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Amtlicher ®l|til
Die dahier unter sittenpolizeilicher Controle stehenden : 1. Anna Stumpf, geboren am 18. August 1874 zu RomSthal, Kreis Schlächtern und 2. Anna Bergmannn, geboren am 16. April 1878 zu Hanau, haben ihren seitherigen Wohnort Hanau verlassen und entziehen sich der polizeilichen Controle, auch stehen beibe obei dem Königlichen Amtsgericht, Abtheilung 4 dahier wegen Uebertretung der Controlvorschriften in Untersuchung.
Um Mittheilung des Aufenthaltes der Genannten wird ergebenst ersucht. Hanau, den 24. September 1898.
Königliche Polizei-Direction. * * *
Das Ausschreiben vom 22 August d. Jü., I. Nr. P. 8742/98, betr. den vermißten Akademieschüler Walther Beyer von hier ist erledigt. Hanau, den 24. Septbr. 1898.
Königliche Polizei-Direction.____________
In der Nacht vom 24. zum 25. b. Mts. in einer Fremden-Herberge dahier gestohlen bezw. unterschlagen: 1. eine silb. Remontoiruhr mit einfacher Nickelkette, W. 20 Mk., 2 eine silb. Cylinderuhr, W. 15 Mk., 3. eine silb. Nemontoiruhr mit Kette, W. 20 Mk., 4. ein Paar fast neue Zugstiefel, W. 6 Mk., 5. ein schwarzledernes Poitemonnaie mit 10 Rik. Inhalt, 6 ein Lagerschein über einen Kleiderkoffer, ausgestellt von dem Spediteur Franz Wagner aus Darmstadt, auf den Spenglergesellen Gotthelf Netz aus Undingen lautend, 7. ein Pfandschein über den Versatz einer silbernen Taschenuhr, ausgestellt von dem Pfandhaus zu Worms, 8. ein braunes Jacket, Werth 5 ölt, in welchem sich ein Loosungsschein, ein Wanderbuch und verschiedene Zeugnisse auf den Namen des Spenglerges. Gotthelf Betz lautend befanden, 9. ein schwarzes Portemonnaie mit 6 Mark Inhalt, 10. ein gelbes Portemonnaie mit der Aufschrift „echt Nindleder" mit 2,35 Mk. Inhalt.
Thäter: Hausbursche Aloys Fath, geb. am 11. 5 1871 zu Heimbuckenthal, Bez. Amt Aschaffenburg. Derselbe wird beschrieben wie folgt: 27 Jahre alt, 1,75 bis 1,80 Meter groß, schmale, schlanke Statur, schmales röthl. Gesicht, blonden Schnurrbart, blondes Kopfhaar; trägt jedenfalls das gest, braune Jacket, weiß- u. grau- gewürfelte Hose, jedenfalls die gest. Zugstiefel, weiße Sportsmütze mit braunem Schild und SportShemd.
Der 20. Fath tiägt an den Annen, Fingern 20. mehrfache Tätowirungen.
Um Anstellung geeigneter Nachforschungen nach den gestohlenen Gegenständen und dem Thäter, Festnahme des Letzteren im Betretungssalle und Nachricht anher und an die Königliche Staatsanwaltschaft hierselbst wird ergebenst ersucht Hanau, den 26. September 1898.
Königliche Polizei-Direction.
Nichtamtlicher Theil.
Die Kaiserfchrt midi item heiligen (anbe.
1L Jerusalem. L
Der erste Eindruck.
Das Gebirge Juda ist ein unfruchtbares Kalkgebirge, in dem nur geringe Vegetation zu bemerken ist. Hier
und da neben kleinen Dörfern finden sich wohl Oelan- pflanzungen, Gärten und kleine Wiesenstücke, wo eine Quelle entspringt, sonst ist alles öde und steinig; selbst die in solchen Gegenden zahlreichen Raubvögel sieht man hier wenig. Dann und wann scheucht der Galopp der Pserde'ein Steinhühnerpärchen auf; auch Schakal und Fuchs lassen sich blicken, aber im ganzen ist alles wie ausgestorben. Gegen 11 Uhr kamen wir, immer stark im Gebirge auf schlechtem Wege ansteigend, an ein größeres Dorf Abu-Gosch, das biblische Emmaus, wo wir uns mit unsern Pferden auf einem Rasenplätze unter alten Oelbäumen lagerten und unser mitgenommenes Mahl verzehrten. Wir lagerten neben einer stattlichen Kirche aus der Zrit der Kreuzzüge, einem hohen, schönen Baue mit drei gewölbten Schiffen, ganz aus Kalksteinquadern errichtet und so solide gebaut, daß kein Gewölbe, kein Pfeiler den Verfall zeigt. Noch ritten wir anderthalb Stunden, — wo es anging, stets im scharfen Galopp — und je näher wir der heiligen Stadt kamen, umso gespannter wurden wir auf ihren Anblick. Die Gegend spricht von Simson, dem Richter, im Volksmunde sowohl, als ; in der biblischen Geschichte. Auf hoher Bergwand zur Linken zwischen Pappeln späht ein schlankes Minaret mre eine Warte hernieder, Ze^ea, die Vaterstadt SimsonS, des Schreckens aller Philister, der als Richter heute noch nicht vergessen ist.
Höher und höher führt der Pfad durch wild zerklüftetes Felsenthal, höher und höher, bis links auf dem Abhänge ein weißes Quadergebäude, daneben im Thal ein freundlicher Häusertnipp mit seinen grünen, mauerumfaßten Gärten, vor uns auf der Höhe Bau an üau, hochragend, weitgedehnt und ziegelgedeckt uns empfängt. Neu Jeru- salem grüßt uns. Hier zeigt sich auch deutsche Arbeit, drunten das Äussätzigen-Hospital der deutschen Brüdergemeinde, droben ein deutsch-evangelisches Dorf der Tempelfreunde, weiterhin christliche Anstalt neben christlicher Anstalt, das sind Jerusalems erste Häuser! Es war 1 Uhr, als wir die höchste Höhe erreicht hatten und nun dort standen, wo so oft die Kreuzfahrer mit Jauchzen, Gebet und Kampfesmulh die heilige Stadt begrüßt haben, wo Millionen und Millionen von Pilgern sich ihr in frommer Ehrfurcht nahen. Es ist nicht das heutige Jerusalem, dessen erster Anblick sie so tief bewegt, es ist das Jerusalem der Geschichte, Jerusalem die Gotlesstadt!
Tie Stadt Davids ist dem Zwecke ihrer Gründung treu geblieben und hat trotz furchtbarer Schicksale ihre Bestimmung einer Gottesstadt nicht nur behalten, sondern erweitert. Jerusalem ist das Ziel der Wünsche für den gläubigen Juden, seine Tempelstadt, an der er mit wehmüthigem, aber unerschütterlichem Sehnen festhält. Jerusalem ist die heilige Stadt der Muhammedaner, es besitzt die Kubet-es-Sachra, die zweitheiligste Moschee. Jerusalem ist die heilige Stadt für jeden gläubigen Christen, die Stadt, in welcher Jesu Fuß gewandelt, in welcher der Heiland gelittten hat, gekreuzigt, gestorben und begraben ist, wo er auch auserstand.
Die Stadt präsentiert sich ’bem von Jaffa Kommenden nur theilweise, weil sie auf dem Abhänge liegt, auf dessen Höhe man steht. Hinter der Stadt sieht man den Oel- berg sich erheben, den schönen ehifurchtgebietenden Berg, auf dem Christus so gerne weilte. Das erste Gebäude, an dem wir volbeikommen, ist das Kaiserswerther Mädchenwaisenhaus, Talitha Kumi, in welchem 129 Kinder von 9 Schwestern erzogen werden. Dieses Haus will, wie Zoar in Beirut, für die weibliche Jugend das sein, was das syrische Waisenhaus für die männliche ist, die Geburtsstätte eines neuen, christlichen Lebens. Bereits sind über 50 der früheren Zöglinge der Schwestern als Lehrerinnen im Orient thätig, 23 wurden bisher Diakonissen, andere Bibelfrauen, eine große Anzahl Dienstboten. Die meisten geben als christliche Hausfrauen den empfangenen Segen weiter. Außerdem haben die Kaiserswerther Schwestern in Jerusalem im Norden der Stadt ein schönes, neues Krankenhaus mit 814 Pfleglingen Wir grüßen das „preußische" Diakonissenhaus, wie es die Leute doit nennen, welches mit so wackerer Arbeit die heiinische Kirche in Jerusalem vertret n hat.
Links an der Straße liegen die weitläufigen und stattlichen Gebäude des russischen Konvents, namentlich ist die Kirche desselben mit ihren zahlreichen Kuppeln ein wirklich schönes Gebäude. Je näher wir der Stadt kommen, desto mehr gelangen wir unter Pilger, die sich zwischen Pferden und Eseln gelagert, haben, an Zelten vorbei, auch an einzelnen Wirthshäusern und Kaffeehäusern, die ausnahmsweise dort stehen. Endlich sind wir im engen, dunklen Jaffathor, reiten durch die schmalen Gasten, bergauf, bergab. Welch ein Gewimmel! Das heutige Jerusalem ist eine mauerumgürtete, stille Provinzial- stadt mit steilen, engen, dämmrigen Gassen, ohne monumentale Bauten, ohne Plätze, ohne Gärten, mit einer kosmopolitischen, alle Sprachen redenden, alle Kleidungen tragenden eingeborenen Bevölkerung. Seine Anziehungkraft konzentriert sich auf die Grabeskirche, die Omar-Moschee und die Umgebung.
Wie in jeder orientalischen Stadt geht und sitzt alles vom frühen Morgen bis zum Abend auf der Gasse. Die Gassen sind so eng, daß sich kaum ein Paar Menschen ausweichen, nimmermehr Wagen fahren können, eingeengt durch Buden, in denen Handwerker sitzen und schneidern, kochen und ihre Ware unter freiem Himmel ausgelegt haben, durch über die Straße ausgespanntö Leinwand vor der Sonne titra^ten geschützt, Erzeugnisse bes Ostens und Westens überall ausliegend, Datteln, Trauben, Kaktusfeigen, Getreidehaufen, selbst Schafe und Ziegen angebunden zum Verkauf, herrenlose Hunde ihre Jungen säugend, quer im Weg, Esel dazwischen mit Säcken auf dem Rücken oder halben Fudern von Heu! In einzelnen Gassen auch Kameele einhertappend mit schweren Bausteinen und Lasten von Getreide beladen!
Es begegnen uns Beduinen mit weißem Mantel und flatterndem Kopftuch, lateinische Mönche in brauner Kutte, armenische mit spitzer, schwarzer Kapuze, griechische Popen mit den seltsamen, krempenlosen Cylindern, schwarze Nonnen und Diakonissen mit weißen Häubchen, türkische Frauen, das Gesicht mit dem Schleier bedeckt, europäische Damen in elegantem Modekostüm, türkische Herren im schwarzen Rock, den Fez auf dem Kopfe, Reisende mit Bädeker und Tropenhelm, russische Pilger im Schafspelz und Pelzmütze, kurz Leute aus allerlei Volk, das unter dem Himmel ist.
Durch enge, steile, von Bogen, Gewölben und der Abenddämmerung beschattete Gassen gingen wir an dunklen, hockenden Straßengestalten vorbei, bis uns bei einer Treppe das Johanniterkreuz grüßt. Wir sind im deutschen Johanniter Hospiz, wo wir gastliche Aufnahme finden. Das Hospiz ist kein stattlicher Bau, wie die Bauten der Russen, Griechen, Oesterreichs und Franzosen, sondern ein altes Jerusalemer Haus mit einer Reihe von Zimmern, rund um den kleinen Hof liegend; auf einem Theile ist noch eine zweite Etage. Sämtliche Zimmer sind gewölbt und deshalb feucht, wie alle Gebäude hierselbst, weil nämlich das Wasser von den mit Cement abgeputzten Gewölben auf die WiderlagSmauer und auf ihr entlang in die Cisterne läuft. Da die Mauern wohl nicht dicht sind, so läuft ein Theil des Wassers in dieselben hinein, und sind daher die Wände im Frühling triefend naß und den ganzen Sommer hindurch feucht.
Vom Altane des Gebäudes hatten wir eine unvergeßliche Aussicht. Uns gegenüber lag der Oelberg, zu Füßen die untere Stadt mit ihren Kuppeldächern, aus welchen einige Minarets und der gedrungene Thurm der evangelischen Erlöserkirche aufragten. Die SoNne war untergegangen, und der erblassende Horizont goß über den Oelberg, das Thal Josaphat und die Stadt die letzten fahlen, ersterbenden Farben des scheidenden Tages. Alles Leben war verstummt und traurige Starrheit lagerte über der Landschaft. Dann sank die Nacht auf Jerusalem, in welcher nur hier und da ein Licht aus einem Fensterchen wie ein Sternchen leuchtete. Der erste Eindruck von Jerusalem bleibt uns unvergeßlich. War schon der Gang durch die engen, dämmrigen Straßen an murmelnden, kauernden Gestalten vorbei ein eigenthümlich packender gewesen, die Aussicht vom Söller