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Melder meisbllltt
- Gratisbeilage r „3UuftrirUf Ksnntagsbiatt" «. „SÖMftrirte kanSwirthfehaftliche Vettage
§-merstW Ma 20. November
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1902.
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Amtlicher Theil.
Hersfeld, den 13. November 1902.
Aus Anlaß der am 1. Dezember ds. Js. stattfindenden Viehzählung wird der auf Dieustag den 2. Dezember ds. Js. anberaumte Schweinemarkt in Hersfeld hiermit auf
Mittwoch den 17. Dezember ds. Js. verlegt.
- Die Herren Ortsvorstände des Kreises haben Vorstehendes alsbald auf ortsübliche Weise in den Gemeinden bekannt machen zu lassen.
I. 7002. Der Königliche Landrath
Freiherr von S ch l e i n i tz, Geheimer Regierungs-Rath.
Zugelaufen: Ein Jagdhund, braun mit weißer Kehle. Meldung des Eigeuthümers bei dem Ortsvorstand zu Schenkleugsfeld.
Nichtamtlicher Theil.
Sun, Bußtag.
Buße soll heute gethan werden im Geist und in der Wahrheit: Nicht aus jener falschen Auffassung heraus, die nach der Zahl der Seufzer und Worte, nach der Länge der Beteuerungen die Aufrichtigkeit der Neue bemißt und dem büßenden Herzen seinen Anteil an der Gnade zumeist. Die Buße soll vielmehr erfolgen durch eine gründliche Auskehr des ganzen inneren Menschen, indem er sich im stillen Kämmerlein mit Gott ausein» ondersetzt und sich gibt wie er ist, in schonungsloser Selbsterkenntniß und Selbstverurtheilung, mit all seinen Schwächen, Fehlern und Sünden. Durch die Buße soll der Seele zu theil werden, was höher ist, denn alle Vernunft: der Friede.
Es gibt keine Zeit, die geeigneter wäre, ernste Ge. danken zu wecken und den Blick von außen nach innen zu richten, als der trübe November-Monat, unmittelbar vor dem Scheiden des Kirchenjahres, vor dem Sonntage, der dem Gedächtniß der Heimgegangenen geweiht ist. Und wenn in die Stille des herbstlich blassen, sonnen- müden, sterbentznahen Landes hinein plötzlich die Glocken
Der Engel von Hleissfeld.
Von Adolf Reiter.
(Fortsetzung.)
„Aber ich bitte, wer sind Sie, meine Gnädige?" unterbrach er sie. „Die sämmtlichen Damen unter den Gästen kenne ich genau, und ich kann mir nicht eine von diesen denken, welcher mein Geheimniß, das für mich und Agathe so verhängnißvoll werden mußte, bekannt sein könne. Meine Reue über die von mir gewählte Weise, in welcher ich mit Agathe zusammenge- kommeu war, könnte mich jetzt noch wahnsinnig machen. Ich war im Begriff, das Versäumte nachzuholen, den Fehltritt so viel wie möglich gut zu machen, als uns ein weiblicher Dämon trennen mußte."
Martha hatte Mühe, sich aufrecht zu halten.
„Nun bitte, Herr Graf, vergessen Sie Agathe und geben Sie mir, einer alten Freundin Veronika's das Versprechen, nie wieder mehr ein Frauenherz zu brechen."
„Beruhigen Sie sich, meine Dame; ich bin schon längst ein anderer Mensch geworden; ich war es bereits, als ich Agathe näher kennen gelernt hatte. Ein weiblicher Dämon eben hat sie von mir gerissen, als ich die Absicht hatte, mich mit der Auserkorenen in den nächsten Tagen ehelich verbinden zu lassen. Aber bitte, wer sind Sie, meine Gnädige? Hier ist meine Hand: mein Ehrenwort dafür, daß ich über diese Unterhaltung nicht ein Wort spreche. Ebenso müssen auch Sie sich mir gegenüber verpflichten, über unsere Unterhaltung zu
Hallen, als wenn sie mit ihren wuchtigen Tönen zermalmen wollten, was im Staube kriecht, dann hält wohl mancher auch von denen den Fuß an, die sonst gleichgültig oder mit spöttischem Lächeln an den Pforten vorübereilen, hinter denen eine fremde, höhere Welt ihre ewigen Geheimnisse verborgen hält. In einem solchen Augenblick finden sich viele zurück zu der längst verlassenen Bahn eines innerlichen Lebens und einer bessern Erkenntniß, die in der reinigenden und heiligenden Buße wurzelt.
Die heidnische Welt wußte dem Schuldbewußtsein keinen bessern Trost zu geben, als die persönliche Abfindung mit der geschehenen That als etwas Unabänderlichem in Verbindung mit dem philosophischen Streben nach einem seelischen Zustande, dessen Ideal sich in der vollkommenen Gleichgültigkeit gegen alles verkörperte. Die fiebernde Sehnsucht nach der Ruhe des Gewissens brannte zwar auch in der alten Welt in der Seele, aber sie vermochte dem dunklen innern Dränge nicht gerecht zu werden, weil ihr das Heilmittel der Buße fehlte, dessen Segen erst mit dem Christenthum wie lindernder Balsam auf die seelischen Leiden der Menschen herab- träuselte. Auch der ungläubigste moderne Mensch steht unbewußt unter dem Einfluß dieses gewaltigen, christlichen Gnadenmittels. Wenn ihn die Last seiner Schuld zu zerschmettern droht, so braucht er nur die Hand gläubig und sehnend auszustrecken, und er wird an dem Heilsschatze theilnehmen, der in der wahrhaftigen Buße ruht. Vor Gott giebt es Sühne für jede Schuld, sei sie auch noch so groß, wenn nur die Neue aufrichtig ist: das ist das erlösende Bewußtsein, das uns das Christenthum gebracht hat und das heute seine ernste ergreifende Sprache zu uns redet.
Die Buße bringt aber nicht nur die Menschen Gott nahe, sondern sie öffnet auch die Herzen der Menschen für einander, weil sie demüthig und bescheiden macht durch die Erkenntniß der eigenen Fehler. Sie bringt so den Menschen dahin, seinen Mitmenschen gegenüber die höchste und edelste Tugend, die von aller Ueberhebung freie Duldung zu üben, die sich auch dem scheinbar schuldigsten gegenüber zu dem Grundsätze bekennt: „Alles verstehen heißt alles verzeihen!" So kommt für die rechte Wirkung der Buße alles auf innere Heiligung des Menschen hinaus. Mit Kasteien ist nichts gethan, wenn nicht die Seele auf den Schwingen des Glaubens zum Himmel fliegen und sich mit der büßenden Demut
schweigen. Wollen Sie mir das Versprechen geben? — Bitte, haben Sie mich verstanden?--Bitte, so sprechen Sie doch!" —
Keine Antwort, denn Martha war geräuschlos davon- geeilt; sie hatte bereits ihr Zimmer ausgesucht, wo sie bitterlich weinte! —
Troczyn rief noch einige Male. Da er jedoch keine Antwort vernahm, löste er sich selbst das Tuch ab und starr vor Schreck stand er hier noch eine ganze Weile — allein.
Es war aber doch ein menschliches Wesen und nichts Übernatürliches hier? Oder ist es in der That eine überirdische Erscheinung meiner Agathe gewesen?" murmelte er vor sich hin, während ein unheimliches Gefühl ihn immer mehr beschlich.
„Ah, das Tuch habe ich ja noch in der Hand und die Eigenthümerin desselben, die mir den Sermon gelesen, werde ich sogleich finden!"
Nachdem er diesen für ihn so hochwichtigen Gegenstand noch eine Weile betrachtet hatte, steckte er ihn sich in die Tasche; — vor vier Jahren war es, als Agathe sich dieses Tuch in seiner Anwesenheit und nach seinem Geschmack in Florenz gekauft hatte; jetzt wußte er sich dessen nicht mehr zu entsinnen. Auch er eilte auf sein Zimmer, betrachtete noch einmal das Tuch, legte es nun aber gleichgiltig weg. WaS sollte es ihm nützen? Nach der Eigenthümerin durfte er ja aus sehr naheliegenden Gründen nicht forschen! —
Der Eindruck dieser nächtlichen Erscheinung war in ihm aber so nachhaltig, daß er, ein leichtes Unwohlsein
zu erfüllen versteht, die die Grundlage aller Gottes- und Menschenliebe bildet, die Kleine groß macht, Große über sich selbst erhebt, und bei deren Mangel selbst die höchste menschliche Größe bestenfalls nur als ein Juwel ohne Schliff und Fassung bewirthet werden kann.
Politische Nachrichten.
Berlin, 18. November.
Zum Besuch Sr. Majestät des Kaisers in England wird vom Sonntag aus London gemeldet: Heute Vormittag wohnte Se. Majestät der Kaiser mit anderen in Lowther Castle anwesenden Gästen dem Gottesdienste in der Kirche in Lowther bei. Nach dem Frühstück unternahm der Kaiser bei schönem Wetter einen Spaziergang. Während des Diners und am Abend spielte die Kapelle Carl Lonsdales. Se. Majestät der Kaiser überreichte persönlich dem Earl Lonsdale die Jnsignien des Kronenordens erster Klaffe.
Ihre Majestät die Kaiserin ist gestern Nachmittag 4 Uhr 15 Minuten mit den beiden jüngsten kaiserlichen Kindern nach Berlin gereist.
In einer am Sonnabend abgehaltenen kurzen Sitzung der 17. Kommission des Reichstags für den^Antrag Wassermann und Gen. auf Vorlegung eines Gesetzentwurfs, wegen Einführung kaufmännischer Schiedsgerichte gab Ministerialdirektor Caspar die Erklärung ab, die Vorarbeiten für einen solchen Gesetzentwurf seien bald beendet, eine Vorlage werdedaher dem Reichstage sehr'bald zugehen, die auch den Wünschen der Abgeordneten Rechnung wohl tragen dürfe. — Die Kommissions- berathungen wurden bis- zum Eingang der Vorlage vertagt.
Die Disziplinar strafordnung für die Kaiserliche Marine ist in Bezug auf das Straf- verzeichniß der Kapitulanten abgeändert worden. Hat ein bestrafter Kapitulant sich im aktiven Dienst vier Jahre hindurch so geführt, daß er weder gerichtlich mit Freiheitsstrafe noch disziplinarisch mit Arrest bestraft ist, so sind alle vor dieser Zeit erlittenen Disziplinarstrafen gelöscht. Die zu löschenden Strafen sind in den Strafbüchern zu streichen unter entsprechender Erläuterung in einer besonderen Spalte.
Der nächste Paragraph des Z o l l t a r i f g e s e tz e s , mit dessen Berathung der Reichstag die Verhandlungen
vorschützend, sein Zimmer nicht mehr verließ. Er suchte den Schlaf und die Ruhe; jedoch kaum hatte er die Augen geschlossen, als unzählige schöne Tänzerinnen ihren Neigen eröffneten und sich immer entrüstet von ihm abwendeten, wenn sie tanzend ihm näher kamen, und er die eine oder andere genauer beobachten wollte. Der Arme konnte nicht schlafen; er mußte heut wieder so viel an Agathe denken. „O, Veronika, ich kann Dich doch nicht glücklich machen! Hätte ich Dich lieber nicht kennen gelernt! — Armes Mädchen!"
Hinter ihr, hinter Allem, was er noch liebte und schätzte, trat ihm immer das verklärte Engelsbild seiner unvergeßlichen Agathe hervor. —
Aber auch Martha, welche diese Nacht ebenfalls ihr Zimmer nicht mehr verließ, war glückselig in — ihren Thränen. Selbstredend mußte sie sich ihm entsagen! Wie wohl that es aber ihrem Herzen, der liebsten Freundin, die sie hatte — der zarten lieblichen Veronika, ihr größtes Opfer zu bringen! Sie hatte ihn aber noch einmal gesprochen; ihr größter Wunsch war ihr von der Vorsehung erfüllt worden. Sie hatte ihn sogar ermähnen dürfen, Veronika aufrichtig und treu zu lieben, ihm zu dem Besitz der holden jungen Dame Glück zu wünschen — das nur war es, was sie noch ersehnt hatte! Und dennoch — was ging in ihr denn vor? Ihre Unruhe wurde immer größer; — was sollte aus ihr werden I — Nun war es nicht länger auszuschieben ; sie mußte nach Hause reifen zu ihrem Vater hin und, sich an seine Brust gepreßt, ausweinen, lange weinen!
Kaum war sie am nächsten Morgen und zwar dies-