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Gratisbeilagen r „^Uufirirtts Sonntagrblatt" «. „Aünftrirte Lanbwirthschaftliche Beilage
Sr. 59.
Wo den 22. Mai
1900.
Amtlicher Theil.
Berlin, W., 27. Februar 1900.
Die Anträge auf nachträgliche Genehmigung der Zahlung von Schadensvergütungen bei Anlagen, welche nach § 11 des Naturalleistungsgesetzes von jeder Benutzung bei Truppenübungen ausgeschlossen bleiben sollen, haben sich auffallend gemehrt. Die Schuld an dem unzulässigen Betreten derartiger Anlagen, insbesondere junger Schonungen iß in der Regel dem Umstände zugeschrieben worden, daß es sich bei den Anpflanzungen um Neuanlagen gehandelt habe, welche als solche nicht ohne weiteres zu erkennen waren und die die Eigenthümer durch ausreichende Warnungszeichen kenntlich zu machen unterlassen haben. Erfahrungsmäßig werden dergleichen Ländereien aber auch häufig ohne Rücksicht auf die Warnungszeichen betreten, weil solche auch auf andere bestellten, aber keineswegs besonders zu schonenden Ländereien in einem Umfange angebracht werden, daß bei einer Beachtung derselben die Truppenübungen außerhalb der Wege überhaupt nicht stattfinden könnten.
Die Königliche Korps-Intendanturen wollen die Civil- Verwältungsbehörden ersuchen, die Ortsvorstände auf eine richtige Handhabung bet Vorschriften im § 11 des Naturalleistungsgesetzes über die Anbringung von Warnungszeichen hinzuweisen.
Unter Umständen würden die Flurabschätzungs-Kom- missionen in Erwägung nehmen müssen, ob den Eigenthümer des beschädigten Grundstücks ein Verschulden trifft, welches die Zurückweisung einer Entschädigungsforderung rechtfertigt.
KriegSministerium Armee-Verwaltungs-Departement. gez. von Heeringen.
An sämmtliche Königliche Korps- und Divisions-Jnten- danturen.
Hersfeld, den 14. Mai 1900.
Indem den Herrn Ortsvorständen vorstehender Ministerialerlaß zur Kenntnißnahme mitgetheilt wird, werden dieselbtn hiermit angewiesen, eintretenden Falls die betreffenden Grundstücksbesitzer auf eine zweckent« sprechende Anbringung von Warnungszeichen aufmerksam zu machen.
II. 1704. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz, Geheimer RegierungS-Ralh.
Virginia.
Erzählung von Emil Element.
(Fortsetzung.)
Erst als sie vorbeigeschritten war, kamen die Leute -u sich. Mitleidsvoll beklagten die meisten das arme verführte Kind.
Es konnte kaum ein größerer G gensatz gedacht werden als der Anblick, der sich jetzt den Zuschauern bot: Ein Jude, verkrüppelt, in Bettlerlumpen gehüllt, mit zerzaustem Barte und Haupthaar, verstört, mit schlotternden Knieen, so wurde er von den Wachen gestoßen und weitergezogen.
Kaum hatte ihn der Pöbel erblickt, so fing er zu beulen und zu schreien an. Schimpf- und Schmähworle erschollen durcheinander von unzähligen Stimmen, und um die Wette mit den rohesten Schimpsworten, regnete es Steine und Früchte jeder Art aus die Jammergestalt des Bettlers nieder.
Sich kaum auf den Beinen haltend — stieß er Schmerzenslaute au» bei jedem Wurfgeschosse, das ihn traf.
Beschmutzt mit Staub und den Abdrücken aller der unsauberen Sachen, die auf ihn geworfen worden waren, erregte er zuletzt die Lachlust des Pöbels, b'e erst ihr Ende fand, als er unter den Säulenhallen
Basilika Julia den Blicken seiner Peiniger entschwunden war.
Nichtamtlicher Theil.
Her Krieg in Mafrika.
Die Belagerung MafekingS ist von den Buren thatsächlich ausgehoben, nachdem ihre Lager um die Stadt herum nebst den Forts heftig bombardiert worden waren; die von Süden her angerückte britische Entsatztruppe hat die Stadt besetzt, das ist das nicht mehr zweifelhafte Endergebniß der Nachrichten-Verknotung, die die Telegramme aus Prätoria, Kapstadt und Lourenyo Marquez angelichtet hatten. London hat gestern Abend in Freude geschwommen, nachdem die erste sichere Meldung des Reuter'schen Bureaus am Mansion House angeschlagen war, und man that damit ja auch nur etwas sehr Begreifliches. Nach Kimberley und Ladysmith auch Mafeking noch entsetzt, und zwar, nachdem anscheinend wirklich der mit stürmender Hand eingedrungene Tochtersohn und Beauftragte Paul Krügers, Sarel Eloff gefangen genommen ist, — eine vollkommenere Verflüchtigung aller Erfolge und guten Ansätze des ersten Theils des Krieges läßt sich kaum denken. Dies Ereigniß in diesem Augenblicke kann für die Buren recht böse Folgen haben.
Zunächst natürlich «sird die mgralischeMiederdcückung im Burenlager sehr erheblich sein. Ohnehin tauchen schon mehrfach Nachrichten auf von anscheinend leichter Gefangennahme burischer Kommandanten und Patrouillen.
Und daneben ist die Verschlechterung der militärischen Lage der Buren keineswegs unerheblich. Die Engländer können ihre westliche Operationsbasis jetzt einfach von Kimberley über Viyburg nach Mafeking legen. Der Heranmarsch der durch portugiesisches Gebiet mit fliegenden Fahnen rückenden Kolonne Carrington kann ernstlich nicht mehr gestört werden. Wofern diese nur heran- kommt, können die Engländer von Süden, von Westen, von Nordwest und Ost konzentrisch heranmarschieren auf Johannesburg und Prätoria.
* _ *
Roberts augenblickliche Kriegsarbeit, das Gelände für die Hauptarmee zu säubern, geht anscheinend ver- hältnißmäßig gut von Hatten. Die Kavallerie unter Broadwood hat, so meldet er, Lindley nach geringem Widerstand besetzt; Präsident Steij» befand sich nicht dort, seine Regierungsbeamten verließen Lindley am Sonntag. Die berittene Infanterie Huttons überraschte 30 Meilen nordwestlich von Kroonstad den Kommandan
Virginia hatte indessen den Gerichtssaal betreten. Auch hier wirkte ihr Erscheinen bewegend auf die Gemüther.
Die Senatoren und Richter erwachten aus der schläfrigen Gleichgültigkeit, die sie bis dahin zur Schau getragen hatte». Wohlgefällig betrachteten sie das schöne Mädchen. Diese Anmuth stimmte ihre Gemüter milder.
Virginia hatte, als sie den Saal betrat, ihre Augen suchend durch den weiten Raunt schweifen lassen. — Vergebens.
Enttäuscht senkte sie das Köpfchen. Den sie hier gesucht, hatten ihre Augen nicht entdecken können. Ein schmerzlicher Gedanke durchsuhr sie, machte sie erbleichen und ihre Lippen erbeben.
Mahnend erschallte jetzt die Stimme des obersten Priesters von seinem erhabenen Platze im Mittelpunkt des Prunksaales.
Denn wohl hatte er den Eindruck bemerkt, den die Erscheinung des Mädchens aus die Gemüter der Richter und Senatoren gemacht hatte. Seine Stimme klang deshalb noch strenger als gewöhnlich, als er laut sprach : „Walte deines Amtes oberster Richter! Verliere keine Züt! Gedenke des Kaisers strenger Befehle!"
Diese Mahnung an den Willen des Kaisers war bestimmt, ungebührliche Mitleidsregungen in den Richtern zu ersticken. Es durfte mit den gefangenen Christen keine Nachsicht geübt werden.
Der Richter wendete sich nun an Virginia, die in der
ten Jane Botha, den Feldkornet Gassen, fünf Johannes- bürger Polizisten und siebzehn Buren und nahm dieselben gefangen. Auf englischer Seite waren keine Verluste. Daß hier und da der. burische Widerstand schlaffer wird, zeigt z. B. auch die Meldung, daß sich die Kommandanten Dupreez und Daniels mit 40 Mann ergeben haben. Von Lord Methuen berichtet Roberts noch, er sei am 17. in Gropstad eingezogen. Während so die Hauptarmee und die Westarmxe langsam aber erfolgreich die nöthigen Operationen für den allgemeinen Vormarsch begonnen haben, sendet auch B u l l e r stolze Kriegsberichte. Ein amtliches Telegramm meldet, daß er New- castle besetzt hat. Von den 7000 Mann, welche vor den englischen Truppen „geflohen", haben sich etwa 1000 wahrscheinlich nach Wakkerstroom, andere nach dem Freistaat begeben, und der Rest, welchen Buller als eine „desorganisierte Horde" bezeichnet, hat sich nach dem Laingsnek zurückgezogen, wo er weiteren Widerstand leisten will. Ist es schon nicht geistreich, einen Feind, der sich zu weiterem Widerstand rüstet, mit einer so verächtlichen Bezeichnung zu belegen, so sollte Buller doch noch be- denken, welche Prügel er wiederholt von dieser „desor- ganisirten Horde" bezogen hat! General Buller berichtet ferner, daß „mehrere" Farmer in Natal die Waffen ein- geliefe.lt haben, -Dir Londoner- Zeitungen melden, daß die Buren den Eisenbahntunnel bei Laingsnek zerstört haben; ein Beweis dafür, daß sie jedenfalls an ernsthasten Widerstand denken, sonst würden sie nicht Maßregeln ergreifen, die doch ihnen selber Schaden bringen. Das Reulec'sche Bureau endlich meldet aus dem Burenlager bei Volksrüst: In Volksrust herrscht wieder die gewöhnliche Ruhe. Alle Kommandos haben die ihnen zugewiesenen Stellungen an der Grenze eingenommen. Die Engländer sind noch nicht in Sicht.
„Daily Mail" meldet aus Lourenco Marques: Nach glaubwürdigen Nachrichten aus burischer Quelle stehen Friedensvorschläge Seitens der beiden Republiken bent= nächst bevor. Derselbe Berichterstatter meldet: Präsident Krüger, die hohen Beamten und die fremden Konsuln beabsichtigen alsbald nach Lydenburg abzureisen.
W a s.h i n g t o.n, 19. Mai. Die Burendelegirten sind gestern Abend hier eingetroffen und wurden enthusiastisch begrüßt. Aus dem Bahnhöfe wurden sie von einem Empfangskomitee begrüßt und in einem Wagen nach dem Arlington-Hotel geleitet. Im Banketsaale des Hotels hieß das Mitglied des Congresses, Sulze, die Delegirten willkommen und theilte ihnen später mit, daß
Mitte des Saales allein aufrecht dastand, und begann die üblichen Fragen an sie zu richten.
Das Mädchen hatte schon die Anwandlung der Verzagtheit überwunden. Ihr holdes Gesichtchen zeigte wieder den schwärmerischen Zug der Verklärung.
„Dein Name, Mädchen?" hub der Richter an.
„Cicindella", antwortete das Kind deutlich.
„Der Name deines Vaters?"
„Ich hatte keinen Vater I"
„Du warst das Pflegekind des wilden Hirten
«Ja, Herr!"
„Von ihm kaufte dich die Sklavenhändlern« Olympia?"
Diese Frage erfüllte Virginia mit großem Erstaunen. Ihre Unschuld hatte sie nie errathen lassen, welches Gewerbe Olympia trieb.
Nach einer Weile nur vermochte sie ihr „Ja, Herr!" herauszubringen.
„Von Olympia kaufte dich der edle Ritter Marius Antonius, der dir fobann die Freiheit geschenkt hat?"
Des Mädchens Antlitz rötete sich bei der Erinnerung an das freudige Ereigniß. Doch gleich wieder lagerte sich ein Schatten über das liebliche Gesichtchen. Raum hörbar flüsterte sie:
„Ja, Herr, so ist es!"
„Du bist angeklagt, im geheimen der verruchten Sekte der Christen anzugehören?"
Sie antwortete nicht. Wie in einem inneren Kampfe