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Hersfelder Kreisblatt
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Fernsprech-Anschlutz Nr. 8
Nr. 102.Dienstag, den 31. August 1909.
Amtlicher Teil.
Hersfeld, den 26. August 1909.
Nach den Jahresberichten der Hessischen BrandversicherungsAnstalt findet eine nicht geringe Zahl der Brandunglücke ihre Entstehungsursache in dem Spielen der Kinder mit Streichhölzer und sonstigen Zündstoffen.
Ich sehe mich daher veranlaßt, jetzt, wo beim Hüten des Viehes die Kinder Streichhölzer bei sich führen, um der verderblichen Sitte gemäß im Felde resp, aus dem Weideplätze Feuer anzumachen und Kartoffeln rc. zu braten, an die Bewohner des Kreises die dringendste Aufforderung zu richten, die Streichhölzer doch so auszubewahren, daß sie unverständigen Kindern nicht zugänglich sind, denn es sind Fälle vorgekommen, daß Kinder, ebenso wie im Freien, in Wohnräumen, Scheunen rc. ein Feuer'chen angezündet haben, wodurch dann große Schadenseuer entstanden sind.
Daß auch die Herren Lehrer ihren Einfluß in dieser Hinsicht aus die Schulkinder zur Geltung zu bringen wissen werden, setze ich als selbstredend voraus.
Die Herren Bürgermeister des Kreises ersuche ich, die vorstehende Bekanntmachung wiederholt in der Gemeinde zu veröffentlichen.
I. I. 9033. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Hersseld, den 26. August 1909.
Unter dem Schweinebestand der Witwe des Kaufmanns Degenhardt hier ist die Rotlausseuche ausgebrochen.
I. 9102. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
nichtamtlicher teil
Die Fahrt des „Zeppelin 3" nach Berlin.
Das öffentliche Interesse in Deutschland stand in den letzten Tagen im Banne der Fahrt des Luftschiffes „Zeppelin 3" von Friedrichshasen—Manzell nach Berlin, welchem sportlichen Ereignisse gegenüber die Teilnahme an den politischen Tagesvorgängen zunächst zurücktrcten mußte. Auch diese erste große Fernfahrt des „Zeppelin 3" hat sich wenigstens in ihrem ersten Teile unter allerhand Schwierigkeiten und Hindernissen vollzogen, wie dies ja auch bei den Fernfahrten von „Z. 1" und „Z. 2" der Fall war. Bereits die Dispositionen für den Ausstieg des „Z. 3" in Manzell, der ursprünglich am späteren Abend des 26. August vor sich gehen sollte, hatten eine nicht unerhebliche Verzögerung erfahren, denn in- folge anhaltenden starken Regens hatte die Abfahrt des Luft
Die Dame in rosa.
Original-Kriminal-Roman von L e o T u r n a u.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Dieser Gedankengang würde sehr zutreffend sein, Monsieur Forbcrt", entgegnete der Kriminalkommissär, „wenn eben die Voraussetzung zutrifft, daß der verschwundene Maler an dem Verbrechen überhaupt beteiligt ist. Trifft aber diese Annahme nicht zu, so haben wir uns in einer ganz falschen Richtung geplagt. Ich hatte nämlich bis vorhin auch den stärksten Verdacht auf den Maler und seine Zugehörigkeit zu einer großen internationalen Gaunerbande. Solche Gauner pflegen aber selten zum Mord bei der Ausführung ihrer Verbrechen zu greifen, der Raubmord ist nicht ihr eigentliches Fach, sondern der listige, schlaue, große Diebstahl ist ihr eigentliches Metier, bei dem sie viel gewinnen können und verhältnismäßig wenig riskieren, denn ein paar Jahre Gefängnis oder Zuchthaus ichreckt solche Gauner nicht. Aber ein Raubmord, der mit Hinrichtung oder zwanzig Jahren Zuchthaus bestrast wird, der hat in seiner Entdeckung noch Schrecken für die Gauner. Da nun gerade Frau Thompson direkt ermordet worden ist, so ist mir heute der Gedanke gekommen, daß hinter der Tat sogar noch etwas ganz anderes als ein Raubmord stecken könnte."
„Diese Vermutung kann sehr richtig sein, Herr Kommissar und wenn wir erst alle Verwandten und Freunde, Verehrer und Verehrerinnen der Frau Thompson aus Herz und Nieren prüfen könnten, so würden wir vielleicht eine ganz erstaunliche Entdeckung machen", erklärte der Detektiv Monsieur Fordert, »aber bis jetzt fehlt uns vollständig der Faden, der zu der ganz neuen Lösung führen könnte. Aber ich hoffe ihn noch zu finden, wenn alle unsere üblichen und bisherigen Verdachts- gründe uns aus Irrwege führe» sollten. Der Raubmord
übrigens bei großen raffinierten Diebstählen und Ein- brüche» doch vor, wenn die Verbrecher sich plötzlich entdeckt oder bedroht sehen."
schiffes von Friedrichshasen—Manzell bis Freitag früh VaS Uhr verschoben werden müssen. Oberingenieur Dürr leitete den Lustkreuzer, während Graf Zeppelin selber mit dem fahrplanmäßigen Schnellzuge 6 Uhr 28 Min. früh von Friedrichshasen nach Bitterseld abreiste, wo seine Ankunft Freitag abend s/49 Uhr erfolgte. Mit stürmischer Begeisterung begrüßte man den so überaus volkstümlichen Grafen überall, wo der Zug unterwegs etwas längeren Aufenthalt nahm, so besonders in Stuttgart, Erfurt, Weißenfels und Halle. In Bitterseld wurde Graf Zeppelin bei seiner Ankunft von einer ungeheueren, vor dem Bahnhöfe angesammelten Menschenmenge erwartet, die ihn mit brausendem Jubel empfing; der Gros stieg im Hotel „Kaiserhof" ab. Was nun die Fahrt des „Zeppelin 3“ vom Freitag anbelangt, so ging sie zunächst glatt und rasch vor sich, doch später mußte er mit widrigen Windströmungen kämpfen, die ihn zeitweise zurücktricben. Gegen mittag erlitt der Lustkreuzer bei Gnotzheim, südwestlich von Nürnberg, einen leichten Bruch am Zylinder des Vordermotores, der den „Zeppelin 3“ zu einer mehrstündigen Landung behufs not- dürftiger Reparatur des Defektes nötigte. Dann erfolgte die Weiterfahrt, aus welcher der „Zeppelin 3" gegen 4 Uhr nachmittags über Nürnberg ankam und hieraus hinter dem Dutzendteich niederging. Hier wurde die gründliche Ausbesserung deS entstandenen Motordefektes vollzogen. Sonnabend früh in der ersten Stunde war der „Zeppelin 3“ wieder vollständig reisefertig und um 2 Uhr 5 Minuten stieg er in Nürnberg zur Fortsetzung seiner Fahrt auf. Das Lustschiff nahm bei günstigem Winde die Richtung aus Bayreuth, womit also die weitere Route über Hof—Plauen i. V.—Leipzig gegeben war.
Während in der Reichshauptstadt am Sonnabend in den ersten Nochmittagsstuvden Millionen der Ankunft des Luftschiffes entgegenharrten, hatte dieses wiederum mit einem bedauerlichen Mißgeschick zu kämpfen. In der Nähe der Nervenheilanstalt Tannenseld bei Ronneburg hatte es einen Propeller nebst Antriebscheibe und Welle verloren, und der Motor mußte abgestellt werden. Langsam nur konnte die Fortsetzung der Fahrt erfolgen, aber die Nachricht, daß schon vor Bitterseld eine Zwischenlandung vorgenommen werden müsse, bestätigte sich nicht. Hin und her lawiercnd, um nicht gegen den Wind fahren zu müssen, kam man vorwärts, und um 5V4 Uhr war Bitterseld glücklich erreicht, und nun ging die Landung ohne Zwischensall glücklich vonstatten. Wie ein aus dem Kampfe heimkehrender Sieger, der ein Glied verloren, landete er mit einem von der linken Seite in Fetzen herabhängenden Propeller. Für die Bitterselder aber war heute ein Tag von historischer Bedeutung, ein Tag, von dem die Großeltern noch den Enkeln erzählen werden. Was an diesem einen Tage alles passiert ist, war genug, um noch ganz andere Städte wie Bitterseld „aus dem Häuschen zu bringen". Daß das Luftschiff heute nicht mehr anlangen würde, stand um 4 Uhr nachmittags so gut wie fest. „Der Propeller ist zerbrochen", so hieß es bestimmt, „die Reparaturen müssen in Leipzig vor- genommen werden". Kronprinz, Herzog und Gros begaben
„DaS weiß ich sehr wohl", bemerkte der Kriminalkommissär mit überlegenem Lächeln, „ich meine nur hier im Thompson- schen Falle, daß der oder die Verbrecher von Haus aus nicht rauben, sondern auch morden wollten. Die Verbrecher hatten sehr starke Betäubungsmittel bei sich, das hat der Zustand gezeigt, in welchem die Gesellschafterin und die Dienstboten in der Villa gefunden wurden, und sie hätten auch Frau Thompson so schnell und so stark betäuben sönnen, daß sie wie tot hätte umsallen müssen. Aber sie ist direkt ermordet worden. Ich habe wenigstens als alter Kriminalist jetzt den Gedanken bekommen, daß es so und ganz absichtlich von Haus aus geplant war, und dieses Moment wollen auch Sie bei Ihren Recherchen ganz besonders im Auge behalten, Herr Forbert."
„Dieser Moment wird sogar allein maßgebend für meine ganze Arbeit sein", erklärte der Detektiv, „sobald ich den Faden zu einer Lösung deS Verbrechens gesunden habe, der eS noch viel schlimmer erscheinen läßt als ein Raubmord. Ich bin aber in dieser Hinsicht noch ohne jede Unterlage, und deshalb müssen wir den Verdacht bezüglich deS Raubmordes, bei dem ja auch sehr viel Geld und Geldeswert gestohlen wurde, auch ganz besonders aus internationale Gaunerbanden richten. Da ist zum Beispiel die Einbrechergesellschaft Maffey und Genossen, bestehend aus drei verwegenen Dieben und zwei HelserShelsc- rinnen. Der jüngere Stoffel) hat schon in seiner Jugend alles handwerksmäßig gelernt, was ein Dieb und Einbrecher braucht. Er war erst Schlosser und dann Schornsteinfeger. Er versteht es daher, an Telegraphenstangen an den Häusern cmporzu- klettern und durch die Essen in die Wohnungen einzudringen. Diese Bande sucht mit Vorliebe allerdings von reichen Reisenden besuchte große Hotel- auf, in denen sich etwa acht oder vierzehn Tage vorher ihre mit falschen Zeugnissen versehenen HelserShelferinnen als HauSmädchen vermieten und dann des Nachts der Diebesbande daS Handwerk erleichtern. Diese Gauncrgcsellschast könnte ihre Untaten jetzt auch auf etwa? einsam gelegene Häuser reicher Leute wie die Villa der Frau Thompson erstrecken. Immerhin muß man sestzustellen suchen, ob von der Gaunerbande Maffey und Genossen einige Mitglieder in den letzten Tagen in Nizza gewesen sind, ich habe
sich daher im Automobil dorthin, und siehe da: unterwegs kommt ihnen der Luftkreuzer entgegen. Er fliegt zwar niedrig, arbeitet zwar nur mit drei Propellern, aber — er fliegt. Und der gute Wind ist ihm günstig. Inzwischen hatte die enttäuschte Menge den Landungsplatz in Scharen verlassen. Aber dann, um etwa 5Va Uhr, hieß es plötzlich wieder: „Zeppelin kommt!" Niemand wußte, woher die Nachricht stamme; sie schien in der Lust zu liegen; alle hörten die Meldung, allen aber fehlte auch der Glaube. Dennoch strömten die Scharen sofort zum Landungsplatz zurück, der um 6 Uhr gedrängter voll war denn je. Und jetzt wußte auch jeder, daß eS ernst sein müsse mit dem Kommen des „Zeppelin 3". Offiziere sprengten über daS Feld; die Absperrungen wurden verstärkt. Eine Spannung, die von Minute zu Minute stieg, bemächtigte sich der Harrenden. Alle blickten gen Süden. Eine aufregende Viertelstunde, und dann ein Ruf, der tausendfach widerhallt. Jemand hat einen lichten Streifen am Horizont entdeckt und daraus hingedeutet. Es ist der Lustkrcuzer! Langsam nähert er sich. Da ertönt ein Hupensignal. Gras Zeppelin und Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg sausen in das Gelände. Sie kommen nicht weit, die Menge umringt sie; langsam gelangen sie bis zur inneren Absperrung und von hier zum Ankerplatz. Ein zweites Signal: Der Kronprinz. Dieselbe Szene. Jetzt hat er den Ankerplatz erreicht und sich zum Grasen gesellt. Die Zuschauer wenden sich wieder dem Luftschiff zu. Das ist jetzt in der nächsten Nähe. Und nun ereignet sich eine Szene, spontan und überwältigend, wie sie gewiß noch nicht gesehen wurde. Die Absperrung war gut und kraftvoll, Soldaten, Matrosen, Gendarmen, schwere Taue, Stacheldrähte — alles war aufgewendet, aber wo blieb all dieses in der nächsten Minute! Ein einziger frenetischer Aufschrei aus vielen tausend Kehlen und dann wie auf ein gegebenes Signal: Sturm. Da gab es kein Halten. Querfeldein ging es, als gelte eS eine Festung zu nehmen. Kinder, Frauen fielen. Man sprang über sie hinweg.
Die berittene Gendarmerie sprengte der anstürmenden Menge entgegen, eS nutzte nichts. Sie mußte weichen oder ein Blutbad anrichten, und so riß sie die Köpfe ihrer Pferde herum und ritt zurück. Mit geschwungenem Säbel wurde nunmehr versucht, dem Ansturm Einhalt zu gebieten. Es nutzte alles nicht. Und in dem Moment, wo das Lustschiff den Boden berührte, waren die Gondeln von Tausenden umringt. Und als die Soldaten das Fahrzeug zur Anker- schleife zogen, marschierte die Menge, „Deutschland, Deutschland über alles" singend, im Takte mit, direkt unter dem Schiff, zwischen den Gondeln und um diese herum. ES war, als trage die Menge das Schiff auf ihren Schultern. Und noch lange, nachdem „Zeppelin 3" festgemacht war, wankten und wichen die Leute nicht. Eine Anrede des Grasen Zeppelin ging in dem gewaltigen Lärm verloren. Die Herren sahen abgespannt und müde aus.
Der dichte Nebel, der schon bei Sonnenaufgang herrschte, verdichtete sich immer mehr, sodaß das Luftschiff nur teilweise
von zwei Mitgliedern dieser Bande Photographien und wir werden in allen Hotels und Gasthöfen bei Wirten und Kell- nern diese Photographien vorzeigen. Ferner kommt in Badeorten ein amerikanisches Verbrecherpaar in Betracht, die sich bald Herr und Frau Lykson, bald Herr und Frau Dewall nennen und wahrscheinlich auch noch unter anderen Namen auftreten. Dieses Gaunerpaar erscheint in vornehmen Bädern, tritt sehr nobel auf, macht die Bekanntschaft reicher Leute und stiehlt ihnen bei nächster Gelegenheit die Brillanten oder Geldbörsen. Auch von Paris, London, Petersburg und Berlin machen Gaunerbanden oft Abstecher in 'die südlichen Bäder und verüben dann ganz erstaunliche Verbrechen. Von mehreren dieser Gauner und Gaunerinnen habe ich auch Photographien und Beschreibungen bei mir, und werden sie auch den Hotels vorzeigen müssen, um festznstcllen, ob jemand von ihrer schrecklichen Zunft hier war."
„Sie bringen uns in der Tat wichtiger Material und gute Handhaben für unsere Nachforschungen mit, Herr Fordert", erklärte der Kriminalkommissär, „und ich werde dem Herrn Staatsanwalt noch heute Meldung machen."
„Ich freue mich, daß gerade Sie, Herr Kommissar, er- kennen. daß wir als Detektivs in den großen Hauptstädte» Paris, London, Berlin, Wien, Rom und Petersburg viel mehr von der Verbrecherwelt kennen lernen als in den Pro- vinzialstädten möglich ist, davon zu erfahren, denn in den größten Städten gibt es nicht nur die größte» und raffiniertesten Gauner, sondern sie pflegen sich nach einem gelungenen Gaunerstreich auch am liebsten nach einer Großstadt zu flüchten, weil sie dort die beste Gelegenheit haben, sich zu verbergen und für ihren Raub Käufer oder Hehler zu finden. Ucbrigens müssen wir die Villa Jndiana auch noch ganz aus die moderne kriminalistische Art nach Fußspuren, blutigen Fingerabdrückcn, für das bloße Auge unsichtbaren Fingerabdrückcn,' Blutflecke», frischer und alter Art untersuchen. ES wird Ihnen, Herr Kommissar, manche dieser UnterjuchungSarten neu fein, deshalb übergebe ich Ihnen hier eine kleine Anweisung auS der Werkstatt der modernen Kriminalisten."
Bei diesen Worten übergab der Detektiv dem Kommissar eine gedruckte Anweisung.