Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich 1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Na
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herrsel-er Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage“ Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
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Nr. 46. Sonnabend, den 21. April 1906.
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 19. April 1906.
Die Schulstelle in Wehrshausen ist vom 16. d. Mts. ab frei geworden.
Das Einkommen derselben besteht neben freier Wohnung in 1150 M. Grundgehalt einschließlich 150 M. Kirchendienst- Vergütung. Der Einheitssatz der Alterszulage beträgt 120 M.
Bewerber wollen sich bis zum 1 0. M a i d. I s. bei dem Königlichen Ortsschulinspektor Herrn Pfarrer Schenk in Schenklengsfeld oder dem Unterzeichneten melden.
Der Schulvorstand: von Grunelius,
I. 3152. Königlicher Landrat.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Unser letzter Wochenbericht schloß mit einer Srinnerung an Die schweren Heimsuchungen, die Gott während der jüngsten Zeit über die Menschheit verhängt hat. Leider hat sich unsere damals ausgesprochene Hoffnung, daß es bei den bisherigen Prüfungen und Unglücksschlägen sein Bewenden haben möchte, nicht erfüllt. Vielmehr haben wir bereits wieder von einer furchtbaren Katastrophe zu melden. San Francisco, die herrlichste und blühendste Stadt an der Westküste der Vereinigten Staaten von Nordamerika, ein in wahrhaft paradiesischer Schönheit prangen’ der Erdenfleck, ist durch ein plötzliches Erdbeben fast völlig zerstört worden, und zahlreiche Menschen haben unter den Trümmern der Stadt ihr Leben eingebüßt. Noch läßt stch der Verlust an Menschenleben nicht genau übersehen, aber groß, sehr groß ist er aus jeden Fall. Das Menschenherz krampst sich angesichts solcher Schrecken- und Trauerbotschaft in schmerzlichem Mitgefühl zusammen, und, in demutsvollem Schweigen verharrend, empfinden wir ganz die Kleinheit und Schwäche unserer Natur gegenüber der gewaltigen Hand des Allmächtigen, dessen Wege und Schickungen wir im einzelnen nicht verstehen, von denen wir aber wissen, daß sie, wie immer auch geartet, als notwendiges Glied in den auf Güte und Weisheit beruhenden göttlichen Weltenplan eingefügt sind.
Angesichts der gewaltigen Naturereignisse erscheint das, was sich jüngst im Völkerleben zugetragen hat, als winzig und unbedeutend. Die Feiertagspause pflegt stets einen gewissen Stillstand in der politischen Arbeit herbeizuführen, und so ist es auch diesmal gewesen. Was aber zu berichten ist, entspricht in vieler Hinsicht dem Bilde der tobenden Elemente draußen. Auch im Völkerleben macht sich viel Brausen und Gären, viel Wildheit und revolutionäres Drängen bemerkbar. Bei uns in Deutschland hat das Sireikfieber gegenwärtig einen geradezu unheimlichen Umfang angenommen. Am beachtenswertesten erscheint unter den zur Zeit im Gange befindlichen Ausständen wegen seiner prinzipiellen Bedeutung der Hamburger Hafenarbeiter- und Seemannsstreik. Die Forderungen, die in dem Streit eine Rolle spielen, die fünfprozentige Lohnerhöhung und Regelung der Ueberstunden, sind von den Rhedereien im wesentlichen bereits aus freien Stücken erfüllt worden. Auch haben die großen Rhedereien feit Jahren eine an< erkennenswerte Opferwilligkett zugunsten ihrer seemännischen Angestellten bewiesen.
Auch auS Frankreich ist von Streits und Streikunruhen zu melden. Sehr schlimm steht es insbesondere in den nordsranzöstschev Kohlendistrikten aus, wo die Truppen einen überaus schweren Stand gegenüber der M6 zur Siedehitze gesteigerten Leidenschaft der streikenden Bergarbeiter haben. Hier ist es bereits zu blutigen Tumulten, Plünderungen und Exzessen aller Art gekommen.
Fast gleichzeitg mit der Uebernahme der Geschäfte durch das Kabinett Wekerle hat die liberale Partei in Ungarn ihre Auflösung beschlossen. Damit hat Die große Partei ihr Ende erreicht, die seit 1875 bis gegen Schluß des Jahres 1904 einen bestimmenden Einfluß auf die Geschicke Ungarns ausgeübt hat. Doch soll nach der Erläuterung, die Graf Stephan Tisza dem AuflöfungS- beschluß gegeben hat, die Form nur zerstört werden, damit der politische Gehalt, den sie umfaßte, um so kräftiger wirksam werde. Eine neue VerfassungSpartei auf breiterer Grundlage soll an Stelle der verschwindenden liberalen Partei treten und die Entwicklung Ungarns in den Bahnen festhalten, in denen sie jahrzehntelang unter Wahrung des 1867 geschaffenen Ausgleiche» mit Oesterreich vor sich gegangen ist.
In R u ß l a n d Hot bei den W a h l e n z u r D u m a in den Städten die Partei der konstitutionellen Demokraten den Sieg errungen. Ob die» dem Lande zum Segen gereichen wird, erscheint noch fraglich. Jedenfalls ist die Partei bisher mit keinem lebensfähigen Programm Hervorge- treten, und auch die Aufforderung, die au» ihren Kreisen
an das Ausland gerichtet worden ist, der russischen Regierung keine Anleihe zu gewähren, zeugt nicht gerade von staatsmännischer und patriotischer Einsicht. Doch wird sich ein abschließendes Urteil über die Parteiverhältnisse der Duma und die politische Richtung und politischen Fähigkeiten der einzelnen Parteien erst späterhin fällen lassen.
IM-italimM.
Der Dank unseres Kaisers an den Grafen GoluchowSki dafür, daß die österreich-ungarische Diplomatie inAlgeciras der deutschen aufs treueste und wirksamste beigestanden hat, wird in einem großen Teil der italienischen Presse als „deutsch-italienischer Zwischenfall" behandelt. Das Lob für den einen Bundesgenossen wird als Tadel für den andern empfunden. Diese Empfindlichkeit ist unberechtigt, hat aber doch ihr gutes.
Unberechtigt ist sie insofern, als Italien sich keinen kaiserlichen Dank verdient hat. Allerdings hat sich das offizielle Italien in AlaeciraS so verhalten, wie es nach Lage der Dinge zu erwarten war. Es konnte nicht so unbedingt wie Oesterreich-Ungarn an der deutschen Seite stehen, weil es in einem Separatvertrage mit Frankreich sich verpflichtet hatte, diesem in Marokko freie Hand zu lassen. Dieser Separatvertrag stand mit dem Dreibunds- vertrag nicht in Widerspruch, und die italienische Regierung war loyal genug, verdeutschen, alsbald nachdem der deutsch- französische Streit wegen Marokko entstanden war, von ihrer heiklen Lage Kenntnis zu geben. Im hohen Grade auffällig war dagegen die Haltung der italienischen Presse. Sie stand ganz unter dem Einfluß der Nachrichten- und Stimmungsfabrik, die von den Franzosen in AlgeciraS eingerichtet worden war, und verlor dabei alle Rücksichten auf das Dreidundsverhältnis aus dem Auge.
Der Dank an den Grafen GoluchowSki hat nun dazu beigetragen, daß sich die italienische Presse, ernüchtert aus dem Franzofenrausch, ernsthaft mit der Frage beschäftigt, was für Italien dabei herauSschaut, wenn e» wirklich, wie die französische Presse zu versichern nicht müde wird, zur Auflösung des Dreibunds käme: Konflikte mit Oesterreich- Ungarn in der Adria, Abhängigkeit von dem stärkeren Frankreich in allen Mittelmeerfragen, Gefährdung der Großmachtstellung Italiens. Deutschland wird auch ohne den italienischen Bundesgenossen fertig, Italien dagegen ist ohne den Rückhalt bei den beiden europäischen Zentral- mächten allen Unsicherheiten feiner schwachen geographischen und wirtschaftlichen Lage preiSgegeben. Daß man sich jetzt in der italienischen Presse wieder auf den Nutzen des Dreibundes besinnt, soll uns recht sein. UebrigenS liefert die Angelegenheit wieder ein Beispiel dafür, wie leicht die auswärtigen Beziehungen eines Landes durch die Haltung seiner Presse berührt werden können — gegen Wunsch und Willen der eigenen Regierung.
Große Erdbebenkatastrophe in San Francisco.
Die elementaren Schreckensereignisse folgen sich in diesem Frühjahr Schlag auf Schlag; kaum hat der furchtbare AuS- bruch des Vesuvs nachgelassen, so kommt aus dem westlichen Nordamerika die Kunde von einem weitauSgedehnten Erdbeben, da» besonders in der Stadt San Franzisko eine außerordentlich schwere Katastrophe herbeigeführt hat; eine noch nicht festgestellte, jedenfalls sehr hohe Zahl von Menschen hat dabei ihr Leben verloren.
New Aork, 18. April. Heute morgen 5 Uhr 13 Minuten erfolgten drei Erdbebenstöße in San Francisco. Die ersten beiden waren nur leicht, der dritte zerstörte nach den bisherigen Meldungen die Stadt. Wer am Leben blieb, floh, mit Ausnahme von wenigen Personen, die dort blieben, um die Verletzten aus den Trümmern und den überall entstehenden Feuersbrünsten zu retten. Der Telegraph ist unterbrochen. Der letzte meldende Telegraphist drahtet aus dem einstürzenden Gebäude, daß er fein Leben retten müsse.
New N°rk, 18. April. Wie der New Aork Postal and Telegraph Company telegraphisch gemeldet wurde, Hot das Erdbeben in San Francisco sechs bis acht Straßen- genierte im Geschäftsdistrikt zerstört und im Bankdistrikt ebenfalls großen Schaden angerichtet.
Chicago, 18. April. Die Paßbehörde erklärte, sie hätte Mitteilungen erhalten, denen zufolge die Katastrophe in San Francisco Tausende von Menschenleben gefordert hätte.
New Dork, 18. April. Der ganze vom Meer auü sichtbare Teil von San Francisco steht in Flammen. Das Feuer greift rasch um sich, und wenn kein Westwind ein- setzt, droht die Gefahr, daß die ganze Stadt niederbrennt. Ein fünfstöckiges Hotel stürzte ein, dabei wurden 70 Personen unter den Trümmern begraben, und diese gingen dann in Flammen auf; in gleicher Weise fiel ein großes Wohnhaus,
wobei etwa 80 Personen umS Leben kamen. Das Palace Hotel steht in Flammen. Im Süden der Market Street flog ein großer Gasbehälter auf, wodurch eine neue große Feuersbrunst veranlaßt wurde. Die Banken find geschloffen. In den Straßen patrouillieren Truppen, die Befehl haben, jeden, der beim Diebstahl betroffen wird, niederzuschießen.
New Ao rk, 18. April. Aus San Francisco werden große Verluste an Menschenleben gemeldet. Alle Telegraphenleitungen mit Ausnahme von einer find zerstört.
Durch das Erdbeben wurden die Rohre der Wafferund Gasleitungen zerbrochen. Das F-uer nimmt seinen Weg die Market Street entlang. Das Rathaus, welches 7 Millionen Dollar gekostet hat, liegt in Trümmern. Die Furcht und die Erregung, die in San Francisco herrschen, sind unbeschreiblich. Aus vielen Häusern stürzten die Bewohner in leichter Nachtkleidung auf die Straßen. Viele Gebäude gerieten plötzlich ins Wanken und stürzten mit einem Krach ein, die Bewohner unter den Trümmern begrabend. In den Hotels im Innern der Stadt entstand fürchterliche Aufregung. Am meisten sind die Gebäude südlich von Market Street beschädigt, wo zumeist in Fachwerkbau errichtete Miethäuser stehen. An vielen Stellen brachen Brände aus. Die Lage wird dadurch verschlimmert, daß alle Beleuchtungsanlagen Gas wie Elektrizität, vernichtet sind. Da es an Wasser fehlt, wurden Häuser in die Luft gesprengt, um den Flammen Einhalt zu tun. Ganze Straßenzüge sind durch die Trkmmerhrufen versperrt.
Fernere Berichte über die furchtbaren Verwüstungen, welche die elementare Katastrophe angerichtet hat, enthält noch nachstehende Meldung:
London, 18. April. Aus New Dock wird hierher telegraphiert, San Francisco liege fast gänzlich in Trümmern. An tausend Gebäude stürzten ein. Die zerstörte Fläche umfaßt etwa 50 Blocks im Geschäftsteil. Das Feuer breitet sich rasend schnell über die Stadt aus und ist jetzt völlig unkontrollierbar. Man schätzt die Toten aus elf» hundert. Die Wasserleitungen sind zerstört, und die Feuerwehr sprengt Gebäude mit Dynamit in die Luft, um die Feuersbrunst einzudämmen. Die Szenen in der zerstörten Stadt find unbeschreiblich, und das Stauen des Erdbebens in der Nacht war über alle Maßen furchtbar. Die Bewohner stürzten in Nachtgewändern auf die Straßen. Man sah die Gebäude wanken und krachend einstürzen, Hunderte unter den Trümmern begrabend. Am meisten litten die Gebäude südlich von Market Street, wo die Häuser sehr leicht gebaut sind. In jedem Block jenes Distrikts brach Feuer aus. Alle GaSröhren find zerrissen, so daß daS Feuer sich rapid an ihnen entlang fortpflanzt. Alle Telegraphen- und BeleuchtungSdrähte sind zerrissen, so daß keine Beleuchtung zu erlangen war. Alle Straßen sind durch Trümmer versperrt. Die Wagen der Expreß-Compagnie werden zum Transport der Verletzten nach improvisierten Krankenhäusern benutzt. Nach Telegrammen aus Sacra- mento versanken drei Meilen Bahngleise zwischen Saisun und Benicia an der Bucht von San Francisco. Die Union Pacific-Bahn meldet, daß alle ihre Telegraphcndrähte westlich von Ogden zerstört wurden, das Erdbeben scheint sich über mehrere hundert Quadratmeilen erstreckt zu haben und wurde auch durch ganz Nevada heftig verspürt. Aus Berkeley in Kalifornien, wo Die Staatsuniversität ist, wird eine schwere Feuersbrunst gemeldet. In FreSno City (Kalifornien) wurde das schwerste dort je erlebte Erdbeben verspürt. Chicago ist ohne alle telegraphische Verbindung mit San Francisco. In Sacramento sollen ebenfalls schwere Beschädigungen stattgefunden haben. Viele Gebäude sind dort eingestürzt, und man holt Tote und Verwundete so schnell wie möglich hervor. Ehe der Draht wieder unterbrochen wurde, hatten die Postbehörden in Chicago um 9 Uhr 40 Minuten vormittags kurze Zeit Verbindung mit San Francisco. Danach drohte die Hauptgefahr durch die Feuersbrunst, Die sich wegen des Wassermangels rapid aus- breitete. Die Bevölkerung flieht aus dem bedrohten Distrikt. Die Telegraphisten mußten das Hauptpostgebäude in San Francisco im Stich lassen, da es fast in Trümmern lag. Sämtliche Uhren in San Francisco blieben um VtG Uhr stehen, um welche Zeit das Erdbeben stattfand: Um VaS Uhr hatte man schon 300 Leichen geborgen. Herzzerreißende Szenen spielten sich dabei ab.
New-Dork, 18. April. Herold glaubt die Ziffer der Umgekommenen mit 5000 geben zu müssen. Der Sekretär des Schatzamts Shaw erklärte, er werde sofort zehn Millionen Dollar für die Notleidenden nach San Francisco schicken. Nachmittags wurde hier dauernde Drahtverbindung mit der Pazifischen Küste wiedererlangt. Mit anderen Städten hat auch Oakland gelitten; doch ist der Umfang des Schadens durch Erdstöße, die, vom Meer kommend, bis durch den Staat Nevada fühlbar waren, vorläufig unabschätzbar. Ein Glück für San Francisco war, daß der erste Stoß um 5 Uhr 13 Minuten Die Einwohner bereit» weckte. Sie konnten so in die Straßen eilen und sahen dort die Häuser zwei Minuten später beim zweiten Stoß in Trümmer fallen. Gleichzeitig brachen die Flammen aus und gleichzeitig ergoß sich, alles niederlegend, eine