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hersselder Armblatt
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Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 72.
Dienstag, den 22. Juni
1909.
Amtlicher teil
HerSfeld, den 16. Juni 1909.
In dem mit meiner Verfügung vom 5. April d. Js. A. Nr. 2078 im Kreisblatt Nr. 43 veröffentlichten Ministerial- Erlaß vom 11. März d. Js. II. 419 ist eine Anweisung der Polizeibehörden, Unterschristen unter Schriftstücke, die ihnen von Kurpfuschern vorgelegt werden, in allen Fällen zu beglaubigen, nicht enthalten. Die Frage, inwieweit Polizeibehörden zur Ausstellung von Beglaubigungen verpflichtet sind, wird in dem Erlaß überhaupt nicht berührt und bleibt in jedem einzelnen Falle nach den allgemein geltenden Grundsätzen zu entscheiden.
J. A. 3872. Der Königliche Landrat
von GruneliuS.
Hersfeld, den 16. Juni 1909.
Diejenigen Herren Bürgermeister, welche meine Verfügung vom 17. Oktober 1900 I. I. Nr. 2546; Kreisblatt Nr. 125, bezw. 3. Mai 1905 I. I. Nr. 3056 — Kreisblatt Nr. 53, betreffend Einreichung der Nachweisung über den Bestand an Kühen, deckfähigen Rindern und sprungfähigen Bullen noch nicht erledigt haben, werden hieran erinnert. Ich sehe der Vorlage der Nachweisung binnen 5 Tagen bestimmt entgegen.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses
I. A. 3942. von Grunelius.
Hersfeld, den 16. Juni 1909.
Nach § 12 der Polizeiverordnungen über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen ist die Anbringung mehrerer verschiedener Kennzeichen unzulässig. Diese Bestimmung verursacht für die an der Grenze wohnenden Kraftfahrzeugbesitzer, die mitunter täglich genötigt sind, die Grenze zu passieren und hierbei die Kennzeichen zu wechseln, erhebliche Umstände und Zeitverluste. Durch einen Erlaß deS Herrn Ministers der öffentlichen Arbeiten, der Finanzen und deS Innern vom 21. Mai dS. Js. ist deshalb bei den im Grenzverkehr befindlichen Kraftfahrzeugen folgendes Verfahren bis aus weiteres zugclasscn worden:
Es dürsen mehrere Kennzeichen so angebracht werden, daß nur daS eine — vorschriftsmäßige — sichtbar ist. Die An- bringung oder Auswechselung würde mit wenig Zeitauswand in folgender Weise bewirkt werden können.
a. das vordere Kennzeichen wird mit vorstehenden Schraub- stiften versehen und das neu anzubringende Kennzeichen, welches mit zugepaßten Durchlochungen zu versehen ist, wird auf diese Schraubstiste geführt und mit Flügelschrauben ange- schraubt,
b. sofern sich daS Hintere Kennzeichen aus der Trans- Parentlaterne befindet, wird der Stift, welcher durch die Scharnierbänder der Transparentscheibe läuft, hcranSgczogen, die Transparentscheibe abgenommen und die Scheibe mit dem andern Kennzeichen eingeführt,
Der Pflicht getreu.
Bon A. v. Liliencron.
(Fortsetzung.)
Hasso zog die dunklen Brauen zusammen, und das gab dem jungen Gesicht einen finsteren Ausdruck. „Wer an deiner Treue und HerzenSgüte zweifelt, Vater, der verdient, daß er verfemt würde."
Wie von einer Last befreit, richtete sich MartenS auf und schüttelte dem Sohne die Hand. „Junge, nun trage ich den Kopf wieder hoch. Wir wollen zusammenhalten, und dann werden wir mit GotteS Hilfe schon Herr werden über die Schwierigkeiten."
Er fah aus seine Frau.
„Und du, Anni?"
Sie setzte sich zu ihm und nahm seine Hand. „Wolf, du weißt, daß ich dir vertraue schrankenlos und blindlings; aber wenn du auch eine Schuld auf dich geladen hättest, ich würde doch nicht irre an dir werden und würde alles, alles mit dir tragen."
Er umschloß ihre Hand fest. „Kind, Kind", murmelte er, „was bist du mir!"
Er machte nicht viel Worte darüber. DaS war nicht seine Art, und Anni begehrte es auch nicht, jühlte sich aber doppelt beglückt, wenn Wolf, auS seiner abgeschlossenen Art herauStretend, ihr ein Wort sagte wie dieser.
Wolf war ausgestanden und ging nachdenklich aus und ab. Nach einer Weile blieb er stehen.
„Es ist mir peinlich, aber es ist nicht anders zu machen. Morgen werde ich nach Klenkendorf reiten. Ehe ich als AmtS- vorsteher zurücktrete, muß Eschenbron die Angelegenheit des Müllers persönlich klar gelegt werden, sonst wird nichts auS der Geschichte, und dem alten Müller ist mans schuldig, daß man sich bis zuletzt noch seiner Sache annimmt. Leicht wird mir der Weg nicht, aber daS ist schließlich gleichgültig. Durch muß man."
c. falls die Beleuchtung deS Hinteren Kennzeichens von außen erfolgt, muß das Kennzeichen wie unter a beschaffen sein und auch ebenso ausgewechselt werden.
Dies bringe ich hiermit zur öffentlichen Kenntnis.
I. 660 a. Der Königliche Landrat
von GruneliuS.
Reichstag.
Im Reichstage wurde am Freitag die allgemeine Finanzdebatte zunächst mit einer Rede bei preußischen Handell- ministerS Delbrück fortgesetzt. Herr Dclbrück wandte sich sehr entschieden gegen die Vorschläge der Finanzrumpskommission betreffs der Mühlenumsatzsteuer, der Kotierung-steuer und deS Kohlenaussuhrzolles. Der nun folgende Redner war der Ab- geordnete Dr. Wiemcr von der freisinnigen VolkSpartei. Er erklärte, daß seine Partei an der Erbschaftssteuer sesthalte und auch den Ersatzsteuervorlagen der Regierung gerade nicht ablehnend gegenüber stehe. Scharf abfällig kritisierte dann der freisinnige Redner die konservativ-klerikalen Steuervorschläge und unternahm zugleich kräftige Vorstöße gegen die Konscr- vativen. Dazwischen war Herr Wiemer bemüht, die Stellungnahme der Freisinnigen in der ganzen Reichsfinanzreform zu rechtfertigen. Ihn löste in der Rednerreihe der sächsische Finanzminister Dr. Rüger ab. In eindrucksvollen Dar- legungen verteidigte er hauptsächlich die Erbansallsteuer gegenüber der an ihr ausgeübten abfälligen Kritck der Konfervativen und des Zentrums und äußerte gewichtige Bedenken gegen die Kotierungssteuer und die Mühlenumsatzsteuer. Energisch betonte der fächsische Minister den Entschluß der Einzelstaaten, jeden Eingriff in chre verbürgten Steuerrechte abzuwehren, er schloß mit einer eindringlichen Mahnung an die Parteien zur Einigung in der Reichsfinanzreform. Weiter ließ sich Abg. Raab von der wirtschaftlichen Vereinigung vernehmen. In drastischen Redewendungen rückte er besonder- der Börse zu Leibe, im übrigen erklärte er sich mit der Erbansallsteuer einverstanden. Zuletzt sprachen noch ReichSschatzsekretär Sydow, der die Kotierungssteuer bekämpfte, und Abg. Mommsen von der freisinnigen Vereinigung, der sich natürlich gegen die Beschlüsse der Rumpskommission wandte.
8«r WserbtMW bei Wrkö.
Die K a i s e r b e g e g n u n g in den finnischen Schären hat, soweit dies die nicht allzureichlich vorliegenden Nachrichten über das Ereignis erkennen lassen, einen harmonischen und herzlichen Verlauf genommen. Das hervorstechendste Moment in ihr bildeten natürlich die offiziellen Trinksprüche, welche zwischen den beiden Kaisern bei der an Bord der Jacht „Standart" abgehaltenen Staatstafel gewechselt wurden. In seinem Bewillkommnungstoast aus den deutschen Kaiser betonte Zar Nikolaus seinen aufrichtigen Wunsch, die traditionellen Beziehungen herzlicher Freundschaft und gegenseitigen Vertrauens
Seine Stirn furchte sich, und er preßte die Lippen zusammen.
„Du darsst nicht nach Klenkendorf, Vater!"
Hasso hatte das so energisch gesagt, daß Wolf ihn erstaunt ansah und kspsschüttelnd meinte: „Was fällt dir ein ? Soll etwa eine Sache unerledigt bleiben, weil ich eine unangenehme Stunde mir dadurch erspare?"
„Nein, Vater, daS nicht, aber siehst du, es geht anberi einzurichten. Ich will statt deiner hinüber!"
„Du?"
„Ja, ich, dein Sohn, der doch dazu da ist, seinem Vater auch mal etwas abzunehmen. Oder traust du mir etwa nicht zu, einen Auftrag, den du mir auSeinandergesetzt hast, gewissenhaft und ausführlich auszurichten?"
„DaS wohl, aber, mein alter lieber Junge, auch für dich kann diese Unterredung mit Eschenbron voll peinlicher Augen- blicke sein. Ich möchte dir das ersparen. Du bist noch sehr jung, um für deinen Vater die Kastanien auS dem Feuer zu holen."
HasioS Augen blitzten. „Zu jung, um für meinen Vater einzutreten!" fuhr er auf. „Nein und tausend Mal nein! Ich sehne mich nur danach, den Leuten zu zeigen, wie stolz ich auf meinen Vater bin, dem ich nicht ein Haar krümmen lasse."
Welch freudiges Aufleuchten lag in den Augen des ernsten Mannes, wie er seinen Sohn anblickte. Während er noch einen Augenblick dessen Vorschlag überlegte, fuhr dieser bittend fort:
„Uebertrage mir doch auch mal ein Stück ernster Arbeit! Ich bin ja kein Kind mehr. Glaube mir'-, Vater, es macht mich glücklich, wenn ich dir einmal etwa- abnehmen kann."
MartenS legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Ich danke dir, mein Junge, daß du dich so inS Zeug wirfst für deinen Vater. Tu, wozu dein Herz dich treibt. Es ist vielleicht ganz gut, wenn du dich früh daran gewöhnst, peinlichen Dingen die Stirn zu bieten. Und nun komm, ich werde dir genau au-einandersetzen, war du Eschenbron mit- zuteilen hast."
zwischen den beiderseitigen Häusern dauernd zu unterhalten, und knüpfte hieran den weiteren Wunsch, diese Beziehungen nicht nur als ein Unterpfand bei guten Verhältnisse- zwischen Deutschland und Rußland, sondern auch bei allgemeinen Frieden- gepflegt zu sehen. Kaiser Wilhelm hob in seinem verbindlichen Erwiderung-toast auf den Zaren hervor, wie er den ihm an Bord bei „Standart" zu Teil gewordenen Empfang als eine neue Bestätigung der engen Freundschaft betrachte, die ihn und den Zaren und auch die beiderseitigen Häuser verbinde. Im ferneren charakterisierte er seinen Empfang aus dem „Standart" als eine Bekräftigung auch der überlieferten freundschaftlichen Beziehungen der beiderseitigen Regierungen zu einander, welche Beziehungen den vielseitigen Interessen und den friedlichen Gesinnungen der beiden Länder durchaus entsprächen. In diesen Kundgebungen klingt also der lebhafte Wunsch beider Herrscher wieder, daS bestehende sreundnachbarliche Verhältnis zwischen Deutschland und Rußland weiterhin zu pflegen, während zugleich daS herrschende gegenseitige Vertrauen kräftig betont wird. Man darf also getrost annehmen, daß die Annäherung Rußlands an die Westmächte keinerlei Trübung in den offiziellen deutsch-russischen Beziehungen bewirkt hat, welcher Umstand dem Weltsrieden gewiß nur förderlich sein kann. WaS die zwischen den beiden Kaisern und den sie begleitenden Ministern gewechselten politischen Gespräche anbelangt, so kann die Oeffentlichkeit vorerst nur Vermutungen hierüber hegen. Wie eS heißt, sollen bei der Entrevue die Regelung der verschiedenen Balkanprobleme, ferner die polnische Frage, und dann auch die französisch-rus- sisch-englische Entente zur Sprache gekommen sein. Vielleicht, daß man im Laufe der nächsten Zeit von authentischer Seite etwas bestimmteres betreff- der politischen Ergebnisse der jüngsten Zusammenkunft Kaiser Wilhelm- mit dem Zaren ersährt. — In -bet Mittagsstunde bei 18. Juni verabschiedete sich Kaiser Wilhelm mit dem Zaren aus der Jacht „Standart" und kehrte dann an Bord der „Hohenzollern" zurück. In der vierten Nachmittag-stunde verließ die deutsche Kaiserflotille die Stätte des Stelldicheins wieder und nahm KurS auf Neusahrwasscr- Danzig. Auch das russische Kaisergeschwader dampfte alsbald auS den Gewässern von Björkö wieder ab.
Nach einem Telegramm auS Reval wurde dem Vertreter bei Wölfischen Telegraphen-Bureaus aus dem Kaisergeschwader von berufener Stelle folgende- mitgeteilt: Die Entrevue zwischen dem Kaiser von Rußland und dem Deutschen Kaiser ist ein neuer Beweis der Beziehungen traditioneller und herzlicher Freundschaft, welche sowohl zwischen den beiden hohen regierenden Häusern, als auch persönlich zwischen den Monarchen bestehen. Dies erhellt deutlich auS den ausgetauschten Trink- sprüchen, in denen beide Souveräne in diesen Beziehungen ein Unterpfand deS zwischen ihren beiden Ländern bestehenden guten Verhältnisses und bei allgemeinen FriedcnS erblickt haben. Bei den Unterredungen der Staatsmänner, welche die Majestäten begleiteten, sind selbstverständlich die verschiedenen schwebenden politischen Fragen berührt worden. Dabei wurde
9. Kapitel.
Am nächsten Morgen ritt Hasso nach Klenkendorf. Kurz vor dem Hoftore sah er den ältesten Sohn bei HauseS mit einem schlanken, blonden Mädchen gehen.
Er wußte, dieser junge Mann im Jagdanzuge mußte Alex von Eschenbron sein, den hatte er in Rauschebach einmal ge- schen, als er dort an der Seite seines Vaters durchfuhr. Er selbst war dem jungen Eschenbron nicht bekannt. So sprang er denn vom Pferde, lüftete den Hut und trat an die beiden heran.
„Mein Name ist Hasso MartenS", stellte er sich vor. „Darf ich bitten, Herr von Eschenbron, mich freundlichst zu Ihrem Herrn Vater führen zu wollen?"
Der Ton, in hem die Worte gesprochen wurden, war ruhig. Doch ufmerffamen Beobachter wäre ei nicht entgangen, b i, Erregung sich dahinter verbarg und nur in den, Farben der jugendlichen Züge ihren Ausdruck fand.
Der Augenblick seine» Kommens war unglücklich gewählt. Alex fühlte sich verstimmt, weil er eben einen Streit mit Ursula gehabt hatte. Seit jenem Gespräch über die Mar- tenksche Angelegenheit hielt sie auch heute noch einem Manne die Stange, über dessen mehr als fragliches Verhalten eS so ziemlich nur eine Stimme im Kreise gab, und trotzdem sie blutwenig von der ganzen Geschichte verstand, wie er ihr eben vor fünf Minuten ärgerlich erklärt hatte.
Sie hatte dazu die Achseln gezuckt nud gemeint: „Ich verstehe gerade genug davon, um zu wissen, daß ich den Herrn MartenS ganz besonders gut leiden kann, weil er so fest sein Versprechen hält."
In diesem Augenblicke war eS gewesen, daß Hasso unvermutet dazwischen geplatzt war.
Der junge Eschenbron wünschte ihn an- Ende der Welt. Einerseits widerstrebte eS seinem Stolze, dem Mädchen inso- fern nachzugeben, daß er dem Sohn eine» Manne» lieben-- würdig begegnen sollte, über den er eben so abgeurleilt hatten anderseits wollte er aber auch Ursula nicht noch mehr erzürnen durch sein Verhalten.