1897
Hin HonnLagSkinö.
Roman
von
Anna Brentano-Ban4.
s
war ein herrlicher Sonn-
tagnachmittag.
Heller Sonnenschein lagerte über dem schier endlosen Ausstellungspark von Berlin -Treptow, und ein immer neuer Strom von
wißbegierigen Besuchern ergoß sich___ durch die verschiedenen Eingänge in die prächtigen Anlagen, aus deren grünem Rahmen sich die mannigfachen Ausstellungsgebäude in ihrer künstleri- scheu, eigenartigen Bauart malerisch genug hervor- hoben.
An dem Eingang IV, an der Köpenicker Land- straße gelegen, fuh- ren nach einander zwei Privatwagen vor. Der erste derselben war ein hochfeines Gefährt mit vier feurigen Rappen bespannt, wie sie das Auge eines Sportsman- nes entzückt haben würden, und wurde von einer jungen, vornehm gekleideten Dame selbst gelenkt. Neben ihr saß ein kleiner, kaffeebrauner Mulatte, in die reichbetreßte Livree eines Bedienten gesteckt, mit verschränkten Armen und in angelernter Weise, unbeweglich da. In dem Augenblick jedoch, da der Wagen hielt, sprang der Mulatte vom Bock herab und half seiner jungen Herrin beim aussteigen.
In diesem Moment war auch der zweite Wagen, welcher neben dem prächtigen Gefährt der jungen Dame indes den Eindruck eines einfachen, bequemen Landauers machte, an dem Portal angelangt. Zwei Herren, ein
älterer und ein jüngerer, entstiegen zuerst demselben, dann folgten vier Damen und ein halbwüchsiges Mädchen mit blonden Hänge- zöpfen. Die ganze Familie machte einen sehr soliden, gutbürgerlichen Eindruck; sie hatte in gewissem Sinn etwas Patriarchalisches und durchaus nichts Großstädtisches an sich. Dem behäbigen, alten Herrn mit der goldenen Brille auf der etwas großen, breiten Nase, hätte nicht jeder den gewiegten Großkaufmann angesehen, welcher er in Wahrheit als Besitzer einer der ältesten und solidesten Firmen im Parfümeriewarengeschäft doch war. Wenig anders war es mit seinem Neffen, der groß, blond und starkknochig gebaut, mit dem sonnen-
keine meiner Töchter in dem lebensgefährlichen Gedränge entführt wird!"
„O, beunruhige Dich nicht, Onkel," meinte der junge Mann etwas spöttisch, indem er seine drei hochaufgeschossenen, glattgestriegelten und sommersprossigen Basen nachdenklich musterte: „Es sieht den Mädchen keiner an, wie schwer sie sind!"
Der Großkaufmann lachte über den derben Witz, der so recht nach seinem Geschmack war, seine Begleiterin aber, die Mutter des jungen Mannes, und Schwester des reichen Fabrikanten Rudolf Völker, warf ihrem Sohn einen vorwurfsvollen Blick zu.
.Aber Karl!" sagte
V
sie, da indes ihre Stimme ebenso bescheiden war, wie ihr Aussehen, wurde sie von dem Lärm ihrer Umgebung betäubt und verhallte ungehört. An dem Arm ihres Bruders betrat sie die Ausstellung. Die Jugend folgte langsamer nach.
Myra, die jüngste, ein dreizehnjähriges Back- fischchen mit langen, blonden Zöpfen war Karls Liebling, und er zog ihren kleinen Arm durch den seinigen.
„Komm, mein Kälbcheu," sagte er zu ihr, in jenem gutmütig-
Der Lichthof des Berliner Zeughauses.
verbrannten Gesicht und den gutmütigen, blauen Augen, weit e^er das Aeußere eines wohlhabenden, anspruchslosen Landmannes besaß.
„Komm, Tina, gieb mir Deinen Arm — sagte jetzt der alte Herr zu der ältesten jener vier Damen, die übrigens untereinander sämtlich eine starke Familienähnlichkeit zeigten: Wir beiden Alten gehen voran, und Du, mein lieber Karl —" wendete er sich dann scherzend an seinen Neffen, „sorge mir dafür, daß
neckenden Ton, in dem ein Bruder zu seiner jüngeren beide passen doch am
Schwester spricht: „Wir besten zusammen!"
Das Kind lachte: „Lange pflegt unsre
Freundschaft gewöhnlich nicht zu dauern, denn
Du Böser kannst ja das Necken nicht lassen!" „St!" machte jetzt Jda, die ältere Schwester Myras, welche als die Schönheit der Familie betrachtet wurde: „Seht einmal dorthin, geht da nicht Olga Schwarz?"
„Olga Schwarz?" wiederholte Karl Ortmann abwechselnd rot und blast werdend und dabei den Arm seiner kleinen Lieblingsbase unwillkürlich fahren lastend.