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1961
Bestellungen auf das Hersselder Kreisblatt mit den Gratisbeilagen „Jllustrirtes Sonntagsblatt" ^ „Jllustrirte landwirthschaftl. Beilage" für die Monate Februar und März werden von allen Aaiserlichen Poftanftalten, Landbriefträgern und von der Expedition angenommen.
Amtlicher Teil.
Hertzseld, den 6. Februar 1903.
Die Erledigung meiner Verfügung vom 3. Januar 1899, A. 24, Kreisblatt Nr. 3, Berichtigung und Offen- legung der Liste der Gemeindeglieder und stimmberechtigten Ortsbürger betreffend, wird hierdurch mit Frist bis zum 15. d. Mts. in Erinnerung gebracht.
Gegen etwaige an diesem Termine noch säumige Herren Bürgermeister wird eine Ordnungsstrafe von je 3 Mark festgesetzt werden.
Der Königliche Landrat Freiherr von Schleinitz,
Geheimer Regierungs-Rat.
Nichtamtlicher Teil.
Her Reißskaiizler
hat sich in diesen Tagen bei verschiedenen Gelegenheiten sowohl über seine äußere als auch über seine Wirtschaftspolitik ausgesprochen. Auf beiden Gebieten hat er dank seiner überlegenen Sachkenntniß und ungewöhnlichen Beredsamkeit glänzende Erfolge errungen. Dies gilt zunächst von den von sozialdemokratischer Seite im Reichstage hervorgerufenen Erläuterungen des Grafen Bülow zur auswärtigen Politik.
Das große Publikum urteilt nur zu oft nach dem äußern Schein und mit Vorliebe nach dem Gefühl. Dem einen gibt sich das deutsche Reich nach außen nicht
$a§ Gcheiiililiß des Schleiers.
Roman von H. v. Benitzki, aus dem Ungarischen von C. Langsch.
(Fortsetzung.)
Bei seiner Rückkehr fand er auf dem Tische einen Brief mit der Handschrift seiner Braut. Zerstreut öffnete er rhn, während ihm der Gräfin wunderbares Gesicht und ihre herrliche Gestalt vor Augen schwebte. Kaum hatte er aber die ersten Zeilen gelesen, als er einen Ruf der Ueberraschung ausstieß und immer wieder von Neuem begann er zu lesen. Er traute seinen Augen kaum, denn der Inhalt war zn unglaubwürdig. Was war geschehen, warum schrieb sie diesen Brief.
„Ich sende Ihnen den Ring, der uns band und gebe Ihnen Ihr Wort zurück. Längere Erklärungen sind überflüssig, da Sie den Grund meiner Handlungsweise recht gut kennen. Ich mag die lästige Zugabe meiner Mitgift nicht sein. Damit Sie aber meinen Schritt völlig begreifen, so erfahren Sie, daß ich sowohl, wie Ihr Bruder Berlalan weiß, wer bei Juwelier B. die Perlen kaufte, die auf dem letzten Ball die allgemeine Aufmerksamkeit erregten.
Rosa Hemberg."
Sigmund ballte den Brief zusammen. Zorn und Aerger erstickten alle anderen Gefühle in ihm. Er hielt den angegebenen Grund für eine Ausrede, war aber zu stolz und vielleicht auch zu leichtsinnig, um nach den wahren Motiven des in lakonischer Kürze geschriebenen Briefes zu forschen. Er ging weder zu Bertalan, mit
schneidig genug, dem andern erscheint sein Streben hier zu abenteuerlich. Der eine drängt stürmisch nach groß gedachten Kolonial- und weltpolitischen Unternehmungen, weil ihm die vaterländischen Grenzen zu eng sind, der andere möchte sich in ein Schneckenhaus verkriechen, aus Furcht, die Eifersucht und Ränke unserer zahlreichen Gegner zu wecken. Dieser Stimmung entstammt die Unzufriedenheit und der Pessimismus, die sich gerade jetzt so oft in Vorwürfe gegen die auswärtige deutsche Politik zu Gehör zu bringen suchen und vielen die Freude am Reich verbittern. Diesen allen ist Graf Bülow mit dankenswerter Offenheit und mit großer Ueberzeugungs- kraft gegenüber getreten. Keine Darlegungen über die positiven Erfolge Deutschlands in dem Samoahandel und den ostasiatischen Unternehmungen, seine Auslassungen über die engbegrenzten Ziele unserer Politik in dem Streit mit Venezuela und seine scharfe Kenn- zeichnung der mittleren Linie, auf welcher sich die auswärtige Politik Deutschlands besonnen bewegt, müssen überall beruhigend wirken und dem deutschen Volke die Gewißheit geben, daß feine Sache bewährten Händen anvertraut ist.
Dasselbe Vertrauen wie die auswärtige verdient die Wirtschaftspolitik des Grafen Bülow, und zwar besonders deshalb, weil sie in erster Linie darauf aus- geht, der heimischen Landwirtschaft zu helfen. Dieser feste Wille ist von neuem in den bedeutsamen Reden zutage getreten, die der Reichskanzler im LandwirtschaftS- rat und am Tage darauf im Reichstage gehalten hat. Graf Bülow empfahl den Landwirten ein unbefangenes Studium des neuen Zolltarifs, mit dem Hinweis einerseits auf dessen ,positive Vorzüge für die Landwirtschaft, andererseits auf die Angriffe ihrer Gegner zur Vereitelung desselben. Und in der Tat rühmt beides die hier der Landwirtschaft gewidmete Fürsorge.
Oder wollen unsere Landwirte wirklich geringschätzig an der Tatsache vorübergehen, daß der neue Tarif ihnen volle 20 Mark für die Tonne Weizen, 15 Mark für die Tonne Roggen, 22 Mark für die Tonne Hafer und 20 Mark für die Tonne Braugerste mehr zusichert, als nach den jetzt gellenden Vertragssätzen erhoben werden? Gilt es ihnen nichts, daß diese Erträge als Mindestzoll- sätze gesetzlich festgelegt sind? Uebersehen sie die im Tarif neu gestaltene Wertzölle für Pferde und Gewichtszölle für die anderen Viehgattungen? Graf Bülow konnte mit vollem Recht auf alle diese Punkte als auf
welchem er auf gespanntem Fuße lebte, noch tat er andere Schritte, das rätselhafte Verhalten seiner Braut aufzuklären. „Sei es Rosas Wunsche gemäß und alles zwischen uns zu Ende." Er begriff selbst nicht, warum ihn das Ereignis so wenig erschütterte. Er vergaß, was seine Gedanken und seine Einbildung vor einer Stunde noch unausgesetzt beschäftigt hatte.
Den Rest des Abends verbrachte er in fieberhafter Unruhe und dachte kaum an seine Braut. Das Bild einer anderen Frau, andere Hoffnungen nahmen ihn bis zum Morgen gefangen. Er verbrachte eine schlaflose Nacht und zählte die Stunde, bis das erwachende Geräusch der Straße den Morgen verkündete.
„Sie besitzen wohl ein Zaubermittel, Herr Doktor, sagte Graf Moritz, als sie am andern Tage in Sabinens himmelblau ausgestattetes Boudoir traten. „Seit gestern herrscht wieder Ruhe bei uns. Meine Frau spricht nichts mehr von der Abreise."
„Die Gräfin verlangte meinen Rat, doch wagte ich nicht gleich einen entscheidenden Ausspruch zu tun," sagte Sigmund. „Ich muß ihre Krankheit beobachten. Nach ein paar Wochen erst werde ich mich über das, was zu tun ist, äußern."
Gerendy lachte.
„Frauenleiden, Laune und Einbildung ist die ganze Krankheit," sagte er. „Alle Frauen sind krank, wenn sie sich langweilen. Sabine sehnt sich nach Italien, wo sie geboren ist und ich wünsche, daß Sie Ihren ärztlichen Einfluß aufbieten, ihr die Reise auszureden."
„Es kommt darauf an," entgegnete Doktor Perzay
redende Zeugnisse für die Hilfsbereitschaft der verbündeten Regierungen zu Gunsten der Landwirtschaft hinweisen. Seine Beweisführung wird auch unterstützt durch die neuen Bestimmungen des Tarifgesetzes über die Einführung von Ursprungs-Zeugnissen, über die Beschränkung der gemischten Transsitläger und über die Aufhebung der Zollkcedite bei der Einfuhr von Getreide. Und rechnet man die neue bindende Erklärung des Reichskanzlers hinzu, daß bei den nächsten Verhandlungen über die Handelsverträge die Interessen der Landwirtschaft mit besonderm Nachdruck vertreten werden sollen, sowie daß eine ganze Reihe greifbarer Maßnahmen zu Gunsten der Landwirtschaft geplant ist wie die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse durch neue Eisenbahnen, eine kräftigere innere Kolonisation, die Förderung des landwirtschaftlichen Bildungswesens, Hebung der Vieh- zucht rc. — wer will im Volke dann ihren Klagen über mangelnde Berücksichtigung noch glauben?
Jedenfalls haben sich die Regierung und die Mehr- Heits-Parteien, die den'Zolltarif zustande gebracht haben, weit mehr um die Landwirtschaft verdient gemacht, als die Vertreter der extremen agrarischen Forderungen, die, weil sie nicht alles bekommen konnten, auch das Erreichbare absehnten. Von den Mitgliedern des Reichstages, die dem Bunde der Landwirte angehören, haben zwei Drittel für den Zolltarif gestimmt, während ein Drittel dagegen war. Es wäre im Interesse der Landwirtschaft dringend zu wünschen, wenn auch dieses Drittel sich zu der Einsicht bekehren würde, daß das Kritisieren hinter dem Arbeiten zurücksteht.
Politische Nachrichten.
Berlin, 7. Februar.
Se. Majestät der Kaiser hat aus Anlaß seines Geburtstages auch dem 5. Armeekorps in Posen ein Geschenk von 50000 Mk. zugehen lassen mit der Bestimmung, daß mit den Zinsen dieses Kapitals hauptsächlich ältere Offiziere unterstützt werden sollen. Dem Ofsizierkorps des Infanterieregiments Kaiser Wilhelm (2. Großherzoglich Hessisches) Nr. 116 in Gießen, dessen Chef der Kaiser ist, wurde ein Kaiserliches Geschenk von 25 000 Mk. zu einer Stiftung überwiesen.
Heute Morgen von 8Vs Uhr ab machte S e. Majestät der Kaiser den gewohnten Spaziergang
ernst, „ob eine Luftveränderung nötig ist, und ob die Nerven der Gräfin angegriffen sind."
„Sie sind zum Frauenarzt geboren und werden es auf diesem Felde weit bringen," sagte lachend der Graf und verließ das Zimmer.
Bald darauf trat Sabine ein. Ein Morgenkleid aus kostbarem Plüsch, in denselben zarten Farbentönen gehalten, wie die schwellenden Ottomanen und üppigen Polster, umfloß in weichen Falten ihre schönen und schlanken Glieder.
Sie nahmen Platz. Sigmund, von ihrem Anblick berauscht und befangen, erkundigte sich zagend nach ihrem Befinden. Sabine, welche sich des Eindruckes, den sie machte, wohl bewußt war, antwortete: „Ausgezeichnet, denn Ihre Erscheinung, Ihre Stimme, Ihre Bewegungen zaubern mir Bilder der Vergangenheit vor, welche mein Herz erzittern lassen. Für mich ist die Ruhe der Tod. Ich suche mit fiebernder Aufregung alles, was Eindruck auf mich machen könnte."
„Und gerade das müssen Sie vermeiden, es richtet Ihre Nerven völlig zu Grunde."
„Ich bin gewöhnt, zu fühlen, etwas zu erwarten und zu erhoffen. — Ruhe und Stille machen mich krank. — Ich möchte fliehen, aus dieser Atmosphäre forteilen, ich sehne mich dahin, wo alles blüht, wo das Herz in milder Luft aufgeht und sich in süßem Duft betäubt. Dieser berückenden Natur gleicht auf Erden nur die Liebe, die leidenschaftliche Liebe,"
Sigmund schaute sie berauscht an.
„Sie schweigen, teilen Sie meine Anschauung nicht?"