen dieser krankhaften Entwickelung, der mobile Zustand der ländlichen Arbeiter- bevölkerung und die zunehmende Entvölkerung des flachen Landes, andererseits das damit Hand in Hand gehende rasche und übermäßige Anwachsen der großen' Städte, tritt immer greller in die Erscheinung.

Die Gesammtbevölkerung Deutschlands ist von 1871 bis 1882 von 41058 792 auf 45 222113, von 1882 bis 1895 auf 51770 284, also um rund 10«/2 Millionen ge­stiegen. Trotzdem und ungeachtet ihres steten und starten Geburtenüberschusses hat die ländliche Bevölkerung in dieser Zeit nicht zugenommen, sondern noch um etwa eine Million eingebüßt.

Während im Jahre 1871 noch 63,9, 1882 noch 42,5 "Procent der Gesammtbevölkerung zur landwirthschaftlichen und 35,5 Procent zur industriellen und gewerblichen Be­rufsgruppe zählten, ist heute das Verhältnis schon ganz und gar umgekehrt: Auf die landwirthschaftlichen Berufs- MAge entfielen nach der Berufszählung von 1895 nur

noch 35,74, auf die gewerblichen und industriellen dagegen bereits 39,12 Prozent. Die Bevölkerungszunahme ist ledig­lich der industriellen, vornehmlich der großstädtischen Be­völkerung zu gute gekommen.

Die ungeheuren Nothstände und Gefahren, welche sich aus der Schollenflucht der ländlichen Bevölkerung und aus dem massenhaften Zusammenströmen des besitzlosen Prole­tariates in den großen Städten ergeben, brauchen hier nicht weiter erörtert zu werden.

Wehe uns, wenn wir fortfahren, dieser Entwickelung mit verschränkten Armen zuzusehen, wenn den großen Städten nicht das Gleichgewicht erhalten bleibt in einer zahlreichen, seßhaften, gesunden und zufriedenen Landbe­völkerung!

An alle einsichtigen und maßgebenden Kreise im Staate, an alle wahrhaften Volks- und Vaterlandsfreunde ergeht daher der Aufruf, mit uns zusammen durch Unterstützung und Förderung der von uns eingeleiteten Organisation der so lange vernachlässigten Landbevölkerung wieder zu einem größeren Wohlbefinden zu verhelfen.

Um parteipolitische Fragen handelt es sich hier nicht und um landwirthschaftlich-technische erst in zweiter Linie, weil sie ja in den Landwirthschaftskammern, den landwirth­schaftlichen Vereinen und der landwirthschaftlichen Presse ausreichende Vertretung finden. Was wir wünschen und wollen- ist ein organischer Ausbau des ländlichen Gemeinde­lebens, eine nach festen Zielpunkten arbeitende umfassende Wohlfahrtspflege auf dem Lande, utn die Bevölkerungs­klassen auf dem Boden gemeinsamer und gemeinnütziger Arbeit einander wieder näher zu bringen, die schroffen Klassengegensätze zu mildern, zwischen Arbeitgeber und Ar­beiter ein harmonisches Verhältniß herbeiführen zu helfen und alles in allem: die Liebe zur Heimath und dem heimathlichen Volksthum zu wecken und zu pflegen.

Die Wohlfahrtspflege soll und will also mehr sein als eine auf mildthätigen Zuwendungen beruhende Wohlthätig- keit oder Armenpflege. Die Wohlfahrtspflege, wenn sie rechter Art ist, will vorbauende Arbeit thun, will Einrich­tungen schaffen, welche das Elend und damit das Almosen­geben soviel wie möglich verhüten.

Uns steht eine Reihe höchst bedeutsamer Beispiele vor Augen, aus denen wir ersehen, wie mannigfaltig und segen- bringend die thatkräftige Arbeit auf diesen Gebieten sein könnte und wie vortheilhaft, im echten Sinne socialver­söhnend das Wenige, was in dieser Hinsicht bisher geschehen ist, bereits wirkt.

Der Herausgeber der ZeitschriftDas Land", Organ für die sozialen und volkstümlichen Angelegenheiten der Landbevölkerung, Heinrich Sohnrey, hat die bemerkenswer­testen Vorbilder dieser Art in seinem größeren WerkeDie Wohlfahrtspflege aus dem Lande"*) zusammengestellt, das jüngst eine dankenswerthe Ergänzung durch die vom deutschen Landwirthschastsrathe verunstalteten Erhebungen über Wohlfahrtseinrichtungen auf dein Lande**) erhalten hat.

In seinem im Klub der Landwirthe zu Berlin (1896) gehaltenen VortrageDie Bedeutung der Landbevölkerung im Staate und unsere besonderen Aufgaben auf dem Lande" ***) hat Sohnrey sodann auf Grund seiner mehr­jährigen Vorarbeiten einen ausführlichen Wohlsahrtsplan entwickelt, der sich was ausdrücklich betont sei le­diglich auf praktisch bewährte Einrichtungen gründet und im wesentlichen folgende Gesichtspunkte enthält:

I. Besserung der wirthschaftlichen und sozialen Zustände.

Erhaltung und Schaffung sicherer auskömmlicher Heim­stätten. Belebung jeder, auch der kleinsten Dorfgemeinde durch einen echt genossenschaftlichen Geist: Raiffeisen. Förderung vernachlässigter Zweige der Landwirthschaft und Erschließung ländlicher Nebenerwerbsquellen! (Obst- und

*) Karl Heymann'S Verlag, Berlin 1896, 4 Mk. Für Mitalie- der unserer Cenualstelle 2,50 Mk.

*) Druckschriften b. Dtsch. Land«. R. 1897 No. 2, 3 u. 4.

Für Mitglieder und solche, die er werden wollen, von der Centralstelle unentgeltlich, bei größerer Anzahl zum Selbstkostenpreise, im Buchhandel durch den Verlag von Trowitzsch u. Sohn, Berlin, für 50 Ps. zu beziehen.

Flachsbau, "Korb- und Schälweidenkultur, Gemüsebau, Bienen-, Fisch- und Geflügelzucht rk., Erwerbszweige, von denen zwar eine Beseitigung der allgemeinen landwirth­schaftlichen Nothlage nicht zu erwarten ist, die aber, richtig und am rechten Orte betrieben, der landwirthschaftlichen Bevölkerung eine wesentliche Hilfe leisten können.) Ge­nossenschaftliche Verarbeitung der Rohprodukte in markt­gängige Konsumartikeln. Absatzstellen in den Städten für landwirthschaftliche Erzeugnisse oder auf dem Lande hergestellte Gebrauchs- und Kunstartikel. Lebensbedarfsan­stalten auf dem Lande (Konsumvereine), um insbesondere die Arbeiterschaft von den Städten unabhängiger zu machen und der Verwahrlosung auf dem Gebiete des kleinen Kram- und Hausierhandels entgegenzuwirken. f) Sparkasseneinricht- ungen, welche den ländlichen Verhältnissen angepaßt sind unb verhindern, daß die Vortheile der Sparkassen allein den Städten zu gute kommen f). Rechtpflege und Rechts­schutz, vor allem Bekämpfung des Wuchers und des Schwindels in jeder Gestalt.

Bezüglich der eigentlichen Arbeiterfrage ff): Reform des ländlichen Löhnungswesens, soweit nackte Geldlöhnung herrscht. Jedem braven, fleißigen und sparsamen Arbeiter die Möglichkeit, sich ein trautes Heimwesen zu erwerben. Erhaltung oder Wiedergewinnung einer den Gemeindever- hältnissen entsprechenden Allmende (in Rücksicht auf ihre soziale und volkstyümliche Bedeutung). Bekämpfung des Gesindemaklerunwesens und der zeitweiligen Arbeits­losigkeit durch eine den ländlichen Verhältnissen entsprechende Organisation des Arbeitsnachweises. Lebensbedarfsan­stalten (siehe oben). Förderung der idealen Beziehungen der Arbeiterschaft im Gemeindeleben.

Bezüglich der inneren Angelegenheiten des Hauses und der Gemeinde: Ordnungsmäßige Gemeindepflege in huma­nitärer und sanitärer Beziehung: Krankenpflege, Verleihung von Krankengeräthschaften; Badeeinrichtungen; Kiirderbe- wahrungsanstalten. Bekämpfung der Trunksucht (Ersatz­getränke, Gothenburger System, Gemeindehaus). Förde­rung des Hausfleißes, des häuslichen Kunstgewerbes, der Knabenhandarbeit. Hauswirthschaftliche Ausbildung der Mädchen und Frauen und zwar auch der weniger oder gar nicht bemittelten, möglichst im Dorfe selbst, durch Haus- haltungsschnlen, Wanderkochkurse:c.

II. Förderung der inneren Kolonisation, um die abwanderungS- und auswanderungslustigen Ele­mente dem Lande zu erhalten und eine heilsame soziale Gliederung anzubahnen. Kultivierung von Ocd- und Movr- ländereien. Beseitigung des schwindelhaften Agententhums. Belehrung über das Rentenguts- unb Ansiedelungswesen. Rath und Beistand für alle Ansiedelungslustigen. Lebens­volle Ausgestaltung der neuen Gemeindewesen in allen Be­ziehungen (vgl. I. u. IIL), vornehmlich auch durch Schaffung und Erhaltung eines leistungsfähigen technischen Kleinge- werbestandes in Verbindung mit dem kleinen Rentengute.

III. Pflege des Geistes- und Gemüthslebens.

Nicht nur auf materiellem Gebiete ist Hülse gegen die drohende Gefahr einer Verödung und Verkümmerung unserer Landgemeinden zu suchen, sondern in nicht geringerem Maße auch auf sittlich-religiösem und vollsthümlichem Gebiete.

Es kann offenbar nur dann auf eine größere Anhäng­lichkeit der Landbevölkerung an die Heimath gehofft werden, wenn es uns gelingt, nicht nur ihre Lebenshaltung, ihre Häuser und Wohnungen freundlicher zu gestalten, sondern auch ihr Geistes- und Gemüths-Leben, ihre Sonn- und Festtage, ihre Winterabende in echt volksthümlicher Weise zu beleben und den Leuten dadurch das Dasein auf dem Lande wieder anheimelnd zu machen.

Dazu bieten sich aber zahlreiche Gelegenheiten durch. Förderung und Veredelung aller Volkseinrichtungen, welche das Bedürfniß nach geselliger Untergattung hervorgerufen hat: der Familien-, Volks- und Gutsabende, Dorfgesang-

f) Mustereinrichtungen auf dem Gebiete des ländlichrn Genossen- schasiSwesenS beabsichtigt der Ausschuß in einem besonderen Buche darzustellen.

st) Vgl. von der Goltz, die Landarbeit-r-Fragr im nordöstlichen Deutschland. Vanderhoek und Ruprech', Göttingen. Schrift b« AuSschusse«.