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Hersselder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8

Nr. 24.

Donnerstag, den 25. Februar

1909.

Amtlicher teil.

Hersseld, den 20. Februar 1909.

In den Bekanntmachungen über die Jagdverpachtungster» mine im Kreisblatt ist wiederholt unrichtiger Weise immer noch u. a. der Wortlaut gebraucht worden:Die der hiesigen Gemeinde zustehende Jagdgerechtsame rc."

Seit Inkrafttreten der Jagdordnung vom 15. Juli 1907 steht den Gemeinden eine Jagdgerechtsame nicht mehr zu, viel­mehr sind die Grundeigentümer jagdberechtigt.

Nach § 7 bilden alle Grundflächen eines Gemeindc-(Guts)- bezirkes, welche nicht zu einem Eigenjagdbezirk gehören und im Zusammenhang wenigstens 75 ha umfassen, dengemein­schaftlichen Jagdbezirk."

Die Bekanntmachung hat dementsprechend zu lauten:

Das Jagdrecht an dem gemeinschaftlichen Jagdbezirk bestehend aus der Gemarkung rc."

Ich ersuche die Herren Bürgermeister Vorstehendes zu be­achten.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses:

I. A. 1125. von Grunelius.

Bekanntmachung.

DaS Kurmärkische Dragoner-Regiment Nr. 14 in Colmar i. Els. teilt mit, daß bis August d. JS. Freiwillige angenommen werden. Junge Leute, welche bereit und im Besitze einet Meldescheines zum dreijährig-freiwilligen Dienst sind, wollen denselben an da« Regiment einsenden. Handwerker, ins­besondere Schuhmacher, Schneider, Sattler, Schmiede, Schreiber pp. haben den Vorzug.

Hersseld, den 21. Februar 1909.

J. M. 351. Der Königliche Landrat.

I. A.: Fellinger,

RegierungS-Referendar.

nichtamtlicher Ceil.

Abgeordnetenhaus.

Am Montag sprach Abg. v. Pappenheim (kons.) die Hoff­nung aus, daß trotz der noch anhaltenden Landflucht unter der jüngeren Bevölkerung die Landwirtschaft doch hoffnungs­volleren Zeiten entgegensehen könne, und daß eS voraussichtlich gelingen werde, eine dauernde Fesselung der Arbeiterschaft an das Land herbeizuführen. Der Abg. Leinert (Soz.) habe ent­weder ohne Kenntnis des Etats oder wider besseres Wissen gesprochen. Das sei ein Mißbrauch der Rednertribüne und diene nur dazu, die Bevölkerung zu verhetzen. Minister v. Arnim erklärte, daß die Behauptung des Abg. Leinert (Soz.), daß der Großgrundbesitz von der Regierung bevorzugt werde, völlig haltlos sei. Dann wurde die allgemeine Besprechung

Die Rotdornmühk.

Novelle von Adolf Stern.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Hedwig zeigte sich einen Augenblick aus der Schwelle zur Küche:

Dein Koffer steht schon in Deiner Schlafkammer und den Waschtisch habe ich Dir vorgerichtet."

Abermals ergriff Hans der müde gedämpfte Ton in der Stimme der Schwester aufs schmerzlichste, doch verschluckte er den Ausruf, der ihm über die Lippen springen wollte, denn er sah die Mägde geschäftig ab- und zugehen. Er ging durch die schlichte Vorderstube, die mit seines Vaters altem Schreib­tisch, einem runden Tisch, ein paar Stühlen, einer Schwarz­wälder Uhr und einem Bildnis Kaiser Wilhelm an der Wand ausgestattet war, nach dem Schlafzimmer. Das Fenster bei Gemaches, in dem sein Bett, der Waschtisch, der Kleider­schrank und eine Kommode Platz sanden, stand offen, der feine Dust des blühenden Rotdorns füllte den ganzen Raum.

HanS sog mit geschlossenen Augen den Dust ein, mit dem eine Fülle von Kindheitserinnerungen in ihm geweckt wurde. Auch das schien eine Erinnerung an alte Tage, daß er seine bestaubten Füße gleichsam zaghaft aus die gescheuerte Diele aussetzte, die an blitzender Weiße mit den Tischplatten wett- eiferte.

Und als nun Hans Brieger sich den Staub der Land­straße abspülte und an der Kühle bei Wassers alsbald er- kannte, daß biei nicht auS dem HauSbrunnen geschöpft, son- dein vom Floriansquell oberhalb der Mühle geholt sei, da überkam ihn ein erstes Wohlgesühl. Ersrischt ging er als­bald nach dem dämmrigen Wohngemach zurück, wo eben aus dem Tische eine Lampe entzündet wurde, während der Platz vor der Mühle noch im Abendschein lag. Vom Fenster auS blickte Haut über den Platz ins obere Tal und nach den Wetterwolken, die tiefer herabhingen, ohne daß ein unmittel­

geschlossen und die Einzelberatung begonnen, bei der mehrfache Wünsche geäußert wurden. Ein Antrag Ecker (natl.), in den Etat von 1910 besondere Mittel zur Förderung bei Unter- richtS schulentlassener Mädchen vom Lande einzustellen, wurde angenommen.

Ae RtiMMmWaft.

Die Schulden deS Reiches sind innerhalb 30 Jahren von Null aus 4251 Millionen Mk. gestiegen. DaS Defizit deS letzten Jahres beziffert sich auf weit über 100 Millionen Mk., und werden nicht neue Einnahmen beschlossen, so ist für jedes der nächsten Jahre auf ein Defizit von nicht weniger als 200250 Millionen Mk. zu rechnen. Der Zustand der De- fizitwirtfchaft im Deutschen Reiche ist aber nichts Neues und Unerhörtes. In latenter Weise bestand sie eigentlich schon seit dem Jahre 1877 unausgesetzt. ES war nur auS dem dunklen und komplizierten Etat nicht deutlich zu ersehen. DaS ReichS- schatzamt hat nun eine Rechnung sür die Vergangenheit auf­gestellt, aus der man erkennen kann, wie groß eigentlich in jedem Jahre einerseits der Bedarf, anderseits die Einnahmen gewesen sind.

Erst eine solche Gegenüberstellung zeigt tatsächlich in jedem Jahre die Größe bei Mehr- oder MinderbedarsS. Hier ergibt sich nun daS überraschende Bild: mit Ausnahme bei einzigen Jahres 1896 haben in sämtlichen Jahren seit der Reich», gründung die Ausgaben deS Reiches seine Einnahmen über­schritten. Die reichSeigenen Ausgaben haben die ReichS- einnahmcn im ganzen von 18721907 überstiegen um 4096,3 Millionen Mk.

In der ganzen Spanne Ze^ rückwärts zeigt sich also, daß der Bedarf seit der Reich-gründung die Einnahmen um etwa 4 Milliarden überschritten hat. Tatsächlich sind aber doch in jedem Jahre die Ausgaben gezahlt worden. Woher hat man nun diese 4 Milliarden entnommen ? In den ersten Jahren, etwa bis zum Jahre 1877, stand noch die französische Kriegs­entschädigung zur Verfügung. AuS ihr sind mehrere hundert Millionen Mk. auch zur Deckung solcher Ausgaben verwandt worden, die man auS laufenden Einnahmen hätte decken müssen. 1878 waren diese Bestände aufgezehrt, und in diesem Jahre beginnt denn auch die Schuldenkontrahierung. Im übrigen kommen die obenberechneten 4 Milliarden Mk. Minder­einnahmen in unserer heutigen ReichSschuld zum Ausdruck. Wenn man die Ausgaben für außergewöhnliche kriegerische Ereignisse, die kein Staat aus laufenden Mitteln decken kann, und die für werbende Zwecke abzicht, so verbleibt ein Rest der Reichsschulden von fast 3000 Millionen Mk., bei dem es sich um solche Ausgaben handelt, die in normalen Zeiten auS laufenden Einnahmen zu decken waren. Daß eine solche Finanzpolitik durchaus fehlerhaft ist und aus die Dauer ruinös wirken muß, daß also jetzt die allerhöchste Zeit ist, um zu andern Grundsätzen der Anleihepolitik zurückzukehren, bedarf keiner weiteren Ausführung.

barer Losbruch bevorzustehen schien. Er wandte sich nach dem Abendtisch zurück, aus den Regine eben eine Schüssel austrug, und sah, daß nur ein Gedeck für ihn vor- Handen fei.

Eben huschte die Schwester herein und brächte ein paar Flaschen mit Bier. HanS sagte vorwurfsvoll:

Soll ich allein essen, Hedwig?"

DaS bleiche Gesicht bei Mädchens rötete sich jäh, ihre Augen wichen denen bei Bruders aus und suchte den Boden, kleinlaut antwortete sie:

Ich ich kann nicht auS der Küche weg. Ich habe Dir Eier mit Speck geröstet und brate Dir ein paar Fische auS deS Vaters Fischkasten am Floriansquell! Regine läßt alles verbrennen!"

Und ehe er ein Wort vorbringen konnte, war sie wieder hinweg, es blieb ihm nichts übrig. als sich an den Tisch zu setzen und schweigend in wenig erquicklichen Gedanken das gute Abendessen zu verzehren, das sie für ihn bereitet hatte. Hans Brieger hatte aus der Heimfahrt bei sich beschlossen gehabt, an diesem ersten Abend alle Fragen, die getan werden mußten, und jedes Wort über die dunkeln Tage der jüngsten Ver­gangenheit bis zum nächsten Morgen zu verschieben. Jetzt dachte er anders und wollte noch heute zugleich abtun, was ihm seit Monaten schwer auflag und was sich diesen Abend aus seine Seele wälzte. Er hastig, zerstreut, und als Hed- wig die Fische brächte, benutzte er den Augenblick, wo er mit ihr allein war, um ihr zu sagen:

Du bist in Deiner Küche fertig, willst Du Dich nun nicht zu mir setzen? ES muß den Leuten auffallen, daß Du nicht mit Deinem Bruder am Tisch bist."

Ueber daS Gesicht bei Mädchens zuckte flüchtiger als ein Blitz der Wiederschein inneren Gram- und bitterer Selbstver- achtung.

Ihre Stimme zitterte, wie von verhaltenem Weinen, leise erwiderte sie:

Sie würden ei im Gegenteil unerhört finden, wenn ich mit Dir essen wollte. Sie meinen, daß ich wo ganz ander« zu Tische sitzen müßte, al« in unserer Eltern ehrbarem Hause!"

In knappster Form wird daS Ereignis der Untersuchung über die Entwicklung der deutschen Finanznot seit der ReichS- gründung in dem von der Vereinigung zur Förderung der ReichSfinanzreform herauSgegebenen Führer zusammengesaßt: Da» Reich hat mit Ausnahme eines JahreS feit seiner Gründung unter dem Mangel eigener Einnahmen gelitten. ES ist in eine solche Finanznot geraten, weil eS ersten- niemals genügende eigene Einnahmen gehabt, zweitens keine aus­reichenden Grundsätze über Schuldenkontrahierung gehabt und keine Schuldentilgung vorgenommen und dritten- sich aus die Beiträge der Einzelstaaten verlassen, dadurch aber sich selbst nicht genützt, vielmehr diesen geschadet hat.

Hätte man das Reich bis 1908 schuldenfrei erhalten, so wären jährlich 113 Millionen Mark durch Steuern auszu- bringen gewesen. Daß deren Ausbringung leicht möglich ge­wesen wäre, wird kaum bestritten werden können. Jetzt aber ist der Zustand der, daß da- Reich mit 41/* Milliarden Mk. Schulden belastet ist, daß die Zinsenlast sich auf 155 Millionen Mk. jährlich beläust, und daß unter Berücksichtigung aller schon im Kern bewilligten Anleihen sich bis 1913 weitere 1000 Millionen Mk. neue Schulden ergeben werden, sodaß daS Reich im genannten Jahre aus 5V1 Milliarden Mk. Schulden angelangt sein würde. Der jährliche Aufwand sür Zinsen und VerwaltungSkosten wird damit auf 190 Millionen Mk. steigen. Zahlt daS Reich diesen jährlichen Betrag ein Menschenalter hindurch, so wird e» sech- bi» sieben Milliarden an Zinsen auszubringen haben, ohne daß von den Schulden ein Pfennig abgezahlt wird. Hieraus ergibt sich, welche enorme Summen für die Deckung der sonstigen Bedürfnisse bei Reiches zur Verfügung stehen würden, wenn nicht jene Schuldenwirtschaft eingerissen wäre. Welche großartigen Werke könnten mit diesen euiOhien beschafft werden! So rächen sich die Sünden und Schwächen der Väter an den Söhnen und Enkeln!

Kriegsgerüchte.

Während die austro-türkischen Differenzen über BoSnien und die Herzegowina beigelegt sind, dauern die türkisch-bulgarische Auseinandersetzung und der austro-serbische Streit noch fort In den letzten Tagen wurden sogar recht trübe Nachrichten über den Stand der Dinge zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien verbreitet. Trotzdem glauben wir nicht, daß eine Entscheidung durch das Schwert unmittelbar bevoistcht; ei wäre Verrücktheit von den serbischen Schreiern, ei darauf an- kommen zu lassen, und wenn sich Oesterreich-Ungar» auch für eine kriegerische Lösung gerüstet hat, so hat man bisher in Wien doch alle- vermieden, was als Provokation gelten könnte.

Die Unklarheiten der diplomatischen Lage sind hauptsächlich aus die Haltung der russischen Politik zurückzuführen. Diese Haltung ist selbst unklar und widerspruchsvoll. Allerdings hat auch der AuSbruch der Orientkrisis Rußland unter allen Großmächten die größten Verlegenheiten bereitet. In seiner

Nun wurde auch Hans Briegers Gesicht finster. Er bc- endete sein Mahl, die Fische aus dem weitberühmten Fisch­kasten seines Vaters schmeckten ihm nicht; er wars das Teller- tuch auf den Tisch und fetzte sich, während Regine abräumte, an das offene Fenster, durch das jey: hörbarer da« Rauschen des Flusse» hereindrang. Die Mühle war zu Ehren feiner Heimkehr noch vor Abend in Stillstand versetzt worden.

Jetzt überkam ei den jungen Mühlherrn, daß er fern von daheim unter feinen jugendlichen Genossen, die Dinge, die hier im Hause vorgegangen waren, nicht richtig angesehen habe und viel zu spät hcimgekehrt sei. Er hatte geglaubt, alle« zu wissen und mit einem Mal beschlich ihn die Furcht, daß er nichts wisse.

Draußen wurde ei dunkler und dunkler, aber dabei auch immer schwüler. Die Wolken hingen jetzt so schwer und tief über der nächsten Talstrccke und dem Dach der Rotdorn- mühle, daß HanS unwillkürlich aus den Windstoß lauschte, der die drohende Masse in Bewegung bringen würde.

Aber es blieb so still, daß der junge Mann zusammen- schrak, wenn einer der Vögel in der Rotdornwand außen mit ängstlichem Flügelschlag noch zu Nest flatterte. HanS Brieger hatte den Kopf nach rechts gekehrt, von wo er den Wellen- schaum auf der Ohra aus dem Nachtdunkel aufleuchten sah. Und indem er nach Atem rang, wuchs die geheime Unruhe, in die ihn das Wesen Hedwig» mehr und mehr gesetzt hatte. Regine war mit der Botschaft hinauSgegangen, daß der Herr vor dem Schlafengehen noch seine Schwester sprechen müsse. HanS erriet, daß Hedwig die Leute erst zu Bett schicken wolle, er hörte durch die offen gebliebene Tür, wie die Mägde nach ihren Kammern im oberen Geschoß binaufgingen, doch nach­dem auch in Küche und Flur tiefe Stille ein getreten war, ließ Hedwig ihn warten. Er horchte an der Tür, ob er ihren leichten Tritt nicht vernehme, im Flur war alles bis auf daS Ticken der großen Wanduhr rechts vom Treppenaufgang laut- loS. Aber über sich hörte er, als er anS Fenster zurückkam, im Obergeschoß Läden schließen, sollte die Schwester der ge­wünschten Untenedung auSweichen wollen und schon zur Ruhe gegangen sein?