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herrfelder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr> 126. Donnerstag, den 26. Oktober 1905,

Amtlicher teil.

Gefundene Gegenstände:

Eine Fahrrodlatecne. Meldung des Eigentümers bei dem OltSvorstand in Obergeis.

nichtamtlicher LeN.

Moltke.

Zum 26. Oktober.

Zu denjenigen Männern, welche unserm deutschen Vaterlande die Wege bereitet haben zu dem Emporstieg unter den Völkern bis zu seiner gegenwärtigen Machtstellung, gehört mit in erster Reihe der seltene Mann, der berufen war, das von den Hohen- zollern sorgfältig geschmiedete Schwert in einer großen Zeit gegen mächtige Gegner zu erproben, und dessen Name heute auf aller Deutschen Lippen lebt, Helmut von Moltke. Der heutige Tag, wo ihm in der Reichshauptstadt ein Denkmal gesetzt wird, ist der hundertundfünfjährige Erinnerungstag seiner Geburt, denn die Spuren seiner ruhmvollen Erdentage leiten zurück bis zum 26. Oktober 1800 zu dem mecklenburgischen Städtchen Parchim, wo seine Wiege gestanden hat. Von dort nahm der einem schmächtigen Körper innewohnende Geist seinen Aufflug, um fortan am Ehrenhimmel der deutschen Nation als ein Gestirn erster Größe durch alle Zeiten zu erstrahlen.

Moltke hat in dem Berufe des Soldaten die Aufgabe seines Lebens gesucht; fast 70 Jahre lang hat er der preußischen Armee angehört. Deshalb bewegt der heutige Tag auch die gesamte deutsche Armee in ganz hervorragender Weise. Sind doch die noch unter uns weilenden und in Ehren ergrauten Krieger stolz darauf, unter der Leitung dieses großen Mannes persönlich an den siegreichen vaterländisch.n Kriegen teilgenommen, ihn von Angesicht zu Angesicht gekannt zu haben; es ist doch der bleibende Ruhm für alle deutschen Heeresgeschlechter, daß dieser geistreiche Schlachtendenker aus ihren Reihen hervorgegangen ist.

Unsere Armee weist auf ihren Ruhmestafeln die Namen vieler hochverdienten Feldherren auf. Aber so hoch man auch die Feld­herrngaben eines Zielen und Seydlitz, eines Blücher, $ort und Gneisenau schätzen mag, keiner von ihnen vereinte eine solche Fülle hervorragender Geistes- und Seeleneigenschaften für den Beruf des Soldaten in sich wie Moltke. Er hat der Frage der Führung von Massenheeren in den von ihm betätigten Grund­satzGetrennt marschiert und vereint schlagen" eine Lösung verschafst, die bis jetzt unerreicht dasteht, und zu der ihn sein weiter Blick, seine Ruhe und Größe in den Entschlüssen, seine Tatkraft im Handeln und seine volle Beherrschung aller Zweige des Waffenhandwerks besonders befähigten. Jeder Zoll in ihm bestand aus dem Holz, aus dem die größten Heerführer geschnitzt worden sind. Nimmt man hierzu seinen Pflichteifer, seine Königstreue, seine Geradheit und Einfachheit, so vereint sich alles, um dem Lebensbilde des großen Feldherrn eine fast ideale Eigenart zu verleihen.

Selbst seine heftigsten Gegner können ihm nicht versagen, daß er stets streng sachlich, pflichtgetreu, von außerordentlicher Be­scheidenheit und Schlichtheit bis zum Tode gewesen ist, daß seine Tatkraft und sein Fleiß einzig dagestanden haben.

Die Armee wird seiner in allen Zeiten mit Bewunderung und Dankbarkeit gedenken. Auch das deutsche Volk im weitesten Rahmen wird sein Andenken stets in hohen Ehren halten, denn sein Lebenswirken erschöpft sich in Taten für seine Macht und

Morsch.

Roman von Friedrich Iacobsen.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Das ist Neu-Rantum, wo ich wolme. Der armselige Rest eines vormals blühenden Dorfes. Alles andere liegt unter den Dünen begraben. Aber nach hundert Jahren kommen vielleicht aus der anderen Seite die Trümmer wieder zum Vor­schein."

Wer hat dir das erzählt, Sepp? Dein Hauswirt RaSmus Jvers oder wie er hieß?"

Der spricht nicht viel. Seine Tochter"

Ach so, du hast eine Hausgenossin? Es ist ja dein Talent, Sepp, daß die Weiber dir gut sind; ist sie jung?"

Ja!"

Dann halt sie dir warm, so'n Mädel kann einem noch nützen. Einstweilen will ich mich hier von dir trennen. Was heute kommt, das liegt noch ungewiß vor mir, so grau wie dieser Morgen. Ich finde dich irgendwo, wenn du es am Wenigsten vermutest, aber vergiß inzwischen nicht, daß wir hier auf der Insel jemand haben, der uns beide kennt."

Er gab dem Freunde die Hand und wandte sich, ohne ein Wort hmzuzusügen, nach Norden in der Richtung von Wcster- land. Seine hohe Gestalt verschwand allmählich zwischen den Dünen und Joseph schlug seufzend einen Fußpfad ein, der in wenigen Minuten nach dem ärmlichen Weiler hinunterführte.

* *

Der friesische Hang, möglichst getrennt von den Nachbarn ein unabhängiges Dasein zu führen, kam auch in diesem melancholischen Ueberrest einer dörflichen Ansiedlung zum Aus­druck; jeder Hausbesitz lag von dem anderen so weit getrennt, daß die einzelnen Bewohner einander kaum mit der Stimme erreichen konnten, und so füllten sechs Häuser die ganze Marsch­fläche aus, die sich gleich einer grünen Oase in die unfrucht­bare Saudwüste hineinschmiegte.

Die Bauart dieser urfriesischen Wohnstätten war überall

Wohlfahrt, sein Wahlspruch:Jeder Zeit treu bereit für des Reiches Herrlichkeit" hat sich bewunderungswürdig rein und fest bewährt. Seit vierzehn Jahren weilt der große Mann nicht mehr unter uns; er ruht aus von seiner Lebenspilgerschaft. Aber das köstliche Erbteil seines Ruhmes überträgt sich unge- mindert von einem Geschlecht zum anderen, und am heutigen Tage gedenkt ein ganzes Volk des ruhmreichen Feldherrn mit inniger Liebe und mit dem aufrichtigen Wunsche, daß das Vater­land in den Stunden der Gefahr immer so wehrhafte Männer zu seiner Verteidigung finden möge, wie dereinst den Feld­marschall von Moltke.

In W Mtß in Madrid.

Seit Montag weilt Präsident

von Frankreich in

Madrid zum Besuche am königlichen Hose, an welchem das französische Staatsoberhaupt mit allen Ehren ausgenommen worden ist. Man hat es in dieser spanischen Reise des

Präsidenten der französischen Republik keineswegs nur mit einem Vorgänge konventionaler Natur, sondern zweifellos auch mit einem bemerkenswerten politischen Ereignisse zu tun, worauf schon der Umstand hinweist, daß der französische Ministerpräsident und Minister des Auswärtigen Rouvier Herrn Loubet nach Madrid begleitet hat. Es darf wohl als selbstverständlich gelten, daß bei den politischen Be­sprechungen in der spanischen Hauptstadt anläßlich der Anwesenheit Loubets und Rouviers die marokkanische Frage eine Hauptrolle spielt, da ja Spanien im Hinblick auf seine Besitzungen an der nordwestafrikanischen Küste ebenso in­teressiert an der künftigen Entwickelung der Dinge in Marokko ist, wie Frankreich als ebenfalls direkter Nachbar Marokkos. In zweiter Linie handelt er sich bei dem Be­suche Loubets und Rouviers in Madrid um eine genaue Orientierung darüber, daß durch den deutsch-spanischen Handelsvertrag kein wirtschaftliches Interesse Frankreichs verletzt werde. Von französischer Seite wird daran erinnert, daß man in Paris der Versuchung widerstanden habe, die den Anschluß Kataloniens an Frankreich erstrebende Be­wegung in dieser Provinz zu unterstützen, und daß demnach eine solche Haltung Dank verdiene. Frankreich verlang» nichts weiter, als daß Spanien keinerlei Verpflichtungen eingehe, die französische Interessen verletzen könnten, und daß man in Paris rechtzeitig von etwaigen anderweitigen Anerbietungen Kenntnis erhalte. Dies gelte besonders von etwaigen Anträgen wegen der Verwertung der Balearen, der Kanarischen Inseln, von Fernando Po sowie des nord- afrikanischen Besitze». Spanien werde von Frankreich allezeit die Meinung eines uneigennützigen loyalen Freunde» hören.

Ob nun aber der Besuch der distinguierten französischen Gäste in Madrid zu politischen Abmachungen größeren Stiles führen wird, wie man solche hier und da erwartet, das möchte doch einigermaßen zu bezweifeln sein. Wenigstens liegt für Frankreich kein ersichtlicher Grund vor, mit einem zu einer Macht dritten Ranges herabgefunkenen Staate wie

dieselbe; über einer niedrigen roten Backsteinmauer erhob sich das hohe und von Moos durchsilzte Strohdach; eine querge­teilte Haustür schied das Ganze in zwei Hälften rechts von derselben lagen nach vorne Wohnstube und Pesel, nach hinten Küche und Vorratskammer, während die linke Seite des Hauses durch den Stall und die zu diesem gehörigen Räumlichkeiten gebildet wurde.

Jedes Haus lag aus seiner Werst, hatte einen Ziehbrunnen und einen Gemüsegarten und war von einer schlammigen Grast teilweise eingeschlossen; von Bäumen fand sich keine Spur, wohl aber herrschte das Bestreben, durch Anpflauzen von Fliederbüschen den kahlen Eindruck zu mildern. Wenn der Wind darüber hinstrich, dann kehrten die grünen Blätter ihre Heller gefärbte Rückseite nach oben, und es ging wie ein fahles Leuchten von Busch zu Busch.

Als Joseph Richter sich dem zunächst liegenden, und von den wandernden Dünen am meisten bedrohten Hause näherte, schauerte der Wind heftiger und überschüttete ihn mit einem feinen Sandregen. Es schien nach der stillen und warmen Hochsommernacht ein unsrenndlicher Tag werden zu wollen, und das östliche Morgenrot kam über dem grauen Watten­meer in einem dunstigen Schleier herauf. Die in der Ebbe glänzende Schlickfläche war von einer Schar Rottgänsen, Wildenten und Regenpfeifern belebt, und die Wasservögel schrien durcheinander, als wenn sie Unheil verkünden wollten. Es war so ganz anders an diesem, dem Festlande zuge- wendeten Teile der Insel, wie draußen gegen Westen, wo dkd Nordsee ihre Wogen schaumgekrönt an den Fnß der Düne warf, und der einsame Nachtschwärmer schien den düsteren Charakter seiner Umgebung zu empfinden; denn er fröstelte zusammen und beeilte sich, da§ schützende Dach zu er­reichen.

Die Tür war unverschlossen, wie es unter den Insel­bewohnern Sitte ist; in dem dunkeln, von Lehm gestampften Hausflur mußte Joseph sich zurechttasten.

Er horchte einen Moment nach der Wohnstube hinüber und ging dann mit leisen Schritten in den leeren Stall. Am Ende desselben lag eine kleine Kammer, die der Erbauer des Hauses vielleicht als Gesindcraum gedacht hatte; sie war mit

Spanien, in ein engeres politisches Verhältnis zu treten, da doch Frankreich sein festes Bündnis mit Rußland be» sitzt und ferner freundschaftliche Abkommen mit England und Italien getroffen hat, was sollte ihm da eine politische Freundschaft mit Spanien groß nützen ? Eher hätte Spanien Anlaß, ein festeres Verhältnis zu Frankreich anzuknüpfen, und an dieser Großmacht eine Rückendeckung für kritische Fälle zu suchen, denn Spanien kann sich gegenwärtig keiner zuverläffigen Freundes rühmen, der ihm helfen könnte, die spanischen Interessen, namentlich in Marokko gegen eine Bedrohung zu schützen. Es gibt denn auch in Spanien eine Partei, welche eine möglichst enge Verbindung des Landes mit dem benachbarten Frankreich anstrebt, aber ihre Bestrebungen können eben aus den oben angeführten Grün­den auf keinen Erfolg bei Frankreich rechnen. Immerhin ist es nicht ganz unwahrscheinlich, daß die Madrider Reise Rouviers und Loubets eine gewisse Annäherung Spaniens an Frankreich vor allem auf handelspolitischem Gebiete zur Folge haben wird, zu der ja auch die Vorbedingungen vorhanden sind; dem wirtschaftlich und finanziell darnieder- liegenbenLande der Kastanien" könnte eine derartige Annäherung an das reiche Frankreich nur willkommen sein. Aber von einem französisch-spanischen Bündnisse kann im Ernste nicht gesprochen werden, es wäre die Allianz des Starken mit dem Schwachen und eine solche läge vielleicht im Interesse Spaniens, aber gewiß nicht in jenem Frankreichs.

Ist Ww in Wack

Mit unheimlicher Geschwindigkeit dehnt sich die gewaltige Ausstandsbewegung, von der das Zarenreich wieder einmal ergriffen worden ist, über das Land aus. Die ansteckende Wirkung dieses Kampfmittels bewährt sich auch diesmal in überraschender Weise: das Beispiel der Eisenbahner findet in anderen verwandten wie fremden Berufen eifrige Nach­ahmung; wie der Verkehr wird nun auch das Erwerbs- und Wirtschaftsleben im Herzen Rußlands lahmgelegt und über die Bevölkerung die Gefahr einer Hungersnot herauf­beschworen.

Charkow, 24. Oktbr. Gestern abend fand eine Ver­sammlung statt, an der etwa 20,000 Arbeiter, Studenten, Schüler und Bürger teilnahmen. ' Der Ruf:Kosaken kommen!" rief eine Panik hervor, wobei viele Personen verletzt wurden. Nach der Herstellung der Ordnung dauerte die Versammlung fort. Beim Auseinandergehen stieß die Menge mit einer Kavallerieabteilung zusammen, feuerte Revolverschüsse ab und warf Petarden. Die Truppen gaben drei Salven ab, davon zwei blinde; auf beiden Seiten wurden viele verwundet.

Charkow, 24. Oktbr. Die Arbeiter plünderten die Waffenläden und bewaffneten sich. Die Zeitungen er­scheinen nicht. Ein Teil bet Bäckereien ist zerstört worden, in den anderen ist die Arbeit eingestellt. Schon heute

einem Bett und den notbürftigften Möbeln ausgestattct, und das Zwielicht des heraufsteigenden Tages fiel durch ein trübes, mit Spinngeweben verhangenes Fenster herein.

In diesem armseligen Raum hauste Joseph Richter.

Sonst, wenn er von seinem künstlerischen Frondienst gegen Mitternacht heimkam, pflegte er sich sofort todmüde auf das Lager zu werfen, oder höchstens nach einer Lohnzahlung zu Überschlagen, wie viel Groschen er wieder für das nächste Ziel seines verfehlten Lebens zusammcngegeigt hatte; heute war es zu spät geworben, um der Nacht noch eine Stunde Schlaf abzuringen, und die Erinnerung trat wie ein Gespenst mit ihm in die öde Kammer.

Er setzte sich aus den Rand des BetteS und legte den Kopf in die schlanken weißen Hände in diese Hände, die allein noch von einer glücklichen Vergangenheit Zeugnis ab* legten, und die dennoch vielleicht demnächst dazu bestimmt Waren, in einem engen Maschineuraum Kohlen zu schaufeln ober sonst eine widerwärtige Arbeit der unteren Millionen zu verrichten.

Joseph Richter war nicht in glänzenden Verhältnissen aus­gewachsen, aber er stammte aus einer Familie, die seit mehr als hundert Jahren den akademischen Kreisen angehört und dem Staate wissenschaftlich gebildete Männer geliefert hatte.

Auch die Kunst der Musik war in dieser Familie erblich gewesen, und so trug ihr letzter Sproß an einer doppelten Be­lastung es war die Sicherheit, welche der Kamps mit dem wirtschaftlichen Leben gewährt, in seiner Seele abhanden ge­kommen, und seine Nerven waren dadurch geschwächt, daß eine einseitige künstlerische Begabung in ihm auf die Spitze ge­trieben wurde.

Er hatte als staatlich angestellter Chemiker die Sorgen des Tages nicht gekannt, und die Musik war ihm bisher nur eine Erholung nach dem abgemessenen Arbeitspensum gewesen; nun stand er auf einem schwankenden Boden, der gesicherte Erwerb hatte ein Ende genommen, und das Tändeln mit der Kunst wurde zu einem bitteren Kampf um das Dasein.

Wie anders geartet war jener Mann, der jetzt so ruhig und gelassen durch die Dünen schritt, als ob er unter dem