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ür. 138. TOM *« 20, Rttember 1901.
Amtlicher Theil.
Homberg, den 16. November 1901.
Die unter dem Schweinebestande des Taglöhners Heinrich Haas zu Niederhülsa ausgebrochrne Rothlaus- seuche ist erloschen.
Der Landrath von Gehren.
Steckbrief.
Gegen den unten beschriebenen Rekruten Valentin Knolh, geboren am 3. Juni 1877 zu Rohrbach, welcher flüchtig ist, ist die Untersuchungshaft wegen Fahnenflucht verhängt.
Es wird ersucht, ihn zu verhaften und an die nächste Militärbehörde abzuliefern.
Königliches Bezirkskommando I. Dortmund.
Beschreibung: Alter: 24 Jahre. Größe: 1,74m.
Gestalt: schlank. Haar: dunkelblond. Bart: Schnurbart.
Nichtamtlicher Theil.
Zum Bußtage.
20. November.
Am Ausgang des Kirchen-Jahres treten ernste Tage an uns heran. Ehe wir uns rüsten, am Todtensonntag die Gräber unsrer dahingeschiedenen Lieben in dankbarer Erinnerung daran, was sie uns im Leben gewesen sind, zu schmücken, mahnt uns der Bußtag, Einkehr bei uns zu halten und nachzudenken über die Vergangenheit und die Zukunft. Dem Zweck entsprechend, dem der Bußtag dienen soll, ist er aus der Zeit, wo die Knospen springen und der Lenz die Erde zu neuem blühenden Leben erweckt, in den Spätherbst verlegt worden, dessen Charakter mehr als die andern Jahreszeiten an die Ver- üänglichkeit des Irdischen mahnt. Wenn die letzten gelben Blätter von den Bäumen fallen, wenn der Herbstwind durch die nackten dürren Aeste weht und melancholisches Grau den Himmel bedeckt, der uns im Sommer so freundlich angelacht hat, dann regt sich im Menschen unwillkürlich eine Stimmung, die ihn ernsten Gedanken zuführt und daran erinnert, daß auch an ihn der Augenblick herantreten wird, wo es heißt, Abschied zu nehmen
Hochflut.
Erzählung van A. von Lieliencron.
(Fortsetzung.)
V.
Fünf Wochen war Hilde in Berlin und ihr junges Herz genoß in fröhlicher Lust alles Schöne, das sich dort bot. Rosig und strahlend saß sie im Erker und zog die letzte Nadel aus einem eben vollendeten Strumpf. „Da sind sie gerade fertig geworden, die drei Paar Strümpfe f'k die Jungens! Wie wird sich Mütterchen freuen! Kannst du diese Meisterstücke nicht in deine Tasche versenken!" schmeichelte sie und wollte ihre Arbeit dem ihr begenübcrsitzcnden Willibald reichen, aber sie besann sich "nes anderen und wehrte ihm, als er darnach greifen svollte. „Nein, heute geht das nicht!" entschied sie. „Bist ln in der Löwenhaut, und so ein stattlicher Offizier kann weder Packete tragen, noch dürfen ihm derartige Ungeheuer- nchkciten aus den Taschen herauSgucken!"
»So sorge dafür, daß mir dein Fleiß in daS Hotel yiWt wird! Dann werde ich ihn morgen früh mit nach '^nnse nehmen!" schlug er vor.
. Sie nickte zustimmend. „Weißt du, daß du mir so 1 Uniform besser gefällst als sonst!" lachte sie. „Es ist Ordentliches Vergnügen, dich in des Königs Rock zu diü- ,®CW strahlte. „Dann bin ich ja doppelt froh, wr ■ - Hochzeits-Einladung zu dem Kameraden nach
111 ""genommen habe, wenn ich dir mit der Uniform
vom Leben, und diese Gedanken werden ihm eine echte, wahre Bußtags-Stimmung erzeugen.
Wenn der Bußtag weiter nichts wäre als ein Tag der Ruhr und Stille, wo das Treiben und Lärmen der Welt inne hält, er wäre schon um deswillen mit Freuden zu begrüßen, weil er wie von selbst aus der Aeußerlich- keit in die Innerlichkeit, aus der Zerstreuung in die Sammlung führt. Aber der Bußtag, wie ihn die Kirche feiert, soll mehr sein. Er stellt unser gesammles häusliches und öffentliches Leben in das Licht der göttlichen Wahrheit; er zeigt die falschen Wege, wo wir uns verirrt, aber auch den rechten Weg, den wir zu gehen haben. Er fordert auf zur Einkehr, aber auch zur Umkehr. Ernst und feierlich läßt er seine Stimme erschallen, Buße und Befferung predigend. Eine redliche Sinnes-Aenderung wird von uns allen, ohne Unterschied, gefordert; über dem rastlosen, geschäftlichen Hin und Her dieser Welt sollen wir nicht vergessen, daß wir arme, nichtige Sünder sind.
Aber die in den Staub gebeugte Demuth wird von gütiger Hand wieder aufgerichtet. Jesus nimmt die Sünder an! — ein unsagbarer Trost, der gerade am Bußtage wie ein lindernder Balsam das reumüthige Christenherz durchdringt. Neue, belebende Hoffnung soll dem zagenden Menschenkinds werden, gestärkt und gefestigt kann es jenen schweren Kampf wieder aufnehmen, den man das Leben heißt. Wer wollte auskommen ohne diese tapfere, kraftvolle Frömmigkeit, die sich durch die Buße hindurchringt zu Christus? Jst's nicht eine lächerliche Rede, der moderne Mensch brauche keine Gnade, er vergebe sich seine Sünden selber? Kein Geringerer als unser Bismarck hat einmal gesagt: „Ich weiß nicht, wo ich mein Pflichtgefühl hernehmen soll, wenn nicht aus Gott!"
In die Kindesseele, in das empfängliche Gemüth der Jugend müssen wir das Samenkorn lege», aus welchem sich der Baum des Gottvertrauens, des religiösen Sinnes, der idealen Weltanschauung entwickeln soll, der Baum, in dessen Schatten allein die menschlichen Tugenden gedeihen können. Möchten dies doch die Eltern und Erzieher erkennen, denn mehr als je haben wir jetzt die Pflicht, ein au Herz, Geist und Gemüth gesundes Geschlecht heranzubilden, ein Geschlecht, welches fähig ist, den kommenden Stürmen erfolgreich Trotz zu bieten und die ehrwürdigen Ideale des Christenthums und des Deutschthums hochzuhalten. Laßt uns in richtiger Er
! eine Freude machen konnte!" erklärte er. „Der einzige Grund, der mich zn dieser Reise bestimmte, war der Gedanke, dich auf diese Weise einmal wiedersehen zu können!"
Sie that, als ob sie das letzte nicht gehört hatte, und ihm jedes weitere Wort abschneidend, warf sie ihm zwischen Scherz und Unwillen vor: „Wie konntest Du nur so leichtsinnig sein, dein angenehmes Leben beim Regiment aufgeben und dich statt dessen auf dein Gut Hinsehen, wo du dich Tag aus und ein mit Arbeit und Sorgen quälen mußt!"
Willibald sah sie erstaunt an. „Die alte liebe Scholle, auf der Vater und Großvater schon das Ihre gethan haben, das Fleckchen Erde, wo ich geboren bin, das mit allen meinen Kinder-Erinnerungen verwebt ist, wo mich die Leute kennen und mir vertrauen, das sollte ich hergeben, um mir ein glänzendes und interessantes Leben zu schaffen? Nein, Hilde, das kann dein Ernst nicht sein!"
„Du brauchtest Sternfelde ja nicht gleich zn verkaufen," vertheidigte sie sich. „Ich meine nur, du hättest nicht nöthig gehabt, es selbst zu bewirthschaften und damit schon so früh dir eine solche Last aufzubürten."
„Selbst ist der Mann," lautete Willibalds entschiedene Antwort. „Wo Gott ihm seinen Platz durch die Verhältnisse angewiesen hat, da soll ar ausharren unb mit Muth und Gottvertranen redlich das Seine schaffen! Ich möchte es auch den Leuten daheim nicht anthun, daß sie einen andern über sich hätten, als ihren angestammten Herrn, mit dem sie verwachsen sind und er mit ihnen!"
Doch Hilde wollte sich nicht überwunden erklären Sie richtete sich lebhaft auf. „Ist es denn nicht etwas Herr
kenntniß dieser wichtigen Aufgaben den Bußtag begehen, dann hat er seine Wirkung gethan!
Politische Nachrichten.
Berlin, 18. November.
Se. Majestät der Kaiser ist Sonnabend Abend H'/2 Uhr aus Letzlingen in Wildpark wieder eingetroffen. — Gestern Vormittag wohnten Beide Majestäten dem Gottesdienst in der Friedenskirche bei Potsdam bei. Zur Mittagstafel und Abendtafel bei Ihren Majestäten im Neuen Palais waren geladen Prinz Eitel-Friedrich und der Herzog von Sachsen-Koburg und Gotha. Nachmittags unternahm Se. Majestät der Kaiser einen Spaziergang. — Heute Morgen begab Se. Majestät Sich nach Berlin, hörte in der Technischen Hochschule zu Charlottenburg einen Vortrag des Professors Brinkmann auf der Hauptversammlung der Schiffsbautechnischen Gesellschaft, besuchte das Atelier des Professors A. v. Werner und besichtigte den Dombau. Im Königlichen Schloß empfing Se. Majestät den Bildhauer Banks, welcher ein Modell zu einem Denkmal König Friedrichs I. für Moers vorstellte. Zur Frühstückstafel im Königlichen Schloß sind geladen Staatssekretär v. Tirpitz, Chef des Marinekabinets Freiherr v. Senden-Bibran und Admiral Hollmann.
In Gegenwart des Kaisers begann heute Vormittag 9 Uhr in der Aula der technischen Hochschule in Charlottenburg^ die dritte ordentliche Haupt- Versammlung der Schiffsbautechnischen Gesellschaft. Auch der Staatssekretär des Reichsmarineamts Tirpitz wohnte der Versammlung bei. Der Geheime Marinebaurath Brinkmann hielt einen Vortrag über die Entwickelung der Geschützaufstellung an Bord der Linienschiffe und die dadurch bedingte Einwirkung auf deren Form und Bauart. In der dem Vortrage folgenden Diskussion nahm der Kaiser dasWort und führte etwa Folgendes aus: Gerade inMitten dieser Versammlung, die hauptsächlich den technischen Standpunkt vertritt, könne man die Sache vielleicht auch von einer anderen Seite betrachten. Es sei vielleicht der kleine Hinweis auf die militärische Seite nicht ohne Interesse, nämlich auf den Einfluß der militärischen Forderungen auf die Entwickelung des Schiffbaues und der Artillerie. Der Herr Vortragende war zurückgegangen auf die Anforderungen der Linienschiffe. Se. Majestät
liches, seinem Könige und feinem Vaterlande zu dienen mit Gut und Blut, mit Leib und Leben! Wenn es sein sollte, jeden Augenblick bereit, mit dem Schwert in der Hand auf blutigem Felde die Treue zu beweisen!"
Das Mädchen sah gar lieblich aus, als sie ihn so begeisterte, und er empfand es bebend, wie der Zauber, der von ihr ausging, ihn immer fester umstrickte. Auch seine Augen leuchteten, als er ihr warm zurückgab: „Glaubst du denn, wenn das Vaterland in Gefahr wäre und der Kaiser sein Volk auftiefe, ich könnte nur anen Augenblick zaudern und nicht alles verlassen, um die Treue zn wahren, die ich beim Fahneneid gelobte und die mir in Fleisch und Blut übergegangen ist!"
Schmeichelnd streckte sie ihm eine kleine Hand entgegen, und die geliebten Lippen versicherten ihm: „Wenn du so sprichst, Willibald, möchte ich dir stundenlartg znhören, und nie würde es mich ermüden!"
Es war ein so warmer Blick, der dabei zu ihm her- überslog, ihm dünkte ihre Stimme von einem berückenden Schmelz, daß ihm das heiße Blut bis in die Stirne stieg, und ehe er noch überlegte, was er that, fragte er mit stockender Stimme: „Meinst nicht, Hilde, daß wir beiden uns immer gut verstehen — auch durch ein langes Leben hindurch, wenn wir immer — immer beisammen wären, in Freud und Leid! Es ist nur ein bescheidenes Nest das ich dir bieten kann, aber wenn du es nur mit mir versuchen wolltest, wenn du mich nur ein bißchen lieb hast! . . .
Hilde hatte ihn mit großen, angsterfüllten Augen an gestarrt, vergebens bemüht, seinen Worten Einhalt zu thun.