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Nr. 63.

ÄVerstW hi 28. Mai

1963.

Amtlicher Teil.

ReichstGWhl be!rtsfeai>.

Die Herren Bürgermeister der Wahlorte für die be­vorstehende ReichötagSwahl werden hierdurch benachrichtigt, daß ihnen die für die Wahltermine erfor­derlichen Formulare und Wahlzettel- Umschläge in den nächsten Tagen per Post zu' gehen werden.

Jeder Sendung liegt eine vorgerichtete Empfangs- Bescheinigung bei, welche nach Prüfung auf ihre Richtigkeit unterschristlich zu vollziehen und sofort an mich zurückzusenden ist.

Hersfeld, den 26. Mai 1903.

Der Königliche Landrat.

J. V.:

T h a m e r.

Der vielfach wegen Diebstahls pp. vorbestrafte z. Zt. wieder in Untersuchung stehende Taglöhner Albert Adam Gärtner, geboren am 5. April 1878 zu Hanau ist heute Vormittag seinem Civiltransporteur hier in Hanau entsprungen. Gärtner ist von kräftiger, unter­setzter Statur, etwa 1,70 m groß, hat volles, rundes Gesicht, dunkle Haare, kleinen blonden Schnurrbart. Die Bekleidung desselben ist dahier unbekannt. Um Fahndung, Festnahme und telegraphische Nachricht an die Königliche Staatsanwaltschaft dahier wird ersucht. Das Ausschreiben vom 5. Januar 1903, J. Nr. P. 74/03, betreffend den Taglöhner Lorenz Funk von Hanau, ist erledigt. Hanau, den 19. Mai 1903.

I. Nr. P. 4133/03. Königl. Polizei-Direktion.

Gefundene Gegenstände:

Ein Portemonnaie mit Inhalt. Meldung bei dem Ortsvorstand zu Kalkobes.

Nichtamtlicher Teil.

Der Sozialdemokratie ist es im Wahlkampfe höchst unangenehm, wenn von anderer Seite darauf aufmerksam gemacht wird, daß

Die Blüte des Bagno.

Roman von Goron und Emile Gautier.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Der verführte und von dem Feuer Gastons betörte und geblendete Sokolow glaubte . . .

Nochmals an diesem Morgen war der Abenteurer gekommen, um sich durch sein altes Mittel die große Summe zu verschaffen, deren er bedurfte. Erfolgbewußt nahm er von dem Genossen Abschied doch im selben Augenblick klopfte es dreimal an die Tür des Arbeits­zimmer«.

Sieh doch, wer es ist," rief Sokolow stirnrunzelnd. Rozen öffnete.

Nur ich bin'«, Meister," schnarrte eine verstellte Stimme.

Und mit gigerlhafter Gebärde hielt Bastien, genannt Macaron, seinen Einzug.

Du bist hier? Was treibst Du hier?" fragte Gaston in erregtem Tone.Du weißt doch, daß der Meister nicht gestört fein will." Sokolow protestirte und rief:

Immer noch dieses dumme Wort: Meister! . . Bei uns giebt es keinen Meister, keinen Herrn. Es giebt nur Genoffen, einander gleich und frei! Wann werdet Ihr Euch denn endlich dieser häßlichen Sprache ent-

sie nicht bloß keinen Anteil an der einzig in der Welt dastehenden Versicherung der deutschen Arbeiter gegen die Notfälle des Lebens hat, sondern daß sie sogar gegen die betreffenden Gesetze im Reichstage gearbeitet und gestimmt hat. Sie fühlt schon heraus, daß hier ein Punkt ist, an welchem der vernünftige Arbeiter ent­scheiden kann, wer es mit ihm gut meint. Die Sozial- demokratie sucht sich damit herauszureden, daß sie für die Arbeiter weit größere Vorteile hätte haben wollen, diese aber nicht hätte erlangen können. Das ist nichts als eine nichtssagende Ausrede. Die Politik ist die Kunst des Möglichen. Nicht bloß die Arbeiterbevölkerung, sondern alle Bevölkerungsklaffen suchen für sich Vorteile zu erlangen. Wenn nun jede dieser vielen Klaffen darauf bestehen würde, daß entweder alle ihre Forderungen oder keine durchgesetzt würden, so würde es entweder gar keinen Staat geben oder einen solchen, in dem eine einzige Klaffe herrschte und die übrigen knechtete und tyranisterte. Darüber kann gar kein Zweifel bestehen. Nun wollen allerdings die Führer der Sozialdemokratie, daß die Herrschaftim Staate dem Proletariat zufalle, und zwar, weil dann sie selbst in Wirklichkeit die Herrscher sein würden. Aber kein Staat der Welt kann es sich gefallen lassen, daß lediglich die Interessen einer Klaffe oder gar die weniger Personen maßgebend sind. Diese Aspirationen der sozialdemokratischen Führer sind Utopien die, wenn sie je verwirklicht werden sollten, sofort eine derartige Reaktion erzeugen würden, daß in ganz kurzer Zeit die Herrlichkeit der Demagogen zu Ende sein würde. Die Geschichte bietet mehr als ein Beispiel dafür. Ein Staatswesen, das gedeihen soll, muß auf die Interessen aller in ihm befindlichen Bevölkerungsklaffen Rücksicht nehmen, und wenn die Notwendigkeit dieser Rücksicht­nahme in Rechnung gestellt, wird, so muß gesagt werden, daß mit den VersicherungSgesetzen im Deutschen Reiche nicht bloß den berechtigten Forderungen der Arbeiter Genüge geschehen ist, es ist weit darüber hinausgegangen, was am besten daraus hervorgeht, daß jetzt andere Be­völkerungsklaffen, so die Handwerker, die Handlungs­gehilfen u. a. sich darum bemühen, gleichfalls vom Reiche Versicherungen gegen die Notfälle des Lebens zu erhalten. Der Arbeiter Deutschlands ist bei Krankheit, Invalidität und Alter versorgt. In nächster Zeit will das Reich auch seine Witwen und Waisen sicherstellen. Welches andere Land der Welt kann ähnliche Einrichtungen auf­weisen ? Die deutschen VersicherungSgesetze sind zustande gekommen gegen den Widerstand der Sozialdemokratie.

ledigen, die aus dem Munde selbstbewußter Männer so schlecht klingt. Ihr wißt doch, daß mich das verletzt," setzte er mit leiserer Stimme hinzu.

Verwirrt von diesen Worten schwieg Macaron.

Wenn dies Tierchen mit mir spricht," dachte er, bin ich bums still! Er ist mir so einige Haus hoch überlegen, obwohl es gar nicht anarchistisch ist, daß ein Individuum einem andern so überlegen ist."

Doch Rozen zeigte keine ähnlichen Bedenken.

Lieber Freund," sagte er in schmeichelndem Tone, erzürnen Sie sich nicht! Das ist so unsere Art zu sprechen. Bedeutung ist dem nicht beizulegen. Die Worte an und für stch wollen ja nichts bedeuten; was wir in Ihnen begrüßen, wenn wir Sie Meister nennen, will nichts von Autorität besagen, es ist die Ueberlegen- Heit im Wissen und die Erfahrung. Sie sind der Lehrer, der Wegweiser . . . Und dann, vergessen wir nicht, daß wir mitten in der bürgerlichen Gesellschaft leben, und daß wir eine Rolle spielen, von der niemand eine Ahnung haben darf. Wie sollen wir hinfort uns enthalten, deren Sprache zu sprechen?"

Sokolow konnte sich nicht enthalten zu lächeln.

Du hast recht," flüsterte er,Du hast immer recht, und Du bist klüger als ich. Man muß mit den Wölfen heulen; der Zweck heiligt die Mittel."

Aber schließlich," begann Rozen wieder, diesmal zu Bastien gewendet,wirst Du uns endlich sagen, was Dich herbeiführt? Hast Du die Parole vergessen?"

Ich kenne die Parole," erwiderte der Befragte, der

Wären die Gesetze nach dem Willen dieser abgelehnt worden, so hätte jetzt der deutsche Arbeiter die Ver. sorgung in den Notfällen des Lebens nicht. Er hätte zwar mit den Führern der Sozialdemokratie Phrasen über den Zukunftstaat drechseln können, irgendwelche positive Besserung seiner Lage hätte er nicht gehabt. Diese haben ihm die nichtsozialdemokratischen Parteien verschafft, und deshalb wird er gut tun, bei den bem« nächstigen Reichstagswahlen den Kandidaten der letzteren seine Stimme zu geben.

Politische Nachrichten.

Aus Marienburg, 26. Mai, wird berichtet: Se. Majestät der Kaiser traf heute Nach­mittag 3V2 Uhr, von Prökelwitz kommend, hier ein. Zum Empfang war der Landrat Frhr. Senfft von Pilsach auf dem Bahnhof anwesend. Der Kaiser, so­wie die Herren des Gefolges und Fürst Dohna-Schlo- bitten fuhren in Begleitung des Landrates nach dem Schloß. Auf dem Wege dorthin bildeten Schulkinder Spalier. Von der zahlreich versammelten Volksmenge wurde der Kaiser lebhaft begrüßt. Auf dem Schloßhof ließ sich der Kaiser den Brandmeister der diesigen frei­willigen Feuerwehr Monath vorstellen, welcher sich bei dem Großfeuer am 6. Dezember vorigen Jahres be­sonders ausgezeichnet hat. Sodann erfolgte eine kurze Besichtigung des Schlaffes. Um 43/* Uhr fuhr Se. Majestät nach Danzig weiter.

Die falsche Behauptung, daß im hiesigen Dom neben den Standbildern Luthers und Melanchthons auch ein Standbild Karls V. aufgestellt werden solle, halte in kirchlichen und politischen Blättern zu erregten Ver­wahrungen im Namen des evangelischen Bewußtseins Anlaß gegeben. So hatten z. B. dieReformierte Kirchenzeitung" und nach ihr dieTägliche Rundschau" bemerkt:Warum das? Aber freilich auf wie viele Fragen erhält man Heuer in Deutschland keinen anderen Bescheid als höchstens den sonderbaren: Warum Darum." Wir sind, schreibt die Nord. Allg. Ztg., in der Lage, einen Bescheid mitzuteilen, der in seiner Ironie nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig läßt. Seine Majestät der Kaiser und König hat nämlich zu einem Zeilungausschnitt über jeneGewissensfrage" an den Rand bemerkt:Außer ihm (Karl V.) sollen noch Diocletian, Nero, Torquemada und Alba ausgestellt

I noch immer an der Türe klebte,doch, doch ... ich habe Euch 'ne dicke Nachricht mitzuteilen . . ."

Eine Nachricht?" fragte Sokolow, sich herumdrehend, Welche?"

Die Bürgerin Elena ist da!"

Elena," rief Rozen, aschgrau werdend,bist Du verrückt?"

Ganz gewiß nicht!" spottete Bastien.Es ist sicher die Bürgerin Elena, unsere gute und tapfere Kameradin von Cayenne . . ."

Die junge Frau, von der Du mir gesprochen hast," unterbrach Sokolow,dieselbe, die Euch Eure Gefangen­schaft erleichtert und zu Eurer Flucht verholfen hat?"

Ganz richtig! Unser guter Engel, wenn ich so sagen darf," schloß Bastien.

Rozen hatte durch eine heftige Willensanstrengung seine Ueberraschung bezähmt und seinen Zorn, der dem Ausbrechen nahe war, gezügelt. In beinahe zärtlichem Ton fragte er Macaron:

Und wo bist Du ihr begegnet?"

Ach, das istne ganze Geschichte . . . Denk Dir, als ich gestern Abend in 'nein schmutzigen Stadtviertel bei Soho herumschlenderte, wo ich einige französische Auswanderer aufzustöbern hoffte . . ."

Um Dich erkennen zu lassen," unterbrach ihn Rozen achselzuckend.

(Fortsetzung folgt.)