Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich 1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark, Na
Der Anzeigenpreis beträgt für den Raum einer ein- gespaltenen Zeile lOpfg., im amtlichen Teile 20 pfg. Reklamen die Zeile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.«^«ns
herrselder Armblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" .
Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 98
Dienstag, den 22. August
1905
Amtlicher teil
Herrfeld, den 18. August 1905.
Ich bin vom 21. d. MtS. bis 18. September b. Js. beurlaubt und wird Herr Kreisdeputierter Braun mich vertreten.
I. 5775. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rat.
Hersfeld, den 17. August 1905.
Unter dem Schweinebestande des Tuchmachers Jacob Ries zu Hersfeld (Neumarkt 104) ist die Rotlausseuche auSgebrochen.
I. 5736. Der Königliche Landrat
Freiherr von Schleinitz,
Geheimer RcgierungS-Rat.
nichtamtlicher teil.
Unruhen in IM-Wrika.
Nach einem soeben Angegangenen Telegramm des Gouverneurs von Deutsch-Ostasrika bat fid) die Lage im Schutzgebiet verschlimmert. Fünf Angehörige der bayerischen Benediktiner-Mission, nämlich der Bischof CassianSpiß, die Brüder Andreas S cholzen und Gabriel Sonntag und die Schwestern Felizitas Hiltner und Cordula Ebert Rnb zwischen Kilwa und Liwale ermordet worden. Zwar beruht die Nachricht nur auf einer Meldung von Eingeborenen, aber da der Gouverneur in seinem telegraphischen Bericht hinzufügt, daß die Meldung glaubhaft sei, so wird leider an der Richtigkeit der traurigen Kunde nicht gezweifelt werden können. Nicht unerwähnt darf allerdings bleiben, daß der Bischof und seine Begleiter nachdrückliche Warnungen der B«rwaltungSbehöiken nicht be< achut haben Das Bezirksamt Äitma halte, wie der Gou« vernue meldet, den Bilchof zurückgerufen und ihn mehrfach erricht, seine Reise auszugeben. Der Bischof hat aber erklärt, auf eigene Verantwortung reisen zu wollen.
Ueber die näheren Umstände des UeberfallS, denen die Missionsangehörigen zum Opfer gefallen sind, insbesondere die Zahl und StammeSangehörigkeit der Eingeborenen, die dabei beteiligt waren, ist noch nichts bekannt. Es ist daher auch nicht zu übersehen, ob vielleicht die nach Südwesten ausgewichenen Teile der aufsässigen Matumbi-Leute dabei in Betracht kommen. In dem Telegramm der Gouverneur- ist nur gesagt, daß nach Meldung des Bezirksamt» Kilwa in der Landschaft Donde Unsicherheit herrsche und daß der Posten Livale bedroht fei. Im Bezirk Daressalam habe
ßebenskrisen,
Roman von Freifrau G. v. S ch l i p p e n b a ch.
(Fortsetzung.)
„Ich kann mich selbst beschützen", lautet die stolze Antwort, „ich weiß, daß Max mir vertraut, er ist gut und edel, und du könntest dir ein Beispiel an ihm nehmen."
„Ich schweige ja auch über das, was du mir auSzusprechen verbietest", murrte der Leutnant verdrießlich.
„Bitte, entferne dich", sagt Hedda; „wenn du vernünftig zu sein versprichst, bleibt dieses Gespräch unter uns."
„Du wickelst mich um den kleinen Finger", murmelt Willi, „vergiß, bitte, daß ich mich hinreißen ließ."
Hedda macht eine ungeduldige Bewegung mit der Hand, damit er sich entfernen möge.
„Ich gehe schon", versetzt der Offizier, dann entfernen sich die sporeuklirrenden Schritte.
Eine Weile ist es sehr still; dann hört Horst einen Laut, der ihn packt, ein leidenschaftliches, unterdrücktes Schluchzen. Aus der Bank sitzt eine weißgekleidete Gestalt wie gebrochen. Er nähert sich ihr langsam.
„Dn weinst", sagt er leise, mit jener weichen Stimme, die bis aus den Grund ihrer Seele geht.
Hedda faltet die Hände ineinander. Sie stammelt im Geist cn> heißes Gebet um Selbstbeherrschung und Ruhe, die sie zu verlassen drohen.
. ”®$ W ja dnukel", sagt sie und versucht zu scherzen, „niemand kann meine Tränen sehen."
r ", . '$ jühle sie; jede einzelne fällt wie glühendes Blei ^ .^in Herz- sagt Horst dumpf, „glaubst du, ich sei von SS deine Unterredung ‘ mit Wendorp gehört. ®«l‘en Me Tränen ,hm? Weinst du, weil du ihm so nicht antworten kannst wie du möchtest? Nun, bald ist das Jahr zu Ende, dann bist du frei." 1 ’
H^t sie denn nicht die Qnal durch seine Worte, nicht den wehen Ton seiner Stimme? Der Trotz kommt über sie, ihre Lippen erbleichen.
„Ich weiß es!" ruft sie außer sich, „du brauchst es mir
die evangelische Mission in Maneromango Hülfe erbeten und es sei der Bezirksamtmann mit Polizeimannschaften dorthin entsandt worden. Alle anderen Bezirke seien ruhig.
Aus den vorstehenden Nachrichten ergibt stch leider, daß die Unruhen stch auf weitere Gebiete ausgedehnt haben, als nach den früheren Telegrammen des Gouverneurs an« zunehmen war. Glücklicherweise sind keinerlei Vorkommnisse zu verzeichnen, die auf eine Verbindung zwischen aufsässigen Eingeborenen in verschiedenen Landschaften schließen lassen. Aber die hervorgetretenen Anzeichen schwerer Unbotmäßig- keit sind ernst genug, um es begreiflich erscheinen zu lassen, daß der Gouverneur eine schleunige Ver» Härtung der ihm zur Verfügung stehenden Machtmittel beantragt hat.
Wie die „N. A. Z." hört, ist auf Befehl des Kaiser» die Entsendung eines weiteren Kreuzers bereit» in die Wege geleitet.
In den Matumbi-Bergen ist es inzwischen den beiden dorthin entsandten Kompagnien der Schutztruppe in Verbindung mit einem vom Kreuzer „Suffarb* aurgeschifflen Detachement, ohne Schwierigkeit gelungen, die Aufständischen zu zersprengen und Major Johannes konnte am 16. d. M. berichten, daß die Matumbi anfangen sich zu unterwerfen.
Der am Freitag von Daressalam nach Lindi abgegangene Kreuzer „Bussard" ist noch an demselben Tage erfolgreich in Aktion getreten. Anscheinend ohne eigene Verluste hat ein an Land gesetztes Detachement die Aufständischen vertrieben. Gegen welchen Teil der Rebellen dieser erste Er. folg errungen und nie hoch er zu bewerten ist, läßt sich aus der knappen amtlichen Meldung nicht ersehen. Diese lautet:
Ein Detachement von S. M. S. „Buffard" unter Ober- leutnant Paasche hatte am 18. August bei Lubomgwe ein Gefecht mit den Aufständischen. Der Feind wurde zurückgeschlagen und floh nach Süden.
Auf Befehl des Kaisers wird der Kreuzer „Seeadler" sowie ein Kreuzer des ostasiatischen Geschwaders nach Ost- afrika abdampfen, um bei der Unterdrückung der dort aus. gebrochenen Unruhen mitzuwirken. Ferner werden aus der Heimat 150 Mann des Seedataillons zur Unterstützung der Dortigen Schutztruppe in den bevorstehenden Kämpfen hinaus- gefandt werden. Diese Verstärkungen bewegen sich im Rahmen der vom Gouverneur Grafen v. Götzen bisher gestellten Anträge.
* *
*
Die ostafrikanische Schutztruppe besteht sowohl aus europäischem wie farbigem Material, und zwar sind fast alle Offiziere und Beamte Deutsche. Es sind vorhanden an Formationen 12 Kompagnien, deren Mannschaften durchweg Farbige sind. Die europäischen Angehörigen der Schutztruppe sind folgende: 46 Offiziere (1 Major, 13 Hauptleute, 18 Oberleutnants, 14
nicht zu sagen, ich zähle die Tage, nein, die Stunden, die ich noch hier bleiben muß!"
Sie gehen durch den Lindengang dem Hause zu.
Eine große Traurigkeit liegt in der dunklen Augustnacht. Leise fallen die ersten loten Blätter zur Erde, ein Nachtvogel streicht mit schwerem Flügelschlage vorbei, und die Grillen zirpen. Aus den geöffneten Fenstern des Ballsaales fällt helleS Licht. Eine herrliche Altstimme fingt; es ist die junge Baronesse Krummhold. Jedes Wort ist deutlich zu verstehen. Unwillkürlich sind Horst und seine Frau stehen geblieben und lauschen der ergreifenden Melodie deS schlichten Tiroler- liedchenS:
„Einmal war d' Welt voll Sonnenschein,
Da hab' i können lusti sein,
Da hab' i g'lacht und Liedel» g'macht,
Da hat mein Herz jahrans, jahrein
Als wie a Zithern 'klungen.
Auf einmal aber über Nacht,
Da ist es still geworden.
I hab' nimmer mehr g'lacht
Und hab' auch »immer g'sungen.
I glaub', es sein im Herzen drin
Die Saiten all' g'sprungen."
Wie totenblaß Hedda geworden ist!
Ihre Lippen heben; ein hülsloser Ausdruck tiefsten Kummers liegt auf der ganzen Erscheinung, ihre Arme hängen schlaff am Körper nieder.
„I glaub', es fein im Herzen drin
Die Saiten all' gesprungen —" wiederholt die Sängerin mit ergreifender Betonung.
Hedda schauert zusammen.
„Du wirst dir den Tod holen, so direkt aus dem Ball- saal in die kühle Nachtlust", sagt Horst besorgt.
„WaS liegt daran!"
Sie sagt es so mutlos, wie jemand, der alle Hoffnung begraben hat. Wie sie über die Stufen der Veranda geht, stolpert sie wie trunken. Ihr Mann will sie stützen, sie stößt seine Hand mit einer verächtlichen Gebärde zurück.
„Sei eS darum", denkt er gereizt, „sie will mich nicht ver-
Leutnants), 36 Aerzte (1 Oberstabsarzt, 15 Stabsärzte, 7 Oberärzte, 3 Assistenzärzte), 24 Beamte (Zahlmeister, Büchsenmacher, Feuerwerker), 117 Unteroffiziere (13 Feldwebel, 19 Sergeanten, 52 Unteroffiziere, 16 Sanitätssergeanten, 17 Sanilätsunter- offiziere). Das farbige Personal setzt sich wie folgt zusammen: 5 Offiziere, 126 Unteroffiziere, 1340 Gemeine (letztere gliedern sich in 115 Gefreite (Ombassa), 258 Sudanesen I. Klasse, 257 Sudanesen II. Klasse, 710 Eingeborene, 120 Rekruten). Auch eine 16 Mann starke Musikkapelle ist vorhanden. Von den Farbigen sind bei größeren Unruhen als zuverlässig nur die Gefreiten und Sudanesen zu betrachten, an Zahl 630 Mann.
Die Gesamtzahl der Schutztruppe beträgt mit Offizieren, Beamten und Mannschaften 16 9 4 Mann, davon 87 Offiziere und Sanitätsoffiziere, 24 Beamte, 243 Unteroffiziere, 1340 Mann. Von diesen gehen noch ab 7 Aerzte, 10 Sanitätsunteroffiziere und 24 Unteroffiziere, die in der Zivilverwaltung beschäftigt sind. Die Hauptgarnisonen, in denen Truppen stehen, sind Lindi, Kilwa und Dar es Salam, sonst stehen noch Truppen in Nackai, Pagani und Tanga an der Küste, in Barikiwa, Drangire, Kilosse, Mpapwa, Kilima- tinde, Usumbura, Tabora, Masinde, Wilhelmstal im. Innern, außerdem kleinere Abteilungen noch an anderen Otten.
Kille Msmlretung in WM.
Das schon längst erwartete Manifest de» Zaren Nikolaus über die Errichtung einer russischen Reichsduma, einer allgemeinen Volksvertretung, und das Gesetz, welche» da» nähere über das künftige Parlament für Rußland enthält, sind nunmehr zur Veröffentlichung gelangt. In seiner erwähnten Kundgebung erklärt der Zar, die Zeit sei jetzt gekommen, Abgeordnete aus dem ganzen russischen Reiche einzuberufen; die an der beständigen tätigen Ausarbeitung der Gesetze teilnehmen sollten. Diese Abgeordneten würden eine den höheren Behörden zur Seite gestellte Körperschaft bilden, mit der Aufgabe, Gesetzesvorschläge vorläufig auszuarbeiten und zu beraten, sowie das Budget der Staates zu prüfen. Das kaiserliche Manifest betont jedoch, daß die selbstherrliche Gewalt der Zaren durch die Tätigkeit der Duma keine Einschränkung erleiden solle, und stellt zuletzt fest, daß bat Gesetz über die Reichsduma sich über ganz Rußland erstrecken solle, mit Ausnahme einiger Gegenden, in denen außergewöhnliche Verhältnisse vorherrschten. Diese« Gesetz selbst nun umfaßt 63 Artikel, die im wesentlichen folgende» bestimmen: Der Machtvollkommenheit der Duma werden unterstellt alle Fragen bezüglich der Vorlage neuer, wie der Abänderung, Erweiterung und zeitweisen Aufhebung oder gänzlichen Abschaffung schon bestehender Gesetze. Ferner unterstehen der Duma die Einsetzung, Einschränkung und Abschaffung von Behörden, die Budget» der Ministerien und de» Staates, die Staatsgüter und alle die Staat-einkünfte betreffenden Fragen. Die Duma setzt sich zusammen au»
stehen, ich werde sie nicht mehr mit einer Annäherung belästigen, ich will die Maske weiter tragen, bis das Jahr zu Ende ist. Dieser Zustand wird immer unerträglicher."
Elftes Kapitel.
„Wissen Sie, wer Ihr Oberförster ist?" fragt ein Herr von Sandow, der wegen seiner Neugier und Schwatzhastigkeit bekannt ist, „ich habe ihn erst gestern genauer angesehen und erkannt."
Horst tut eine verwunderte Frage und erhält die Antwort: „Es ist derselbe, der früher unter dein Namen Frankenstein lebte and das Pech hatte, einen Menschen auf der Jagd zu ermorden; mir ist sein Name entfallen."
Horst wirft einen raschen Blick auf seine Schwägerin, die ziemlich weit entfernt sitzt; er hofft, daß sie es nicht gehört hat, und ist bestrebt, den Eindruck der unerwarteten Mitteilung abzuschwächen. „Sie sehen am hellen Tage Gespenster, lieber Freund", sagt Horst, „mein Förster heißt Schmitt."
„Ja, Schmitt-Frankenstein", cngcguct Sandow, „ich kenne die Familie, er hat den ersten Namen fortgelassen, wie sie es der Kürze wegen tun. Die alte Erinnerung muß ihm peinlich sein, obgleich viele Jahre darüber vergangen sind."
„Ich bitte Sie, mir Ihr Wort darauf zu geben, daß Sie über Ihre Entdeckung schweigen, ich werde erst an ihre Wahrheit glauben, wenn ich mit Schmitt gesprochen habe. UebrigenS verläßt er Buchenau zu meinem Bedauern gleich nach den Jagden."
Margarete war leise aufgestanden und hatte sich entfernt. Nun versteht sie alles, was ihr bisher dunkel war. Sie ist fest überzeugt, daß Sandow recht hat.
Vorläufig sagt Frau Roden ihrer Schwester nichts. Hedda ist dnrch ihre Haussranenpflichten in Anspruch ge- nommen, da die meisten Gäste noch in Buchenau geblieben sind. Erst am Nachmittage verläßt der letzte Wagen das gastliche Haus.
Mit ihrem Schwager hat Margarete aber gesprochen. Horst ist sehr gut und liebevoll gegen sie und verspricht, ihr die volle Wahrheit zu sagen, sobald er mit Schmitt eine Unterredung gehabt hat.