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Herrselder Armblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt' und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-slnschlutz Nr. 8
Nr. 87.
Donnerstag, den 27. Juli
1905.
Amtlicher teil.
Gefundene Gegenstände:
5 Mark auf der Straße von Hersseld nach Friedlos. Meldung des Eigentümers bei dem Ortsvorstand in Friedlos.
nichtamtlicher teil.
K politische Moral der Kaiserbeaegaang in btn Scham von Kjörlo.
Die politische Welt ist diesesmal von der Begegnung des deutschen Kaisers mit dem russischen Zaren förmlich überrascht worden. Zwar wurde von einer vermutlichen Zusammenkunft des Kaisers Wilhelm mit dem Zaren Nikolaus bereits am 22. Juli berichtet, aber daß dann diese Zusammenkunft bereits am Abend des 23. Juli in den Schären von Björkö in Finnland auf der deutschen Kaiser- Jacht „Hohenzollern" und der russischen Kaiser-Jacht „Polarstern" schon stattgefunden hat, war doch eine große Ueberraschung für die politische Welt und zumal für die argwöhnischen Augen des Auslandes. Das Geheimnis des Tages und die Stunde der Zusammenkunft war also im Interesse der Sicherheit des Zaren Nikolaus, der seine Einsamkeit in Schloß Peterhof plötzlich aus zwei Tage verließ, vorzüglich gewahrt worden. Möglich, ja wahrscheinlich ist es aber auch, daß der Zar Nikolaus ganz plötzlich den Wunsch äußerte, den an der schwedischen Küste aus seiner diesjährigen Nordlandsfahrt befindlichen deutschen Kaiser sprechen und von ihm Urteil und Rat in der schwierigen Lage Rußlands hören zu wollen. Menschlich und politisch wäre ein solcher Wunsch des Zaren im hohen Grade begreiflich, denn es ist bekannt, daß der Kaiser Wilhelm und der Zar Nikolaus freundschaftlich und verwandtschaftlich mit einander verbunden find, und wird sich nicht in schwierigen Lagen ein Freund an den anderen wenden, um sich Rat und Beistand zu holen I Zwar ist klar, daß das deutsche Reich, um seine NeutralitätSpflicht nicht zu verletzen, dem russischen Reiche irgend einen aktiven Beistand in seiner j tzigen kritischen Lage nicht leisten kann, und auch unter keinen Umständen leisten wird. Aber einen unendlich hohen moralischen Beistand kann Deutschland Rußland leisten und der deutsche Kaiser ist vielleicht der einzige Mann auf der Welt, der diesen moralischen Beistand in die rechte Worte kleiden kann. Kaiser Wilhelm konnte und kann nämlich dem von Höflingen und heuchelnden Bureaukraten umgebenen Zaren einmal die Wahrheit über Rußland sagen, über seine trostlose Verwaltung, über seine erbärmliche Flotte und sein unfähiges Heer. Da sich die beiden Herrscher seit dem Ausbruche des russisch-japanischen Krieges nicht
Lebenskrisen.
Roman von Freifrau G. v. S ch l i p p e n b a ch. (Fortsetzung.)
Sech st es Kapitel.
„Meine lieben Kinder, willkommen in eucrm Heim, Gott segne euer» Eingang!"
Mit diesen Worten begrüßt die alte Baronin Horst das junge Paar, das von der Hochzeitsreise zurückkehrt. Stuf dem Gesichte der Greisin spiegelt sich die reinste Freude wieder. Sie steht auf der steinernen Freitreppe. Das weiße Haar der Blinden glänzt silbern, und sie streckt die Arme sehnsüchtig dem Sohne und der Tochter entgegen.
Hedda, am Arme des Gatten, steht regungslos da. Sie ist sehr bleich geworden und kämpst verzweifelt die Tränen nieder, die ihr die Wimpern feuchten wollen, die nicht fließen dürfen und deshalb kalt und schwer auf das junge Herz fallen. Den blonden Kopf stolz zurückgeworfen, den rechten Fuß etwas vorgeschoben und die freie Hand fest geballt, so blickt sie an der Schwiegermutter vorbei auf das große Haus, daS ihre Heimat werden soll. Die weißen Zähne graben sich tief in die Unterlippe; es tut ihr luotjl, einen körperlichen Schmerz zu fühlen, um den Schrei gewaltsam zurückzupressen: „Es ist alles Schein, er hat mich um mein Recht an Glück und Liebe betrogen I"
Amon Horst ist beinahe ebenso bleich wie sein junges
■ ^wc tiefe Falte gräbt sich in seine Stirn, ein düsteres m llummt in den braunen Augen. Er wird von seinen umringt, ihre Hochruse wiederholen sich immer enthu- a >scher, und der neue Förster hat Ehrenpforten errichten lassen. Welche Komödie!
Aber sie darf c§ nicht ahnen, sie, die arme Blinde, die mit so seligem Ausdrucke dasteht, sür die dieser Tag ein Lichtstrahl im Dunkel ihrer Nacht ist.
„Mutter!" Mehr kann Hedda nicht sagen, als sie die Arme um die gebrechliche Gestalt legt und die Hand der Greisin an die Lippen drückt; eine warme Träne füllt aus den Augen der jungen Baronin daraus nieder.
gesehen haben und seit siebzehn Monaten Unglück über Unglück über Rußland hereingebrochen ist, so dürste der Zar ohne Zweifel den Wunsch haben, einmal das Urteil des so hoch stehenden und unbefangenen Kaisers Wilhelm über Rußlands Unglück zu hören. Und weiter noch kann auch Deutschland durch seine unbedingt friedliche Politik und wohlwollende Handlung Rußland viel moralischen Beistand zur Ordnung seiner zerrütteten und verfahrenen Verhältnisse leisten, denn ein ständiges Unglück Rußlands und eine vollkommene Zerstörung seiner Machtstellung ist nicht zum Segen sür Europa und auch nicht zum Segen für Deutschland, denn dann verschwände Rußland aus den Reihen der Großmächte und zumal auch aus den Reihen der in Asien Europa vertretenden Großmächte; und dies kann ver europäischen Kultur nie und nimmer frommen. In fast allen Völkern, die Rußland beherrscht und beeinflußt, und auch ferner in den zahlreichen mongolischen Völkerschaften Asiens steckt noch so viel Barbarei und wilde Leidenschaft, daß eine Macht wie Rußland zur Zähmung des wilden Ostens nicht ohne weiteres ganz entbehrt sder gar durch die einseitig strebe- rissen Japaner ersetzt werden kann. Und auch in Europa selbst saß Rußland ein neuer starker aber friedlicher Kultur, faktor werden. Dies ist eine Zukunftsaufgabe, an der auch Deutschland moralisch mitzuwirken hat.
Der russisch-japanische Krieg.
Der russische Minister Witte hat zur Stunde Paris wieder verlassen und die Reise nach Portsmouth in Nordamerika zur dortigen Friedenskonferenz fortgesetzt. In Paris hatte Herr Witte längere Besprechungen mit dem Präsidenten der Republik, Loubet, und mit dem Ministerpräsidenten Rouvier; am Montag nachmittag besuchte der deutsche Botschafter Fürst Radolin den Minister Witte, mit dem er von seiner Petersburger Botschafterzeit her in freundschaftlichen persönlichen Beziehungen steht.
Petersburg, 24. Juli. General Linewitsch meldet unterm 22. Juli: In der Gegend von Hailungchöng ging am 20. Juli, morgens 10 Uhr, eine russische Abteilung in zwei Kolonnen gegen die feindlichen Stellungen vier Werst nördlich von Iulangtse vor. Die rechte Kolonne rückte gegen die Front des Feindes heran, die linke Kolonne dagegen umging den rechten Flügel der Japaner. Das plötzliche Erscheinen der linken Kolonne in den Seitenstellungen des Feindes zwang diesen, diese Stellungen ohne Widerstand zu räumen. Die Russen besetzten hierauf die japanischen Laufgräben, während sich die Japaner auf eine be, festigte Stellung im Westen von Iulangtse zurückzogen. Ein Tal deckte ihre Bewegungen. Für die Russen bot es große Schwierigkeiten, die Terrainhindernisse zu überwinden. Dies veranlaßte ihren Rückzug in die Gegend nördlich von Liaupunoff.
Was Port Arthur in den Händen der Japaner ge«
„Ja, weine nur mein Kind", sagt die Blinde, „auch ein großes Glück treibt uns die Tränen in die Augen, Schmerz und Freude gleichen sich darin."
Hedda hebt den Kopf zu dem Gatten empor. Er kann den stummen, anklagenden Blick nicht ertragen, er senkt das stolze Haupt schuldbewußt. Die sonnigen Augen der jungen Frau haben das Strahlende verloren, sie sind sehr ernst gc» worden, ein großes Weh liegt in der grauen Tiefe.
Horst wendet sich ab und spricht mit dem Förster.
„Sie haben alles sehr hübsch arrangiert", sagt er und reicht dem bärtigen Manne in Jägerkleidung die Hand, „ich danke Ihnen, Herr Schmitt. Lassen Sie den Leuten Essen und Bier geben; die Wirtschafterin erhielt meine diesbezüglichen Befehle."
Hedda hat unterbeffen ihre Schwiegermutter in das Haus geführt; die Blinde stützt sich fest auf den jungen Arm.
„Mein liebes Töchterlein", sagt die alte Dame, „in deinen Händen liegt jetzt daS Glück meines einzigen Kindes, du wirst es hüten und pflegen. Max ist ein edler, herrlicher Mensch, der keiner niederen Handlung fähig ist. Sein Charakter ist offen und zuverlässig. Glaube nicht, daß ich als seine Mutter parteiisch bin, ich kenne meinen Sohn und weiß, daß er dazu geschaffen ist, eine Frau glücklich zu machen."
HeddaS Brust hebt und senkt sich heftig in mühsam unterdrückter Aufregung. „Ja, wenn er seine Frau liebt!" Dieser verzweifelte Schrei tönt in ihrer Seele wieder.
„Du bist so still, mein Kind", fährt die Blinde fort, „ich verstehe das. Es fällt dir schwer, die rechten Worte für dein großes Glück zu finden; eS ging mir ebenso, alS ich meines Hugo Weib wurde. Man versteckt seine junge Ehcseligkeit keusch vor den Menschen. Aber vor mir tue eS nicht, mein Liebling, denke daran, daß die Aeußerung deiner Freude mich wie ein warmer Sonnenstrahl trifft."
Hedda gewann allmählich ihre Selbstbeherrschung wieder. Sie hatte eS in der letzten Zeit meisterhaft gelernt, das früh, liche Kind war eine ernste, schmerzgeprüste Frau geworden. Jetzt plauderte sie lebhaft und erzählte von der Hochzeitsreise, schilderte Gegenden und Städte, die sie gesehen hatte. Das
worden ist, haben die letzten von dort soeben nach Odessa gekommenen russischen Kämpfer erzählt. Vor ihrer Abreise haben sie die Japaner in Port Arthur herumgeführt, um ihnen die umgebauten Befestigungswerke zu zeigen. Alles ist, wie die Soldaten erzählen, neu gemacht: solide, sparsam, erstaunlich schnell. „Wir konnten unsere Verwunderung nicht verhehlen. Jetzt ist die Festung wirklich unzugänglich. Das Haus, in dem General Kondrotenko gewohnt hat, ist zum Zeichen der Achtung vor seinem Andenken unberührt geblieben. Die Japaner haben alles, was an fein Leben und seine Wirksamkeit erinnern könnte, in seiner schlichten Wohnung gesammelt. Ueber der Tür steht die Inschrift: „Hier hat der russische Held General Kondratenko gewohnt." Von uns, den letzten Russen, haben die Japaner ungemein rührenden Abschied genommen und den innigsten Wunsch aurgedrückt, uns recht bald als friedliche Freunde zu begegnen."
Ae Vorgänge in Nto.
Nachdem au» den Kreisen der russischen Linienosfiziere mehrfach Proteste gegen die Verwendung der Truppen zu Polizeizwecken erhoben worden sind, schließen sich jetzt auch die Kosaken dieser Bewegung an. Die Adelsvertretung des Dongebietes, aus dem sich ein sehr großer Teil der Kasoken- waffe rekrutiert, hatte bereits einen dahin zielenden Einspruch nach Petersburg gesandt; jetzt erhebt sich der Geist des Widerstandes auch in der Truppe selbst.
Aus Nowotscherkask wird gemeldet: In sech« Dorischen Kasakenregimentern, deren Mobilisation soeben beendet ist, herrscht großer Aufruhr. Sie weigern sich, Polizeidienste im Innern des Reiches zu leisten, was sie als eine des Soldaten unwürdige Schmach hinstellen. Eines jener Regimenter, da» in voller Kriegsausrüstung und in vollem Bestände zusammengetreten war, sandte dem Kosaken- Altamann ein Telegramm, worin Offiziere wie Mannschaften den Dienst im Innern des Reiche» ablehnen, da. gegen sich bereit erklären, ihr Leben im Kriege im fernen Osten jederzeit in die Schanze zu schlagen. Da» Telegramm wurde sofort dem Kriegsminister übersandt, der den Befehl erteilte, die Ruhe im Regiment unverzüglich wiederherzu- stellen.
Die weiteren heute au» Rußland eingegangenen Nachrichten bieten dasselbe traurige Bild einer mit Mordtaten arbeitenden revolutionären Bewegung wie alle Meldungen der letzten Zeit.
Wien, 25. Juli. In Warschau ist nach hierher gelangter Meldung ein Geheimagent durch Messerstiche getötet worden. Fast gleichzeitig fielen in LoSzyze ein Schutzmann, in Kalisz ein Polizist und in Sosnowice ein Detektive Attentaten zum Opfer.
B r e » l a u , 25. Juli. Nach einer Meldung aus Lodz wurde in einem Hause an der Kamiennastraße eine Bomben-
scharfe Ohr der Blinden hörte den Klang heraus, der sonst der frischen Stimme fremd gewesen war.
„Fühlst du dich von der weiten Reise angegriffen, mein Kind?" fragt die alte Dame freundlich, „du solltest dich auS- ruhen."
Es war gut, daß Horst eben in das Zimmer trat, denn die Selbstbeherrschung Heddas war zu Ende.
„Ja, liebe Mutter, du hast recht", sagte der Baron, „wir sind von Florenz Tag und Nacht gereift, es war eine sehr anstrengende Tour. Komm, Hedda, ich will dich auf dein Zimmer führen, du kannst dich einige Stunden bis zur Abendmahlzeit niederlegen."
Er reichte seiner Frau mit einer höflichen Verbeugung den Arm, sie legte kaum die Fingerspitzen daraus, dann führte er sie durch die Flucht der hohen Zimmer. An ihrem Ende öffnete er eine Tür.
„Hier sind deine Räume", sagte er; „wenn du irgend eine Aenderung wünschest, so sage es mir, bitte. Ich habe mir Mühe gegeben, deine» Geschmack, soweit ich ihn kannte, bei der Einrichtung zu berücksichtigen."
Sie standen nebeneinander in dem hellen, hübsche» Zimmer, das durch zwei große Spiegelfeilster mit Butzenscheiben das Licht empfing. ES war ein entzückendes Restchen mit hell blauseidenen Sesselchen und goldlackierten weißen Möbeln. Die weiße Tapete trug Rosenbukette, und ein weicher, schöner Teppich bedeckte den Fußboden. Vor der Chaiselongue lag das Eisbärenfell, auf dem Hedda als Braut gern gesessen hatte
„E§ ist kaum mehr als ein halbes Jahr her", denkt sie bitter, „ich bin ein anderer Mensch in der kurzen Zeit geworden."
Ein zierlicher Nußholzschreibtisch trägt eine kostbare Ein richtung aus Bronze und Lapislazuli, und herrliche Blumen schmücken die Fenster, duften aus den Konsolen und Marmor- tischchen. Die Augen der jungen Baronin Horst gleiten müde über das Zimmer hin. Wie neu unb fremd sieht alles aus! Wie alt erscheint ihr dagegen ihr 18jährigeS Herz, daS die eine traurige Erfahrung im blühenden Lebensmut getroffen hat!