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herssel-er Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 140.

Dienstag, den 28. November

1905.

Beiteilungen

auf das Bersfelder Kreisblatt

werden für den Monat Dezember von allen Postanstalten, Landbriesträgern, sowie von der Ex- pedition angenommen.______________________________________

Amtlicher teil.

Gaffel, den 14. November 1905.

Im Monat August d. I«. wurde im Bezirke der angeb­lich am 15. September 1870 in Obernkirchen geborene Zigeuner (Schirmflicker) Adam Müller betroffen, der sich durch einen unterm 30. Mai 1902 von der Polizei-Direktion in Celle mit einjähriger Gültigkeit ausgestellten, von der Polizei-Verwaltung in Braunsfeld" auf drei Jahre ver­längerten Reisepaß auswies. Die angestellten Ermittelungen haben ergeben, daß der ganze Prolongalionsvermerk gefälscht ist. Eine Strafverfolgung des Müller dteserhalb ist wegen inzwischen eingetretener Verjährung nicht mehr möglich. Ich mache jedoch auf diesen Fall mit dem Ersuchen auf­merksam, die Personalausweise des Müller, falls er wieder betroffen werden sollte, einer besonders sorgfältigen Prüfung zu unterwerfen und erforderlichen Falls gegen ihn ein- zuschreiten.

Ueberhaupt scheint bei allen Zigeunern eine eingehende Prüfung der Personalpapiere angezeigt.

Die Herren Landräle ersuche ich die Ortspolizeibehörden mit Anweisung zu versehen.

Der Regierungs-Präsident. I. A.: (Unterschrift.) An den Herrn Polizei»Präsidenten hier, die Herren Polizei Direktoren in Hanau und Fulda und die Herren Landräte des Bezirks. (A. II. 7347 IV.)

*

Hersseld, den 23. November 1905

Vorstehendes bringe ich zur Kenntnis der Ortspolizeibe­hörden und der Königlichen Gendarmerie des Kreises mit der Veranlassung, auf den rc Müller zu fahnden. Im Uebrigen sind die Personalpapiere der sämtlichen Zigeuner, welche betroffen werden, einer eingehenden Prüfung zu unter­ziehen und ist, gegebenen Fall», gegen dieselben einzuschreiten. I. I. Nr. 8462. Der com. Landrat.

I. V.:

T h a m e r.

Maisch.

Roman von Friedrich Iacobfen.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung,)

Franz Schubert fühlte, daß seiue Stirn im Fieber bräunte; er mußte einen Menschen haben, dem er sein Gewissen anver- trauen konnte; denn was da in seiner Brust zerrte, das war doch wohl jene geheimnisvolle Kraft, die der Nebermensch ver­lachen soll und die der Staubgeborene doch nicht totznschlagen vermag : es war das Gewissen, mit dem er so gelassen zwischen den Mauern des Zuchthauses gesessen hatte, obwohl auch die Tat, die er dort verbüßte, gegen die Normen des Gesetzes und gegen den Kodex der Moral verstieß.

Schubert raffte sich zusammen und verließ den Strand.

Er ging mit dem ihm angeborenen Ortssinn immer in gerader Richtung, quer durch die Insel und blieb erst aus­atmend stehen, als die Hütten von Nen-Rantum in der mond- beglänzten und durchschifften Niederung vor seinem Auge auf- tauchten.

In irgend einem dieser Häuser mußte Joseph wohnen. Vielleicht geigte er jetzt vor einer gleichgültigen Menge, aber wenn die Mitternacht heraustommt, dann wird er wieder wie gestern heimschleichen, und er wird zusammenschrecken, wenn der Schatten des andern in seinen Weg fällt. Man sah nirgends Licht, die Leute schliefen wohl schon alle, von der Arbeit dieses Tages ermattet; es war keiner unter ihnen, der sich vor den Geistern der Nacht hätte fürchten müssen, keiner vor dem Werwolf und dem Vampir, der in Gestalt eines schönen Weibes die Männer beschleicht unb ihnen mit dem Herzblut auch den Willen ans der Brust saugt, daß sie Schemen werden und Werkzeuge in den Armen des Dämons.

Da unten an dem Strande, wo das Watt blinkte, regte sich's doch im Mondlicht. Der Nebel begann die Flnr mit einem silbernen Schleier zu überweben und man konnte fast nicht mehr unterscheiden, wo das Land aufhörte und das

Hersfeld, den 25. November 1905,

Die Herren Bürgermeister und Gutsvorstände des Kreises werden an die sofortige Erledigung meiner Verfügung vom 27. September d. I«. J. I. 6768, Kreisblatt Nr. 115, betr. Verzeichnis des Bestandes an Pferden, Eseln u. s. w. und Rindvieh erinnert.

J. l 6768. Der com. Landrat.

I. V.:

T h a m e r.

HerSfeld, den 23. November 1905.

Unter den Schweinen des Arbeiters Heinrich Hartwig I in Unterbaun ist die Rotlausseuche ausgebrochen.

I. 8464. Der com. Landrat.

J. V.:

T hja m e r.

Saatenstand um die Mitte des Monates November 1905 im Kreise Hersfeld.

Begutachtungszissern (Noten): 1 = sehr gut, 2 = gut, 3 = mittet, 4 = gering, 5 = sehr gering (Vergleiche den Runderlaß der Herren Minister für Landwirt­schaft rc. sowie des Innern vom 16. November 1901. I B c 9476 M. f. L. I b 3646 M. d. I.)

Fruchlarten

Durchschnitts-

Anzahl der von den Ver­trauensmännern abgegebenen Noten

noten

Staat

für den

Reg.-Bez.

Cassel

3

5

I

zu

Winterweizen

2,9

3,0

1

3

2

Sommerweizen

Winterfpelz

3,5

Winterroggen

2,9

2,9

1

2

2

2

Sommerroggen

Sommergerste

Hafer . .

Kartoffeln .

Klee . . .

Luzerne. .

Wiesen:

Bewässerung«

Andere

Bureau. Dr. B l e n k.

Königliches statistisches

Aonigliches Landratsamt.

Sprechstunde: Täglich von 912 Uhr an den Wochentagen vormittags.

Wasser begann; der alte Mann, der dort an seinem Boote hantierte, schien aus dem Meere emporzuwachsen, und seine Erscheinung erregte die Vorstellung, als ob er nach einer Weile wieder verschwinden müsse, wie die Toten untertauchen, denen eine nächtliche Stunde die Erde zurückgibt.

Franz warf sich ermüdet in einen Heuhaufen und be­trachtete das einsame Strandbild; er dachte daran, daß es auch für ihn vielleicht am besten sein würde, zu den Toten Hinunterzugehen und er wußte, daß seine Ruhe dann sehr tief sein werde diese große Wasserfläche lockte mit ihrem leisen Murmeln wie ein Wiegenlied. Dann sah er eine zweite Ge­stalt über die westwärts belegene Düne niedersteigen unb sich der schweigenden Häusergruppe nähern; er erkannte den Gang und die Haltung und dann sah er auch im Mondlicht das blasse Gesicht Josephs mit dem wirren Bart und den unruhig irrlichternden Augen.

Er ahmte leise den Pfiff eines Vogels nach.

Das war jenes Zeichen, mit dem sie sich aus der Flucht verständigt hatten, wenn das Dunkel der Nacht sie trennte oder wenn einer den andern vor einer unbekannten Gesahr warnen wollte.

Joseph stutzte und kam langsam näher.

Ich warte auf dich," sagte Franz leise, wo hast du deine Geige?"

Damit hat es ein Ende," entgegnetc jener.Denkst du, daß ich mich jetzt vor allen Leuten hinstellen werde, mitten unter den Kronleuchter, wo ich jeden Augenblick erkannt wer­den kann."

Erkennen ist noch kein Verraten."

Richter setzte sich ebenfalls in das Hen und begann seinen Bart zu durchwühlen.

Daß ich ein Narr wäre, darauf zu bauen! Seitdem ich weiß, daß dieses Weib in unserer Nähe ist, habe ich keine Ruh' mehr. Oder noch weniger als sonst. Ein Blick, ein Heben der Hand ein Ruf und ich bin verloren.

Sie hat dich doch geküßt," sagte Schubert mit einem lauernden Seitenblick.

Baust du aus Weiberküsse, Franz? Freilich, du sagst immer, du wüßtest nichts davon."

nichtamtlicher teil.

Zur Wieiieraiifillihmt der Reichstzgs- Ärbeite».

Der im Sommer 1903 gewählte Reichstag tritt am 28. November zu seiner zweiten Session zusammen, die sich durch die Füll» und teilweise hervorragende Wichtigkeit der des Reichstages harrenden gesetzgeberischen Aufgaben zu einer besonders arbeitsreichen und bedeutsamen Sitzung«. Periode zu gestalten verspricht. Den Mittel- und Kernpunkt des Arbeitsprogramms des Reichsparlamentes werden der Gesetzentwurf über die Reform der Reichssinanzen und die hiermit eng zusammenhängenden neuen Steuervorlagen bil­den; mit der Beratung dieser inhaltsschweren und umfang­reichen Materie tritt der Reichstag an eine Ausgabe heran, die sich nicht länger mehr verschieben ließ. Die Notwen­digkeit, das Reich finanziell aus die eigenen Beine zu stellen und es nicht weiter mehr die unerquickliche Rolle eines Kostgängers der Einzelstaaten spielen zu lassen, hat die verbündeten Regierungen veranlaßt, der deutschen Volks­vertretung den Plan einer umfassenden Resormierung des Reichsfinanzwesens nunmehr zu unterbreiten; hoffentlich nehmen die Reichstagsverhandlungen hierüber einen be­friedigenden Ausgang. Neben dieser mehrteiligen Finanz- unb Steuervorlage erscheint als zweites Hauptstück der Aufgaben der neuen Reichstagsfession die neue Marine- vorlage, welche auf eine nicht unwesentliche weitere Stärkung der Wehrkraft Deutschlands zur See zielt, indem sie be­kanntlich den Bau von sechs großen Kreuzern und einer Anzahl neuer Torpedoboote sowie die zeitgemäße Ver­größerung des Deplacements und Verstärkung der Armierung unserer Linienschiffe vorschlägt. Sicherlich enthält die neue Flottenvorlage keinerlei maßlose Forderungen, sondern eben nur das unumgänglich Erforderliche dessen, was die Kriegs­marine Deutschlands bedarf, um nicht gegenüber den Flotten der übrigen größeren Seemächte allzusehr ins Hintertreffen zu geraten. Es ist darum anzunehmen, daß die Flotlsn- vorlage im Reichstage auf keine prinzipielle Opposition stoßen wird, abgesehen etwa von den Sozialdemokraten. Als eine weitere größere Vorlage erscheint der Etat, der wiederum einen erheblichen Teil der Arbeitskraft des Reichstages ab­sorbieren wird.

Ungemein zahlreich sind die Gesetzentwürfe zweiten und dritten Ranges, welche der Beratung durch den Reichstag harren. Eine der verhältnismäßig wichtigsten von diesen weiteren gesetzgeberischen Materien ist die Novelle zum Krankenkassengeseg, welche eine teilweise Umgestaltung des die Krankenversicherung betreffenden Teile« der sozialpoli­tischen Gesetzgebung des Reiches erstrebt. Von nicht zu unterschätzsnder Bedeutung find auch die neuen Militär-

Vielleicht doch mein Junge, über Nacht wird manches anders. Was hältst du von dieser süßen Ware?"

Gift" sagte Joseph finster.Hat sie nicht einen Nutzen davon, wenn sie mich einfangen läßt? Ich muß immer an die Geschichte der Delila denken, die den Mann verriet, als er in ihrem Schoße schlief."

Franz lächelte ingrimmig.

Du hast recht, ich werde auch daran denken. Uebrigens brauchst du dich nicht darüber zu gramen, denn du bist nur ein Spielzeug in ihren Händen gewesen. Ich war heute mit Senta zusammen, und wir beide, aber das geht dich schließ­lich nichts an."

Nein, macht, was ihr wollt. Aber ich kann mir denken, daß sie ihre Netze nach dir ausgeworfen hat. Ein Mann wie du paßt zu diesem Weibe. Ihr beide zusammen würdet den Teufel aus der Hölle herausholen."

Der andere nickte langsam.

Kann sein, mein Junge, aber ich habe keine Lust, mich mit dem Satan zu befassen. Jeder Mensch hat ein Schuld- konto, waS er nicht überschreiten darf, sonst muß er seinen Bankrott anmelden. Hält dich noch irgend etwas hier zurück. Du schleichst mir so verdächtig um daS Haus, wo die schöne Fischen» wohnt. Habt ihr beide ein Zusammentreffen in dieser schönen Mondnacht verabredet?"

Nein", entgegnete Joseph heftig,es ist aus damit. Ich war ein Narr unb erzählte dem Mädchen, daß ich auf der Flucht bin. Ich mußte eS einem Menschen sagen, Franz, es hätte mir sonst das Herz abgedrückt, und ich traute diesem Madonnengesicht. Fromm mag sie sein, denn sie drehte sich ab und ließ mich stehen. Nun ist sie mit ihrem Vater drüben auf Amrum, und das ist ein Glück für dich und mich, denn sonst würden wir auch von dieser Seite verraten werden. Ich habe mich den ganzen Tag in den Dünen herum getrieben unb nur von ein paar Mövcncicru gelebt. Die Hatz hält kein Mensch auf die Dauer aus. Wir müssen so rasch wie mög lich fort."

Franz hatte sich ausgerichtet und lugte durch den Nebel nach dem Strand hinunter.

®u hast recht, ich glaube, die Gelegenheit kommt uns in