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Politischer Wochenbericht.
Der Zolltarif-Entwurf steht nach wie vor im Vordergründe der politischen Erörterung. Er ist und bleibt die „Harte Nuß", an der die Parteien nicht nur während der parlamentarischen Winterkampagne, sondern auch im Sommer zu knacken haben. In der Zolltarif- Kommission passiert immer etwas, das zu Gefechten zwischen rechts und links Anlaß giebt. Die Absicht, die Geschäfts-Ordnung zu ändern, um die Ob- struktionS-Besirebungen der Sozialdemokraten unschädlich zu machen, ist vor der Hand zurückgestellt worden; es scheint, als ob schon die Ankündigung dieses Planes genügt habe, die Redseligkeit der „Genossen" einzudämmen. Dagegen wird in der Presse wieder viel von einem Kartell der Linken gesprochen. Es wird dabei namentlich der Wahlkampf in Betracht gezogen, der sich unter dem Zeichen des Zolltarifs abspielen würde. Ein solches Kartell würde zwecklos sein. Abgesehen davon, daß beim Zolltarif auch schon heute die Freisinnigen und die Socialdemokraten an einem Strange ziehen, ist die Hoffnung nicht aufzugeben, daß sich die MehrheitsParteien doch noch auf der goldnen Mittellinie einigen, die die Regierungs-Vorlage darstellt.
U Während so die ZolltarifKommission dafür sorgt, daß es bei uns zu einer parlamentarischen „sauern Guckenzeit" nicht kommt, sind in Frankreich die Kammern in die Ferien geschickt worden, nachdem es noch zuguterletzt eine Piügelscene gegeben hat, bei der selbst der Präsident nur mit knapper Noth einer Tracht Schläge entgangen ist. Auch die Politik wird an der Seine jetzt voraussichtlich Ferien halten; in der That liegt so wenig an großen Angelegenheiten vor, daß die Monarchen-Besuche und Empfänge zu großen politischen Ereignissen gemacht werden. Wir denken dabei an König Viktor E m a u u e l S II. Reise nach Petersburg und an die Bedeutung, die dem Um- stände beigelegt wird, daß er zuerst nach Petersburg ging, während es doch kein Geheimniß ist, daß der Reiseplan ursprünglich anders gedacht war und nur aus rein äußerlichen Gründen geändert wurde.
Auch die Ehre, die Kaiser Wilhelm dem ehemaligen französischen Minister-Präsidenten Herrn Waldeck-Rousseau durch eine Einladung erwiesen hat, ist zu einer Haupt- und Staatsaktion aufgebauscht worden, und doch liegt dazu kein Grund vor. Unser Kaiser liebt es, hervorragende Persönlichkeiten aus eigner Anschauung kennen zu lernen. Vorzugsweise aber konzentriert sich sein Bestreben darauf, Franzosen, deren geistige oder politische Wirksamkeit auf die Entwicklung bei unsern westlichen Nachbarn einen bestimmenden Einfluß ausübt, im persönlichen Verkehr auszuzeichnen und ihnen gegenüber die ritterliche Liebenswürdigkeit zu entwickeln, über die der Kaiser in so reichem Maße verfügt und die selbst seine Gegner entwaffnet, wenn diese sie einmal in unmittelbarer Nähe gespürt haben.
Ebenso wenig kaun man dem R ü ck t r i t t L o r d Satisburys eine große politische Bedeutung beilegen. Seit man in England nach der heutigen Methode Ministerien bildet und entläßt, hat sich kein Kabinetswechsel so rasch und glatt vollzogen, wie der Uebergang vom Ministerium Salisbury zum Ministerium Balfour. In der innern wie in der äußern Politik dürfte alles beim alten bleiben, wenigstens in absehbarer Zeit. Vor allem gilt es, erst die V e r h ä l t n i s s e i n S ü d a f r i k a neu zu regeln. Mehr als die Arbeiterfrage in den Minen und die den Schwarzen gegenüber einzuschlagende Politik macht den Engländern der Umstand Sorge, daß unter den Buren die feind- se-ige Stimmung gegen England wächst. Das wird niemand in Erstaunen setzen. Nach einem 23L Jahre langen, mit aufopfernder Vaterlandsliebe geführten Krrege, der mit dem Verlust der nationalen Selbständigkeit der beiden Freistaaten geendet hat, wäre die wider- stauvs- und klaglose Ergebung der Buren in ihr Geschick gegen die menschliche Natur gewesen.
Inzwischen sind auch die letzten Tage der provi«
SoiiiiiM den 19. Wi
sorischenRegierungvonTientsin gekommen.
Ihr Verschwinden wird von niemand beklagt werden, denn damit wird eine internationale Streitfrage beseitigt, die infolge der unermüdlichen Hetzthätigkeit des Pekinger Berichterstatters der „Times" die Beziehungen der betheiligten Mächte zu verschlechtern drohte. Die Berichterstattung dieses englischen Blattes sah ihre Auf- gäbe darin, Deutschland als den Störenfried unter den Mächten hinzustellen und bei den Chinesen den Glauben zu erwecken, als ob an jeder Drangsalierung Chinas Deutschland allein oder doch hauptsächlich die Schuld trage. In Wahrheit hatte Graf Bülow schon vor längerer Zeit erklärt, daß uns daran liege, unsre Truppen möglichst bald mit Anstand zurückziehen zu können. Dies kann nur geschehen, nachdem die chinesische Regierung die Bedingungen der Mächte endlich erfüllt hat.
Betriebseinnahmen der Preußischen und Hessischen Eisenbahn-Betriebsgemeinschaft für die Zeit vom
1. April bis Ende Juni 1902.
Die Einnahmen der Preußischen und Hessischen Eisenbahn-Betriebsgemeinschaft im Monat Juni d. J. ergeben gegen dengleichen Monat des Vorjahrs nach der vorläufigen Schätzung beim Personenverkehr eine Mindereinnahme von 271 000 Mk. (0,8 pCt) dagegen beim Güterverkehr eine Mehreinnahme von 656 000 Mark (1 pCt ).
Für die Zeit vom 1. April bis Ende Juni d. Js. sind die Einnahmen aus dem Personenverkehr gegen den gleichen Zeitraum des Vorjahres um 4 048 000 Mk (4 pCt.) zurückgeblieben, während die Einnahmen aus dem Güterverkehr um 2 194 000 Mark (1 pCt) gestiegen sind.
Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß im Vorjahre 1901 das Osterfest in den April fiel, während es in diesem Jahre in den März fiel.
In Folge dessen sind den Monaten April bis Juni d. Js. gegenüber dem Vorjahre die Einnahmen aus dem Personenverkehr für diese Feiertage entgangen. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so würde die Mindereinnahme geringer gewesen sein.
Was den Güterverkehr anlangt, so fommen für die Zeit vom 1. April bis Ende Juni d. I. gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahrs 3 Arbeitstage mehr in Betracht. Berücksichtigt man den Betrag, der hierfür hätte mehr auskommen müssen, so würde sich im Güterverkehr gegen das Vorjahr nicht eine Mehreinnahme, sondern eine erhebliche Mindereinnahme ergeben haben.
Politische Nachrichten.
Berlin, 17. Juli.
Von der N o r d l a n d r e i s e S r. Majestät des Kaisers liegen folgende Nachrichten vor: Gud - v a n g e n , 16. Juli. Da die Jacht „Nahma" vor Gudvangen eingetroffen ist, bleibt die „Hohenzollern" mit Sr. Majestät dem Kaiser bis morgen Donnerstag früh 6 Uhr in Gudvangen, um dann nach Molde weiter zu gehen. Das Wetter hat sich aufgeklärt. An Bord Alles wohl. — Stalheim, 16. Juli. Se. Majestät der Kaiser begab Sich mit den Herren der Umgebung zu Wagen nach Stalheini, wo das Frühstück eingenommen wurde, und kehrte gegen 5 Uhr auf die „Hohenzollern" zurück, die in zweistündiger Fahrt heute Abend Laerdals- oeren erreicht. Dort nimmt Se. Majestät mit einigen Herren auf der „Nahma" die Abendtafel ein. Wetter warm mit zeitweisem Regen. An Bord Alles wohl.
Wie aus Düsseldorf gemeldet wird, ist am Dienstag in einer Sitzung des Arbeitsausschusses der Ausstellung bekannt gemacht worden, daß das Kaiserpaar am 15. August, Vormittags 9 Uhr in der Ausstellung eintrifft, dort bis Mittags 2 Uhr verweilt und dann auf dem Dampfboot dem Rhein hinauffährt; am 16. August will Se. Majestät der Kaiser bereits Truppen»
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Übungen in Mainz beiwohnen, sodaß von einem Besuch der Rheinstädte bis Mainz hinauf abgesehen werden mußte.
Auf dem Linienschiff „Kaiser W i l h e l m II." ist ein Krümmerrohr in der Dampfrohrleitung gebrochen. Da solche Rohrbrüche schon mehrere Male aufgetreten sind, ist das Schiff zur eingehenden Untersuchung und Reparatur zur Werft Kiel entsendet worden. Die Dauer der Reparatur wird auf drei Wochen geschätzt. Das Schiff ist heute Vormittag in Kiel eingetroffen und sofort in die Kaiserliche Werft gegangen.
Die Abreise der Königin Wilhelmina und des Prinz Gemahls Heinrich der Niederlande von Schloß Schaumburg ist, einer dem „B. L." zugehenden Meldung zufolge, für Sonnabend früh angesagt. In den letzten Tagen machten die Herrschaften öftere Ausfahrten, wobei der Prinz-Gemahl kutschirte. Befinden und Aussehen der Königin ist ein vorzügliches.
Dem „Berl. Lokal-Anzeiger" wird berichtet: Die Kreuzer „Gazell e", Kommandant Korvettenkapitän Graf von Oriola, und „Falke", Korvettenkapitän Muskulus. entwickeln während der Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und den Ausständigen in Venezuela eine erfolgreiche Thätigkeit. Die Beschießung La Guyaras durch die Kriegsschiffe und die Forts nach dem Ausbruch der Revolution Anfangs Juni rief zunächst den „Falke" nach der Hafenstadt, wo die Deutschen in gefährdeter Lage waren. Der „Falke" nahm die NeichS- angehörigen an Bord und brächte namentlich Frauen und Kinder nach St. Thomas in Sicherheit. Das Schiff ging dann nach La Guyara zurück, wo es noch ankert. Dem „Falke" folgte bald die „Gazelle" nach La Guyara. Sie wandle sich dem gleichfalls bedrohten Carupano zu, nahm die von den Aufständischen bedrängten Deutschen und andere Europäer, namentlich Franzosen, an Bord und dampfte mit ihnen nach Curayao. Das französische Schutzschiff wurde vor Martinique festgehalten. Die „Gazelle" suchte am 8. Juli den Hauptherd der Revolution auf und begab sich 24 Stunden später nach der Cabelstation Willemstad, offenbar, um über die Lage einen telegraphischen Bericht in die Heimath zu senden. D^r Kreuzer kehrte der „Cöln. Ztg." zufolge nach La Guyara zurück, wo jetzt „Gazelle' und „Falke" sich vereinigt haben und deutsches Leben und Eigenthum wirksam schützen. Der große Kreuzer „Vineta", Capitän z. S. Scheder, beendet in einigen Wochen die Reparaturen in Nervport News und begibt sich nach den venezolanischen Gewässern, wo das Flaggschiff als Verstärkung willkommen ist.
Das Befinden des Königs Eduard bessert sich fortgesetzt. Die Militärbehörden in Portsmouth sind angewiesen worden, JlluminationSkörper und andere Requisiten für eine Flottenschau zu beschaffen. Der japanische Admiral Jguin theilte dem Bürgermeister von Portsmouth mit, daß das japanische Geschwader zur Krönungsrevue dorthin zurückkehrt. Auch andere ausländische Schiffe werden zurückerwortet.
Minister C h a in b e r l a i n nahm heute bereits wieder am KabinelSrath in London theil.
Aus Peter Hof wird vom 17. Juli gemeldet: Se. Majestät der König von Italien ist heute Nachmittag 3 Uhr abgereist. Auf dem festlich ge- schmückten Bahnhöfe hatten sich die Großfürsten, der Minister des Aeußern Graf Lamsdorff, Generale und andere hohen Würdenträger versammelt, um das Eintreffen des Kaisers und des Königs von Italien zu erwarten. Unter dem Voraufritt einer Eskoite der Leibwache langten kurz vor der Abfahrt des Hofzuges die Majestäten mit Gefolge an, König Viktor Emanuel verabschiedete sich von den Großfürsten, seinen beiden Schwägern und Schwägerinnen und den übrigen Erschienenen, wobei er sich mit dem Großfürsten-Thron» folger, dem Minister des Aeußern Grafen Lamsdorff und dem italienischen Botschafter Grafen Morra längere Zeit unterhielt, während Kaiser Nikolaus eingehend mit dem italienischen Minister des Aeußern, Prinetti sprach. Bevor der König von Italien den Zug bestieg, verab-