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herssel-er Kreisblatt
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Kernsprech-slnschlutz Nr. 8
Nr. 94* Sonnabend, den 12. August 1905»
Amtlicher teil.
Hersseld, den 10. August 1905.
Die Herrn Ortsvorstände von Biengartes, Eitra, Friedewald, Heringen, Meisebach, Oberrode, Sorga und Wilhelms- Hof, die mit der Erledigung meiner Verfügung vom 29. Juni 1880 — Kreisblatt Nr. 52 — betr. Verzeichnis der von Privathengsten abstammenden Füllen noch im Rückstände stnd, werden hiermit an die Einsendung der diesbezüglichen Berichte mit Frist bis zum 15. d. Mts. erinnert.
1. 4686. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz,
Geheimer Regierungs-Rat.
Hersfeld, den 10. August 1905.
Die Herrn Ortsvorstände von Allmershausen. Biengartes, Friedlos, Heringen, Lampertsfeld, Lautenhausen, Meisebach, Oberrode, Roßbach und Wilhelmshof, die mit der Erledigung meiner Verfügung vom 5. November 1892 — Kreisblatt Nr. 133 — betr. Herabminderung von Strafen noch im Rückstand« stnd, werden hiermit an die Einsendung des diesbezüglichen Berichtes mit Frist bis zum 15. b. MtS. erinnert, bet Mtidung einer Ordnungsstrafe von 3 Mk.
I. 4794. Der Königliche Landrat
Freiherr Don Schleinitz,
Geheimer Regierungs-Rat.
Hersfeld, den 8. August 1905.
Die unter den Schweinen des Gutsbesitzers Müller zu Hof Thalhausen bei Wehrshausen auSgebrochene Rotlausseuche ist erloschen. 1. 5518. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rat.
Hersfeld, den 10. August 1905. Die unter dem Schweinebestande des Ernst Kehres zu Hersfeld ausgebrochene Schweinepest ist erloschen. 1. 5571. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rat.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Wenn sonst in den Tagen der HundstagShitze und sauern Gurke ein lautes Stöhnen durch die Presse geht, die ihre Aufgabe, dem getreuen Leser täglich politische Neuigkeiten darzubieten, scheitern fleht an dem müden TrägheitSbedürfniS des Sommers, so haben die letzt- verflossenen Wochen eine schroffe Ausnahme gebildet, wie sie seit Jahren nicht verzeichnet werden konnte. Da war Marokko mit seinen Zwiespältigkeiten und Gefahren, mit Delcaff^r Sturz und dem Gespenst eine» deutsch-französischen Kriege»; die Begegnung de» Zaren mit dem deutschen Kaiser in einer Stunde, in der über dem befreundeten Nachbarland« die Hand eine« dunklen Geschicks ruhte; ferner der erste Versuch, unter der schirmenden Hand des ehemaligen Rauhreiter« Roosevelt dem ergreifenden Drama ein Ende zu bereiten, das sich im fernen Osten absptelt; weiter die Ankündigung, daß die englische Flotte in der deutschen Ostsee Manöverübungen abhalten will. Und jetzt die Meldung, daß Kaiser Wilhelm mit seinem Oheim, dem Könige Eduard, in einer deutschen Stadt zusammentreffen soll. Wahrlich Stoff genug zu politischen Betrachtungen! Zwar ist über diese angeblich bevorstehende Zusammenkunft des deutschen Kaiser» mit dem englischen Könige noch nicht« Zuverlässige« bekannt, aber wenn sie stattfindet, ist sie vielleicht auf den Wunsch des König» Eduard zurückzu- führen, durch diese Begegnung, die jetzt auch in englischen »Blättern vielfach in sehr sympathischer Weise besprochen den weitverbreiteten Eindruck politischer Gereiztheit zwischen Deutschland und England wie auch eine» persön- lichen Zerwürfnisse» der beiden nahe verwandten Herrscher zu mildern. —
Noch sind die Nachklänge der großen Bergarbeiterstreik» kaum verhallt, und schon wieder ist ein wirtschaftlicher Kamps entstanden, der, wenn er wirklich in vollem Umfange zum Ausbruch- gelangt, seinem rhelntsch.westfältschen Vorgänger an Verderblichkeit der Wirkungen nichts nachgeben wird. Es handelt sich um den Streit zwischen Arbeitern und Arbeitgebern in der sächsisch.
thüringischen Textilindustrie. Der Verband sächsisch-thüringischer Webereien wollte mit einem ständigen Ausschuß von Vertrauensmännern der Arbeiter über einen neuen Lohntarif, der eine Ausbesserung der Löhne bringen sollte, verhandeln. Die Arbeiter selbst hatten einen solchen Ausschuß gewünscht. Nun hat dieser beschlossen und publiziert, daß jede Verhandlung, zu der die Vertreter des (sozialdemokratischen) Textilarbeiterverbande« nicht zugezogen würden, abgelehnt wird. Jeder Abschluß von Tarifverträgen ohne Zustimmung bes Textilarbeiterverbandes sei für letzteren nicht bindend. Diese Erklärung ist an alle Arbeitgeber abgesandt worden, noch ehe die Arbeiter eine Einladung zu einer Besprechung erhalten hatten, worauf die Aussperrung der Textilarbeiter erfolgte. Man kann wohl annehmen, daß am 19. August, nachdem die Aussperrung völlig durchgeführt ist, die Familien der Feiernden eingerechnet, 100 000 Personen in Sachsen und Thüringen brotlos sein werden.
Aus unserer südwestafrikanischen Kolonie kommt die überraschende Nachricht, daß sich der alte Hendrik Witboi, der sich auf englischem Gebiete in Sicherheit gebracht hatte, noch einmal den deutschen Truppen stellen will. Durch die Kette unserer Besatzungen hindurch hat der alte schlaue Fuchs von der englischen Grenze her seine Leute in kleinen Abteilungen westwärts ziehen lassen und steht nun mit den vereinigten Trupps wieder mitten im Namaland, nicht weit von Gibeon. Jedenfalls ist dieser Zug mitten in die deutschen Truppen hinein für ihn ein kühnes Wagnis. Hegt er Siegeshoffnung? Oder will er in seinem angestammten Lande den Tod suchen anstatt sich auf englischem Gebiete als Vagabund herumzudrücken? Oder ist'» vielleicht nur die alte Lust am Orlog, die aufs neue mächtig in ihm erwachte, nachdem er außer dem Leben nichts mehr zu verlieren hat! Es dürften daher unseren braven Truppen noch harte Kämpfe bevorstehen, und es wäre dringend zu wünschen, daß es dem General Trotha gelingt, den Feind völlig nieder,uwcrfen. Freilich werden alle Erfolge auf dem Schlachtfelds in Frage gestellt, wenn die Engländer an ihrer weitherzigen Auffassung der NeutralitätSpflicht festhalten und wieder in ihrem Gebiete den Banden Witbois Aufnahme gewähren, von wo diese dann jederzeit einen neuen Vorstoß unternehmen können.
Die französische Denkschrift über die Marokkokonferenz ist nunmehr in Berlin einge» troffen. Die Denkschrift, in welcher die Wünsche der französischen Republik hinsichtlich der in Marokko einzu- führenden Reformen zufammengefaßt sind, unterliegt zur Zeit der Prüfung, von deren Ergebnis die von deutscher Seite zu gebende Antwort abhängt.
Ein recht schlechtes Zeugnis hat Lord Roberts der englischen Armee ausgestellt. „Es würde der Gipfel der Torheit für England fein, sich in einen Krieg mit einer zivilisierten Macht einzulassen, solange sein Heer ist, wie es ist." Das ist das Urteil, zu dem Lord Roberts, der sich schon vor einiger Zeit im englischen Obernhause sehr ernst über den Zustand der englischen Armee geäußert hat, in einer Rede bei einer Versammlung der Londoner Handelskammer gelangt. Seine Ausführungen haben in ganz England nicht geringes Aufsehen erregt, und vielleicht nehmen sich diejenigen, die in England schon seit geraumer Zeit zu einem Kriege gegen Deutschland hetzen, diesen Aus- spruch des größten und erfolgreichsten Soldaten Englands zu Herzen.
In Portrmouth bei New-Dork sind die russisch- japanischenFriedenSverhandlungen eröffnet worden, nachdem die beiderseitigen Bevollmächtigten vorher persönlich zusammen getroffen und einander durch Präsident Roosevelt vorgestellt worden waren. Die trübe Auffassung über da« Zustandekommen des Frieden«, mit der beide Teile nach Amerika gekommen waren, scheint in letzter Stunde geschwunden zu sein, da die günstigen Eindrücke, die der russische Bevollmächtigte Witte in seiner Unterredung mit dem Präsident Roosevelt erhielt, das Zustandekommen einer Einigung mit Japan nicht unmöglich erscheinen lassen. Hoffentlich führen die Verhandlungen zu dem Ergebnis, daß dem Blutvergießen im fernen Osten ein Ende gemacht wird.
Kaisertesuch in Wen.
Seine Majestät der Kaiser begab sich am Mittwoch nach Abschluß der Kavallerieübung bei Posen in das Lager zurück, nahm dort da« Frühstück ein und fuhr sodann im Automobil zum Bahnhof Gerberdamm, wo er den Sonder- zug bestieg und um 8 Uhr 22 Minuten über Gnesen, da« um 3Vi Uhr passiert wurde, nach Station Grünfeld sich begab, um dort zu Pferde zu steigen und einer Uebung der achten Jnfanteriebrigade beizuwohnen. Nach der Gefechtsübung aus dem Truppenübungsplatz Gnesen nahm Seine Majestät der Kaiser den Vorbeimarsch der beteiligten Regimenter ab und setzte sich an die Spitze der Brigade, um in Gnesen einzureiten.
Beim Einzug Er. Majestät de« Kaiser« ritt eine Schwadron der Leibhusaren dem Kaiser, der deren Uniform
trug, voraus. Die spalierbildende vieltausendköpfige Bevölkerung brächte Seiner Majestät stürmische Huldigungen dar. Der Einzug geschah unter dem Geläut aller Glocken. Auf die Begrüßung dankte Se. Majestät nach allen Seiten freundlich grüßend.
Al» Seine Majestät der Kaiser bis an die Tribünen herangeritten war, hielt Bürgermeister Schoppen eine Ansprache, in der er dem Kaiser ehrfurchtsvollen Willkommen und ehrerbietigsten Dank für den Besuch dar- brächte.
Se. Majestät der Kaiser antwortete auf die Ansprache des Ersten Bürgermeisters folgendes:
Indem Ich Ihnen für die namens der Stadt Gnesen soeben gesprochenen Worte Meinen Dank sage, drängt es Mich, auch der Stadt hier auf offenem Markt Meine tiefe Dankbarkeit auszusprechen für den schönen Empfang, den sie Mir bereitet hat, für den Schmuck der Häuser und vor allen Dingen für die frohen Gesichter. Nicht zum geringsten hat mich gefreut, daß auch die Ansiedler in hellen Scharen zusammengekommen find, um Mir ihren Gruß zu bieten, und (sich zum Oberpräsidenten der Provinz Posen wendend) Ich hoffe, daß Ew. Exzellenz Gelegenheit finden werden, den Ansiedlern Meinen herzlichsten Dank auszusprechen, daß sie sich in so großer Menge hierher verfügt haben. Ich freue Mich zu sehen, daß die Arbeit deutscher Kultur so brav und mutig, wenn auch schwer und langsam, sich Bahn bricht. Ich freue Mich zu sehen, daß die preußische Stadt Gnesen dem König von Preußen in dieser schönen Art zu huldigen weiß. Die vor wenigen Jahren von Mir in Possn gesprochenen Mahnungen und Ermahnungen werden hoffentlich noch überall in Ihren Herzen bewahrt sein. E» hat aber den Anschein, als ob manche Meiner polnischen Untertanen immer noch nicht im klaren darüber sind, ob sie Schutz und Recht unter dem Hohenzollernbanner finden, und eine leicht angeregte Phantasie mit der Pflege geschichtlicher Erinnerungen kann manches begeisterte Gemüt zu falschen Schlüssen führen. Wie damals, so auch heute möchte Ich wiederholen, daß ein jeder katholische Pole wisse, daß seine Religion geehrt wird von Mir, und daß er bei der Ausübung derselben in keiner Weise gestört werden wird, daß er aber Ehrfurcht und Achtung vor andere« Konfessionen zu bewahren hat, ebenso wie wir vor der seinen. So ist auch aus deutscher Seite nicht nachzulassen im Werke der Kultur. Wer als Deutscher ohne Grund seinen Besitz im Osten veräußert, der versündigt sich an seinem Vaterland; welch Standes und welch Alters er auch sei, er muß hier aushalten. Mich dünkt, es wird hier in deutschen Gemüt ein kleiner Zwiekampf ausgefochten zwischen Herz und Verstand. Wenn man in der Lage ist, einen guten Erwerb sich zu verschaffen, dann spricht da» Herz: Nun setze dich zur Ruh', zieh' dich zurück und gehe in den fernen Westen, wo es schön ist. Da muß der Verstand dazu kommen und sagen: Hier gilt erst die Pflicht, dann bas Vergnügen. Hier im Osten zu wiiken, ist eine Verpflichtung gegen bas Vaterland, gegen das Deutschtum, und wie der Posten nicht von seiner Wache weichen darf, so dürfen Deutsche nicht aus dem Osten weichen. Für jeden, sei er polnisch oder deutsch, der aber katholisch ist, möchte Ich noch eins erwähnen: Als bei Meinem letzten Besuch im Vatikan der greife Leo XIII. von Mir Abschied nahm, da faßte er Mich mit beiden Händen und — trotzdem Ich Protestant bin — gab er Mir seinen Segen mit folgendem Versprechen: Ich gelobe und verspreche Euerer Majestät im Namen aller Katholiken, die Ihre Untertanen sind, sämtlicher Stämme und jedes Stande», daß sie stet» treue Untertanen bes Deutschen Kaiser« und König« von Preußen sein werden. An Ihnen, Meine Herren vom Kapitel, wird e« sein, da« hohe Wort des großen priester- lichen Greise« zur Wirklichkeit zu machen, auf daß derselbe nicht dereinst noch nach seinem Tode wortbrüchig werde dem Deutschen Kaiser gegenüber. Meiner Mithülse sollen Sie stets gewärtig bleiben. Deutschtum heißt Kultur, Freiheit für jeden, in Religion sowohl wie in Gesinnung und Be- tätigung. Auf die glückliche Zukunft von Gnesen setze Ich den Pokal an.
Hierauf trank Se. Majestät unter stürmischen Hochrufen der Versammelten auf da« Wohl der Stadt
Nachdem der Bürgermeister Schoppen da« Hoch auf Keine Majestät den Kaiser ausgebracht und nachdem Ce. Majestät dem Bürgermeister nochmals gedankt hatte, ritt der Kaiser unter erneutem, sich andauernd sortpflanzendem Jubel zur Bahn, während die Brigade folgte. Vor dem Bahnhof nahm Se. Majestät der Kaiser den Vorbeimarsch der Brigade ab. Eine Erkadron des Dragonerregiment» von Arnim war neben dem Bahnhof ausmarschiert. Aus dem Bahnsteig präsentierte die Fahnenkompagnie. Um 7 Uhr 30 Minuten setzte sich der Kaiserliche Sonderzug nach Wtlhelmshöhe in Bewegung.