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Hersfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: Illustriertes Sonntagsblatt" und Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage“
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
91t. 26 Dienstag, den^.März l»09.
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 25. Februar 1909.
Die unter dem Schweinebestande deS Landwirt« Konrad Schmidt in Allendors auSgebrochene Rotlausseuche ist erloschen. I. 2029. Der Königliche Landrat.
I. A>: Fellinger,
RegierungS-Reserendar.
Bekanntmachung.
Einstellung von Dreijährig-Freiwilligen für das III. Seebataillon in Tstngtau (China).
Einstellung: Oktober 1909, Ausreise nach Tsingtau: Januar 1910, Heimreise: Frühjahr 1912. Bedingungen: Mindestens 1,65 m groß, kräftig, vor dem 1. Oktober 1890 geboren (jüngere Leute nur bei besonders guter körperlicher Entwicklung). Bauhandwerker (Maurer, Zimmerleutc, Dachdecker, Tischler, Glaser, Töpfer, Maler, Klempner usw.) und andere Handwerker (Schuster, Schneider, Gärtner usw.) bevorzugt.
In Tstngtau wird außer Löhnung und Verpflegung täglich 0,50 Mark Teuerungszulage gewährt.
Meldungen mit genauer Adresse sind unter Beisügung eines vom Zivilvorsitzenden der Ersatzkommission ausgestellten Meldescheins zum freiwilligen Diensteintritt auf drei Jahre zu richten an:
Kommando der III. StammseebataillonS, WilhelmShaven.
Bekanntmachung.
Einstellung von Dreijährig-Freiwilligen für die Malrosen-Artillerie-Abteilung kiautschou in Tstngtau (China).
Einstellung: Oktober 1909, Ausreise nach Tsingtau: Januar 1910 bezw. 1911, Heimreise: Frühjahr 1912. Bedingungen : Mindestens 1,67 m groß, kräftig, vor dem 1. Oktober 1890 geboren (jüngere Leute nur bei besonders guter körperlicher Entwicklung).
In Tsingtau wird außer Löhnung und Verpflegung täglich 0,50 Mark Teuerungszulage gewährt.
Meldungen mit genauer Adresse sind unter Beifügung eines vom Zivilvorsitzenden der Ersatzkomnusfion ausgestellten Meldescheins zum freiwilligen Diensteintritt auf drei Jahre zu richten an:
Kommando der Stammabteilung der Matrosenartillerie Kiautschou, Cuxhaven.
Hersfeld, den 24. Februar 1909.
Unter der Schafherde des Bauern Fennel zu ClauS- marbach bei Burghaun ist die Räude auSgebrochen.
I. 2042. Der Königliche Landrat.
I. A.: Fellinger,
Regierungs-Rcferendar.
Die Kotdornmtible.
Novelle von Adolf Stern.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Bon dem Wintertage an", fuhr Hedwig fort, „wo ich Gotthold umsonst flehentlich bat, vor der Hand doch seine Pläne auszugeben, habe ich Gotthold volle sieben Jahre nicht wiedergesehen — und selten genug von ihm gehört. Und daS erfuhr ich von feinem Vater, daß es ihm seit dem Ausgeben seiner Stelle schlimm erging — „er lungert und hungert irgendwo umher!" sagte der Kantor. Helfen konnte ich ihm nicht, aber ich dachte an ihn und er stand vor meinen Augen, wenn irgend ein junger Mann meine Gunst suchte, und ich meinte, sein blasses verhärmtes Gesicht zwischen mir und jedem anderen zu sehen. Wenn Du daheim warst, HanS, und ich auflebte und wir gute Tage genossen, hat mich's doch mitten in aller Lust oft gepackt, wie eS ihm indes ergehen möge und wenn die Furcht über mich kam, daß er darbe, so quoll mir wohl der Bissen im Munde. Einmal, da mir Gottholds kleine Schwester Susanne erzählte, daß ihr Bruder nicht mehr in Berlin, sondern auf der Hochschule in Halle fei, faßte ich den Mut, unsern Vater zu bitten, daß ich ihm schreiben dürste. Der Vater aber — nun er ist tot, eS ziemt seinem Kinde nicht, ihm zu zürnen — er trat mir wiederum hart in den Weg und versagte mir jede Hoffnung. Und so blieb'-, bis er starb und ich, da Du nicht heimkamst, HanS, mit Dore allein in der Mühle hauste!"
HanS Bricger, der schon längst wieder nach dem bleichen Gesicht der Schwester hinsah und sich, während sie erzählte, halben Leibes über den Tisch gebeugt hatte, um ihren Lippen näher zu sein, vermochte jetzt die Schwüle in dem großen Gemach nicht länger zu ertragen.
Er ging mit schwankenden Schritten, als ob er trunken sei, nach dem Fenster, riß eS aus und ließ die erfrischte feuchte würzige Lust voll hereinströmen. Das Gewitter schien sich nicht au» dem Tale herausfinden zu können, die Blitze folgten
nichtamtlicher teil.
Reichstag.
Der Reichstag vollzog am Freitag zunächst die Abstimmung über den Antrag der Polen^ betr. die Freiheit des Grund- eigentumSerwerb. Sie wurde aus dem Wege des Namensaufrufes vorgenommen und ergab die Annahme deS Antrages mit 189 gegen 132 Stimmen bei fünf Stimmenenthaltungen. Die Minderheit bildeten die Parteien der Rechten und die Nationalliberalen. Dann trat das HauS in die Beratung deS HaushaltSctats für die Schutzgebiete auf 1909 und des ReichskolonialamteS ein. Die gesamte weitere Sitzung wurde durch die Erörterung deS EtatS für Deutsch-Ostafrika und der Lage in dieser wichtigsten deutschen Kolonie ausgefüllt. In längerer Rede ließ sich au« dem Hause Abg. v. Siebert (Reichspartei), der ehemalige Gouverneur von Deutsch-Ost- asrika, vernehmen; er betrachtete die Entwickelung der Dinge in diesem Schutzgebiet im allgemeinen in einem sehr freundlichen Lichte. Regierungsseitig besprach der KolonialstaatS- sekretär Dernburg die Verhältnisse in Deutsch-Ostafrika natürlich ebenfalls in günstigster Weise. Aus dem Hause sang namentlich Abg. Lattmann von der wirtschaftlichen Vereinigung ein Loblied der deutschen Kolonialverwaltung. Der letzte Teil der Sitzung brächte eine ziemlich scharfe Auseinandersetzung über Ostasrika zwischen dem Reichtparteller Arendt, welcher die dortige Lage ziemlich absällig kritisierte, und dem Staatssekretär Dernburg. Am Sonnabend setzte der Reichstag diese kolonialpolitische Debatte fort.
' Abgeordnetenhaus.
Im Abgeordnetenhause prangte am Sonnabend der Platz deS Abg. Schmieding (natl.), der dem Hause seit 25 Jahren angehört, im Blumenschmuck Bei der zweiten Beratung des EtatS des Ministerium« des Innern wird zunächst der Einnahmetitel „Beihilfen für unterstützungsbedürftige ehemalige Krieger" bewilligt. Bei den dauernden Ausgaben wird beim Titel „Ministergchalt" aus Vorschlag deS Berichterstatters v. Pappenheim die nordschleSwigsche Frage behandelt. Mehrfach vom Beisall deS Hauses unterbrochen, wenden sich die Redn r der Nationalliberalen, Freikonservativen und Konservativen an die Regierung mit der Bitte, die dänische Bewegung in Nord- schletwig, die daS Ziel der LoStrennung NordschleSwigS von Preußen verfolge, mit größerer Energie als bisher zu bekämpfen. Der Minister der Innern von Moltke, der al« Schleswiger die einschlägigen Verhältnisse ganz besonders kennt, legt den Standpunkt der Regierung dar, der in seiner zielbewußten Schärft gegen die dänische Bewegung bei der Mehrheit de« Hauses Beifall, bei den Dänen und Polen, die sich in diesem Augenblick ihrer eigenen nationalen Kämpfe erinnerten, Widerspruch findet. Minister von Moltke führte
wieder häufiger, doch war die bedrohliche Kraft bei Unwetters gebrochen.
Der junge Mann streckte beide Hände hinaus und fing so viel vom Regenguß auf, um seine brennende Stirn zu kühlen.
Er sprach in» Zimmer hinein:
„Nur einen Augenblick, Hedwig, ich schließe gleich wieder!"
DaS junge Mädchen machte eine Gebärde, die der Bruder nicht sah,- aber die daS gleiche wie der AuSrus aus- drückte:
„Laß immer offen — jetzt tut der Blitz nichts mehr, auch ist niemand draußen — und stünde ein Lauscher dort, er würde nun nichts hören, als waS sie alle längst wissen."
Der Ton, in dem diese Worte gesprochen wurden, ließ HanS sofort wieder feinen alten Platz einnehmen: „Mach rasch, Kind, Du marterst mich!"
„Ich bin schlimmer gemartert worden, HanS!" entgegnete Hedwig, aber sie genügte seinem Drängen und nahm alsbald ihre Erzählung wieder aus.
Nur von Zeit zu Zeit klang noch ein verhallender Donner von draußen herein, der Regen begleitete mit langsamem Fall die eintönige Stimme der Schwester — der der junge Hausherr mit dem unruhigen Schmerze lauschte, nicht lieber hinaus- flüchten, und all daS Leid, daS die Stunde ihm brächte, hinter sich lassen zu können.
„Du weißt, daß es im vorigen Frühling war, alt wir den Vater begraben mußten — und daß ich mit der Base zurückblieb, als Du wieder nach der Kreisstadt gingst. Vom Tage, wo Du wegwarst, begann mich die alte Dorr miß- trauisch zu überwachen, sie wußte, woran ich noch nicht dachte, daß ich längst mündig sei, daß ich jeden Tag meinen Teil des väterlichen Be>mögcnt an mich nehmen könnte. Und sie wußte ebenso, daß ich Gotthold nicht vergessen hatte, Tag und Nacht an ihn dachte. Sie halte mir in den Jahren daher mehr als einmal gesagt, es sei das beste, ich heirate überhaupt nie, damit un er mäßiges Vermögen in einer Hand bleibe, und sie ließ es mich, seit der Vater tot
auk, daß sich auf allen Gebieten deS öffentlichen Lebens die dänische Propaganda bemerkbar mache und daß ihre Ziele weitergesteckt sind als aus Pflege der dänischen Sprache und deS dänischen Geisteslebens. Die Dänen seien sogar zur wirtschaftlichen Aechtung der Deutschen übergegangen. Die Heranwachsende Jugend müsse dem Deutschtum erhalten werden. Die Regierung werde mit dem von einem Redner gewünschten „Dampj" gegen die verhetzende Agitation der Dänen Vorgehen.
Die Valkankrisis.
Die russische Regierung hat der gemeinsamen Intervention der Mächte in Belgrad im Prinzip zugestimmt. Wenn nun auch noch abzuwarten ist, wie weit sich Rußland praktisch an dem Druck aus die Serben beteiligen wird, so hat doch schon seine Bereitwilligkeit, mitzutun, beruhigend gewirkt. Durch den Vorschlag einer gemeinsamen Aktion in Belgrad war Rußland vor die Wahl gestellt worden, ob es seine unklare Politik sortsetzen oder sich offen für Erhaltung deS Frieden« gegen die rechtlich unbegründeten Gebletiansprüche der Serben erklären wolle. Die Petersburger Presse tat so, als ob Rußland durchaus in der Lage sei, an einer auS dem serbifch- österreich-ungarischen Streit hervorgehenden kriegerischen Verwicklung aktiv teilnehmcn zu können. AlS aber deutlich zutage trat, daß alle andern Mächte ernstlich entschlossen waren, die Ruhe Europas nicht durch die serbischen Schreier stören zu lassen, hörte auch das Bramarbasieren in der russischen Presse aus. Dazu hat wohl am meisten die Wahrnehmung beigetragen, daß die führenden Blätter in Paris anfingen, die Situation zu erörtern, wie sie sich einerseits nach dem deutsch- österreichisch-ungarifchen Bündnisverträge, anderseits nach der französisch-russischen Allianz aus einem militärischen Eingreifen Rußlands für Serbien gegen daS Donaureich ergeben mürbe, und daß sie es lächerlich fanden, die Knochen deS französischen Infanteristen für die Serben einzusetzen.
Wenn eS also dazu kommt, den Serben die AuSsicht auf russische Hilft zu nehmen und sie dadurch zur Einstellung der Piovokationen gegen Oesterreich-Ungarn zu bestimmen, so gebührt daS Verdienst der Regierung, die den Vorschlag eine» gemeinsamen Druckes in Belgrad gemacht, der französischen Regierung, die in Petersburg mit Erfolg für einen Anschluß Rußlands an die FriedenSmächte gewirkt hat. Mag eS auch noch fraglich bleiben, ob eS die unruhigen Geister in Lerbien nicht doch noch zu einem bewaffneten Konflikt mit Oesterreich- Ungarn treiben werden, so kann doch Rußland, nachdem es einmal diplomatisch gegen die Hauptforderung der Serben ausgetreten ist, keine militärischen Maßregeln mehr ergreifen, ohne damit unzweideutig die Rolle deS Angreifers zu übernehmen, d. h. auf die Hilfe seine- Allierten zu verzichten.
Das unter dem Vorsitz deS Ministerpräsidenten Nowa» kowitsch gebildete neue serbische Kabinett hat der russischen Regierung eine Mitteilung zugehen lassen, in der b\t
war, bei jedem Löffel Suppe hören, den wir zusammen aßen J"
Ein hörbares Zähncknirschen ließ sie innehalten, die Augen ihres Bruder« blitzten sie zornig an.
„Und das hast Du ertragen, hast mir nichts davon geschrieben? Du hast doch gewußt, daß ich nichts von dem Deinigen will, Hedwig?"
„Ich habe eS gehofft!" rief sie au» und ihre Augen feuchteten sich und verloren den Ausdruck starrer Traurigkeit. „Aber ich habe doch nicht gewagt, Dir gleich alle» zu schreiben, al« im vorigen Sommer, bald nach Pfingsten, Gotthold Lindncr wieder hierherkam. Es wäre vielleicht alle- gut geworden und tausendmal besser gewesen.
AlS ich meinem Liebsten zum erstenmal begegnete, sah ich, wie hart eS ihm inzwischen ergangen war. Er hatte seinen Willen durchgesetzt, hatte sich mit schweren Mühen und harten Entbehrungen eine Summe verdient und erspart, um die Universität zu beziehen. Er hat über zwei Jahre lang nur davon gelebt und damit etwa- erworben, daß er für alle Berliner Schulen gesammelt hat: Marder und Wiesel, Raub- und Singvögel, Salamander und Schlangen, Wasserpflanzen und Moose, Steine und Muscheln, er ist zu Fuß und beinahe nichts in der Tasche bis hoch nach Norwegen hinaus gekommen. Und wie er endlich sein Studium begonnen hat, ist ba» Darben noch schlimmer geworden. Um auszureichen, hat er monatelang von Kaffee und Brot gelebt und nur in den Ferien etwas in seiner alten Weise zu dem Wenigen hinzu verdienen können, waS er sich für die drei Jahre erspart hatte.
Auch nachher war'S ihm kümmerlich ergangen — er hotte überall viel Hindernisse und selten eine Gunst und Hilft gesunden, doch dessen lachte er und jchlug sich tapfer durch. Er hatte im vorigen Jahre Aufträge zu einer wisfcnschajUichen Reise von irgend einer gelehrten Gesellschast und bessere Aus- sichlen und kehrte zum ersten Male wieder unter seines VaterS Dach zurück
Ich, ich brauchte nur zu wissen, daß er wieder hier sei, daß er mich mit keiner anderen vertauscht hatte in den sieben bösen Jahren, da war bei mir die alte Liebe wieder wach.