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«L-Fernsprecher Nr. 8. -^,
Sr. 29.
MOg Heil 8. März
1904.
Nichtamtlicher Teil.
Lehren des Krieges.
Im Märzhest der „Flotte" ist ein Aussatz erschienen, der die Lehren des Krieges schildert und in nachstehenden Schlußfolgerungen zusammenfaßt: Das neueste Ringen zwischen zwei Kulturvölkern, der erste Endscheidungs- tampf zwischen der weißen und gelben Raffe liefert einen neuen, grell in die Augen springenden Beweis für den Lehrsatz, daß weltbewegende Ereignisse mit dem Kamps um die Seeherrschaft unlöslich verbunden sind, und daß die Entscheidung nicht nur auf dem Festland, sondern auch aus der wogenden Bühne sich abspielt, die, wenn die Kämpfer abgetreten sind, in unverändertem Gleichmaß dahinrollt wie schon vor Jahrtausenden. Berührt uns dieser Kampf und ist es für uns nötig, ihm Rechnung zu tragen? Sollte Japan siegen, so wird sein Uebermut gegenüber den andern Vertretern der weißen Raffe keine Grenzen kennen; siegt Rußland, so wird England zu überlegen haben, wie es mit diesem neuen Wettstreiter auf dem Weltmärkte sich abftndet, dann wird auch Frankreich sich seiner Revanchepläne entsinnen — immer und überall aber entsteht für Deutschland die große Lebens- frage, wie es zu dieser neugeschaffenen Lage sich stellen will und laut vernehmlich ertönt gerade für uns die Lehre vom „Einfluß der Seemacht auf die Geschichte", die jetzt für uns, die wir in früheren Jahrhunderten im stillen Winkel saßen, erst seine volle Bedeutung gewon- nen hat. Das größere Ringen um die Vorherrschaft auf dem Weltmeere braucht nicht heute oder morgen bevorstehen, zunächst wird der russisch-japanische Krieg noch nicht durch eine Kanonade vor Port Arthur entschieden. Wie kurz oder lang die Frist sei, die uns beschieden, es gilt, sie mit voller Energie auszunützen, damit wir kommenden Ereignissen nicht unvorbereitet gegenüberstehen. Daß unser Flottengesetz von 1900 durch die Meerrüstungen Englands, Rußlands und Ameri« kas während der letzten Jahre längst überholt ist, daß überhaupt die Bindung unseres Flottenbaues aus ein halbes Menschenalter angesichts der schnellern Entwicklung der Geschichte nicht aufrecht erhalten werden kann, hat sich längst herausgestellt und wird jetzt allgemein zugegeben; der russisch-japanische Krieg aber bedeutet
M mlwiMofe Blatt.
Erzählung von A. v. Liliencron. (Fortsetzung.)
Beruhigt ritt der Herzog nach Lembach zurück. Aber schon in derselben Nacht verließ General Hotze wegen Erschöpfung seiner Truppen den Liebsrauenberg und nahm mit seinem Korps Stellung auf den Höhen von Weißenburg. Der rechte Flügel aus dem Geißberge, der linke gegen Lauterburg. Preußischerseits war es dadurch unmöglich geworden, den Posten bei Lembach zu behaupten, da der linke Flügel nun durch diese Bewegung der Oesterreicher entblößt war. Schnell ent- schlossen zog sich der Herzog von Lembach zurück und besetzte den wichtigsten Punkt, Scherhol, während er in Klimbach Vorposten aufstellte.
Auch dem Feinde war wohl bewußt, welche Bedeutung dieser Platz hatte, und wiederholt versuchte er, immer wieder mit frischen Truppen den Angriff, wurde aber jederzeit zurückgewiesen, denn die tapferen preußischen Truppen, unter der Führung des Obersten von Götze, leisteten Hervorragendes.
In gleicher Weise verteidigten sich auch die Oesterreicher siegreich, so daß sich der Feldmarschall am Morgen des 25. Dezember in gehobenster Stimmung mit den Herren seines Stabes unterhielt, als der österreichische General von Funk gemeldet wurde.
Karl Ferdinand ging ihm erfreut entgegen.
„Sie kommen wie gerufen," redete er ihn an. „Meine
für uns ein warnendes Flammenzeichsn vor dem verhängnisvollen „Zu spät!" Es wäre verfrüht, schon in diesem Augenblicke bestimmte Forderungen für einen wesentlich beschleunigten Ausbau unserer Flotte aufzu- stellen. So viel aber steht fest und muß ausgesprochen werden: „Wir stehen unmittelbar vor der zwingenden Notwendigkeit, für den weiteren beschleunigten Bau unserer Flotte ganz erhebliche Mittel bereitzustellen."
Politische Nachrichten.
Berlin, 6. Februar.
S e. Majestät der Kaiser unternahm vorgestern nachmittag eine Promenade. — Zur Abendtasel waren geladen Geh. Rat Professor Dr. Kekule v. Stradonitz und Bildhauer Professor Goetze. — Gestern morgen machte Se. Majestät den gewohnten Spazier- gang im Tiergarten, beehrte den Reichskanzler mit seinem Besuche und hörte im Königlichen Schlöffe die Vorträge des Staatssekretärs des Reichsmarineamts, des Chefs des Marinekabinetts und des Chefs des Militärkabinetts.
(Generalfeldmarschall GrafWalder- f e e f) Hannover, 5. März. Generalfeldmars ch a l l Graf Wldersee ist heute abend kurz nach 8 Uhr gestorben. — Graf Waldersee verschied friedlich und ohne Todeskampf infolge hinzugetretener Herzschwäche. Am Sterbebette besanden sich seine Gemahlin und seine beiden Neffen. — Die Kunde vom Tode des Generalfeldmarschalls Grafen Waldersee, der so überraschend schnell nach kurzer Krankheit verschieden ist, wird im ganzen Deutschen Reiche ein Gefühl aufrichtiger Trauer hervorrufen. Die letzte Epoche seiner verdienstvollen Laufbahn, seine von Schwierigkeiten aller Art umgebene, von großem Erfolg gekrönte Mission in Ostasien, hat sich vor den Augen der ganzen Welt abgespielt und ihm lebhafte Anerkennung ein« getragen.
Seine Majestät der Kaiser hat folgendes Beileidstelegramm an die Gräfin Waldersee gerichtet:
Berlin, Schloß. 9 Uhr 58 Min.
In herzlicher Anteilnahme gedenken Ich und die Kaiserin Ihres jähen Verlustes, denn Wir wissen, was Sie in dem zu Gott Heimgegangenen besessen
Absicht ist, mich noch heute mit dem General Wurmser in Verbindung zu setzen, um mit ihm ein gemeinsames Vorgehen zu besprechen. Wir müssen losschlagen und zwar sobald als möglich, denn der Augenblick ist günstig und darf nicht verpaßt werden. Kommen Sie, ich will Ihnen alles auSeinanderfetzen, und dann fahren wir zusammen zu Wurmser."
General von Funk machte eine abwehrende Bewegung.
„Verzeihen, Durchlaucht," sagte er einigermaßen betreten, „ich bin mit einem Auftrage hergesandt, der sich leider mit den eben ausgesprochenen Worten von Euer Durchlaucht nicht vereinigen lassen wird."
Der Herzog trat zurück. Der belebte Ausdruck seiner Züge schwand und machte einer kalten Ruhe Platz.
„Sie wollen doch nicht etwa sagen, mein Herr General, daß die Herren da drüben schon Beschlüsse ge- faßt haben, ohne mich, ihren Verbündeten, mit zu Rate zu ziehen," fragte er scharf. „Oder sind Sie zu einer Besprechung hergesandt?'
„Ich bedaure, daß letzteres nicht der Fall ist, sondern daß ich nur beauftragt bin, Euer Durchlaucht das Resultat eines KriegSrateS mitzuteilen."
Karl Ferdinand, der vor dem Sprechenden gestanden hatte, drehte sich kurz um und ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab, dann blieb er wieder vor dem General stehen.
„Reden Sie," befahl er. „Ich bin an Nackenschläge gewöhnt und werde auch diesen überwinden."
Die klaren Augen bes Herzogs, die unter zusammengezogenen Brauen fest auf den General gerichtet waren,
und verloren. Mit Mir trauert die Armee, die zu ihm ausblickte als zu dem berufenen Führer in ernst kriegerischen Zeit. Ich verliere in ihm einen bewährten alten Freund. Gott tröste und stärke Sie.
Wilhelm R.
Auf der Tagesordnung des Herrenhauses stand am Freitag das Wildschongesetz. Nach den Beschlüssen der Kommission bestimmt § 2, daß weibliches Elchwild das ganze Jahr hindurch (im Entwurf nur vom 1. Oktober bis 15. September) Schonzeit hat, männliches Rot- und Damwild vom 1. März bis 31. Juli (im Entwurf vom 1. März bis 31. Juni), Rehböcke vom 1. Januar bis 15. Mai (im Entwurf vom I. Januar bis 30. April), Auerhähne vom 1. Juni bis 30. November (im Entwurf vom 1. Juni bis 31. August), Auerhennen vom 1. Februar bis 30. November (im Entwurf vom 1. Februar bis 31. August), Sirb, Hasel- und Fasanenhennen vom 1. Februar bis 30. September (im Entwurf vom 1. Februar bis 31. August), Wachteln vom 1. Dezember bis 31. August (1. Februar bis 30. August.) In § 3 wurde die Bestimmung eingefügt, daß der Abschuß weiblichen Elchwildes im Interesse des Landeskultur oder der Jagd- pflege für die Zeit vom 16. bis 30. September zu- gelassen werden kann. In § 6 wurde eingefügt, daß für den Vertrieb einzelner Wildarten, soweit er unter Kontrolle aus Kühlhäusern stattfindet, Ausnahmen von den zuständigen Ministern zugelassen werden können. Ein Antrag des Grafen v. b. Recke, wonach wilde Gänse von der Schonzeit ausgeschlossen sind, wird an» genommen. Mit dieser Aenderung gelangt § 2 zur Annahme. Sodann wird nach eingehender Debatte der Rest des Gesetzes in der Kommissionsfassung angenommen.
Am Freitage begann im Reichstage die zweite Beratung des Militär-Etats. , Der Abg. Bebel (Soz.) hielt eine feiner bekannten, von Uebertreibungen und Unwahrheiten strotzenden Reden gegen den „Militarismus" und rief damit den Kriegsminister v. Einem auf den Plan, der den Abg, Bebel glänzend abfertigte. Auch der freisinnige Abg. Müller-Meiningen spielte keine beneidenswerte Rolle. Der Kriegsminister v. Einem und der bayerische General v. Endres behandelten ihn mit so köstlichem Humor, daß das Haus wiederholt in schallende Heiterkeit ausbrach. Von nationalliberaler
verwirrten diesen, und nur stockend brächte er seinen Bericht vor.
„Der größte Teil der österreichischen Generale hat bei einem Kriegsrate einmütig beschlossen, daß man die Stellung bei Weißenburg verlassen und über den Rhein zurückgehen wolle."
Langsam war eine dunkle Röte in das Antlitz des Herzogs gestiegen.
„Unter den gegenwärtigen Umständen ist an keinen Rückzug zu denken," erklärte er in steigender Leidenschaftlichkeit, „wir selbst müssen den Feind angreifen, wo und wie wir ihn finden. Das ist meine Ansicht über die Lage der Dinge, von der ich nicht abgehen werde. Sagen Sie das den Herren vom Kriegsrate."
„Es wird sich schwer noch etwas an der Erklärung jener Herren ändern lassen," wagte der General zu bemerken.
Karl Ferdinands Zorn loderte in hellen Flammen empor. „Niemals werde ich meine Einwilligung zu einem Schritte geben, der beide Armeen vor den Augen der ganzen Welt mit Schande bedecken würde," brauste er auf. „Nicht einmal den Versuch hat man gemacht, den Feind anzugreifen, und da spricht man von einem Rückzüge! Dafür gibt es keine Entschuldigung!"
Funk behielt eine dienstlich stramme Haltung. In seinem Gesicht zuckte es, aber er beherrschte sich und schwieg.
Der Herzog, der sich wieder von ihm abgewandt ' hatte, kehrte noch einmal zurück. Seine Erbitterung mußte sich in einem letzten Worte Luft machen.