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Hersfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 99,
Donnerstag, den 22. August
1907.
Amtlicher teil.
Hersseld, den 15. August 1907.
Nach den Jahresberichten der Hessischen BrandversicherungsAnstalt findet eine nicht geringe Zahl der Brandunglücke ihre Entstehungsursache in dem Spielen der Kinder mit Streichhölzern und sonstigen Zündstoffen.
Ich sehe mich daher veranlaßt, jetzt, wo beim Hüten des Viehes die Kinder Streichhölzer bei sich führen, um der verderblichen Sitte gemäß im Felde resp, auf dem Weideplätze Feuer anzumachen und Kartoffeln rc. zu braten, an die Bewohner des Kreises die dringendste Aufforderung zu richten, die Streichhölzer doch so auszubewahren, daß sie unverständigen Kindern nicht zugänglich sind, denn es sind Fälle vorgekommen, daß Kinder, ebenso wie im Freien, in Wohnräumen, Scheunen rc. ein Feuer'chen angezündet haben, wodurch dann große Schadenfeuer entstanden sind.
Daß auch die Herren Lehrer ihren Einfluß in dieser Hinsicht auf die Schulkinder zur Geltung zu bringen wissen werden, setze ich als selbstredend voraus.
Die Herren Bürgermeister des Kreises ersuche ich, die vorstehende Bekanntmachung wiederholt in der Gemeinde zu veröffentlichen.
I. 7403. Der Königliche Landrat von Grunelius.
Hersseld, den 19. August 1907.
Die unter dem Schweinebcstande des Andreas Halaß zu Heringen ausgebrochene Rotlausseuche ist erloschen. i. 7470. Dex Königliche Landrat
von Grunelius.
nichtamtlicher teil.
In Kaiser zur Äunvenschuu in Maiuz.
Mainz, 20. August. Der Kaiser traf mittelst Sonder- zuges pünktlich 8 Uhr bei Wärterbude 39 bei Mainz ein. Zum Empfang hatten sich eingesunden der Großherzog und die Großherzogin von Hessen, Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, ferner der kommandierende General des 18. Armeekorps, General der Infanterie von Eichhorn, der Gouverneur unb der Kommandant von Mainz und Kreisdirektor Freiherr von Gagern. Nach herzlicher Begrüßung der Er
Die Erbin.
Roman von I. d'Anin.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
In den Augen Angclottis eine große Torheit. Nach fünfjähriger Ehe starb Prinz Corglione, seiner kinderlosen Witwe einen Teil seines Vermögens hinterlassend, dessen letzter Rest gemeinsam mit den Reichtümern der Montecorvellos dahingeschmolzen war. —
Angelotti mußte warten. Donna Bianka war in der Kirche.
Als Witwe nach Rom zurückgekehrt, lebte sie anfänglich ihrer Trauer, später ihrer bescheidenen Einkünfte halber in äußerster Zurückgezogenheit.
In dem Palast einer befreundeten Familie, der sich in demselben verfallenen Zustande befand wie derjenige ihres Vetters, hatte sie einige Zimmer gemietet.
Angelotti brauchte nicht lange zu warten. Ruhigen Schrittes betrat sie das kalte, kahle Zimmer. Seitdem Angelotti Bianka kannte, hatte ihre reine Schönheit keine Veränderung erfahren. Sie hatte jetzt ihr 28. Jahr erreicht, und in der Nähe gesehen, war sie in Wirklichkeit von bezauberndem Liebreiz.
„Ihr seid eS, Herr Angelotti?" begrüßte sie ihn mit ehrlichem Staunen, in dem sich eine verhaltene ängstliche Spannung fühlbar machte. „Was geht denn vor?"
Für Donna Bianka war Angelotti bisher immer nur als Hiobsbote erschienen.
„Ich maß Sie sprechen, Prinzessin! Die Angelegenheiten Ihres Vetters stehen schlecht, sehr schlecht!"
„Und waS soll ich etwa dabei tun?" fragte sie ziemlich kühl, und mit einem gewissen Hochmut fügte sie hinzu: „Ihr verliert nur Zeit bei mir, Herr Angelotti, denn Ihr wißt wohl, daß ich nichts mehr besitze."
' „Davon ist jetzt nicht die Rede," protestierte Angelotti demütig, „e§ handelt sich im Augenblick nur darum, dem Prinzen einen Rat zu geben."
„Um das zu können, müßte ich ihn doch sehen," entgegnete
schienenen stieg der Kaiser, der die Uniform seines 116. Regiments trug, zu Pferde und begab sich mit den Fürstlichkeiten und Gefolge in das Gesechtsgelände. Es folgte eine Gefechtsübung der 49. Jnfanteriebrigade (mit Ausnahme des Regiments
168) gegen das Jns.-Regt. Nr. 117. Beiden Parteien wurden Artillerie und Kavallerie beigegeben.
Mainz, 20. August. Nach Beendigung der Gefechtsübung hielt der Kaiser eine längere Kritik ab und schritt sodann die Front der aus dem Großen Sande in Parade ausgestellten Truppen ab. In Parade standen die Regimenter 80, 87, 115, 116 und 117, die Unteroffizierschule von Biebrich, die erste Abteilung des Feldartillerie-Regts. 61, das Fußartillerie- Regt. 3 und das Pionierbataillon 21. Es fand ein zweimaliger Vorbeimaifch statt, wobei jedesmal der Kaiser und die anwesenden Fürstlichkeiten ihr Regiment vorführten. Sodann setzten sich der Kaiser und der Großherzog an die Spitze der Fahnenkompagnie zum Einzug in Mainz. Der Kaiser und der Großherzog ritten an der Spitze der Fahnenkompagnie in die reich geschmückte Stadt ein, von dem Publikum mit Hurrarufen begrüßt. Der Kaiser ritt bis zu dem großherzog- lichen Schloß, wo die Fahnen abgegeben wurden. An der Frühstückstafel saßen rechts vom Kaiser die Großherzogin von Hessen und Prinz Friedrich Karl von Hessen, links vom Kaiser saßen Prinz Karl von Hessen und der Großherzog von Hessen. Der Kaiser verlieh eine Reihe von Ordensauszeichnungen. Um 3 Uhr reifte der Kaiser mit dem Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen im Automobil nach Schloß Friedrichshos bei Kronberg ab.
Kronberg, 20. August. Der Kaiser ist um 3 Uhr 50 Min. aus Schloß Friedrichsrub eingetroffen. In seinem Wagen hatte das Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen Platz genommen.
Der Kaiser begab sich um 6 Uhr mit dem Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen zum Bankier Karl v. Grunelius und nahm in dessen hiesiger Villa den Tee ein.
At Zlhwicrißktii Der Lage in Marokko.
Es kann jetzt keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die Lösung der marokkanischen Frage, welche durch die Unruhen in Casablanca und in anderen marokkanischen Küstenplätzen in ein ganz neues und schwieriges Stadium getreten ist, den Großmächten viel Mühe bereiten wird und auch nicht ohne Gefahr für die europäische Lage ist. Die Angriffe der Aufständischen in Marokko gegen die Europäer und ganz besonders gegen die Franzosen dauern nach den neuesten Nachrichten aus Casablanca fort, und es muß befürchtet werden, daß bei dem unruhigen, fanatischen und räuberischen Charakter der marokkanischen Volksstämme sich der Ausstand noch über das ganze Land verbreiten wird. In dieser Sorge und Angst hat der Sultan von Marokko in seiner Hauptstadt Fez auch plötzlich alle Notabeln, die Ulemas, Scherifs und andere angesehene
sie traurig, er ist schon lange nicht mehr bei mir gewesen- Ihr seht also, es ist ganz unnütz. Um was handelt es sich denn? Sagt mir die Wahrheit, Angelotti!"
„Die Wahrheit wünscht Euer Exzellenz zu wissen? Die ist grausam. Ich sage es Ihnen zum Voraus. Und dennoch, Prinzessin, sind sie die einzige Person, deren Rat in der Sache feine Wirkung auf den Prinzen nicht verfehlen wird. Es gilt, ihn oder besser gesagt seinen Palast vor dem Verkauf zu retten!"
„Den Palast der Montecorvellos verkaufen! Wodurch ist er denn in diese letzte Not geraten?"
Die Tränen perlten unter ihren Wimpern hervor, und angstvoll blickte sie in AngelottiS Gesicht.
Ohne ein Wort der Erwiderung zog Angelotti aus den Taschen seines Rockes ein kleines Register hervor und bielt die langen Zahlenreihen, die die traurige Geschichte des Verfalles der Montecorvellos enthielten, Donna Bianka hin. Anleihen, unglückliche Spekulationen, Rechnungen von Lieferanten, Wetten u. s. w. wechselten miteinander ab.
Hin und wieder hielt Angelotti bei dem einen und andern geheimnisvollen Zeichen an.
„Hier ist eine böse Schlinge, aus der Sie, Prinzessin, Ihren Vetter befreiten."
Um Donna Biankas Lippen spielte ein bitteres Lächeln. „Ich kann nichts weiter für ihn tun," sagte sie, „selbst meine Juwelen sind dabei drauf gegangen, und ich hatte deren viel!"
„Wie, Prinzessin? Auch Ihr Diadem sollten Sie geopfert haben? Und ich bot Ihnen doch wiederholt eine so günstige Gelegenheit, es anzubringen, aber Sie schlagen eS mir allemal ab!
„Nein", antwortete Bianka mit Würde. „Das Diadem erbte ich von meiner Mutter, davon trenne ich mich nicht, um eS den Händen des Wucherers oder dem Hammer deS Taxators zu überlassen."
„ES ist so wundervoll und mürbe Ihnen eine bedeutende Summe ..."
„Nichts da! Alles habe ich geopfert, selbst die Familien- juwelen, von denen fast jedes einzelne daS Geschenk eines
Männer zusammenberufen und ihnen gegenüber die Not deS Landes geklagt, auch hat der Sultan sofort durch die Notabeln des Landes eine Beschwerde bei den Großmächten über das Vorgehen Frankreichs in Marokko einreichen lassen, und diese Vertreter des Sultans und Marokkos sind bereits in Tanger eingetroffen, um die erwähnte Beschwerde den SB er tiefern der Großmächte zu übermitteln. Diese Beschwerdesührung ist aber weiter nichts als ein Verlegenheitskunststück des Sultans von Marokko und seiner Berater. Der Sultan und seine Minister wollen dadurch den Glauben erwecken, als wenn durch das Einschreiten der französischen Truppen in Casablanca erst das ganze Land in Aufruhr versetzt worden und somit Frankreich an der ganzen jetzigen schlimmen Lage in Marokko schuld wäre. In Wirklichkeit ist die kritische Lage in Marokko aber dadurch entstanden, weil der Sultan in Marokko gar nicht der Herr des Landes ist und keine Autorität geltend zu machen weiß. Die Macht wird in Marokko von den Häuptlingen der zahlreichen Kabyleustämme und der übrigen maurischen Volksstämme ausgeübt, und die Führer dieser Stämme sind sogar so frech, daß sie die Abgesandten des Sultans sehr oft ohne weiteres gefangen nehmen und die Anordnungen und Wünsche des Sultans verspotten. Marokko ist ein Land ohne Regierung und befindet sich in vollständiger Anarchie. Den besten Beweis dafür hat ja in neuester Zeit auch wiederum das Auftreten Raisulis, des Scheiks eines der mächtigsten Kabyleustämme gegeben. der sich offen allen Befehlen und Gesetzen des Sultans widersetzt und sogar mit den Truppen des Sultans erfolgreich Krieg führt. Die Truppen deS Sultans sind in keiner Weise im Stande, seiner Autorität im Lande Geltung zu verschaffen, und in der Furcht vor einem allgemeinen Ausstande in Marokko will der Sultan die Schuld an der Revolution dem Vorgehen Frankreichs in die Schuhe schieben. Im übrigen darf ja nicht abgeleugnet werden, daß die Einmischung der Großmächte in die marokkanischen Zustände eine Erbitterung bei den räuberischen und halbkultuvierten Volksstämmen Marokkos hervorgerufen hat. Aber im Hinblick aus den Handel und Verkehr mit Marokko können die Großmächte nicht dulden, daß dort Räuber die Herrschaft ausüben und jeden Augenblick über die europäischen Kaufleute herfallen. Auch hat die Konferenz der Großmächte von Algesiras sehr richtig bestimmt, daß diejenigen Großmächte, welche am meisten in Marokko interessiert sind, nämlich Frankreich unb Spanien, auch das europäische Mandat erhalten haben, die Polizei in Marokko zu organisieren und für die Ruhe dort zu sorgen. Es ist auch anzunehmen, daß bei der loyalen Haltung aller Großmächte, die Beschwerde des Sultans von Marokko einfach unter Den Tisch fallen wird, und es dabei bleibt, daß Frankreich und Spanien mit Waffengewalt die Ruhe in Marokko wiederherstellen. Die von einigen sich für sehr klug haltenden deutschen Politikern herausgesteckte Meinung, daß Deutschland noch vor Frankreich und Spanien jetzt mit einer großen Flotte und einem Landungskorps in Marokko hätte erscheinen und dort die Verhältnisse in die Hand nehmen müssen, muß als durchaus verwerflich bezeichnet werden,
Souveränen war. Dieses Diadem von Rubinen aber wurde von dem Papste Leo X. in den Hochzeitskorb einer meiner Ahnen gelegt. Wenn ich es nicht mehr tragen kann, so weihe ich es der Madonna. Aber," fuhr sie fort, „wir sind von unserem Thema abgekommen. Um einen Rat, sagt Ihr, handelt es sich bei meinem Vetter?"
Darauf entrollte Angelotti vor Donna Bianka den für den Prinzen entworfenen Heiratsplan. Er zögerte einen Moment, ehe er von den Gefühlen Don Cäsars zu reden begann. ES quälte ihn eine Art Gewissensbisse angesichts der wehmütig auf ihn gerichteten Augen der Prinzessin. Er gehörte indes zu den starken Naturen, die zur Not der inneren Stimme Schweigen zu gebieten wissen, wenn dieselbe ihnen störend in den Weg tritt. Die 50000 Lire, die der Prinz ihm schuldete, ließen ihn Donna Biankas Trauer sehen. Und mit seinen grausamen Enthüllungen rücksichtslos fort« fahrend, setzte er hinzu: „Der Prinz ist in Wahrheit verliebt in das junge Mädchen. Dies mag wohl der Grund seiner Zurückhaltung sowohl Ihnen wie feinem Onkel, dem Kardinal, gegenüber sein."
Er schwieg einen Moment in der Hoffnung, daß eine Antwort Donna BiankaS ihm den Rest «leichtem würde. In dieser Erwartung fand er sich aber getäuscht.
„Der Prinz," fuhr er fort, „ist sorglos und leichtlebig. Dies hat sein Verhalten seit dem Tode Don UrbinoS genügend bewiesen. Die Neigung — sagen wir meinetwegen — die Leidenschaft, die ihm daS junge Mädchen ciugeflößt hat, — kurz alles zusammen zerrt Don Cäsar in seinen Gefühlen hin und her. Seine eigenen Interessen und sein Glück einerseits, Skrupel und Zartgefühl anderseits. Mit einem Wort, Prinzessin, eS muß doch nun einmal heraus, der Prinz hat mir gestanden, daß er einzig und allein aus dem Grunde zögere, weil er Ihnen zu mißfallen fürchtet und Sie nicht betrüben möchte!"
„Mich betrüben?" unterbrach ihn Bianka „weshalb?"
Mit einer «heuchelten Unbeholscnhcit, versuchte Angelotti der Prinzessin zu ertlären, daß Don Cäsar sich durch ein geheimes Band, das ihm seine FreiUeü raube, an sie geknüpft fühle, weshalb er vor dies« reichen Heirat, die seine letzte