Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hers seid vierteljährlich 1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. ^
Der Anzeigenpreis beträgt für den Raum einer eingespaltenen Zeile 10 pfg., im amtlichen Teile 20 Psg. Reklamen die Zeile 25 Psg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.r«^u2us
1
herrfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 146. Donnerstag, den 13. Dezember 1906.
Amtlicher Ccil.
Hersfeld, den 9. Dezember 1906.
Es hat sich im Laufe der Zeit an verschiedenen Stellen zur Regel herausgebildet, daß die hierher zu richtenden Berichte und Schreiben auf die von hier ausgehenden Verfügungen und Schreiben gesetzt und so samt letzteren wieder hierhergeschickt worden sind. Dieses Verfahren hat zur Folge, daß die Vorgänge hier in den Akten doppelt in Urschrift und Ausfertigung vorhanden sind, während sie in den Akten derjenigen Dienststellen, an welche die Schreiben gerichtet waren, fehlen. Die zu erstrebende Vollständigkeit der Akten der lokalen Dienststellen leidet darunter. Dies ist geeignet, zu Störungen im Geschäftsgänge zu führen. Die Herren Bürgermeister ersuche ich daher unter Hinweis aus die Verfügung vom 6. Juli 1876, abgedruckt im Kreisblatt Nr. 55, genau darauf zu achten, daß die von hier ergehenden Verfügungen re. nur dann hierher zurückgereicht werden, wenn sie den besonderen Vermerk „u. R." oder „v. d. R." (unter Rücker- bittung oder vorbehaltlich der Rückgabe) tragen. Diese Schriftstücke sind bei Rückreichung mit Wiedereinreichungsvermerk zu versehen. In allen anderen Fällen sind zu den Berichten rc. besondere ganze ober halbe Bogen Papier zu verwenden. Auch bitte ich darauf bedacht zu sein, daß die sämtlichen Eingänge ordnungsmäßig mit Journalnummern versehen werden.
Das Zusammenpacken verschiedener Sachen, die nicht zu einander gehören, hat verschiedentlich zu Unzuträglichkeiten geführt. Bei gemeinsamer Verpackung verschiedener, nicht zu einander gehörender Sachen, ersuche ich daher, dafür Sorge zu tragen, daß die Vorgänge der einzelnen Sachen nicht durcheinander geraten.
Durch genaue Beachtung dieser Punkte würden mich die Herren Bürgermeister wesentlich in dem Bestreben unterstützen, einen geordneten Geschäftsgang aufrechtzuerhalten.
A. 4575. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Hcrsfeld, den 8. Dezember 1906.
Die unter den Schweinen des Fabrikarbeiters Bernhard Gebauer in Unterhaun ausgebrochene Schweineseuche ist erloschen. I. 9999. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Um €bK und Namen.
Roman nach dem Englischen von Clara Rheinau.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Jetzt erst trat Alfred näher. Er war im Zweifel gewesen, welcher Empfang ihm nach ihrer letzten Begegnung zuteil würde und atmete auf, als sie von seiner Anwesenheit Notiz nahm. Sein Herz pochte in wilden Schlägen. Julianas Schönheit verwirrte ihm sörmlich die Sinne und seine Leidenschaft für sie loderte von neuem in Hellen Flammen auf. Er ahnte nicht, welchen Plan Juliana bei ihrer anscheinenden Freundlichkeit verfolge, wie unendlich schwer es ihr siel, ihm gegenüber die Rolle zu spielen, die sie selbst sich auferlegt.
Der Rest des Abends verging ihm wie ein beglückender Traum. Als er sich von den Damen verabschiedete und das Opernhaus verließ, beschloß er, den Heimweg zu Fuß zurück- zulegen. Er fühlte das Bedürfnis, in der frischen Lust seine Erregung zu kühlen. Während er langsam durch die Straßen schlenderte, fiel sein Auge plötzlich auf das Plakat einer Abendzeitung und er war wie an die Stelle gebannt. Siedend stieg ihm das Blut zu Kopfe, in der ersten Minute vermochte er die großen Lettern kaum zu entziffern. Dann verschwand der Schleier vor seinen Augen und er stand der Tatsache gegenüber, daß die Stunde seines Triumphes gekommen war. Das Plakat setzte die Welt in Kenntnis von dem vor wenigen Stunden plötzlich erfolgten Ableben des bekannten Landedelmannes und vielfachen Millionärs Sir Egbert Merivale von Wilberforce.
Alfreds Atemzüge kamen fast hörbar. Dies war der Augenblick, wegen dessen er schwere Schuld auf seine Seele geladen, den er mit Ungeduld ersehnt hatte. Und jetzt, da er gefammen, wagte er kaum, daran zu glauben — es schien zu herrlich, um wahr zu sein.
Ein Zittern befiel ihn; er kehrte um und rief eine Droschke an. Im Begriff einzusteigen, fühlte er eine Hand aus seiner Schulter und eine Stimme flüsterte ihm ins Ohr:
„Guten Abend, Sir Alfred Merivale."
nichtamtlicher teil.
Reichstag.
Der Reichstag genehmigte am Montag zunächst die Vor« loge, betr. die Ausführung der Generalakte der Marokko- Konferenz, in dritter Lesung im ganzen, worauf der Gesetzentwurf, betr. die Kontrolle de» Retchshaushaltü, des Landeshaushalts von Elsaß-Lothringen und des Haushaltes der Schutzgebiete für 1906, debattelo» in erster und zweiter Lesung angenommen wurden. Ganz kurz gestaltete sich die nachfolgende dritte Lesung der Vorlage betr. das Urheber, recht an Werken der bildenden Künste und der Photographie, die Vorlage wurde unter Ablehnung der zur dritten Lesung wiederum eingebrachten AbänderungSanträge der Soztal- demokraten unverändert nach den Beschlüssen der zweiten Lesuna gutgeheißen. Die weitere Sitzung füllte die dritte Beratung der Novelle zur Gewerbeordnung (Schutz der Bau. Handwerker) aus. Es fand eine nochmalige Generadebatte statt, in welcher die Abgeordneten Schrader (sr. Verein.), Dr. Böttger (nat.-lib.), Frome (joz), Pauli (Reichsp ) und Erzberger (Zenlr.), sowie regierungsseitig Geh. Rat Spiel« Hagen sprachen und in der besonder« die Themata vom all. gemeinen Befähigungsnachweis, von der Kontrolle im Bau- betriebe und vom Zunftwesen wieder eins Rolle spielten. In der Sp-zialdirkussion wurden dann die einzelnen Teile Der Novelle, darunter auch Artikel II über die Einführung des indirekten Befähigungsnachweises im Baugewerbe er« ledigt, worauf das ganze Gesetz gegen die Stimmen der Freisinnigen und der Sozialdemokraten zur Annahme gelangte.
Auf der Tagesordnung standen am Dienstag zwei Interpellationen der Freisinnigen Volkspartei und Vereinigung und der sozialdemokratischen Fraktion betr. Maßnahmen zur Abhülfe der herrschenden Fleischteuerung und der Teuerung der notwendigsten L e b e n » m i t t el.
Staatssekretär Graf v. PosadowSky erklärt sich auf Befragen des Präsidenten zur sofortigen Beantwortung der Interpellationen bereit.
Abg. Dr. Wiemer (Frs. Vp.) begründet die 3nter pellation seiner Partei. Redner führt aus: Eine ausführliche Begründung erübrigt sich eigentlich, da die beklagte Teuerung ollvekannt ist. Die Fleischpreise von Schweinefleisch, Rmv., Kalb- und Hammelfleisch haben eine Steigerung von 23 bis 50 pCl. gegen den Durchschnitt der letzten 10 Jahren erfahren. Auch die Deutsche Tageszeitung hat diese Teue rung anerkannt. Die Voraussage des früheren Landwirt- schafl-minister«, die Vieh- und Fleischteuerung sei nur eine vorübergehende Erscheinung, die ihren Grund in der 1904 vorhandenen Teuerung der Futtermittel habe, ist leider nicht eingetreten. Der geringe Rückgang der Fleischpreise fällt wenig ins Gewicht, ein schwerer wirtschaftlicher Notstand in weiten Volk-kreisen ist dennoch vorhanden. Der Fleisch
Der Ton klang höhnisch und Alfred blieb, den Fuß auf dem Trittbrett, wie zu Stein erstarrt stehen. Eine Minute zuvor hatte er innerlich über sein Glück gejubelt, nun senkte sich eine düstere Wolke aus sein Leben herab, eine Angst, so bang, so beklemmend, daß sie fast an Verzweiflung grenzte.
* *
*
Als Juliana Armand an diesem Abend ihre Zofe entlassen hatte und sich allein auf ihrem Zimmer befand, blickte sie mit wilden verstörten Augen um sich.
„Mir ist, als sei ich eben so falsch wie er," murmelte sie. „Werde ich dies durchführen können? Als er heute Abend in meine Nähe kam, schauderte ich förmlich. Ist es denn möglich," rief sie leidenschaftlich, „daß ein Mensch so erbärmlich, so grausam sein kann! Wie kann er nur Schlaf finden in der Nacht? Muß nicht Walters blasses, unglückliches Gesicht ihm stets vor Augen schweben?"
Sie sank auf einen Stuhl nieder und fuhr in leisem, klagendem Tone fort:
„Ich glaube, ich bin die einzige, die noch an Walter denkt, Jda hat meinen letzten Brief, in welchem ich sie auf ihre Pflichten gegen ihren Bruder aufmerksam machte, nicht beant- w ortet. Und Sir Egbert wird mir nie vergeben, daß ich es wagte, den Namen des verlorenen Sohnes zu nennen. Eine gibt es noch aus der Welt, die gern an seine Unschuld glauben möchte, und dies ist Lady Betty Lingard. O wie glücklich wäre ich, wenn jemand von seinen nächsten Anverwandten mir beistehen würde, den Verräter zu entlarven!"
Eine heiße Röte übergoß Julianas edle Züge.
„Manchmal," flüsterte sie vor sich hin, „glaube ich kaum ein Anrecht zu haben, in dieser Weise für Walter einzutreten. Denn, wenn ich ihn auch seit meinen Kinderjahren liebe, so weiß ich doch nicht, ob er meine Gefühle erwidert. Selbst als er die Heimat verließ und mein Herz blutige Tränen um ihn weinte, mußte ich ihn ohne ein Wort des Trostes gehen lassen."
Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und verharrte eine lange Weile regungslos aus ihrem Sitze. Als sie endlich wieder aufblickte, standen Tränen in ihren Augen, aber ihre bleichen Züge zeigten einen Ausdruck fester Entschossenheit.
konsum ist ständig zurückgegangen, in dem Maße, wie die Fleischpreise in die Höhe gegangen sind. Die Folge der tatsächlichen Unterernährung des Volkes, da» statt Fleisch Eier, Milch und Käse konsumiert, ist die Verminderung der Arbeitsfähigkeit der breiten Masten. Weshalb wird nicht das Büchfenfleisch, das zur Kriegsausrüstung der Marine tauglich erscheint, auch zur Volksernährung herangezogen? Besonders leidet der mittlere und untere Beamtenstand unter den gegenwärtigen Verhältnissen; ein darbender Beamtenstand ist nicht vorteilhaft für das Reich. Die heimische Landwirtschaft ist nicht in der Lage, den Notstand zu beheben.
Aus > und Ausland.
Berlin, den 11. Dezember 1906.
S e. Majestät der Kaiser hörte heute vormittag im Neuen Palais bei Potsdam die Vorträge des Chefs des Admiralstabes der Marine, des Chefs des MarinekabinettS, des Chefs des Generalstabes der Armee, des Cess des Militärkabinetts, des Generalstabsarztes der Armee und des Chefs des CivilkabinettS, und empfing den Professor Münsterberg von der Harvard-Universität. Um 2 Uhr 10 Min. reiste Se. Majestät nach Bückeburg ab, um daselbst an einer Jagd teilzunehmen. Auf bet Rückreise von Bückeburg am 13. gedenkt Se. Majestät das adelige Fräuleinstift in Obernkirchen zu besuchen.
Das Auswärtige Amt soll eine Umgestaltung durch Schaffung eine« neuen Direktorpostens und Trennung der Kolonialabteilung vom Auswärtigen Amte erfahren; letztere Maßnahme wiederum würde die Schaffung eines selbständigen Kolonialamtes bedingen. Die betreffenden Forderungen wird Der nächstjährige Reichshaushallsetat aufweisen.
Wie die Parole mitteilt, hat der Vorstand des Preu« ßischenLandes-KriegerverbandeSunmittelbar auf die Kunde von dem furchtbaren Explosionsunglück, das sich bei den westfälischen Industriestädten Mitten und Annen ereignet hat, als erste Hülfe 3000 M. an den Kassenführer des Westfälischen Provinzial-Kriegervsrbande» telegraphisch überwiesen zur Unterstützung der verunglückten Kameraden sowie von deren Witwen und Waisen.
Im norwegischen Slorthing zu Christiania fand am Montag nachmittag die feierliche Zuteilung des Nobel- schen Friedenspreises statt. Derselbe ist dem PräsidentRoosevelt zuerkannt worden, die« namentlich wegen der erfolgreichen Bemühungen des Präsidenten um die Herstellung des Frieden« zwischen Rußland und Japan. Auf die telegraphische Benachrichtigung von dieser ihm gewordenen Auszeichnung dankte Roosev-It sofort telegraphisch, hierbei erklärend, daß er beabsichtige, den Preis zur Schaffung eines ständigen industriellen Friedenskomitees
„Ich bin töricht," sagte sie, sich erhebend, „eben es ist nicht die Zeit, an meine eigenen Gefühle zu denken. Mag Walter auch nie erfahren, wie sehr ich ihn liebte, ich will nicht erlahmen in meiner Arbeit. Nichts will ich unversucht lassen, bis es mir gelungen ist, seine Ehre, seinen guten Namen wieder herzustellen."
Juliana Armand hatte in ihrer kalten, nordischen Heimat eine eigenartige Kinderzeit verlebt. Viele bedauerten Lord Ar- mand's Tochter, aber bis zu ihrem achtzehnten Jahre war Juliana ganz zufrieden gewesen, mit ihrem Lose. Allerdings hatte es Zeiten gegeben, wo die Kleine sich nach der toten Mutter sehnte, die sie nie gekannt hatte. Dann war sie wohl vor das lebensgroße Bildnis der Verstorbenen getreten und hatte sich auszumalen gesucht, wie ihr Leben sich unter den Augen einer zärtlichen, liebevollen Mutter gestaltet hätte.
Lord Armand, der älteste Bruder von Lady Diana's Gatte, hatte sich f. Z. durch die Geburt einer Tochter bitterlich enttäuscht gefühlt und den Versuch gemacht, das Versehen des Schicksals auszugleichen, indem er seiner Tochter ungefähr die gleiche Erziehung gab, die er einem Sohne hätte zu teil werden lassen. Sobald sie lesen konnte, lehrte er sie griechisch und lateinisch, er gab ihr schwere Ausgaben in beiden Sprachen zu lösen und fühlte sich mit ihrem Geschlecht fast ausgesöhnt, als er entdeckte, welche intelligente Schülerin er an Juliana hatte. Obschon er ihren häufigen Verkehr mit Jda Merivale nicht gern sah, legte er ihr doch kein Hindernis in den Weg. Zwischen den Familen von Wilberforce und Mallardine, dein Stammsitz der Armands, bestand seit langen Jahren eine so intime Freundschaft, daß es ganz natürlich war, wenn die beiderseitigen jungen Töchter sich eng an einander anschlossen. Es waren die glücklichsten Stunden in Juliana's Kinderzeit, bie sie mit ihrem jungen Gefährten von Wilberforce verbrachte. Denn, wenn sie auch nie über ihr einsames Leben zu Hause klagte und von Stolz und natürlicher Zuneigung für ihren Vater erfüllt war, so halte sich doch nie ein recht inniges Verhältnis zwischen Vater und Tochter ausgebildet. Lord Armand war ein Mann, dessen Herz nur eine Liebe gekannt hatte; seine wärmsten, zärtlichsten Gesühlc hatte er mit der früh verlorenen Gattin begraben,