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Herchlder Armblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 147* Donnerstag, den 14 Dezember 1905.

Amtlicher teil.

Hersfeld, den 11. Dezember 1905.

Die Bekanntmachung des Herrn Reichskanzlers betreffend die wechselseitige Benachrichtigung der Militär- und Polizei­behörden über das Auftreten übertragbarer Krankheiten vom 22. Juli 1902 (M. Bl. für Med. und med. Unter. Angel. S. 246) bestimmt unter A 3:

Die Mitteilungen find für Garnisonorte und für die in ihrem Umkreisevon 20 Klm. gelegenen Orte an den Kommandanten oder wo ein solcher nicht vorhandenist, an den Garnisonältesten, für Orte im militärischen UebungS' gelände an das General-Kommando zu richten."

Diese Vorschrift ist dahin ausgelegt worden, daß die Polizeibehörden an Garnisonorten verpflichtet seien, die er­forderlichen Mitteilungen von Erkrankungen den Militär­behörden nicht nur des eigenen Ortes, sondern aller im Umkreise von 20 Klm. gelegenen Garnisonorte zu machen, und daß die Polizeibehörden in Orten ohne Garnison die Militärbehörde nicht nur des nächstgelegenen Garnisonortes, sondern ebenfalls alle im gleichen Umkreise befindlichen Garnisonkommando« usw. entsprechend zu benachrichtigen hätten. Diese Auffassung ist nicht zutreffend. Vielmehr ist die Bestimmung dahin auszulegen, daß die Mitteilungen für Garnisonorte lediglich an den Kommandanten bezw. an den Garnisonältesten dieses Garuisonorte«, für Orte ohne Garnison, welche im Umkreise von 20 Klm. um einen Garnisonort herumliegen, nur an den Kommandanten bezw. an den Garnisonältesten dieser Garnison und falls in dem Umkreise von 20 Klm. mehrere Garnisonen gelegen find, an° den Kommandanten bezw. an den Garnisonältesten der nächstgelegenen Garnison zu richten sind.

Die Ortspolizeibehörden des Kreises wollen Vorstehendes künftig beachten.

I. 8937. Der com. Landrat.

I. V.:

T h a m e r.

Hersfeld, den 12. Dezember 1905.

Die Herren Bürgermeister des Kreises werden hierdurch an die Erledigung meiner Verfügung vom 27. April 1905 I. I. 2810, Kreisblatt Nr. 51 belr. Bericht über Zigeunerplage erinnert. Ich sehe der Erledigung derselben bis zum 20. b. Mt». bestimmt entgegen.

Der com. Landrat.

J. V.:

T h a m e r.

Hersfeld, den 11. Dezember 1905.

Im Anschluß an mein Ausschreiben vom 27. November b. I. I. I. Nr. 8492 (Kreisblatt Nr. 141) setze ich bie Ortspolizeibehörden des Kreise« '»davon in Kenntnis, daß

Morsch.

Roman von Friedrich Jacobsen.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Dennoch dachte Schubert nicht ernstlich daran, die Gesell­schaft der Ausgestoßenen aufzusuchen, aber da kamen just ein paar Gestalten die Gasse entlang geschwankt, mit denen ein Zusammentreffen vielleicht unangenehmer war als ein kurzer Aufenthalt in dem berüchtigten Verbrccherlokal.

Schubert schlug den Rockkragen in die Höhe, drückte seinen Hut tief in die Stirn und stieg die Stufen des Kellers hinunter. Er hatte in diesem Moment das Gefühl der Zugehörigkeit, die unklare Vorstellung, daß ihm unter den Zuchthäuslern nichts geschehen könne.

Im ersten Moment wäre er dennoch fast zurückgeprallt.

Er hatte sich als Arzt daran gewöhnen müssen, die viel­fach verdorbene Luft ärmlicher Krankenstuben einzuatmen, aber was ihm hier entgegenquoll, das war ein geradezu entsetzliches Gemisch von Moder, Fusel, Lampenruß und tierischer Ausdünstung, welches nur dadurch einigermaßen er­träglich wurde, daß ein beizender Tabaksgualm die schlimmsten Gerüche aufsog.

Die Decke des niedrigen Kellers glitzerte von Feuchtigkeit und Schimmel; in dem aus Lehm gestampften Fußboden waren Löcher, in denen das Grnndwasser trübe Lachen bildete. Die Wände waren ursprünglich mit Kalk beworfen gewesen, aber jetzt grinste überall das schwarze Mauerwerk hervor.

Wenige blinkende Petroleumlampen verhellten sehr not­dürftig den ziemlich tiefen Raum, der mit rohen zerschnittenen Tischen und ebenso primitiven, in die Erde eingerammten Bänken besetzt war; die nicht sehr zahlreich versammelten Gäste saßen in kleinen Gruppen beisammen und hatten fast ausnahmslos Branntweingläser vor sich stehen.

Der Eintritt des Fremden erregte zunächst nur geringe Aufmerksamkeit.

nach einem Beschluß des Kreisausschusse» vom 9. Dezember d. I. die bestellten jeweiligen O r t» s ch ä tz e r zugleich auch als Sachverständige bei der Abschätzung von Gegenständen gemäß § 17 und 18 des Gesetzes vom 28. August 1905, die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten betreffend, zu fungieren haben.

I. A. 3643. Der com. Landrat.

I. B.:

T h a m e r.

Hersfeld, den 11. Dezember 1905.

Die unter dem Schweinebestande des Schmied» Adam Sinning in Aua ausgebrochene Schweineseuche ist erloschen. L 8986. Der com. Landrat.

I. V.:

Tb m er.

Gefundene Gegenstände:

Eine ArbeitSschürze. Meldung bes Eigentümers bet dem Ortsvorstand in Wüstfeld.

Eine Pferdedecke. Meldung bes Eigentümer» bei dem Ortsvorstand in Rohrbach.

nichtamtlicher teil.

SoziMmkratit unb SdijNiiit

Die letzten Tage der vergangenen Woche haben der Sozialdemokratie anstatt der parlamentarischen Lorbeeren, welche sie von ihrem Vorstöße aus dem Gebiete der äußeren und inneren Politik erhoffte, schwere Niederlagen gebracht. Bereit« der russisch-japanische Krieg, so halte der Partei­diktator Bebel im Reichstage ausgeführt, sei nur eine not­wendige Folge der deutschen Einmischung gewesen. Jetzt sei es wieder nur das Verdienst der sozialdemokratischen Partei, daß Deutschland nicht in einen auswärtigen Krieg verwickelt worden sei. In der Marokko-Affäre habe die deutsche Politik Frankreich und England sörmlich zusammen- geschweißt; die Reise des deutschen Kaiser» sei eine De­monstration unb Provokation gewesen, die notwendig bei den anderen Mächten das größte Mißtrauen habe erzeugen müssen. Die Vermehrung der Flotte endlich bezwecke nur die Vorbereitung zum Kriege gegen England, während an­dererseits der Engländer, der ein kluger unb überlegter Mann sei, niemals aus Eifersucht einen Krieg gegen Deutsch­land führen werde.

Auf das Gebiet der inneren Politik übergehenv, stellte Bebel e» als die Absicht der deutschen Regierungen und des deutschen Arbeitgeber« hin, die Arbeiter zu entrechten, sie zu politischen Heloten zu machen und die Kosten für die notwendigen Ausgaben des Reiches der großen Masse der

Der Tabaksnebel war zu dick und die Beleuchtung zu schlecht, um die bessere Kleidung des Gastes sofort erkennen zu lassen, außerdem aber verdeckte der zugeknöpfte Rock und der hochgeschlagene Kragen Uhrkette unb Wäsche.

Der Wirt aber, der hinter dem Büfett dicht neben dem Eingang seinen Posten hatte, machte ein etwas verdutztes Ge­sicht und zwinkerte heimlich mit den Augen.

Die Mitglieder der Hamburger Kriminalpolizei waren ihm natürlich sämtlich bekannt, und einNeuer" konnte das auch nicht sein, denn Neulinge wurden stets von einem älteren Kollegen eingeführt; aber der geübte Blick des Kellerbesitzers erkannte ebenso rasch, daß sein neuer Gast nicht in diese Ge­sellschaft hineingehörte, und wenn auch in gewissen heiklen Dingen seine Autorität unbedingt anerkannt wurde, so mochte er doch eine unliebsame Szene fürchten.

Schubert trat an das Büsett und sagte ruhig:

Geben Sie mir ein Glas Bier wenn Sie welches führen."

Das schon," entgegnete jener,indessen"

Nun?"

Sie sind wohl hier fremd?"

Allerdings; warum?"

Der Wirt machte ein verlegenes Gesicht und dämpfte die Stimme.

Es geht mich natürlich nichts an, und wer bezahlt, der kriegt was. Aber Sie wissen vielleicht nicht, hm"

Ich weiß," entgegnete Schubert,hier verkehren lauter Gentlemen vom bestem Ruf. Von der Polizei bin ich übrigens nicht."

Nein, das sehe ich, aber eben darum. Setzen sie sich wenigstens in die Nähe vom Eingang, es ist immer besser, die Tür im Rücken zn haben als die Wand."

Wenn man in die Tiese des Kellers blickte, dann war es allerdings kein sehr angenehmer Gedanke, 'sich dahinten in einer Ecke ein gefeilt zu wissen unb vor sich ein paar Dutzend mißtrauische und gesährliche Verbrecher zu sehen.

Aber Schubert lächelte etwas geringschätzend.

Wenn man mal vier gute Wände und eine verschlossene Tür um sich gehabt hat, dann legt man auf solche Kleinigkeiten

arbeitenden Bevölkerung aufzubürden. Er schloß seine Aus­führungen mit der Versicherung, bei der Fortdauer der jetzigen Zustände werde der deutsche Arbeiter, wenn das Vaterland von einer auswärtigen Macht angegriffen werde, sich fragen, ob er dasselbe verteidigen wolle.

Diesen unwürdigen Entstellungen sind der Reichskanzler und der preußische Finanzminister in kernigen Ausführungen entgegengetreten. Wir können nur wünschen, daß diese überzeugenden Reden, welche auf die große Mehrheit der Reichstagsabgeordneten den tiefsten Eindruck gemacht haben, in allen Schichten des Volkes aufmerksam gelesen werden. Vor allem wies der Reichskanzler mit äußerster Schärfe die Unterstellung zurück, als seien die deutschen Flottenpläne irgendwie gegen England gerichtet. Wer das behaupte, der verdiene eine Prämie für die mutwillige Störung un­sere» Verhältnisse» zu England. Ueber die Entwicklung und die Schwierigkeit der Marokkofrage, die ohne die Schuld Deutschlands einen akuteren Charakter angenommen habe, ließ der Reichskanzler keinen Zweifel, unb erkannte in warmen Worten die Verdienste des Kaisers um die Er­haltung des Friedens an, der bei dem Besuche in Tanger seine Person für die deutschen Interessen und Das deutsche Ansehen eingesetzt habe. Fürst Bülow brandmarkte die von Bebel zum Ausdruck gebrachte hochverräterische Gesinnung mit gebührender Schärfe. Mit Recht hob er hervor, daß die Entscheidung über Krieg unb Frieden noch nicht von den sozialdemokratischen Agitatoren in der Hasenhaide ab= hänge. Sollte etwa die Sozialdemokratie darüber befinden, ob die deutschen Arbeiter für die Verteidigung des Vater­landes gegen frevelhafte Angriffe einzutreten hätten oder nicht? Wer derartige Zweifel überhaupt aufwerfe, treibe mit der nationalen Würbe und dem Ansehen Deutschlands im Auslande frevelhafte» Spiel. In Frankreich habe die Sozialdemokratie noch vor wenigen Tagen durch den Mund eines ihrer Führer erklärt, sie werde vor dem auswärtigen Feinde nicht desertieren. Die deutsche Sozialdemokratie aber behandele die Frage der auswärtigen Politik nicht vom Standpunkte des nationalen Interesses, sondern aus dem Gesichtswinkel des Parteidogmas und des Fraktionsinteresses.

Der Reichskanzler beleuchtete aber auch die Haltlofig- keil der Bebel'schen Behauptungen von der Ausbeutung der arbeitenden Klassen und der fortschreitenden Verarmung des deutschen Volke» durch die Lasten der Wehrmacht und die Ansprüche des Reichssäckels. In Wirklichkeit hänge die wirtschaftliche Blüte des Reiches mit der starken Rüstung, einem Bollwerk des Weltfrieden», eng zusammen, unb diese Wehrkraft hinwiederum wurzele in einem gesunden Volks­wesen.Ohne geordnete Finanzen keine Wehrkraft, ohne Wehrkraft keinen Frieden, ohne Frieden "kein Wohlstand." Das alles wolle die Sozialdemokratie nicht anerkennen, weil ihr jede» Verständnis für deutsche Ehre und für die Auf­gaben eines nationalen Staatswesens fehle. Daher ihr Widerstand gegen die Ausgestaltung unserer Flotte, Die nur

nicht mehr so viel Gewicht," entgegnete er mit einem bedeut- samen Blick. ,

Da drüben sitzt ein einzelner Herr, dem es vielleicht an Unterhaltung fehlt; bringen Sie mir das Bier nur dort hinüber."

Die versteckte Anspielung aus eine gewisse Genossenschaft und das sichere Auftreten des Fremden verfehlten nicht ihre Wirkung. Der Wirt trug das Seidel an den bezeichneten etwas seitwärts stehenden Tisch und wechselte mit dem dort sitzenden Manne einige leise Worte.

Jener nickte gleichgültig und versank wieder in dumpfes Brüten, Schubert aber setzte sich ihm gegenüber, kostete das anscheinend gar nicht üble Getränk und begann mit großer Seelenruhe seine Umgebung zu betrachten.

Die im Hintergrund des Kellers gruppenweis beisammen­sitzenden Männer konnten in ihrem Aeußeren einen Unerfahrenen auf den ersten Anblick täuschen, denn sie waren durchweg an­ständig grkleidet und benahmen sich wie gesittete Bürger, die den sonderbaren Geschmack haben, in einem Lokal allcr- untersten Ranges ihren letzten Schoppen vor dem Schlafengehen zu trinken.

Sehr verschieden von ihnen war der einzelne Mann, den Schubert sich zum Nachbar ausgesucht hatte. Er war äußerlich sehr heruntergekommen und hatte kein einziges heiles Kleidungs­stück am Leibe.

Schubert warf einen Blick auf daS leere Glas des Mannes, winkte dem Wirt, eS frisch zu füllen und sagte halblaut:

Sie sind auch noch nicht lange heraus was?"

Geht Sie das was an?"

Nein, ich meine nur, daß man an diesem Ort davon sprechen kann. Wir sind doch hier sicher?"

Das kommt darauf an" entgegnete der Mensch vorsichtig.Vor den Greifern ja. Sind Sie vielleicht einer."

Nein."

Na, denn wundert es mich, daß Sie hierherkommen. Mit denen da hinten ist es kein Spaß."