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Herrjelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 44.
Dienstag, den 14. April
1908.
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 8. April 1908.
Es ist wiederholt die Wahrnehmung gemacht worden, daß bei Ausführung von Bauten Baumaterialien auf den Banketts der Landstraßen (Landwegen) oder aus den Landstraßen (Landwegen) selbst gelagert werden, ohne daß zuvor eine Genehmigung der zuständigen Wegepolizeibehörde hierzu ein- geholt worden ist.
Unter Bezugnahme auf mein Ausschreiben vom 13. Mai 1907, I. 4171 — Kreisblatt Nr. 59 — veranlasse ich die Ortspolizeibehörden und die Königliche Gendarmerie des Kreises auf diese Mißstände ein besonderes Augenmerk zu richten, Zuwiderhandlungen unnachsichtlich zur Bestrafung zu bringen und für sofortige wenn erforderlich zwangsweise Be- seitigung der betreffenden Gegenstände zu sorgen.
I. 3608. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Hersseld, den 8. April 1908.
Diejenigen Herren Bürgermeister der Landgemeinden des hiesigen Kreises, die mit Erledigung meiner Verfügung vom 31. Dezember 1907 I. A. Nr. 6019 im Kreisblatt Nr. 3 vom Jahre 1908, die Ergänzungswahlen zur Gemeindevertretung betreffend, noch im Rückstände sind, werden mit F r i st bis zum 15. d. M t s. hieran erinnert.
In den betreffenden Berichten ist auch anzugeben, daß die Wahlen von der Gemeindevertretung für gültig erklärt worden sind.
A. 1669. Der Königliche Landrat von Grunelius.
Hersfeld, den 8. April 1908.
Die unter dem Schweinebestande des Gastwirts Heinrich Diehl zu Kruspis ausgebrochene Rotlausseuche ist erloschen. I. 3744. Der Königliche Landrat.
I. V.:
T h a m e r.
Mitte Mai und Oktober findet alljährlich in dem mit dem Hessischen Diakonissenhause verbundenen Seminar zur Ausbildung von Kleinkinderlehrerinnen (Kindergärtnerinnen) die Ausnahme neuer Zöglinge statt. Der Cursus des Seminars ist einjährig.
Die Pension für den Cursus, Unterricht eingeschlossen, beträgt 330 Mark.
Anfragen sind zu richten: An den Vorstand des Diakonissen- Hauses bei Cassel, Poststation Wehlheiden.
* *
Hersfeld, den 2. April 1908.
Wird veröffentlicht.
L 3494. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Wahrheit,
Von A. von Liliencron. (Fortsetzung.)
Vor acht Tagen hatten sie sich zum erstenmale gesehen, — Graf Hans von Ellern, Leutnant bei den Husaren, und Elsa von Bodenstein. Auf der Axenstraße waren sie einander begegnet bei lachendem, strahlendem Sonnenschein.
Der Graf, als einsamer Wanderer, hatte schon lange seine Aufmerksamkeit weniger der herrlichen Natur zugewandt als dem schlanken Mädchen, das leichtfüßig im Waldesschatten neben der Straße hin- und herglitt, Blumen pflückte und dabei jubelnd trällerte, just wie eine Lerche.
„Heidi! Heidi!" hatte auch der ältere Herr gerufen, in dessen Begleitung sie augenscheinlich die Wanderung machte. Und dann hatte der Graf gesehen, wie dieser ihr vergnügt erklärte: „Mädel, jetzt bist du wieder meine fidele Heidelerche.«
Der tiefe Ernst, der auf den Zügen des Grafen gelagert hatte, war langsam geschwunden, während er, ganz Auge für die liebliche Blumenpflückerin, den beiden gefolgt war. Wie magnetisch berührt, hatte er sich zu diesem sonnigen Geschöpfe hingezogen gefühlt, und als da plötzlich ihr Fuß ausgeglitten war, wie sie über ein Rinnsal hatte springen wollen, war er sofort an ihrer Seite gewesen, hatte sie gestützt, hatte ihr die Blumen, die ihr dabei aus der Hand gefallen waren, aus deni Wasser geholt, und sie ihr, den Hut in der Hand, überreicht.
Lächelnd und verwirrt hatte sie ihm gedankt; er aber hatte geantwortet, nur an ihm sei es, der Heidelerche zu danken, für die jubelnden Lieder, die ihn seinen trüben Gedanken entrissen hätten.
‘ Und wie sie nun vor ihm gestanden hatte, jugendlich schlank und mädchenhaft erglühend, das Goldhaar im Sonnen- liebt flimmernd und die Grauaugen fragend aus ihn gerichtet, als ob ein lichter, warmer Strahl sein Herz berührt hätte, um die Schatten zu verscheuchen, die sich dort gelagert hatten. waren nun miteinander bekannt geworden, die drei, hatten
Hersfeld, den 9. April 1908.
Der Bürgermeister Heinrich Hellwig in Kemmerode ist als solcher für einen am 21. Mai d. Js. beginnenden weiteren achtjährigen Zeitraum wieder gewählt worden.
Diese Wiederwahl ist von mir bestätigt worden.
A. 1964. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
nichtamtlicher teil.
Jas Schicksal Finnlands.
Die Auflösung des finnischen Landtags durch einen Ukas des Kaisers von Rußland lenkt wieder einmal die Augen Europas auf das Schicksal des Großherzogtums Finnland. Es ist wirklich ein trauriges Schicksal, welches dieses Land seit seiner Lostrennung von Schweden und seiner Zuteilung an Rußland erlitten hat. Nie und nimmer hätten die europäischen Großmächte damals ihre Zustimmung dazu geben sollen, daß Finnland unter die russische Oberhoheit gekommen ist, denn in Finnland wohnen auch heutzutage kaum 50 000 Russen, während zwei Drittel der Einwohner des Landes Finnen und ein Drittel Schweden sind. Man sieht schon aus dieser Zusammensetzung der Bevölkerung Finnlands, was es für ein Unrecht war, dieses Land unter russische Herrschaft zu bringen. Es kommt dazu, daß die von Schweden gegründete Kultur in Finnland über der russischen noch heute steht, daß also ein höher kultiviertes Land sich unter die Botmäßigkeit eines in der Kultur niedriger stehenden begebcn mußte. Freilich ist damals, als Finnland von Schweden losgetrennt wurde, Finnland von Rußland ein Vorrecht und eine gewisse staatliche Freiheit gewährt worden. Finnland sollte ein freies Großherzogtum mit eigener Volksvertretung und eigener Regierung unter der Oberhoheit des Kaisers sein und bleiben. Finnland hatte sogar sein eigenes Heer und in die Gesetzgebung des Landes hat sich auch früher der Kaiser von Rußland kaum gemischt. Aber da kam die Zeit unter der Regierung des Kaisers Alexanders III., wo in Rußland unter dem Einflüsse der altrussischen Partei alle Nichtrussen für staatsgefährlich erklärt wurden, und zwar hauptsächlich deshalb, weil sie nicht der griechisch-katholischen Kirche angehörten. Dem Zaren Alexander III. schwebte unter dem Einflüsse des Oberprokurators des heiligen Synods, des Herrn Pobjedoneszew, die Idee vor, daß Rußland nur von echten Russen und treuen Anhängern der griechisch-katholischen Kirche bewohnt sein dürfe, und da begann auch das Unglück für Finnland. Wegen irgend einiger angeblicher Anhassungen der Regierung und des Landtages in Finnland erklärte sich der Zar von seinem Treueide auf die finnische Verfassung für entbunden, ein russischer Gouverneur wurde an die Spitze der finnischen Regierung gestellt und Finnland zu russifizieren begonnen. Die öffentliche Meinung
gemeinsam den Rückweg nach dem Axenstein eingeschlagen und sich von da ab täglich gesehen.
Graf Ellern wohnte in demselben Hotel mit einem kranken Freunde, dem er den größten Teil seiner Zeit widmete und dessen leidender Zustand ihm augenscheinlich viel Sorge machte.
Seine Stirn war meist umwölkt, wenn er von ihm herkam. Aber die Schatten schwanden und die dunklen Augen leuch. teten auf, wenn er Elsa aufgefunden hatte. Sie wurde sich dessen jubelnd bewußt, und bald kannte sie nichts Bealücken- deres, als in fröhlicher Hingabe die Sonne zu werden für den ernsten Mann, der ihr auch rückhaltlos zeigte, mit welcher Sehnsucht er der Stunde entgegenharrte, wo er wieder an ihrer Seite sitzen konnte.
Wie ein schwerer Traum war für Elsa versunken, was ihr vor kurzem Erschütterndes begegnet war, sie lebte nur in der glückseligen Gegenwart und bezauberte durch ihr sonniges Wesen alle, die mit ihr in Berührung kamen.
Der Oberst fühlte sich äußerst befriedigt und war stolz auf die Eroberungen, die seine Heidi bei Jung und Alt machte.
Der Gras war ihm eine sympathische Persönlichkeit, mit dem er sich gern unterhielt, dessen Anschauungen er schätzte, und dem er eine brillante Karriere prophezeite.
Lachend hatte er ihm eben erklärt: „Sie können mir noch einmal an der Nase Vorbeigehen! So ein junger Leutnant wie Sie, der einen guten Namen hat, mit dem Gelde nicht zu knausern braucht, Schneid besitzt und — na, sagen wir es mal frei heraus — auch ganz passabel aussieht, der kann's weit bringen."
Graf Ellern hatte dazu geschwiegen, war nachdenklich geworden und meinte schließlich: „Nun, wenn Sie mir solch günstige Zukunft prophezeien, so kann ich diese Vorhersagung noch mit viel mehr Recht für meinen jüngeren Bruder in Anspruch nehmen, denn er übertrifft mich in jeder Beziehung. Er ist schön wie ein junger Gott, ist Soldat vom Scheitel bis zur Sohle und verfügt über Talente, von denen ich keine Ahnung habe.«
Der Freiherr hatte diese Auseinandersetzung mit verschie-
in Europa war natürlich über dieses Vorgehen Rußlands in Finnland empört, aber die Großmächte und zumal auch das in erbärmlicher Schwäche seine Politik führende Königreich Schweden erhoben gegen den Gewaltakt Rußlands keinen Einspruch. Rußland galt ja damals als die stärkste Großmacht der Welt, das kleine Japan hatte ja den weisen Politikern und Feldherren Europas noch nicht den Star über Rußlands angebliche militärische Großmachtstellung gestochen, und Rußland konnte deshalb überall schalten und walten, soweit seine angebliche Macht reichte, wie es wollte. Man muß aber auch sagen, daß die finnische Bevölkerung nicht alles an ihre Zukunft, ihre Freiheit und ihre nationale Ehre in dieser kritischen Zeit gesetzt hat, und daß sie es auch in der letzten Zeit im finnischen Landtage nicht getan hat. Die Bevölkerung Finnlands zerfällt in ihrer Vertretung im Parlamente leider in vier Parteien, in die schwedische, die jungfinnische, die altfinnische nnd in die sozialdemokratische Partei, und jede dieser Parteien stellt andere Forderungen inbezug auf die Regelung der finnischen Frage mit der russischen Regierung. Während die Schweden nur das alte finnische Staatsgrundgesetz erhalten und befolgt wissen wollen, ging die jungfinnische Partei schon etwas in die Opposition und die altfinnische Partei verlangte sogar offen eine Auseinandersetzung mit Rußland. Die Sozialdemokraten erklärten sogar direkt, daß die von Rußland direkt beeinflußte und eingesetzte finnische Regierung von allem Anfang an das Vertrauen deS Landes nicht gehabt habe und sie habe sich durch allerlei Gewalttaten im Lande um allen Kredit gebracht. Darüber erboste man natürlich in Petersburg stark und der Zar löste deu finnischen Landtag auf. Aber die beste Zeit haben die Finnen wohl verpaßt, um mit Erfolg für ihre alte Freiheit??'. kämpfen. Sie hätten einmütig ans Werk gehen müssen, 'als Rußland im Kampfe mit Japan ohnmächtig am Boden lag.
Sie Bim« in Stoffe.
Paris, 10. April. Das Journal offiziell veröffentlicht morgen den Bericht des Generals d'Amade über seine Operationen vom 12. bis 14. März und insbesondere über die Ereignisse des 15. März, die die Interpellation Jaurss' in der Kammer veranlaßt hatten. AuS dem Bericht geht hervor, daß die Frauen, Kinder und Leute ohne Waffen, die sich um das Zelt des Kaids Bunuala geschart hatten und von dort durch ihre Zurufe die Krieger zum Kampf anfeuerten, geschont wurden, während gegen die kämpfenden Marokkaner der Bajonettangriff erfolgte. General d'Amade hatte selbst einem arabischsprechenden Hauptmann den Befehl gegeben, das waffenlose Volk zu sammeln und es zu beruhigen. Dieser Offizier durcheilte das Lager, drang in die Zelte ein, holte aus ihnen Flüchtlinge und auch einen Teil der Verteidiger, etwa sechzig Mann heraus, die ihre Patronen fortwerfen mußten, und brächte gegen 150 Menschen zusammen, bei denen er blieb, bis die letzten französischen Truppen passiert waren. In dem
deutlichen „hm" und „so" begleitet und meinte dann: „Sie kommen mir in Ihrer Stellung zu diesem jüngeren Bruder fast vor wie ein sorglicher Vater, der seinen Jungen gern bei jeder Gelegenheit herausstreicht.«
Ellerns Gesicht hatte bei des Obersten Worten einen schwermütigen Ausdruck angenommen und der Ton seiner Stimme klang sehr ernst, als er erwiderte: „Ich war vierzehn Jahr, als meine Mutter starb. Auf ihrem Totenbette hat sie mir den sechs Jahre jüngeren Bruder anvertraut, um für ihn zu sorgen. Sie tat es, weil — weil mein Vater mit anderen Dingen zu sehr beschäftigt war, um sich darum zu kümmern. Das Gelübde, das ich einer Sterbenden gab, ist mir heilig gewesen und geblieben. Ich würde noch heute ohne Besinnen mit meinem ganzen Lebensglück für meinen Bruder eintreten.«
Er hatte, während er sprach, nicht aufgeblickt und daher auch nicht bemerkt, daß ElsaS Augen unverhohlen die Bewunderung ausdrückten, die sie für den Mann empfand, der so selbstlos denken und handeln konnte, „Das ist Treue", sagte sie leise.
Die Worte waren nur ein lautes Denken gewesen und nur flüsternd gesprochen.
Der Graf hatte sie aber doch vernommen und sah auf. Ihre Blicke trafen sich und hingen gebannt aneinander. Es war, als wollten sie beide tief in der Seele des andern lesen, sich versenken in sein innerstes Wesen.
Und wie es in solchen Augenblicken wohl geschehen kann, daß zündende Funken herüber und hinüber fliegen und ein magisches Band sich schlingt von Auge zu Auge, das die Seelen unzerreißbar verknüpft, so war es auch hier.
Ellern wurde sich in diesem Augenblick bewußt, daß er Heidi, seine Heidi, dies frische, sonnige Geschöpf liebte, und zwar mit aller Glut seiner Seele. Sie selbst aber empfand im glückseligen Zittern, daß sie ihr Herz hingegeben hatte, um ein anderes zu gewinnen.
Heiße Glut stieg in ihr Antlitz, langsam wandte sie den Kops zur Seite und stand auf.
„Es ist sehr heiß hier", murmelte sie verwirrt, „wollen wir nicht einen schattigeren Platz aufsuchen?«