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herssel-er Armblatt

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Fernsprech-Anschlutz Nr. 8

Nr* 138. Mittwoch, den SS. November 1905»

Amtlicher teil.

Hereseld, den 17. November 1905.

Die OrtSpolizeibehörden sowie die Interessenten bet Kreises mache ich hierdurch auf das im RegierungsAmtS- blatt Nr. 44 veröffentlichte neue Reglement zur Ausführung des Artikels I Nr. 4 des Gesetzes vom 22. April 1892, betreffend die Entschädigung für an Milzbrand gefallene Tiere besonders aufmerksam.

Die hauptsächlichsten Aenderungen des neuen Reglements bestehen darin, daß in Ziffer 3 des sonst unverändert ge­bliebenen § 3 die Worteauf polizeiliche Anordnung ge­schlachtete oder getötete" gestrichen und an Stelle des alten § 7 die neuen §§ 7 und 8 getreten finb.

Nach den neuen vom 25. Oktober d. I. ab in Wirk­samkeit getretenen Bestimmungen stehen den zu den Ab­schätzungen von Milzbrand- und Nauschbrand-Kadavern hin­zugezogenen Schiedsmännern künftighin auch bei Reisen nach Orten, die mehr als 2 KiloMtter vom Wohnorte ent­fernt finb, keine Reisekosten mehr, sondern nur noch die im § 7 angegebenen Vergütungen zu. Sofern für mehr als eine Stunde Zeitversäumnis liquidiert wird, muß die Richtigkeit der angegebenen Zeitversäumnis von dem be­treffenden Ortspolizeiverwalter oder aber von dem bei der Abschätzung mitgewirkten Königlichen Kreistierarzt beschei- nicht sein.

Das im Amtsblatt von 1893 (Seite 260) veröffentlichte seitherige Reglement vom - 8 auauft 1893 R aufgehoben worden.

I. I. 8295. Der com. Landrat.

J. V.:

T h a m e r.

Hersfeld, den 18. November 1905.

Nach einer Mitteilung des Königlichen Landratsamtes zu Rotenburg o. F. ist unter der Schafheerde Nr. III in Ulfen die Räude festgestellt worden.

I. 8343. Der com. Landrat.

I. V.:

T h s m e r.

Hersfeld, den 18. November 1905.

Die unter dem Schweinebestande des Friedrich Paul in Rotensee aüsgebrochene Roilaufieuche ist erloschen. I. 8329. Der com. Landrat.

I. V.:

T h a m e r.

Moufch.

Roman von Friedrich Jacobsen.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Sein Kummer lag weniger in den Worten des Mannes als in der mühsamen und schweren Art, wie er diese Worte fast atemlos herauspreßte, und Senta legte mit einer plötz­lichen und ungestümen Bewegung ihre Hand auf Schu­berts Arm.

Freundschaft zwischen Ihnen und mir ist Narrheit", sagte sie hastig, kann es nicht mehr sein, Franz?"

Da waren sie bei den Königsgräbern der Heide an­gelangt, wo die alten heidnischen Kämpen ihre gefallene» Recken unter Granitgestein und blühender Erika beigesetzt hatten.

Und ein Rest jener wilden, rücksichtslosen und erobernden Kraft, die in den massigen Formen der Hügel ihren Ausdruck fand, schwebte wohl noch heute um die Stätte, so daß die um Jahrtausende später folgenden Geschlechter ihren Obern spürten und die Glieder rückten zu Haß und Liebe.

Franz Schubert hielt das Weib Plötzlich in seinen Armen.

Er hob die seine, schlanke Gestalt vom Erdboden einpor, so daß sie schwebend an seiner Brust lag, und trug sie eine Strecke weit, fast wie das Raubtier die Beute ins Lager trägt; dann ließ er sie medergleiten, bog ihr mit der einen Hand den Kops zurück und preßte seinen Mund aus ihre blassen, halbgeöffneten Lippen, so daß sie leise ausstöhnte und nach Atem ringend von ihm loszukommen strebte.

Endlich!" sagte er.Nun darfst du mich morden!"

Senta glitt unter seinen Fäusten weg, aber sie blieb vor ihm stehenunb griff sich in die vom Wind und Liebkosung verwirrten Haare.

Wilder Mensch I Ich glaube, du könntest mich umbringen! Bist du denn toll, mich hier mitten auf der Heide so zu Über­fällen? Wenn du mir eine Liebeserklärung machen willst,

nichtamtlicher Ceil.

Zum Bußtage.

Wir feiern heute den Landes-Buß- und Bettag. Gott und Vaterland so lautet da die Losung. Wir sind stolz auf die glorreiche Geschichte unseres Volkes, stolz auf das Große und Bedeutende, das in den letzten Jahrzehnten geleistet worden ist. Im letzten Menschenalter sind wir weiter gekom­men, als sonst in einem ganzen Jahrhundert: Gewaltiges ist geleistet worden auf allen Gebieten des menschlichen Geistes, in Forschung, in Wissenschaft, in Kunst, in Handel und Wan­del, Gewerbe und Industrie. Aber das alles soll und kann man haben, ohne doch verblendet zu sein von sich selbst. Wir freuen uns ja mit Recht der beispiellosen Entwickelung unseres Vaterlandes aber was vergessen wir dabei? In den sel­tensten Fällen denkt man daran, dem die Ehre zu geben, dem sie gebühret. Mau gebärdet sich meist so, als hätten wir das alles unserer Krast, unserem Witz und Verstand zu verdanken. Und doch, was vermag unsere vielgerühmte Klugheit? Ver­mag sie draußen die düsteren Regenwolken zu verschäuchen, oder vermag sie auch nur einen Regentropfen auf das dürre Land herniederzuziehen? Vermag sie die Kriegsfackel, Epide­mien u. a. von unserem Lande fern zu halten? Wir vermögen wenig; wir sind nur Geschöpfe in Gottes Hand. Aber unzäh- liche unserer Volksgenossen glauben es nicht mehr, daß wir ganz und gar von Gott abhängig sind. Das ist die Frucht des Zeitgeistes, einer ungläubigen Tagespresse und einer im Dienste des Materialismus stehenden Wissenschaft. In einer Zeit, die das Dogma desUebermeufcheutums" geboren hat, das wiederum die Berechtigung,sich ausleben" zu dürfen, für den Menschen in Anspruch nimmt, ist schon das Gefühl der Demut nicht häufig, wie viel weniger gar das der Buß­fertigkeit. Da ist es denn doppelt gut, wenn so ein stiller, Weihe- und Feiertag uns wieder einmal daran erinnert, wie sehr es uns nottut, uns selbst und unser Tun zu mustern, in uns zu gehen und uns dessen bewußt werden, daß wir alle in der Hand des großen Gottes stehen.

Wie ein Heer nur dann auf Kriegstüchtigkeit und Kriegs­bereitschaft Anspruch erheben darf, wenn es bis ins einzelne und kleinste hinein die Waffen und Ausrüstungen immer wie­der einer strengen Prüfung unterzieht, so können ein ganzes Volk wie jeder einzelne Mensch nur dann als gesund gelten, wenn sie Selbstkritik vertragen, den Mut haben, der Wahrheit ins Auge zu schauen, die Demut haben, die Wahcheit sich sagen zu lasse». Wir wollen in unsere heutige, moderne Zeit nicht hineinschauen wie in einen Abgrund, in dem sich aller­hand Unerquickliches birgt. Wir wissen, daß der gewaltige, noch lange nicht beendete Wechsel unserer gesamten Lebensver­hältnisse selbstverständlich manches Unliebsame im Gefolge hat aber wir wollen auch nicht die Augen verschließen vor den vielen sozialen und sittlichen Uebelständen in unserem Volks­

so warte doch damit, bis wir zwischen den Wänden eines Hauses sind ruhig, oder ich beiß dich!"

Du kannst mich auch beißen," sagte er, noch immer schwer atmend.Du kannst mich mit Füßen treten, es ist alles eins. Komm, sei gut und sag nur noch einmal, daß zwischen uns beiden keine Freundschaft sein könne, sondern nur ein Vesuv von Liebe."

Ihre Furcht vor seinem Ungestüm schien nicht sehr groß zu sein; denn sie nahm seinen Arm und zog ihn mit sich irgendwo hin, tiefer in die Heide hinein sie wußten es selbst nicht.

Das mußte so kommen," sagte sie,kennst du die Frauen noch nicht?"

Rein; ich kümmere mich auch nicht um das andere Ge­schlecht. Aber dich will ich kennen lernen, als wenn ich dich mit Röntgeustrahlen durchleuchtet hätte. Das wird eine Wonne sein."

Eine Rätselausgabe," entgegnete Senta lachend und streifte mit der Wange seine Schulter, so daß es ihn glühheiß durchrieselte.Weiß du, warum ich dich lieb habe?"

Sag es mir es ist einerlei warum, aber sag es mir, bamit ich deine Stimme höre."

Ich liebe dich, weil du so wild bist. Pst, hier nicht, anderswo wann du willst, so viel du magst. Wild wie das Pferd, auf dem ich als junges Mädchen ritt, drüben in meiner heißen Heimat. Wer knirscht denn hier ins Geviß, wer trotzt denn hier gegen Sporn und Peitsche ? Der Mann, mit dem sie mich zusammengekuppclt haben, wenn der Blut in den Adern hätte anstatt Eiswasser ach laß mich davon schweigen, ich hasse ihn und damit gut! Aber auch der andere, Joseph ich habe mich ihm an den Hals geworfen. Einmal, in einer halbverrückten Stunde, aus Opposition, aus Ucberdruß, vielleicht weil er schön war, weil alle Weiber ihm nachliefen und weil ich wissen wollte, wie der Kuß eines schönen Mannes schmeckt. Es wäre ein fader Kuß gewesen wie der Kuß eines Weibes, aber er hat es nicht einmal gewagt, er saß da an meiner Seite mit herabhängenden Armen, und wenn sein Herz wirklich geklopft hat, dann war es Angst vor der

leben. Da ist das Parteiwesen, welches unser politisches und kirchliches Leben oft so unerquicklich gestaltet; da ist die schnöde Selbstsucht, die nur sich selber lebt und kalt und gleichgültig am notleidenden Bruder vorübergeht; da ist der Geist der Unzufriedenheit und des Mißttauens, der von gewissen Hetzern in unser Volk getragen, unsere sozialen Verhältnisse vergiftet; da ist die Genußsucht und sittliche Schlaffheit, der jährlich bei uns Tausende von hoffnungsvollen Menschenleben zum Opfer fallen; da ist jene von unten stammende Weisheit, die den Unterschied von Gut und Böse verwischen und den Leuten die Pflicht der Verantwortung ausreden und ihr Gewissen ver­wirren möchte; da ist die Sucht, immer mehr Ansprüche zu erheben, wo die Gegenleistung ausbleibt und wenn man es sich ganz ruhig überlegt, dann wird man es selbst vernei­nen, daß es immer und ewig so weiter gehen kann, wenn jeder meint, mehr fordern, aber weniger leisten zu brauchen das alles sind lauter Feinde, die am Marke unseres Volkes zehren, ihm seine Ideale rauben, in feiner gesunden Entwickelung es hindern und sein Glück untergraben.

Wenn irgend etwas unser Volk gesund erhalten kann, so dies, daß wir in uns gehen, unserer Fehler uns bewußt wer­den, vom falschen Wege umkehren und von Gott Gnade er­bitten. Und das bezweckt eben der heutige Buß- und Bettag. Dabei zählt jeder mit. Jedes einzelne Fehlen ist verhängnis­voll. Darum laßt uns treu auf unserem Posten stehen! Laßt uns in unserem Volke Lichter sein, die Christus ange­zündet hat, deren Liebe wärmt, deren Glaube leuchtet, auch in schwerer Zeit.

Der ÄllfsiaO in HM-SMtsi-Mi.

Eine Nachricht von großer Bedeutung kommt heute aus Südwestafrika: Der alte Führer der Witboi-Hottentolten hat den Tod im Felde gefunden, eine deutsche Soldaten» kugel hat seinem Leben ein Ende gemacht. Generalleutnant v. Trotha berichtet darüber wie folgt:

Nach Meldung des Kapitäns Christian Goliath aus Berfeba ist Hendrik Witboi beim Ueberfad eines Verpflegungswagens bei Fahlgras am 29. Oktober durch einen schweren Schuß in den Oberschenkel verwundet worden, hat am 2. November die Wahl seines Sohnes Samuel Jsaak zum Kapitän veranlaßt und ist am 3. November infolge der Verwundung gestorben. Nachdem Goliath mit nochmaliger sicherer Feststellung be­auftragt war, meldete er: Tod hat sich bestätigt; Sohn Jsaak sitzt die Kapitänschaft. Der erwähnte Ueberfall hat 7 Kilometer westlich von Fohlgras auf einen Proviant­wagen der 3. Batterie stattgefunden.

In der Meldung des Generalleutnants von Trotha heißt es weiter: Die Bande Witbois soll in den letzten Wochen durch Durst und Entbehrungen viele Menschen und angeblich alle Pferde verloren haben. Sie beginnt sich scheinbar im Lande zu zerstreuen, doch ist nicht ausge.

Entdeckung. Sie sind alle zahm, diese deutschen Männer, ob im Norden oder Süden; du allein" Sie schwieg und machte abermals jene anschmiegende und aufrankende Be­wegung, die ihn schon vorhin fast toll gemacht hatte, aber er fühlte, daß sie ihn beißen würde, wenn er es noch einmal wagen sollte, sie wider ihren Willen auf der nackten Heide zu küssen.

Er hatte die größte Lust den Versuch zu machen, bloß um sich zu überzeugen, daß sie die Zähne eines Raubtiers be­saß, aber da fuhr sie plötzlich mit veränderter Stimme fort: _

Dein Freund Joseph ich vergaß einen Moment, daß er dein Freund 'ist. Eigentlich ist es hart für den Aermsten, daß er die Liebkosung nein, nur die Laune einer Frau so teuer büßen mußte."

Hoffentlich ist er in Sicherheit

Franz öffnete schon die Lippen, um Senta mit der Wahr­heit bekannt zu machen, aber bann besann er sich plötzlich eines anderen.

Die Wahrheit kam noch früh genug an das Lichr, und vielleicht war es besser, sie ganz zu verschweigen. Dieses schöne, schillernde Chamälern an seiner Seite, dessen Besitz ihm so plötzlich in den Schoß gefallen war, hatte sich selbst als ein Rätsel bezeichnet; erst wollte er es lösen.

Joseph ist sicherer aufgehoben als ich", sagte er aus­weichend, und Senta lachte mit einem leise girrenden Laut.

O du um dich ist mir nicht bange. Du bist so kühn, daß deine Hand einem Löwen in den Rachen greifen würde. Wenn ich heute, in dieser Stunde, von dir und Zeug­nis vor Gericht verlangen wollte. Du würdest hingehen und es ohne Furcht ablegen."

Soll ich es tun?" fragte er rasch unb die junge Frau schüttelte langsam den Kops.

Ich habe nur gesagt, daß du es tun würdest. In Wahr heit ist mir nichts mehr daran gelegen, den Ehcscheidungs- Prozeß gegen Konsul Marxen zu gewinnen. Vor einer Stunde vielleicht war daS noch anders, eine alleinstehende Frau kämpst mit allen Mitteln gegen ihren guten Namen, aber seit dem ich deiner Liebe gewiß bin, stehe ich nicht mehr allein aus der Welt. Jetzt muß ich frei werden, um jeden Preis."