Erscheint wöchentlich drei Mal DienStag, Donnerstag und Sonnabend.
Abonneinentspreis vierteljährlich 1 Mark 40 Pfg. cxel. Postausschlag.
<9
-ÄW ■ W?&’.
Die Jnsertionsgebühren betragen für den Raum einer Spaltzeile 10 Pfg., im amtlichen Theile 15 Pfg. Reklamen die Zeile 20 Pfg. Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt.
Gratirbettagen r,,311u^rirtes Wonntagsblatt" *♦ „Illusterste landViethschastliche Vellage
————— «r. 94.
MOz bea 12. AiiWft
Amtlicher Theil.
Hersfeld, den 7. August 1902.
Die in der Gemeinde Heringen a/W. neu gegründete vierte Lehrerstelle soll mit einer Lehrerin besetzt werden.
Das Einkommen (Grundgehalt) derselben beträgt neben freiet Wohnung oder entsprechender MiethSent, schädigung 800 Mark und der Einheitssatz der Alterszulage 100 Mk.
Bewerberinnen haben ihre MeldungSgesuche nebst Zeugnissen bis zum 30 d. M. bei dem Königlichen OrtS« schukinspektor Herrn Pfarrer Martin in Heringen a/W. oder dem Unterzeichneten einzureichen.
Der Königliche Schulvorstand:
I. 4449. Freiherr von Schleinitz,
Geheimer Regierungs-Rath und Landrath.
Homberg (Bez. Caflel), den 7. August 1902.
Der am 11. September 1877 zu Holzhausen hiesigen Kreises geborene am 8. vorigen Monat« als geisteskrank in die Landesheilanstalt Marburg eingelieferte Schmied Friedrich Keim von Holzhausen ist in der Nacht vom 2./3. ds. Mts. aus der gedachten Anstalt durchgegangen, ist am 5. d. Mts. Nachmittags bei seinen Eltern einge- troffen, unv hat sich in der vergangenen Nacht von denselben entfernt, um angeblich draußen zu predigen. Königliche» Landrathsamt ersuche ich ergeb enst, nach dem Aufenthaltsort des p. Keim, dessen Signalement hierunter angegeben ist, alsbald nachforschen und im BetretungS- falle denselben der Landesheilanstalt Marburg zuführen zu lassen und mir desfallsige Nachricht zu geben.
Das Signalement desselben ist: Statur groß und kräftig, Alter 24 Jahre, Augen blau, Haare dunkelblond fast schwarz (grollig), Anzug braunen Rock und Weste und hellblaue Sommerhose, rindslederne Schuhe und braunen Hut. Auch hat er ein kleines schwarzes Hand- kofferchen mit Bücher bei sich.
Der Landrath, von Gehren.
An sämmtliche Landrathsämter des Regierungsbezirks, Königliche Polizeidirektion zu Cassel und den Oberbürgermeister zu Marburg. I Nr. 5972.
* * *
Hersfeld, den 8. August 1902.
Wird den Ortspolizeibehörden und der Königlichen Gendarmerie des Kreises zur Fahndung nach dem p Keim mitgetheilt.
1. 4524. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinttz, Geheimer RegierungS-Rath.
Gin verlorener Sohn.
Erzählung von A. R.
(Fortsetzung.)
Sie streichelte seine Wange. „Wie viel Elend giebt es doch auf Erden!"
„Schrecklich ist es wohl!" sagte er matt, „aber ich bin alt, ich werde es nicht überstehen und dann, Fräulein, dann kommt ja das ewige Leben!"
„Sie haben recht," entgegnele sie tief bewegt, »dieser Zeit Leiden sind nicht wert der ewigen Seligkeit!"
Ihre Stimme versagte ihr fast. Es war ihr feier« li<d tu Muthe in diesem Krankenzimmer, sie meinte die Ruhe Gottes zu spüren.
»Ich freute mich so, als Sie kamen und deutsch sprachen, begann plötzlich der Alte wieder. „Ich bin aud) ein Deutscher, aber nun schon fast 40 Jahre hier I
Sie ließ sich von seiner Heimath erzählen, und dann las sie auf seinen Wunsch den 42. Psalm.
„Wie der Hirsch schreiet nach frischem Master, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir!"
Sie las ganz bis zu Ende.
Ob Rudi Keller auch zuhörte? Ob feine friedlose, gequälte Seele für keinen Trost empfänglich war t
®r halte das Gesicht zur Wand gekehrt und fchien
Nichtamtlicher Theil.
Rudolf V. Bennigsen t-
Deutschland steht trauernd an der Bahre eines seiner besten Söhne: Rudolf v. Bennigsen ist, wie bereits gemeldet, am Donnerstag Abend auf seinem Stammgute Bennigsen in Hannover im 79. Lebensjahre verschieden. Mit ihm hat der Tod einen der Männer abberufen, die im nationalen Leben unsers Volkes, wie in dessen politischer Entwicklung eine hervorragende Rolle gespielt haben. Ja man kann sagen, daß nächst dem Fürsten Bismarck kein Staatsmann sich so große Verdienste um die Einigung des deutschen Vaterlandes erworben hat, wie Herr v. Bennigsen. In den letzten Jahren wurde sein Name bei politischen Ereignissen kaum noch genannt. Er hatte sich vom öffentlichen Leben zurückgezogen. Aber wie theuer er dem deutschen Volke geworden war, das zeigt ein Blick auf die Tagesblätter, die ohne Unterschied der Parteistellung in ihm den Verlust eines Mannes beklagen, der ausgezeichnet war durch vornehme DenkungSart, edle Charakter-Einheit, Selbstlosigkeit und glühende Vaterlandsliebe.
Wer unter denen, die es mit Hochgefühl erfüllt, sich als Bürger des deutschen Reiches unter einem Hohen- zollern-Kaiser zu wissen, könnte vergessen, daß Rudolf v. Bennigsen, vom Beginn seiner politischen Laufbahn an für die Einigung des Reiches unter Preußens Führung eingetreten, daß er der Schöpfer und die Seele des National-Vereins gewesen ist und tapfer für die Ueberwindung der Zollvereins-Krisis von 1862 gewirkt hat! Wer könnte anders als mit heißem Dank gegen den Verstorbenen daran zurückdenken, wie dieser um die Verfassung des Norddeutschen Bundes sich verdient gemacht und im Norddeutschen Reichstage und im Zoll- Parlament den Süddeutschen die Thüren offen gehalten hat, durch welche sie in jedem Augenblick in die norb« deutsche Bundes-Gemeinschaft eintreten konnten; wie er verarbeitete, daß jene dann 1870/71 so glatt in die deutsche Verfastungs-Gemeinschaft sich einfügten! Daß Bennigsen überdies der Schöpfer des Septennats-Ab- kommens gewesen ist; daß er den Liberalismus zu prak- lifcher Mitarbeit an den gesetzgeberischen Aufgaben der Sozialpolitik geführt, daß er daS Kartell von 1887 ins Leben gerufen hat, das alles wird ebenfalls in der Er- innerung feiner Zeitgenossen und der Nachwelt lebendig bleiben.
Fürwahr, Herr v. Bennigsen hat Großes vollbracht, und er hat es vollbracht, weil ihm als Patrioten das
zu schlafen! Magdalene ging, als sie geendet, leise hinaus, nachdem sie ihrem alten Freunde noch freundlich zugenickt hatte. Auch den beiden Kranken, welche außer Rudi und dem Greife in diesem Zimmer lagen, ihres bedenklichen Zustandes wegen abgesondert von dem größer« Saal, sagte das junge Mädchen einen herzlichen Abschiedsgruß, und sie erwiderten ihn mit dankbaren Blicken. Er allein, um besten willen sie gekommen war, schien es nicht zu bemerken, daß sie ging. Aber sie wollte wiederkommen, ja sie wußte ja jetzt, daß einer wenigstens sich freute, wenn sie kam.
Rudi hatte nicht geschlafen, als Magdalene die Baracke verließ. Jedes Wort hatte er vernommen, was sie gelesen und mit dem alten Mann gewechselt hatte. Aber es war ein solcher Aufruhr in seiner Seele, daß er nicht sprechen konnte. Manchmal meinte er, er müsse den Verstand verlieren! Und am Ende wäre das auch nicht das Schlimmste. Besser ohne Bewußtsein daliegen, als mit klarem Geiste gefesselt sein, ein hilfloser, von von andern abhängiger Krüppel.
Manche Stunde in den oft ganz schlaflosen Nächten glaubte er die Stimme jenes Arzte» wieder zu hören, der damals, als er das Unglück gehabt hatte, den Aus. spruch that: „Gelähmt bis zu den Hüften wird er wohl zeitlebens bleiben!"
Man hatte ihn bewußtlos geglaubt, er aber hatte
Vaterland mehr galt als die Partei, weil er als Politiker seine ganze Kraft einsetzte, um etwas Positives zu schaffen, weil er als Staatsmann erkannte, was wirklich ausführbar war; weil er als Glied des kerngesunden niedersächsischen Stammes mit einem unzerstörbaren Glauben auf die Tüchtigkeit des deutschen Volkes baute, und weil er als idealer Denker sich niemals die Ueberzeugung nehmen ließ, daß die deutsche Volksseele, eben weil sie ideal veranlagt ist, in Kämpfen um ideale Güter sich immer wieder auf sich selbst besinnen und für deren Schutz ihre ganze Kraft aufbieten werde.
Bezeichnend für die Gesinnung, die Fürst Bismarck für den Verstorbenen hegte, ist das Schreiben, das der Altreichskanzler an Herrn v. Bennigsen zu dessen 70. Geburtstage richtete. Es lautet: „Sehr geehrter Freund! Zur Fei-r Ihres siebzigsten Geburtstages sende ich Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche. Wir sind nicht immer in demselben Geleise gefahren, aber unser Ziel war da» gleiche. Daß wir die annähernde Erreichung noch Beide erlebt haben und ich Ihnen heute meinen Glückwunsch und meinen Dank für Ihre Mitarbeit noch lebend übermitteln kann, gereicht mir zu besondrer Freude. Ich bitte Sie, mir auch in der Zukunft, die jedenfalls kürzer sein wird, als die 70 Jahre, die wir gleichzeitig lebten, das Wohlwollen zu bewahren, welches gemeinsame Arbeit und als Ergebniß des Vorlebens gegenseitige Werthschätzung geschaffen hat. Der Ihrige v. Bismarck." Auch Kaiser Wilhelm II. schätzte Herrn v. Bennigsen hoch, wie sein den Todten ehrendes, tiefempfundenes Beileids Telegramm an den Sohn des Verstorbenen bekundet.
Die letzten Jahre des Herrn v. Bennigsen waren durch Schicksalsschläge in seiner Familie getrübt- In aller Erinnerung ist noch die furchtbare Tragödie, die im Januar dieses Jahres mit dem Tode eines seiner Söhne in Springe endete, und erst wenige Wochen sind verstrichen, daß dem schwer geprüften Staatsmanne seine Gemahlin durch den Tod entrissen wurde. Nun ist er selbst zur letzten Ruhe eingegangen. Sein Andenken wird nicht nur bei den Nationalliberalen, deren Führer er länger als ein Menschenalter gewesen ist, sondern bei allen Vaterlandsfreunden in höchsten Ehren bleiben. ..
Politische Nachrichten.
Berlin, 10. August.
Die Zwei-Kaiser-Begegnung ist, wie ein Telegramm aus Reval vom Freitag hervorhebt, von herrlichem Wetter begünstigt, in befriedigendster Weise
seinen Urtheilsspruch gehört und verstanden. Und nun klangen die grausamen Worte immer noch in seinem Herzen wieder. Er mußte sie zuweilen vor sich hin sagen, automatenhaft. Sie hatten sich förmlich eingebohrt in sein verzweifeltes Gemüth. Sie, die junge, reizende Dame, hatte ihm gesagt: „Beten Sie"" Ach, hätte er's nur gekonnt! Wie lieb und freundlich war sie gewesen, wie sanft ihre Stimme! Sie hatte ihm erzählt, daß Sie Martin kenne, und ihre schönen Augen hatten geleuchtet bei ihren Worten.
O der glückliche Martin! Der hatte alles. Ja jeder Glück der Erde fiel ihm zu. Und er? Nur einen Wunsch hatte er, nur eine Sehnsucht: den Tod!
Seine Wohlthäter, die guten Mortons, kamen und saßen an seinem Lager. Rudi freute sich kaum, er hatte auf ihre freundliche Theilnahme nur eine Antwort: „Hätten Sie mich doch nie gerettet, damals!"
„Lieber Freund, versündigen Sie sich nicht!" hatte Morton gesagt. „Es ist wahr, Gott nimmt Sie in eine harte Schule, und dennoch hat er Gedanken des Friedens über Sie!"
Da lächelte der Kranke bitter.
„Gott hat mich verstoßen," sagte er dumpf, „ich wollte mich ja bessern, aber er machte mich zum Krüppel!"
Frau Morton weinte, als sie fortging.