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Amtlicher Theil.
Berlin, den 9. Juli 1902.
Sogenannte Braunschweiger Geflügelseuche.
Bericht vom 27. Juni 1902. — A. III. 4787.
Die ausdrückliche Ausdehnung der für die „Geflügel» cholera" angeordneten Anzeigepflicht aus die als „Braun- schweiger Geflügelseuche, neuerdings besser als „Hühner. Pest", bezeichnete Seuche des Hühnergestügels ist Gegenstand der Erwägung. Bis zum Erlaß allgemeiner Anordnungen sind im Falle der Feststellung der Hühnerpest die gleichen Schutz- und Bekämpfungsmaßregeln anzuordnen und durchzuführen, wie bei der Geflügelcholera. Nur ist zu beachten, daß nach den bisherigen Ermittelungen die „Hühnerpest" auf Wassergeflügel nicht übertragbar ist.
Was die Erfüllung der Anzeigepflicht anlangt, so wird eine Bestrafung der Unterlassung zwar nicht zu erreichen sein, wenn zweiselfrei seststeht, daß nicht „Geflügelcholera", sondern „Hühnerpest" vorliegt. Es ist jedoch zu berücksichtigen, daß nach § 9 des Reichsvieh- seuchengesetzes die Verpflichtung zur Anzeige schon dann Platz greift, wenn sich nur verdächtige Erscheinungen zeigen, die den AuSbruch einer der Anzeigepflicht unterliegenden Krankheit befürchten lassen. Die verdächtigen Erscheinungen bei dem Ausbruch der Hühnerpest sind denen beim Auftreten der Geflügelcholera ähnlich, wenigstens insoweit sie für die Beurtheilung durch den Laien in Betracht kommen. Die Seuche wird sich meist durch plötzliche Todesfälle ankündigen.
Auf Erfüllung der Anzeigepflicht in diesem Sinne ist nachdrücklich hinzuwirken.
Ministerium für Landwirthschast, Domänen und Forsten.
J. A. (Unterschrift.)
An den Herrn RegierungS Präsidenten in Cassel.
Gesch. Nr. I Ga 5285.
Cassel, den 18. Juni 1902.
Abschrift erhalten Sie zur Kenntniß und Nachachtung Der NegierungS-Präsident. J. V: M a u v e.
An die Herren Landräthe des Bezirks und den Herrn Polizei Präsidenten hier. A. III. 6382.
* *
Hersfeld, den 4. August 1902.
Vorstehendes wird den OrtSpolizeiverwaltUngen zur Kenutuißnahme und Nachachtung mitgetheilt. I. I. 4278. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rath.
—
Hersfeld, den 4. August 1902.
Astr die Schaffung einer Auswanderer-Auskunftsstelle ist der Deutschen Kolonial Gesellschaft für das Rechnungsjahr 1902 ein Reichszuschuß bewilligt worden. Die Kolonialgesellschast hat daraufhin die unter der Oberaufsicht des Reiches stehende Ceutral-AuS« k u n f t S st e l l e für Auswanderer in Berlin errichtet, die auf mündliche oder schriftliche Anfragen
Stnritil i« 9. August
auSwanderungSlustigen Personen unentgeltlich Auskunft über die in Aussicht genommenen Aus- wanderungsziele ertheilt. Die Geschäftsräume befinden sich in Berlin W. 9, Schillingstraße 4. Die Herren Ortsvorstände des Kreises wollen in geeigneter Weise auf die Central-AuSkunftSstelle fürAuswanderer aufmerksam machen.
I. 4430. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz, Geheimer RegierungS-Rath.
Nichtamtlicher Theil.
Politischer Wochenbericht.
Die Augen der politischen Welt waren in diesen Tagen nach dem Gestade der Ostsee gerichtet, wo Kaiser Wilhelm ll., infolge einer Einladung seines Freundes, des Zaren, weilte, um an den Manövern der russischen Flotte bei Reval teilzunehmen. Durch diese Zusammenkunft ist der Besuch erwidert, den Nikolaus ll. im September vorigen Jahres unserm Kaiser in der Danziger Bucht abgestattet hatte. Wie bei den ungetrübten freundschaftlichen Beziehungen, die zwischen den Monarchen der beiden mächtigen Reiche bestehen, nicht anders zu erwarten war, ist unserm Kaiser ein herzlicher Empfang bereitet worden. Wenn anfänglich hier und da geglaubt wurde, daß es sich bei dieser Begegnung überwiegend um den Austausch militärischer Erfahrungen handeln würde, so ist dieser Zweck offenbar in der letzten Zeit in den Hintergrund getreten. Darauf ließ schon die Thatsache schließen, daß der Reichskanzler, Graf Bülow, seinen Urlaub in Norderney unterbrach, um den Kaiser nach Reval zu begleiten. Was zwischen den beiden Kaisern und ihren verantwortlichen Rathgebern verhandelt wurde, dürfte kaum bekannt werden. So viel steht jedoch fest — darin stimmen die Blätter beider Länder überein —, daß von allen Monarchen-Begegnungen in diesem Sommer die von Reval die bedeutendste Kundgebung für den europäischen Frieden war. Zwischen Deutschland und Rußland besteht keine politische Reibungsfläche; in seinem Teile der Welt kreuzen sich ihre Bahnen, und eng verbunden sind die beiden Herrscher in dem festen Willen, den Frieden 'zu erhalten. Darüber haben die Revaler Tage keinen Zweifel gelassen. Mit Genugthuung können wir darauf zurückblicken.
Auch in England sind Freudentage angebrochen. Die am 26. Juni geplante Krönung König Eduards, die wegen der Erkrankung des Monarchen verschoben werden mußte, wird an diesem Sonnabend vor sich gehen. Die Gesundheit König Eduards ist in erfreulicher Weise derart wieder gefestigt, daß er sich die Strapazen des Krönungötages zumuthen kann. Unstreitig genießt König Eduard in seinem Reiche eine große Volkstümlichkeit, die durch feine Verdienste um die Beendigung des Burenkrieges noch gestiegen ist.
Die durch die Festtage in London in den Hinter- «rund gedrängten Nöte und Interessen der Tagespolitik werden nach der Krönung zweifellos wieder stark hervortreten. Ganz besonders gilt dies von dem Ergebnis der K o n f e r e n z e n d e r P r e m i e r m i n i st e r der britischen Kolonien. Was Herr Chamberlain unlängst auf dem Bankett der Gewürzkrämer-Gilde darüber gesagt hat, ist für die Imperialisten jenseits des Kanal« wenig tröstlich. „Für den ReichSgedanken ist zwar nicht viel erreicht, aber die Zukunft wird unsre Wünsche erfüllen." Das ist der Kern der Rede des Kolonialministers. In der That stehen dem festen Zusammenschluß eines großen Kolonialreiches mit seinem Mittelpunkt in London, wie er den englischen Imperialisten vorschwebt, große Schwierigkeiten entgegen. Schon einmal hat sich in der englischen Kolonialgeschichte gezeigt, daß das nationale Band nicht die Kraft hatte, die geschäftlichen Gegensätze zu Überdrücken. Ebenso wenig wie die Interessen von Spanien und Südamerika auf
1992.
die Dauer sich vereinigen ließen, ebenso wenig wie Spanien und Cuba zu einem Reichsverband zusammen gehören konnten, ebenso wenig wird auch das materielle Lebensbedürfnis von Australien und London, oder von London und Canada unabänderlich Hand in Hand gehen.
Außerdem dürfte den englischen Staatsmännern die Politik in China noch viel Kopfzerbrechen verursachen. Die von den Engländern fälschlicherweise als ihr Verdienst hingestellte Räumung Shanghais von fremden Truppen ist allerdings nur eine Frage der Zeit. Schwieriger ist die im e n g l i f ch - ch i n e s i f ch e n Handelsverträge vorgesehene Aufhebung der Likin-Abgaben, weil die chinesische Beamtenschaft in den meisten Provinzen aus den Likin-Einkünften besoldet wird, der chinesische Staat sich also neue große Einnahme-Quellen schaffen müßte, wenn er auf den Likin für die Zukunft verzichten wollte. Sehr unangenehm ist es in London empfunden worden, daß gerade die Amerikaner gegen die Abschaffung der Likin-Abgaben protestirt haben. Nun ist es gewissen englischen Blättern beim besten Willen nicht mehr möglich, die Mär aufrecht zu erhalten, daß Deutschland der Störenfried sei.
In Oesterreich, wo der Ausstand der hungernden ruthenischen Landarbeiter die Oberhand gewonnen hat über alle Schwierigkeiten des in Jnteressenkreise arg zersplitterten Landes, scheint sich eine Wendung anzubahnen. Aus verschiedenen Gegenden Galiziens wird von einer Einigung der Arbeiter mit den polnischen Arbeitgebern berichtet. Jedenfalls hat die ruthenische Bewegung aufs Neue die Unfähigkeit des Polenthums erwiesen, sich selbst zu regieren, und es ist ein Treppenwitz der Weltgeschichte, daß dieselben Elemente, die die Ruthenen an den Rand des Abgrunds und zur Verzweiflung getrieben haben, auch noch den Muth zeigen, das civilisierte und humane staatliche Re» giment in Preußisch-Polen der „Barbarei" zu bezichtigen.
In Frankreich ist die Schließung der Ordens- schulen nunmehr allgemein durchgeführt. In der Gemeinde Liebvillers mußten in der einzigen Kongreganisten- Schule, die sich nicht unterworfen hat, die Schwestern durch die Polizei entfernt werden. Hierauf wurde die Schule geschlossen. Zum Widerstand gegen die Maß. regeln der Regierung wird zwar noch hie und da ausgefordert, doch dürfte es kaum zu einer allgemeinen Opposition kommen.
Politische Nachrichten.
Berlin, 8. August.
Ueber den Verlauf der Begegnung zwischen Ihren Majestäten dem Kaiser Wilhelm und dem Kaiser Nikolaus liegen folgende Meldungen vor: Reval, 6. August. Als Kaiser Wilhelm sich auf Einladung des Kaisers Nikolaus von der „Hoheuzollern" an Bord des „Standart" begab, befanden sich in seiner Begleitung Prinz Friedrich Heinrich, der Reichskanzler Graf von Bülow, der Kommandant des Hauptquartiers General von Plessen und der Chef des Marinekabinets Vizeadmiral Frhr. v. Senden. Bibran. — Bei dem heutigen Frühstück an Bord des „Standart" tranken der Deutsche Kaiser dem Grafen Lamsdorf und der Kaiser Nikolaus dem Reichskanzler Grafen v. Bülow und dem Ober-Hof- und Hausmarschall Grafen zu Eulenburg zu. Am Nachmittag wohnten beide Majestäten auf dem Flaggschiff „Minin" Schießübungen bei. Es fanden Passir-Schießübungen aus 37-MiUimeter -Einsatzrohren aus großen und mittleren Kalibern gegen Scheiben statt, die von Torpedobooten geschleppt wurden. Hieran schlössen sich die Evolutionen des Geschwaders, ver» bunden mit Schießübungen gegen feste und gegen schwimmende Scheiben sowie gegen Scheiben im Schlepptau von Torpedobooten. Kaiser Wilhelm war von dem General von Plessen, dem Kapitän von Usedom und dem Kapitän von Stumme begleitet. Der Kaiser Nikolaus war heute Vormittag bei dem Gegenbesuch auf