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hersfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Kernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 20. Donnerstag, den 14. Februar 1907.
Amtlicher Ceil.
Hersfeld, den 9. Februar 1907.
Nach § 47 Absatz 7 der Bundesratsbestimmungen vom 30. Mai 1902 und nach § 57 Absatz 3 der Ausführnngs- bestimmungen vom 20. März 1903 sind die Tagebücher der Schlachtviehbeschauer drei Jahre lang nach der letzten Eintragung aufzubewahren.
Die Ortspolizeibehörden haben darüber zu wachen, daß gegen diese Vorschriften nicht verstoßen wird, was bisher mehrfach geschehen ist. Wiederholt haben Beschauer, namentlich im Falle des Ausscheidens aus der Beschantätigkeit, die vorhandenen Tagebücher alsbald vernichtet. Die Beschauer sind darauf aufmerksam zu machen, daß die Tagebücher Urkunden darstellen, deren Beschädigung oder vorzeitige Vernichtung oder Beiseiteschaffung unter Umständen strafbar ist (§ 133 St. G. B.). Es empfiehlt sich, aus dem Titelblatte der Tagebücher einen entsprechenden Vermerk anbringen zu lassen.
Die abgeschlossenen Tagebücher sind künftig von den Beschauern alljährlich mit den vorgeschriebenen Znsammenstellungen über die Ergebnisse der Schlachtvieh- und Fleischbeschau an die Kreistierärzte abznliefern und von diesen anfzubewahren.
Scheidet ein Beschauer im Laufe eines Jahres aus einem Beschaubezirke aus, so hat er das noch nicht abgeschlossene Tagebuch seinem Nachfolger zu übergeben, oder, wo dies nicht möglich ist, dem Kreistierarzte einzureichen.
I. 1280. Der Königliche Landrat.
J. V.:
Tha in e r.
Hersfeld, den 9. Februar 1907.
Die Königlichen Beschäler werden am 16. Februar d. Js. aus Station Philippsthal eintreffen. Die Herrn Ortsvorständc wollen dies den Züchtern des Kreises bekannt geben.
Zugleich werden die Herren Ortsvorstände hierbei darauf aufmerksam gemacht, daß die Abfohlungsergebnisfe in die s. Zt. ihnen zugehenden Deckrcgister recht genau einzutragen und letztere bis spätestens zum 20. Juni an den betreffenden Stationswärter zurückzusenden sind. Außerdem sind die Züchter demnächst daran zu erinnern, daß die fälligen Deck- und Füllengelder ungesäumt an den Stationswärter gezahlt werden müssen.
I. 1286. Der Königliche Landrat.
J. V.:
Trott zu S olz, Regierungs-Reserendar.
Gefundene Gegenstände:
Ein Geldbeutel mit Inhalt. Meldung des Eigentümers bei dem Ortsvorstand zu Heimboldshausen.
Um Ehre und Namen.
Roman nach dem Englischen von Clara Rheinau.
(Fortsetzung.)
Als Juliana ihr Ziel erreichte, sah sie Lord Armand langsam auf der vorderen Terrasse auf und ab schreiten. Seine Gedanken weilten in der Vergangenheit, bei jenen Tagen, da Juliana, der Mutter- und Vaterliebe beraubt, wie eine liebliche Blume in der düsteren Atmospäre ihres verödeten Heimes Heranwuchs. Dieses wehmütige Sinnen wurde durch die Ankunft Lady Diana's jäh unterbrochen. Die Dame befand sich in einem Zustand unbegreiflicher Erregung. An allen Gliedern zitternd, rang sie die Hände und brach plötzlich in einen Strom von Tränen aus. Sie widerstrebte nicht, als ihre Zofe mit Hilfe einer anderen Dienerin sie wie ein Kind die Treppe hinaus in ihr Zimmer trug.
Als Lord Armand sich wieder allein sah, strich er mit der Hand über die Stirn und setzte den unterbrochenen Gedankengang fort.
„Juliana ist sehr stolz," sagte er sich, „aber sie war stets gut und pflichtgetren. Ich will ihr schreiben, daß ich ihrer bedarf und sie wird kommen — ja ich weiß, sie wird zu ihrem alten Vater kommen."
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Der Diener, der Sam Bury die Tür öffnete, versuchte anfangs dem eigentümlichen Besucher den Eingang zu wehren, allein dieser ließ sich nicht abweisen.
„Führen Sie mich zu ihrem Herrn," sagt er in festem Ton, „ich habe eine Angelegenheit mit ihm zu verhandeln, die keinen Aufschub erleidet."
„Sir Alfred befindet sich im Garten," versetzte der Diener und ging schweigend voraus bis zu der Bank unter den Bäumen, iuo er seinen Herrn zu finden glaubte. Allein her Platz war leer und nirgends eine Spur des Gesuchten zu sehen.
„Bemühen Sie sich nicht weiter," sagte Sam; „ich danke Ihnen, daß Sie mich bis hierher gebracht haben. Ich werde hier ein wenig warten oder auch umherstreisen, bis ich Sir- Alfred begegne."
nichtamtlicher teil.
Abgeordnetenhaus.
Das preußische Abgeordnetenhaus verhandelte am Sonnabend die nationalliberale Interpellation wegen des sogenannten „Bremserlasses" des Kultusministers Dr. v. Studt gegen die von einzelnen Stadtgemeinden vorgenommene oder geplante Gehaltserhöhung der Volksschullehrer. Die von dem Abg. Schiffer (natl.) begründete Interpellation wurde vom Kultusminister sofort beantwortet, indem er ausführte, daß die tiefe Erregung über den Erlaß auf unzutreffenden Voraussetzungen beruhe. Die preußische Volksschule sei ein einheitlicher Organismus, daher könne der Staat den Gemeinden nicht die Entscheidung über die Besoldung der Lehrer allein überlassen, dabei könne es ohne eine gewisse Beschränkung der Selbständig seit der Gemeinden nicht abgehen. Der Erlaß habe nur die bestehende Praxis aufs neue einschatzen wollen. Bei der Besprechung der Interpellation griff Ministerialdirektor D. Schwartzkopff wiederholt in die Debatte ein und wies ins- beiondere darauf hin, daß in der Kommission seinerzeit tatsächlich verlangt worden sei, daß gebremst werden müsse, wenn die Gemeinden durch höhere Gehälter die Landflucht der Lehrer begünstigen würden. — Am Montag wurde das WanderwerkstättenGesetz beraten. Minister des Innern von Bethmann-Hollweg erklärte, der vorliegende Gesetzentwurf wolle Fürsorge treffen für die mittellosen arbeitsuchenden Wanderer, diese von der Landstraße entfernen unb auf die Eisenbahnen hinüberschieben, zumal der Eisenbahnminister sich bereit erklärt habe, den Besörderungspreis für Wanderarme auf einen Pfennig pro Kilometer herabzusetzen. Nach kurzer Debatte wurde der Gesetzentwurf einer Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen. Dann setzte das Haus die Beratung des landwirtschaftlichen Etats fort.
Bei der am Dienstag im Abgeordnetenhanse fortgesetzten Beratung des Landwirtschasis-Etats nahm die Debatte über die innere Kolonisation einen großen Raum ein. Den Anlaß dazn gab ein nationalliberaler Antrag, durch innere Kolonisation den ländlichen Arbeitermangel zu beseitigen. Abg. Glatzel (natl.) begründete ihn in fast einstündiger Rede. Minister v. Arnim führte aus, in Mecklenburg, namentlich aber in England habe man mit der Arbeiteransiedelung die besten Erfolge erzielt. Wenn der Antrag auch für Preußen energischere Maßnahmen verlange, so stimme er dem durchaus zu. Leider würden aber die geeigneten Mittel nicht angegeben. In der Hauptsache müßte durch unermüdliche Kleinarbeit helfend ein- gegriffen werden. Dabei dürfe man aber nicht vergessen, daß jahrzehntelange Unterlassungssünden nicht plötzlich aus der Welt geschafft werden könnten. Auch das Gesetz über die Rentengntkredite könne die Sache sehr fördern. Er empfehle für jeden angesiedelten Arbeiter vier Morgen Land. Der Angesiedelte dürfte aber vom Gutsbesitzer nicht abhängig sein.
Der Lakai zögerte ein wenig, dann zuckte er kaum merklich die Achseln und entfernte sich in der Richtung des Hauses.
Als Sam allein war, nahm er feinen Hut ab und blickte mit ehrerbietiger Miene um sich. Hier im Herzen von Walter MerivaleS Besitzung wirkte die Schönheit und Stille des Sommertages so mächtig auf sein Gemüt, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Er dachte daran, wie er von Zeit zu Zeit mit anderen Dvrfjuugen die Erlaubnis erhalten hatte, in diesem prächtigen, alten Garten ein paar Stunden zu spielen. Alles war hier noch genau, wie es damals gewesen und er versetzte sich lebhaft in die Vergangenheit zurück.
Diese schöne, friedliche Szenerie schien wenig geeignet für den Ort, an dem das Drama zwischen ihm und Alfred Mcri- vale zu Ende gespielt werden sollte.
Als Sam nach einigen Minuten sich umwandte, sah er Sir Alfred langsam durch eine Ulmenallee daherkommen. Er hatte den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hände auf dem Rücken und sah wie ein alter Mann aus. Als er sich langsam genähert hatte, erhob er plötzlich den Kopf und sein erster Blick fiel auf SamS kräftige Gestalt. Er schrak zurück und griff mit der Hand nach dem nächsten Baumstamm, um sich zu stützen.
Sam sprach nicht sogleich; er heftete nur das Auge fest auf den Mann, der Walter aus der Heimat vertrieben, ihn von seinem Vater getrennt, sein ganzes Leben zerstört hatte. Sein Herz war voller Bitterkeit und doch, als er Alfreds völlig verändertes Aussehen bemerkte, so ergriffen, daß er ein Gefühl des Mitleids nicht unterdrücken konnte.
„Sie sind Herr Alfred Merivale?" begann er die Unterredung.
Der andere neigte leicht sein Haupt: „Zu dienen, derbin ich. WaS wünschen Sie von mir?"
Er trat ein paar Schritte vor und stand nun Sam gerade gegenüber.
„Ich wünsche, daß Sie Ihren Verwandten, Walter Meri- vale, mir zurückgeben," sagte dieser feierlich.
Sir Alfred machte eine Geberde der Verzweiflung.
„Sie verlangen Unmögliches von mit. Ich weiß nicht, ivo Walter Merivale ist, aber — aber ich bitte zu Gott, daß
Abg. Gras v. d. Groeben (kons.) betonte, daß auch der Landwirt im Westen der Monarchie unter dem Arbeitermangel empfindlich leide. Das beste Mittel zur Beseitigung der Leutenot sei und bleibe immer noch eine leistungsfähige Landwirtschaft. Der heutige Antrag werde hoffentlich dazu beitragen, daß der preußische Staat sich der Kolonisattonsangelegenheit mehr als früher befleißige.
Viehzählung.
Unter dem Eindrücke der Fleischtcuerung ist in Preußen am 1. Dezember 1906 eine außerordentliche Viehzählung verunstaltet worden. Maßgebend war dafür die Absicht, mit der Feststellung des Viehbestandes einwandfreies Material für die Beurteilung der Ursachen jener Teuerung zu gewinnen. Die kürzlich festgestellten vorläufigen Ergebnisse dieser Zahlung sind nunmehr in der amtlichen „Statistischen Korrespondenz" der Oeffentlichkeit übergeben worden. Da diese Ergebnisse zweisels- ohne ein großes und aktuelles Interesse besitzen, so fei das Wichtigste derselben im folgenden unfern Lesern mitgeteilt.
Die „Statistische Korrespondenz" unternimmt zunächst einen Vergleich der absoluten Zahlen des Viehbestandes Preußens in den Jahren 1873 und 1906. Danach waren im Jahre 1873 in Preußen vorhanden 2 282 435 Pferde, 8 639 514 Rinder, 19 666 794 Schafe, 4 294 926 Schweine, während sich im Jahre 1906 die entsprechenden Zahlen auf 3 021087, 11630 672, 5 426 851 und 15 334 762 stellten. Weiterhin sind sodann in einer eingehenderen Beurteilung der Bewegung des Viehstandes die Ergebnisse der einzelnen zwischen den Jahren 1873 und 1906 liegenden Zäülunaen Herangezogen worden. Aus den mitgeteilten Zahlen ergibt sich eine seit 1873 nicht sehr schnell, aber ungemein stetig fortschreitende Zunahme des Pferdebestandes in Preußen. Bei dem Rindvieh ist die Entwickelung nicht so gleichmäßig. Die Zunahme ist beträchtlich, jedoch weniger regelmäßig; von 1900 aus 1902 ist sogar ein Rückschritt zu verzeichnen, den die nächste Zählpcriode von 1902 bis 1904 aber mehr als ausgleicht. Die Schweine haben eine sehr erhebliche Vermehrung ersahren, jedoch ebenfalls nicht ohne einen kurzen Rückschlag in der Zeit von 1902 bis 1904. Dafür ist aber die Vermehrung ihrer Stückzahl zwischen den Zählungen von 1904 und 1906 so bedeutend gewesen wie niemals zuvor seit 1873. Die Schafe endlich haben fortdauernd abgenommen, jedoch verlangsamt sich der in früheren Jahren äußerst -schnelle Rückgang schon seit 1902 beträchtlich. Lehrreich ist die Vergleichung der Zusammensetzung des preußischen Viehstandes jetzt und 1873, wenn man eine Rangordnung nach der Stückzahl her einzelnen Viehgattungen bildet. Im Jahre 1873 nahmen die Schafe den ersten, die Rinder den zweiten, die Schweine den dritten und die Pferde den letzten Platz ein; 1906 dagegen standen an der Spitze die Schweine, es folgten die Rinder, dann die Schafe und schließlich wieder die Pferde.
er glücklicher sei, als ich es in diesem Augenblicke bin."
Diese Worte erschütterten Sam, er fühlte sich momentan kampfunfähig. „Ja, wenn man Ehre und Wahrheit und Rechtschaffenheit beiseite setzt," entgegnete er, „wandelt man auf düstern, unheimlichen Wegen."
„Eine weise Lehre," bemerkte Sir Alfred mit leichtem Spott; „predigen Sie dieselbe jenen, welche noch keine Erfahrung besitzen. Könnten wir, die wir die Bitterkeiten deS Lebens verkosteten, unseren Nachkommen Klugheit einimpfen, so gäbe es nur sehr wenig Böses in der Welt. Doch was wünschen Sie von mir zu erfahren? Sprechen Sie, ich bin bereit alles zu sagen."
„Sie können mir nicht viel neues mehr sagen; nach und nach habe ich selbst alles ausgekundschaftet. Sie wußten das, daß es wenigstens eine Person gab, welche die Wahrheit verriet, welche die Ueberzeugung hatte, daß Walter unschuldig war an dem Verbrechen, welches man ihm vor Jahren zur Last legte. Sie wußten auch, daß diese Person es sich zur Lebens- ausgabe machen würde, dem Manne, den sie liebte, seinen guten Namen wieder zu verschaffen, daß dieses aber Ihrer gesicherten Stellung gegenüber ein schwieriges Unternehmen war."
Sam hielt einen Augenblick inne und fuhr dann in verändertem Tone fort:
„Lady Berty Lingard kennt die Namen jener, die ihre Ju- lvelen stahlen. Sie haben Ihren Schuldgcuosscn nicht gut gewählt, Parnell bat gestanden. Er selbst ist für eine Zeitlang in Sicherheit drüben in der neuen Welt, und was Ihnen passieren konnte, daran liegt ihm vermutlich nichts."
Alfred Merivale lächelte bitter. „Ich bin auf alles vorbereitet," sagte er, „und beklage es nicht, daß das Ende gekommen ist.' Die zwei letzten Tage, die ich allein hier verbrachte, haben mir die Singen geöffnet über die 'Dlid)tigfeit und Erbärmlichkeit der Dinge, die ich zu erringen strebte. Nur eins gibt c§, das meinem Leben noch Wett verleihen könnte, aber dies eine wird niemals mein werden. Also beginnen Sie Ihr Werk sobald sie wollen, mir ist nichts daran ge legen."
Mit einem Gemisch von Mitleid und Verachtung blickte Sam Bury auf seinen Gesährten.