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Herrselder Armblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
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Nv. 66. Sonnabend, den 9* Juni 1906.
Amtlicher teil.
HerSfeld, den 1. Juni 1906.
Die Militär-Intendantur des XI. Armeekorps hat darauf hingewiesen, daß die unmittelbaren Einlieferungen der Producenten an die Proviantämter sowohl nach Menge wie nach Beschaffenheit noch sehr zu wünschen übrig lassen, ob. gleich die Proviantämter überall bestrebt seien, möglichst unmittelbar mit den Produzenten landwirtschaftlicher Verbrauchsgegenstände in Verkehr zu treten.
Sie glaubt die Ursache u. A. in folgenden Umständen suchen zu müssen.
1. Die Produzenten sind, abgesehen davon, daß sie ihre Ländereien vielfach noch nicht rationell bewirtschaften, kein reine» Saatgut verwenden, Unkraut aus den Aeckern nicht beseitigen, in der Bereitung ihrer Produkte für den Verkauf auch nicht sorgsam genug; insbesondere besitzen viele keine zeitgemäßen Reinigungsmaschinen, um da« Getreide magazinfähig zu machen.
2. Die Produzenten machen sich von dem Einflüsse der Händler und Makler, unter welchen sie vielfach stehen, oft noch nicht frei; sie lassen sich von diesen einreden, daß sie seitens der Proviantämter unfreundlich ja chikanös behandelt würden, daß die Abwickelung von unmittelbaren Geschäften mit denselben sehr zeitraubend sei, überhaupt sich für sie nicht eigene.
3. Selbst die landwirtschaftlichen Genossenschaften machen die Geschäfte mit den Proviantämtern vielfach nicht unmittelbar sondern durch Makler.
4. Die Bürgermeistereien zeigen nicht immer das not- wendige Interesse, um in ihren Ortschaften dem Verkehr der Producenten mit den Proviantämtern Eingang zu ver, schaffen, indem sie Bekanntmachungen der Proviantämter ohne Interesse behandeln, erbetene Auskünfte unvollständig oder überhaupt nicht erteilen.
Um diesen Uebelständen entgegen zu wirken und den unmittelbaren Verkehr zwischen dem Producenten und dem größten Consumeoten, dem Mililärfiskus zu fördern, werden die Herren Ortsvorstände veranlaßt dahin zu wirken,
1. daß die Producenten sich bemühen, bei Verkäufen an die Proviantämter nur reelle und gut gereinigte Ware zu liefern, und daß sie sich hierzu nötigenfalls eventuell ortschaftSweise, hie anderwärts üblichen Putzmühlen — Preis circa 150 Mk. — anschaffen.
2. daß sich die Producenten persönlich, nötigenfalls durch den Bürgermeister oder einen Vertrauensmann aus ihrer Mitte, wegen Einlieferung ihres NaturalS unter Beiseiteschiebung der Händler und Makler, an die Proviantämter wenden,
3. daß die an sie gerichteten Aufforderungen der Proviantämter wegen der unmittelbaren Einlieferung von Naturalien ordnungsmäßig bekannt gemacht und erbetene Auskünfte bald und eingehend erteilt, ferner, daß die die Ortschaften bereisenden ProviantamtS- Beamten mit Rat und Tat in ihren Absichten, den Verkehr mit den Producenten zu beleben, in bereitwilligster Weise unterstützt werden,
4. daß die Landwirte bei jeder sich bietenden Gelegenheit dahin belehrt werden, daß sie bei den Proviantämtern für gute Ware jederzeit die höchsten Tagespreise erhalten und immer schnelle und entgegenkommende Abfertigung finden. Der Verdienst, welcher bei Um* gehung des Händlers in die eigene Tasche der Producenten fließt, ist nicht klein und macht eventuell mit der direkten Zufuhr verbundene Arbeit reichlich bezahlt. Die näheren Bestimmungen für Lieferung landwirtschaftlicher Erzeugnisse an Proviantämter find im Kreisblatt Nr. 38 de 1900 bereits bekannt gegeben worden.
I. I. Nr. 4484. Der Königliche Landrat.
J. V.:
T h a m e r.
Hersfeld, den 6. Juni 1906.
Diejenigen Herren OrtSvorstände des Kreises, welche inzwischen wegen Beschaffung einer geeigneten Hastlokals noch nicht berichtet haben, werden hieran mit 10tägiger Frist erinnert.
I. 4576. Der Königliche Landrat.
J. V.: T h a m e r.
Hersfeld, den 6. Juni 1906.
Unter den Schweinen de« Spinnmeister« Loui« Kirschner in Hersfeld ist die Rotlausseuche ausgebrochen. I. 4502. Der Königliche Landrat.
I. V.: T h a m e r.
Zugelaufen: Ein Dachshund. Meldung des Eigen, tümers bei dem Ortsvorstand in Asbach.
HerSfeld^ den 6. Juni 1906.
Unter den Schweinen des Arbeiters Johann Rübenstahl in Sieglos ist die Rotlausseuche ausgebrochen. I. 4503. Der Königliche Landrat.
J. V: T h a m e r.
I AZnigliches Landratsamt.
Sprechstunde: Täglich von 9—12 Uhr an den Wochentagen vormittags.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Pfingsten, das „liebliche Fest", ist vorüber. Trug es auch diesmal infolge der Ungunst bes Wetters weniger einen „lieblichen" Charakter, so bildete es doch einen willkommenen Ruhepunkt in dem Getriebe des Alltagsleben», qeeignet für bas Menschenherz, sich lorzuringen von den Sorgen und Nöten des Alltags, sich emporzuichwingen über seinen Staub in reinere Regionen, in die des irdischen Zwiespalts ewige Dissonanz nicht hinausreichk; die kurze Feiertagsruhe gab uns Muße zu innerer Sammlung und Gelegenheit, unser Fühlen und Denken auf uns selbst zu konzentrieren, zurück- zublicken aus unsere Tätigkeit und uns mit Hoffnung und Vertrauen zur Zukunft zu erfüllen.
Auch unser Kaiser hat während des Pfingstfestes im trauten Familienkreise Erholung von seinen Herrscher- pflichten gesucht und gefunden, aber gleich nach dem Feste seine Reise nach Wien angetreten, um dem innig befreundeten Herrscher des österreichischen Nachbarstaates einen Besuch abzustatten. „Mit inniger Freude sieht," so schreibt ein Wiener offiziöses Blatt, „die Bevölkerung der ReichS- haupt- und Residenzstadt Wien den Herrscher des mächtigen Nachbarreicher wieder in ihrer Mitte. Sie erblickt in dem Besuche Kaiser Wilhelm» die erneute eindrucksvolle Bekräftigung jenes Freundschaft»« und Bundesverhältnisses, das feit einer langen Reihe von Jahren das Deutsche Reich und die Habsburgische Monarchie vereint und, fest gegründet in der unverbrüchlichen Freundschaft der Monarchen wie in den politischen Notwendigkeiten Europas, während der ganzen Dauer seines Bestandes sich als eine kostbare und machtvolle Stütze des Weltfrieden» bewährt hat. Die Bevölkerung Wien» bietet dem erlauchten Monarchen, dem verehrten Gaste ihres Kaisers und KönigS, ihren ehrerbietigsten Willkommengrub."
Das Pfingstfest hat auch Oesterreich ein neues Ministerium bescheert. Kaiser Franz Josef hat einen Mann gefunden, der es unternimmt, sich mutig in den politischen Strudel zu stürzen und die Schwierigkeiten zu überwinden, welche die ungarische Frage verursacht hat. Der neue österreichische Ministerpräsident ist der bisherige Sektionschef im Ackerbauministerium Freiherr v. Beck, dem es gelungen ist, ein Ministerium zu bilden, das in seiner Zusammensetzung wirklich als Ausdruck Gesamtösterreichs betrachtet werden kann. Freilich muß abgewartet werden, ob die nationalen Zwistigkeiten die Betätigung dieses einheitlichen österreichischen Willen» nicht, wie schon so oft, auch jetzt wiederum lähmen werden.
Auch die italienische Ministerkrisi« ist durch die Bildung eines neuen Ministeriums unter Leitung Kiolittir gelöst worden. Mit Giolitti ist die Linke wieder an« Ruder zurückgekehlt.
Ein tiefer Schatten ist in Spanien aus die Pfingst- sreude und die Hochzeit-feierlichkeiten des jungen Königs paare« durch das ruchlose Bombenattentat gefallen, dem eine große Anzahl von Menschenleben zum Opfer gefallen sind. Glückselig lächelnd saß die junge Königin aus der Fahrt von der Kirche zum Königsschlosse an der Seite ihres Gatten. Da, ein Knall, tausend Aufschreie des Entsetzens und zwischendurch markerschütternd gräßliche Jammerlaute furchtbaren Schmerzes. Schreckverzerrte Gesichter ringsum anstatt der lächelnden Hofleute, der jubelnden Untertanen, und Blut auf den schimmernden Prunkgewändern, Blut auf dem blütenweißen Brautgewand. Diesem neuen ruchlosen anarchistischen Anschläge aus das junge spanische Königspaar läßt sich in seiner grauenhaften Roheit kaum ein ähnliche» Verbrechen zur Seite stellen. Von welch unsagbarer Brutalität muß der Mordbube erfüllt gewesen sein, wenn in ihm der wohlbedachte Plan reifen konnte, dem jugendlichen König Alfons XIII., der kaum dem Knaben, alter entwachsen ist, und seiner unschuldigen Gemahlin ge> rade am Maientage ihres Glückes ein jähe», blutiges Ende zu bereiten. Mit tiefer Entrüstung hat die ganze gesittete Welt ihrem Abscheu gegen den teuflischen Mordanschlag Ausdruck gegeben, denn da» junge köntgspaar hat durch sein würdevolle» Verhalten bei dem Vorfall und in den
darauf folgenden Tagen die Sympathien noch befestigt, die e$ schon vorher genossen. Möge Hingebung und Dank, barkeit beS spanischen Volke» dem jungen Herrscherpaare in Gutem entgelten, was tiefste Verkommenheit der Gesinnung einer Rotte von Menschen ihnen in einer dem höchsten Glück geweihten Stunde an Schmerz und Betrübnis zugefügt hat. Möge die Vorsehung, die in schwerster Gefahr so sichtlich über ihnen gewaltet hat, sie auch fernerhin beschirmen und sie stark machen in ihrem Wirken für eine glückliche Zukunft ihres Volkes!
Internationale Abrüstung.
Im englischen Parlament ist, auch vom Ministertische aus, die Frage einer Verminderung der Kriegsrüstungen auf dem Wege internationaler Beratungen angeregt worden. Schon bei der Einberufung der ersten Haager Konferenz spielte dieselbe Frage eine Rolle, sogar die Hauptrolle. Eine Note bes russischen Minister» der auswärtigen Angelegenheiten Grafen Murawiew bezeichnete als die wichtigste Aufgabe der Konferenz, ohne Verzug nach Mitteln zu suchen, um den fortschreitenden Rüstungen zu Wasser und zu Lande ein Ziel zu setzen. In Wirklichkeit hat sich dann die Haager Konferenz an die Lösung der schwierigen Aufgabe nicht herangewagt. Daß die Frage jetzt in England unter einem liberalen Kabinett ausgenommen wird, ist nicht auf. fällig. England hat am wenigsten Gefahren für seine politische Machtstellung zu befürchten ; es ist in seiner Rüstung zur See soweit allen Staaten voraus und durch sein» insulare Lage so gut geschützt, daß es bei einer allgemeinen Abrüstung nichts von seiner Seeherrschaft ver. lieren kann. Ein englischer Minister war auch unbefangen genug, neulich im Unterhaus, anzuerkennen, daß die Lage für kontinentale Staaten wie Deutschland viel schwieriger ist. Es ist erst hundert Jahre her, daß die Residenz des KönigS von Preußen und nunmehrigen deutschen Kaisers von fremden Kriegsscharen heimgesucht war.
Der Gedanke, den zunehmenden Rüstungen durch internationale Verständigung Einhalt zu tun, übt aus alle friedlichen Geister eine gewisse Anziehungskraft aus. @6 klingt sehr schön, zu sagen, daß die Ersparnis an Rüstung»' kosten auf die Befriedigung von Kulturbedürfnissen verwendet werden könnte. Aber der nationale Wohlstand eines großen Volkes kann sich nur unter dem sicheren Schutze einer starken Wehrmacht entfalten. Ein Mittel, mit einer allgemeinen Abrüstung gleichzeitig auch den Egoismus der Völker, ihrem Trieb zur Macht, Schranken aufzuerlegen, ist noch nicht gefunden. Der Anreiz, in den Beziehungen der Völker zueinander Macht vor Recht gehen zu lassen und Kombinationen zur Erweiterung des eigenen Einflüsse» zu entwerfen, bleibt immer derselbe, er ist die Triebkraft aller großen Politik und schafft, befriedigt durch die Taten von kühnen Staats- und Krieg»männern, den Ruhm nationaler Heroen. Ein unglücklicher Krieg zerstört viel mehr an kulturellen Werten als was durch Ersparnisse an Mehraus. gaben im Frieden entwickelt werden könnte.
Trotzdem wäre es unklug, wenn wir jede Anregung, über eine Verminderung der Kriegsausgaben nachzudenken, rundweg ablehnen wollten. Man gäbe damit nur das Feld für die Verdächtigung frei, daß das Deutsche Reich Kriegerische» im Schilde führe und die anderen Staaten zur Erhaltung und Steigerung ihrer Rüstungen nötige. Wir wollen die Anhänger her Abrüstung nicht hindern, allen Scharfsinn aufzubseten, um einen annehmbaren Modus und besonders eine solche Form der Ueberwachung ausfindig zu machen, die nicht selbst den Casus belli in sich birgt.
Aus Jn- und Ausland.
Berlin, 7. Juni 1906.
Aus Wien wird gemeldet: Seine Majestät Kaiser Wilhelm begab sich gestern vormittag in die Kapuzinergruft und legte am Sarge bes Kronprinzen Rudolf einen Kranz nieder. Bon dort begab sich Se. Majestät zu einem Frühstück aus die deutsche Botschaft, an welchem ferner teilnahmen: Minister a latere Graf Zichy, Staatssekretär v. Tschirschky und der Ehrendienst Sr. Maje. stät de» Deutschen Kaisers. Nach dem Frühstück in der deutschen Botschaft fuhren Se. Majestät der Kaiser Wilhelm und Se. Majestät der Kaiser Franz Josef zusammen nach Schönbrunn. Die Spazierfahrt im Schönbrunner Park, die für gestern nachmittag geplant war, mußte wegen schlechten Wetters unterbleiben, Um 6Va Uhr Abends fand bei der Erzherzogin Marie Valerie in Lainz ein Familien- diner statt, an dem die beiden Monarchen teilnahmen. Gleichzeitig war im Schönbrunner Schlosse Marschalltafel für bas Gefolge des Deutschen Kaisers und für den ihm zugeteilten Ehrendienst. Der Deutsche Kaiser nahm dann gestern abend beim Fürsten Max Egon v. Fürstenderg im intimen Kreise den Thee ein. Es waren etwa 40 Gäste geladen, darunter der deutsche Botschafter Graf Wedel mit