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herrselder Kreisblatt
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Kernsprech-Knschlutz Nr. 8 i
Nr. 46
Dienstag, den 18. April
1905
Amtlicher teil.
Cassel, den 30. März 1905.
Der Hessische Geschichtsverein hat die Gründung einer Abteilung für Volkskunde beschlossen, welche letztere sich die Aufgabe gestellt hat, in der Provinz planmäßige Erhebungen über die heimischen Bräuche und Lebensgewohnheiten, der mannigfachen Aeußerungen des Volksglaubens, der volkstümlichen Ueberlieferungen in Sagen, Märchen, Lied, Sprichwort und Mundart zu veranstalten. Die Erhebungen sollen durch Ausfüllung von Fragebogen geschehen.
Der Herr Ober-Präsident hat uns ersucht, dahin zu wirken, daß die Volksschullehrer unseres Bezirks für die Sache interessirt und veranlaßt werden, bei diesen Erhebungen tätig mitzuwirken und das Unternehmen tunlichst fördern zu helfen.
Wir ersuchen hiernach ergebenst, die Lehrerschaft des dortigen Kreises (Bezirks) zur hülsreichen Mitarbeit für die volks- kundlichen Ermittelungen und die Auszeichnungen hierüber zu veranlassen, die beifolgenden Fragebogen nebst den dazu gehörigen Vorbemerkungen durch Vermittelung der Herren Orts- schulinspektoren an die einzelnen Lehrer (Hauptlehrer oder Rektoren an größeren Schulsystemen) zu verteilen und den Letzteren bei den Auszeichnungen die größte Gewissenhaftigkeit anzu- empfehlen, da es aus Genauigkeit und unbedingte Zuverlässigkeit der Mitteilungen ankommt.
Die Fragebogen sind nach ersolgter Ausfüllung an die Herrn Ortsschulinspektoren (Stadtschulinspizienten) abzugeben, welche wir hiermit ersuchen, dieselben gesammelt an die volkskundliche 21 (Heilung des Vereins für Hessische Geschichte und L a n d e s k u n d e z. H. des Herrn Professors Dr. Karl Wenek in Marburg ,a / Lahn, Bismarckstraße 32, frei lt. Av. abzusenden.
Königliche Regierung, Abteilung für Kirchen- und Schulwesen.
F l i e d n e r. An die Herren Landräte des Bezirks, sowie die Stadtschul- tommiffion hier und die Stadtschuldeputationen in Hanau und in Marburg. B. 3955.
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Hersfeld, den 10. April 1905.
Vorstehendes bringe ich zur Kenntnis der Herren Ortsschulinspektoren des Kreises mit dem Ersuchen, für die Erteilung richtiger Beantwortung und demnächstige Einsendung der Ihnen in Kürze zugehenden Fragebogen an die oben bezeichnete Adresse Sorge zu tragen.
I. 2558. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rat.
Die Macht der Liebe.
Roman von A. v. L i l i e n c r o n.
(Fortsetzung.)
Der große Saal in der Schenke war mit Kränzen und bunten Fahnen geschmückt und lustig wirbelten dort die Paare umher, während die Musiker mit hochroten Wangen im Schweiße ihres Angesichts die mehr oder weniger wohlklingenden Töne ihren verschiedenen Instrumenten entlockten, nach deren Klängen sich alt und jung im Reigen drehte.
Grete sah blitzsauber aus und war unstreitig die Schönste und Klügste unter ihren Gefährtinnen. Das schien allgemein anerkannte Sache zu sein; denn die Burschen umlagerten das Mädchen und einer stieß den anderen zurück, um möglichst bald an sie heranzukommen. Ihr entging nichts davon, sie lachte, daß man die ganze Perlenreihe ihrer Zähne sehen konnte, und meinte frohgemut zu ihrem Tänzer, dem blonden Peter, „gelt, das ist schön, solch ein lustiges Fest?"
Der stimmte ihr bereitwillig zu und wollte eben wieder mit ihr tanzen, als Hannes herantrat: „Grete, das ist die Polka, die der Leierkastenmann immer spielte, der jedes Jahr ins Dorf kam," erinnerte er.
„Freilich, freilich," stimmte sie ihm lachend zu, „und weißt, wie wir danach getanzt haben, immer um die Linde herum, daß mir die Zöpfe nur so flogen?"
„Denkst ich könnt so was vergessen? Die Polka mußt jetzt normal mit mir tanzen I"
Der blonde Peter drängte sich vor. „Das geht nicht, wir ztvei wollten eben antrelcn."
„Diesmal laßt Ihr mich wohl heran," meinte Hannes freundlich.
„Muß gleich fort, denn ich hab noch versprochen, ben Oberbaner Hcimzubcglcitcn in sein Dorf."
Doch der Peter ivar nicht gesonnen, Grete abzutreten. „Das ist Eucre Sach," murrte er, „sucht Euch ein anderes Mädel, dies hier ist meine Tänzerin."
Grete machte der Sache schnell ein Ende. „Der Hannes geht vor, mit dem will ich die Polka tanzen," erklärte sie, und
I Aonigliches Lndratsamt.
Sprechstunde: Täglich von 9—12 Uhr
an den Wochentagen vormittags.
Nichtamtlicher Ceil.
At Mlelmerfcht des Kaisers.
Aus Taormina, 14. d., wird gemeldet:
Se. Majestät der Kaiser traf mit Gefolge bei herrlichem Wetter kurz nach 11 Uhr aus dem Torpedoboot Sleipner in Giardini vor Taormina ein und ging an Land. Unterwegs hatte der Kaiser den Vortrag des Chefs des Militärkabinetts Grafen Hülfen-Haeseler gehört. Ihre Majestät die Kaiserin, die Prinzen Eitel-Friedrich und Oskar und das Gefolge, sowie die Spitzen der Behörden erwarteten den Kaiser an der Landungsstelle in Giardini, von wo die Herrschaften zu Wagen nach Taormina hinauffuhren. Die Bevölkerung begrüßte die Majestäten enthusiastisch. Von den Rampen und den Balkons der Villen wurden Blumen in den Wagen geworfen. Am Eingang der Stadt entboten Bürgermeister und Beigeordnete den Willkommengrub. Von der Terraffe des Hotels Timeo genossen die höchsten Herrschaften die entzückende Aussicht über die blühende Landschaft mit dem Aetna im Hintergrund, sowie über das Meer und die kalabrischen Berge. Nach dem Lunch im Hotel Timeo begab sich der größere Teil des Gefolges auf dem Sleipner nach Messina zurück, während Se. Majestät der Kaiser mit dem Grafen Eulenburg, dem Generaladjutanten v. Scholl, dem Gesandten v. Schön, dem Militärattache v. Chelius und dem Leibarzt Dr. Jlberg in Taormina über Nacht zu bleiben gedenken.
M e s s i n a, 14. April. Der größere Teil des Kaiser, l t ch e n Gefolges ist heute abend hierher zurückgekehrt.
Ihre Majestäten der Kaiser und die K a t s e r i n gedenken morgen in Taormina zu verbleiben und sich morgen nach SyrakuS zu begeben, wohin die Hohenzollern und der Friedrich Karl morgen von hier abgehen.
Aus Giardini, 15. April, wird gemeldet: Seine Majestät KaiserWilhelm verblieb in der vorigen Nacht in Taormina im Hotel Times und arbeitete heute vormittag. Die Hohenzollern und der Friedrich Karl trafen heute nach, mittag aus Messina hier ein und gingen auf der Rhede vor Anker. Zur heutigen Abendtafel bet Ihren Majestäten dem Kaiser und der Kaiserin im Hotel Timeo sind sämtliche Herren der Gefolges geladen.
ohne sich um den Zorn des anderen zu kümmern, nieste- sie Hannes freundlich zu und ließ sich von ihni im Tanze fortführen, während die Kindheitserinnerungen sie wie bunte Bilder umschwebten.
Der Verschmähte sah den Tanzenden zornig nach, er mußte den Aerger, der in ihm aufftieg, auch in kräftige Worte übersetzen, herunterschlucken wollte er ihn nicht. Mochten sich doch andere auch ärgern, das war ihm eben recht.
Als er jetzt den jungen Jürk bemerkte, schien ihin dieser just die geeignete Persönlichkeit, die ein Verständnis für seine Gefühle haben konnte. Er ging schnurstracks auf ihn zu.
„Sich Dir mal das Paar da an, Deinen Schatz mit dem Vetter. Gefällt Dir's?" fragte er höhnend.
„Die Grete, das will ich meinen," gab der junge Bauer hochmütig zurück, „aber der Vetter mit der Lehrerweisheit, den kann ich nicht ausstehen."
„Dann würde ich mirs von meiner Brant verbitten, daß sie mit ihm tanzt."
Dem Klaus war heute Abend schon ein ähnlicher Gedanke gekommen, er hatte aber nicht daran gerührt, weil er seiner Sache nicht sicher war, ob Die Grete ihm gehorchen werde. Jetzt wurmte ihn die Bemerkung des Peter und doch wollte er sichs nicht merken lassen.
„Es hat mir keiner Ratschläge zu geben und drein- zureden, was ich tun muß," antwortete er verdrossen.
Solches hochfahrende Wesen des Jürk ärgerte den Burschen, dessen gereizte Stimmung dadurch verschärft wurde.
„Tu immerhin, was Dir gefällt, mir falls gleich sein," erklärte er.
„Aber wissen mußt Du vorerst, daß Dein Schatz, der meine Tänzerin war, mir nichts, Dir nichts, mit dem feinen Vetter durchbraunte, sobald der sich nur bei ihr blicken ließ. Ich forderte mein Recht und wollte sie mir nicht wegschnappen lassen, aber Deine Herzallerliebste behauptete, „der Hannes geht vor, mit dem will ich tanzen," — und weg war sie. Da paß Du nur auf, daß sie Dir nicht auch mal sagt, „der HanncS geht vor."
Klaus hatte genug und übergenug gehört, um sich die Laune verderben zu lassen. „Schon Dank, ich weiß ja nun
3« luffui in IM«M-AfM.
Der in der vorigen Woche unternommene Versuch einer Abteilung der südwestafrikanischen Schutztrupps, den alten Hendrik Witboi in ihre Gewalt zu bekommen, ist leider ohne Erfolg geblieben. Der Führer der Aufständischen hatte offenbar Wind bekommen von der Gefahr, in der er schwebte, und sich rechtzeitig aus dem Staube gemacht, so daß es nur zu einem Nachhutgefechte kam. Auch bei diesem Vorstoß hatten unsere Truppen wieder unter den Schwierigkeiten des Geländes und der Wasserversorgung arg zu leiden. Der amtliche Bericht über diese Vorgänge lautet:
Nach Meldung Generalleutnants von Trotha au» Kub erhielt Hauptmann Manger von der Abteilung Meister in Haruchas durch einen Buschmann die Nachricht, daß Hendrik Wilboi an einer Bley zwischen dem Elefantenfluß und dem Noffob, anscheinend südlich Kowise-Kolk, fitze. Hauptmann Mangel trat sofort mit 279 Gewehren und zwei Geschützen den Vormarsch an und griff am 7. April die Nachhut Hendrik Witbois östlich jener Bley an. Dem Feinde wurden erhebliche Verluste beigebracht. Diesseits find 1 Offizier, 3 Reiter gefallen, 3 Reiter verwundet. Der Vorstoß hatte über zahlreiche Dünen 90 Kilometer weil in wasser- lose Gegenden hineingeführt und mußte schließlich einge- stellt werden, da Reit- und Zugtiere wegen gänzlichen Wassermangels erschöpft waren. Von Auob entgegengefahrenes Wasser ermöglichte der Abteilung die Rückkehr.
Der russisch-japanische Krieg.
Das japanische Marinedepartement gibt bekannt, daß die Meldungen von einer Seeschlacht auf der Höhe von Saigon unbegründet sind.
Wie aus dem Haag berichtet wird, ist weder von der holländisch-indischen Regierung noch bei der japanischen Gesandtschaft in der niederländischen Hauptstadt irgend eine Nachricht eingelaufen über eine Seeschlacht bei den Anamba» Inseln. — Nach amtlicher, früher eingegangener Nachricht hat man im Haag die Erwartung, daß die russische Flotte bald gänzlich die indischen Gewässer verlassen wird.
Ferner meldet der Daily Telegraph aus Tokio: »Alle Gouverneure längs der Südküste von China haben aus Peking Anweisung erhalten, für den Fall, daß die Russen beabsichtigen sollten, sich dort eine Basis für ihre Flotten- operationen zu schaffen, eine ablehnende Haltung zu beobachten. Man vertritt hier die Ansicht, daß gegenwärtig für eine Seeschlacht die geeignetste Jahreszeit sei. Das Auftreten der Taifunstürme ist für den Anfang kommenden Monats zu erwarten. Der Kreuzer Warjag, der von den Russen am 8. Februar 1904 freiwillig versenkt wurde, wird wahrscheinlich bis zum 19. April in Tschemulpo wieder flott werden. Die Fortsetzung der Fihrt des Baltischen
Bescheid," sagte er in verbissenem Grimme und drehte dem Burschen den Rücken, der nun wenigstens die Befriedigung mitnahm, daß außer ihm sich noch einer diesen Abend geärgert hatte.
In Klaus kochte der Zorn, wenn er auf das Paar blickte, das jetzt schon zum drittenmale Herumtanzte. Er versuchte, sich zu ihnen durchzuarbeiten, aber gerade in dem Augenblicke, als er Grctes Arm erfassen und sie zum Stillstehen zwingen wollte, tanzte ihn ein anderes Paar so kräftig an, daß er zurücktaumelre und seine Absicht dadurch vereitelt wurde.
Das erhöhte seinen Aerger und verschärfte die Heftigkeit mit der er jetzt, — und diesmal mit Erfolg, — dazwischen trat, als Grete wieder an ihm vorbeitanzen ivollte.
„Nun ists genug! Jetzt kommst Du zu mir," fuhr er sie an und hielt sie an der Schulter zurück.
Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an. Sie war stehen geblieben; den Kopf in den Nacken geworfen, blitzte sie ihn herausfordernd an. „Was fällt Dir ein, Klaus!"
Dem Hannes war bei dieser gewaltsamen Einmischung das heiße Blut auch zu Kopf gestiegen. Er hatte seine Tänzerin sofort freigegeben, doch beherrschte er sich, als er an des Mädchens zuckenden Lippen gewahrte, ivie erregt sie selbst war. „Ihr dürsts uns nicht verargen, daß wir das Tanzen ausgenutzt haben," sagte er in möglichst ruhigem Tone zu Jürk, „ich muß gleich iveg vom Feste und morgen früh gchts wieder zum Regiment."
Wenn etwas die Mißstimmung des Klaus besänftigen konnte, so war es die Ailssicht, daß der verhaßte Nebenbuhler das Feld räumen wollte. Doch diese ruhigere Stimmung ivar rasch verflogen, als Grete ihm schmollend vorwars, „Du hast uns die ganze Freude verdorben! Nach der Polka haben wir schon als Kinder getanzt, da hättest Du nicht ba= zwischen zu fahren brauchen."
Der letzte Fidelstrich erklang eben, der Tanz war zu Ende und die Paare verteilten sich im Garten, um sich während der Pause abzukühlen.
Hannes hatte das von neuem aufsteigende Wetter in den