Erschcint wöchentlich drei Mal Dienstag, Donnerstag und Sonnabend.
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G ratirbeUagen r „IllUftrirter Sonnragrblatt" «. „^Unftrirte lan-Wirthschaftliche Vettage".
K. 148. 8mmie«ii ha 14. Iezmber 1901.
Erst-s Blatt.
Amtlicher Theil.
Hersfeld, den 7. Dezember 1901.
Die Ortspolizeibehörden des Kreises werden hierdurch auf das kürzlich herausgegebene Werk „Erziehungsanstalten für die verlassene, gefährdete und verwahrloste Jugend in Preußen" von Dr. jur. Krohne, Geheimer Ober-, Regierungsrath und Vortragender Rath im Ministerium des Innern aufmerksam gemacht.
Für die Behörden beträgt der Preis für das Werk bei direktem Bezüge von Carl Heymann's Verlag in Berlin W., Mauerstraße 44, 2,25 Mark für das broschirte und 2,70 Mark für das gebundene Exemplar. Der Ladenpreis des gebundenen Exemplars beträgt 4 Mark.
Die Anschaffung des Werkes wird empfohlen.
I. 6773. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rath.
Dahier gestohlen: Am 4. d. Mts. ein Ueberzieher (Havelok ohne Kragen) von grau-grünem Stoff im Werthe von 50 Mk. Als Thäter kommt ein dem Arbeiterstande angehörender junger Mensch in Betracht, welcher wie folgt beschrieben wird: 24 bis 26 Jahre alt, ca. 1,67 bis 1,75 Meter groß, mittlerer Statur, schmales blasses Gesicht, blonde Haare, Anflug von blondem Schnurrbart, trug dunklen Arbeiteranzug und als Kopfbedeckung eine Eisenbahndienstmütze. — Am 5. d. Mts. eine silberne Damen-Remontoiruhr mit der Fabrik-Nc. 15148 im Werthe von 35—40 Mk. An derselben befand sich eine schwarzscidene Schnur mit einem kleinen goldenen Herzchen. Der Rückdeckel der Uhr ist mit dem Monogramm „A. K." versehen. Thäter unbekannt. Um Nachforschungen und Nachricht wird ersucht. Hanau, den 6. Dezember 1901.
Königliche Polizei-Direktion.
Nichtamtlicher Theil.
Politischer Wocheiikricht.
Der Reichstag hat seine Weihnachtsserien angetreten, nachdem er die Zolltarif-Vorlage einer Kommission überwiesen hatte. Der Reichskanzler, zwei Staatssekretäre, drei preußische Minister, die Vertreter
Sein Adeal.
Weinachts-Novelle von L. Kaiser.
(Fortsetzung.)
Der Assessor mußte lächeln. Es war ein herziges Kind — und es schmeckte ihm.
Von der rechten Hand war der Handschuh abgestreist und es bot sich dem Beschauer eine runde Kinderhand mit gut gepflegten Nägeln zwar, doch nicht besonders weiß und zart, als hätte sie nicht bloß mit Beschäftigungen getändelt, sondern auch schon Nützliches geschafft. Der Ringfinger war mit einem billigen, kleinen Goldreifen, den ein Vergißmeinnicht zierte, geschmückt.
„Freundschaftsring — Backfisch — Gänschen!" Mit diesem Urtheil meinte der Herr Assessor seine schöne, kleine Nachbarin endgiltig abzuthun.
Er trank seinen Likör, nahm die Zeitung, die auf dem Tischchen lag und vertiefte sich in den ersten besten Artikel. Aber die ReichStags-Verhandlung, wie sehr sie >hn auch sonst wohl interessiren mochte, hatte augenblicklich nicht die Fähigkeit, ihn zu fesseln. Immer wieder sivg sein Blick über den Rand der Zeitung zu seiner Nachbarin hinüber, die mittlerweile vor einem neuen Apfeltörtchen saß.
Es war ein solch hübscher Anblick, diese« kleine
der Regierung von Bayern, Württemberg und Sachsen haben sich an den Erörterungen betheiligt und sämmtliche Parteien haben Redner vorgeschickt. Es hat sich ergeben, daß der Zolltarif eine Mehrheit im Reichstage hat; über Einzelheiten, besonders über die Höhe der landwirthschaftlichen Zölle gehen die Meinungen zwar noch auseinander, aber es ist nicht zu bezweifeln, daß in der Kommission eine Verständigung erzielt werden wird. So viel steht schon jetzt fest, daß eine Einigung nur auf einer mittleren Linie, wie sie ja auch die Vorlage einhält, erfolgen wird. Die Vertreter extremer Wünsche haben keine Aussicht, ihre Forderungen durch- zusetzen.
Wie es bei der Bedeutung des Zolltarifes für unser wirthschaftliches Leben nicht anders zu erwarten war, hat man im Lande die Reichstags-Verhandlungen gespannt verfolgt. Auch unsere Nachbarn haben den Auseinandersetzungen lebhaftes Interesse gewidmet. So hat der russische Ftnanzminister, vonWitte, in einem ihm nahestehenden Blatte erklären lassen, daß Rußland die Erhöhung unserer Getreidezölle mit der Erhöhung der russischen Jndustriezölle beantworten und den Tarif von 1891, der vor dem Abschlüsse des deutsch- russischen Handelsvertrages galt, wiederherstellen werde. Diese Drohung ist nicht so ernst zu nehmen, wie sie scheint; denn wohin sollte Rußland seinen überschüssigen Roggen liefern, wenn nicht nach Deutschland? Immerhin können manche Vertreter der Landwirthschaft aus den Schwierigkeiten, die sich den Handeis-Verträgen entgegenstellen, die Mahnung nehmen, den Bogen nicht zu straff zu spannen.
Die Zoll-Verhandlungen sind durch eine I n t e r - pellation über dieVorgängeinWreschen unterbrochen worden. Die Polen und ihre Gefolgschaft beabsichtigten, gegen ihre Gegner und die Vertreter des preußischen Staatsgedankens einen entscheidenden Schlag zu führen. Sie wollten offenbar die preußische Regierung wegen ihrer „brutalen Germanifirungs-Politik" in den östlichen Provinzen in ein vernichtendes Kreuzfeuer nehmen und glaubten, im Reichstag einen besseren Resonnanzboden zu finden, als im preußischen Abgeordnetenhaus«. Die Sache kam aber anders. Den Hauptantheil an der entscheidenden Niederlage der bewußten.und unbewußten Gegner des Reichsgedankens hatte ohne Frage die Rede des Grafen Bülow. Die Worte des Reichskanzlers, die keinen Zweifel darüber ließen, daß die Regierung der polnischen Gefahr mit aller Entschiedenheit, unabhängig von Einflüssen des Auslandes, entgegenzu- treten gewillt ist, sind denn auch von allen Freunden des Vaterlandes mit Jubel ausgenommen worden.
Gänschen! Besonders zog ihn der unschuldige Ausdruck des G.sichtchens an, wie man ihn in der Großstadt selbst bei so jungen Mädchen, wie dieses war, selten sah.
Jetzt hatte das junge Mädchen doch wohl seine unausgesetzte Beobachtung bemerkt, denn es hob die Augen zu ihm aus und als diese den seinen begegneten, ließen sie schnell den Schleier der langen, glänzenden Wimpern darüber fallen und das süße Gefichtchen bekleidete sich mit Purpurröthe.
„So erröthen können auch nicht mehr viele junge Mädchen!" dachte er. „Und dabei scheint sie ganz ohne Koketterie, die in dieser Weltstadt die kleinen Mädchen schon im Wickelkissen lernen I"
Die junge Schönheit hatte in ihrer Verlegenheit geklingelt und noch ein Apfeltörtchen bestellt.
„Diese ausschließliche Hingabe an einer Sorte beweist Charakter," dachte der Assessor belustigt, „und der Appetit ist jedenfalls auch ein gesunder."
Und jetzt wußte er auch, was ihn besonders bei ihr anzog: — Gesund sah sie aus, körperlich und herzens- gesund.
Verstohlen beobachtete er sie weiter hinter seiner Zeitung hervor. Die Toilette — er hatte seinen Blick für elegante Damentoilelte an seinem Ideal geschärft — war fein in Farbe und Stoff gewählt, aber durch- | aus nicht chik gemacht. Auf dem reichen braunen Haar,
Mit Recht swies Graf Bülow bei der Gelegenheit darauf hin, daß in der Polenfrage die Interessen Rußlands und Deutschlands dieselben seien. So hat die russische Regierung nicht gezögert, für die Ausschreitungen gegen das deutsche Consulat in Warschau volle Genugthuung zu geben. Ebenfalls hat sich die österreichische'Regierung korrekt benommen, indem sie die zur Verantwortung gezogen hat, die in L e m b e r g Exzeffe^gegen Deutsche verübt haben.
Im übrigen bietet gerade Oesterreich ein warnendes Beispiel dafür, wohin es führt, wenn man den staatsfeindlichen Kräften freien Lauf läßt. Die Rede des Ministerpräsidenten v. Körber, die dieZMöglichkeit aus deutete, die Verfassung aufzuheben, hat ein grelles Licht auf die dortigen Zustände geworfen. Wundern könnte man sich wirklich nicht, wenn die Krisis in Oesterreich zu diesem Schritte führte. DennZ der"StaatM nothwendig, nicht aber das Parlament; dieses ist des Staates wegen da, nicht der Staat’beS Parlaments wegen. Wenn sich ein Parlament als ^dauernd arbeitsunfähigIerweist, dann hat es seine Daseins Berechtigung eingebüßt. Sollte sich also die österreichische Regierung im allgemeinen staatlichen Interesse dazu entschließen, den von der Verfassung vorgeschriebenen^Weg.VausZ dem^nichtlvorwärts zu kommen ist, zu verlassen und absolut zu regieren, weil nur so die wichtigsten AufgabenZerledigtIwerden könisen, so würden das die einsichtsvollen Kreise in Oesterreich sicher nicht verurtheilen. Immerhin würde es besser sein, wenn es ohne Staatsstreich möglich wäre, eine normale Entwicklung anzubahnen. Die maßgebenden Persönlichkeiten in Oesterreich scheinenZdiese^Hoffnung noch nicht aufgegeben zu haben.
Politische^Machrichten.
Berlin, 12. Dezember.
Se. Majestät der Kaiser traf heute Mittag 12^ Uhr, von Slawentzitz kommend, in B r e s l a u ein und wurde auf dem Bahnhofe^von dem Erbprinzen und der Erbprinzesfin von Meiningen^empfangen.I Der Kaiser fuhr dann mit dem Erbprinzen zunächst nach dem Museumsplatze, um das Kaiser Friedrich-Demkmal zu besichtigen, sodann nach der Kaserne des Leib-Kürassier- Regiments Großer Kurfürst.
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Aus der „Potsdamer Ztg." ist in andere Blätter^eine Geschichte übergegangen, nach der Se. Majestät der Kaiser und König am 1. Dezember d. I. zu Potsdam im Kreise der Offiziere des 1. Garderegiments z. F. Aeußerungen über
in dem es wie Goldlichter glänzte, saß ein Barett von Langhals und ein ebensolcher kleiner Muff lag auf dem Tischchen — beides weder modern, noch besonder« elegant.
„Jedenfalls Provinz," dachte er mit Humor, „denn in unserer Weltstadt giebt's weder Langhals noch solch unverfälschtes Erröthen, noch solch unverhohlenen Appetit auf Apfeltörtchen bei einer jungen Dame!"
Denn daß sie eine junge Dame war, sah er trotz allem auf den ersten Blick.
Liessen legte nun seine Zeitung nieder und sah nach der Uhr. Schon zwanzig Minuten saß er hier und studirte das junge Ding! Aber er mußte sich auch gestehen, daß ihm noch niemals solch ein liebliches Wesen in den Weg gekommen sei.
Fast gleichzeitig mit ihm zog die junge Dame ihre kleine Uhr hervor und als sie sie wieder einsteckte, sah sie etwas ungeduldig au« und blickte nun immer öfter nach dem mit einer Portiere verdeckten Eingang, der von dem Laden hereinführte. Entschieden erwartete sie jemand, der nicht kam und obwohl der Assessor nun hätte gehen können und es seine Art garnicht war, sich viel um ander Leute Angelegenheiten zn kümmern, interessirte es ihn doch, wen das junge Ding wohl erwarten möchte.
Allmählich leerte sich die Canditorei immer mehr und schließlich waren sie nur noch die einzigen Anwesenden in dem großen Raum.