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herrfel-er Kreisblatt

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Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8

Nr. 136

Mittwoch, den 17. November

1909,

nichtamtlicher teil.

Bußtag

Am Ausgang des Kirchenjahres treten ernste Tage an uns heran. Ehe wir uns rüsten, am Totensonntag die Gräber unsrer dahingeschiedenen Lieben in dankbarer Erinnerung daran, was sie uns im Leben gewesen sind, zu schmücken, mahnt uns der Bußtag, Einkehr bei uns zu halten und nachzudenken über die Vergangenheit und die Zukunft. Dem Zweck entsprechend, dem der Bußtag dienen soll, ist er aus der Zeit, wo die Knospen springen und der Lenz die Erde zu neuem blühenden Leben er­weckt, in den Spätherbst verlegt worden, dessen Charakter mehr als die andern Jahreszeiten an die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnt. Wenn die letzten gelben Blätter von den Bäumen fallen, wenn der Herbstwind durch die nackten dürren Aeste weht und melancholisches Grau den Himmel bedeckt, der uns im Sommer so freundlich angelacht hat, dann regt sich im Menschen unwillkürlich eine Stimmung, die ihn ernsten Gedanken zuführt und daran erinnert, daß auch an ihn der Augenblick heran­treten wird, wo es heißt, Abschied zu nehmen vom Leben, und diese Gedanken werden ihm eine echte, wahre Bußtags-Stimmung erzeugen.

Wenn der Bußtag weiter nichts wäre als ein Tag der Ruhe und Stille, wo das Treiben und Lärmen der Welt eine kurze Zeit lang innehält, er wäre schon um deswillen mit Freuden zu begrüßen, weil er wie von selbst aus der Aeußerlichkeit in die Innerlichkeit, aus der Zerstreuung in die Sammlung führt. Aber der Bußtag, wie ihn die Kirche feiert, soll mehr sein. Er stellt unser gesamtes häusliches und öffentliches Leben in das Licht der göttlichen Wahrheit; er zeigt die falschen Wege, wo wir uns verirrt, aber auch den rechten Weg, den wir zu gehen haben. Er fordert auf zur Einkehr, aber auch zur Umkehr. Ernst und feierlich läßt er feine Stimme erschallen, Buße und Besserung predigend. Eine redliche Sinnes-Aenderung wird von uns allen ohne Unterschied gefordert; über dem rastlosen, geschäft­lichen Hin und Her dieser Welt sollen wir nicht ver­gessen, daß wir arrne sündige Menschen sind.

Aber die in den Staub gebeugte Demut wird von gütiger Hand wieder ausgerichtet. Jesus nimmt die Sünder an! ein unsagbarer Trost, der gerade am Bußtage wie ein lindernder Balsam das reumütige Christenherz durchdringt. Neue, belebende Hoffnung soll dem zagenden Menschenkinde werden, gestärkt und ge- festtgt kann es jenen schweren Kampf wieder aufnehmen, den man das Leben heißt. Wer wollte auskommen ohne diese tapfere, kraftvolle Frömmigkeit, die sich durch die Buße hindurchringt zu Gott empor? Ist es nicht

Der Sonntagsjäger.

Roman von Fritz Skowronnek.

(Fortsetzung.)

Auf der Rückfahrt meinte der Grünrock lachend: Haben Sie gemerkt, Herr Assessor, wie wir dem Herrn Burke das Konzept verdorben haben? Das geht jetzt wie ein Lauffeuer durch den Kreis. Ich habe es zur Vorsicht auch der kleinen Dora mitgeteilt, die schlug mir vor Vergnügen auf die Schulter."

Ein eigenartiges Mädel."

Sagen wir lieber ein Prachtmädel, ein Blitzmädel, Herr Assessor! So war sie, als sie kaum lausen und sprechen konnte, und so ist sie geblieben trotz der ver­schrobenen Gouvernanten, die das arme Kind gequält haben. Solch eine Natur läßt sich nicht unterkriegen. Sie war oft mit Erich in unserm Hause, nennt mich noch immer Onkel und du und wurde heute ordentlich böse, als ich sie gnädiges Fräulein anredete. Der wünsche rch mal einen guten Mann."

»Ich glaube bemerkt zu haben, daß zwischen den Awe: Jugendgespielen, Erich und ihr, sich ein tieferes Verhältnis anspinnt."

Das glaube ich nicht. Die beiden waren von klein auf gute Kameraden zueinander. Manchmal soll es ja vorkommen, daß sich daraus das entwickelt, was man Liebe nennt. Viel öfter aber bleibt es bei der Freund­schaft, namentlich wenn die Naturen so gleichgestimmt sind wie bei Erich und Dora."

Der Assessor war nachdenklich geworden. Aus den Fenstern des Kruges hatte er zugesehen, wie Dora die einfachen Menschen leitete, als wären es Kinder, und ie die Frauen sie umdrängten und ihre Aermel küßten. Er sah ihre dunklen Augen vor sich, die bald schelmisch aufleuchteten und gleich danach so tiefgründig ernst aus-

konnten. Den eigentümlichen Reiz dieses frischen Menschenkindes hatte er von dem ersten Augenblick ihrer

eine lächerliche Rede, der moderne Mensch brauche keine Gnade, er vergebe sich seine Sünde selber? Kein Ge­ringerer als unser Bismarck hat einmal gesagt:Ich weiß nicht, wo ich mein Pflichtgefühl hernehmen soll, wenn nicht aus Gott."

In die Kinderseele, in das empfängliche Gemüt der Jugend müssen wir das Samenkorn legen, aus dem sich der Baum des Gottvertrauens, des religiösen Sinnes, der idealen Weltanschauung entwickeln soll, der Baum, in dessen Schatten allein die menschlichen Tugenden ge­deihen können. Möchten dies doch die Eltern und Erzieher erkennen; denn mehr als je haben wir jetzt die Pflicht, ein an Herz, Geist und Gemüt gesundes Geschlecht heranzubilden, ein Geschlecht, welches fähig ist, den kommenden Stürmen erfolgreich Trotz bieten und die ehrwürdigen Ideale des Christentums und des Deutsch­tums hochzuhalten. Laßt uns in richtiger Erkenntnis dieser wichtigen Aufgaben den Bußtag begehen, dann hat er seine Wirkung getan!

Am In- und Ausland.

Berlin, den 15. November 1909.

6 e. Majestät der Kaiser ist heute früh 7Va Uhr im Sonderzuge zur Rekrutenvereidigung in Kiel eingetroffen. Er wurde am Bahnhof empfangen vom Staatssekretär des Reichrmarineamt» Admiral von Tirpitz, dem Chef der Ostsee- station Admiral von Prittwitz und Gaffron und dem Inspekteur der Marineinsanterie Oberst von Bedungen. Der Monarch fuhr im Salonboot an Bord bei Flottenflaggschiffe» Deutschland", um dort Wohnung zu nehmen. Er herrschte auf der Förde so starker Nebel, daß kaum eine Schiff-länge voraus zu sehen war. Später begab sich der Kaiser, geleitet vom Admiral von Tirpitz an Bord des neuen Panzerkreuzers Blücher", den er eingehend besichtigte. Die Vereidigung der Marinerekruten, die auf 12 Uhr mittag» angesetzt war, wurde aus Befehl bei Kaisers schon um 11 Uhr vorgenommen. Der Kaiser fuhr zehn Minuten vorher an Bord deS Torpedo­bootesHulda" nach der Akademiedrücke und begab sich von dort im Hofwagen nach der Matrosenkaserne. Er wurde von dem Stationsches Admiral von Prittwitz und Gaffron in daS festlich geschmückte ExerzierhauS geleitet, wo die feierliche Handlung stattfand. Nach einer Ansprache des evangelischen Marine-OberpfarrerS Konsistorialrat Bögel und bei katholischen Marine-OberpfarrerS Laubstein erfolgte die Eidesleistung. Darauf hielt der Kaiser eine kurze Ansprache, in der er die jungen Soldaten ermähnte, ihrem Eide treuzubleiben. Der Station-ches brächte daraus ein dreifaches Hurra aus den Kaiser auS. Nach Beendigung der Feier begab sich der Monarch in da- Marine-Offizier-kasino und nahm mit den bei der Vereidigung beteiligten Offizieren einen Imbiß ein. Um 1 Uhr verabschiedete sich der Kaiser von den Offizieren

Bekanntschaft gefühlt, als Dora ihm auf der gemein­samen Fahrt im Eisenbahnwagen mit drolligen Wen­dungen den Kreis und seine Bewohner schilderte. Und wie treffend, das empfand er noch jetzt.

Unwillkürlich mußte er lächeln. Dann kam ihm die Erinnerung an seine erste Begegnung mit Lotte. Süll und sinnig war ihm das durch seine prächtige elegante Figur allgemein auffallende Mädchen entgegengetreten. Er biß die Zähne zusammen, als die Erinnerung ihn packte.

vn.

Herr von Riesa auf Sawadden, der Gegenkandidat des Assessors, feierte seinen Geburtstag. In den letzten Jahren, als die Geldschwierigkeiten des alten Herren er stand erst in der zweiten Hälfte der Fünfziger, war aber schon ganz weiß landkundig geworden waren, hatten sich nur wenige, die engsten Freunde des Hauses, zu dem Fest eingefunden. Heute raffelte schon bald nach dem Kaffee ein Wagen nach dem andern aus den Hof. Selbst aus den entferntesten Teilen des Kreises waren einige Gutsbesitzer gekommen, meistens jüngere Männer.

Es war gewissermaßen eine Demonstration für ihren Kandidaten zum Landratsamt. Die Gegnerschaft gegen die Wahl des Assessors hatte sich aus den verschieden­sten Gründen zusammengefunden. Einige wollten keinen Berufslandrat. Andere ärgerten sich darüber, daß Bur- meister mit der Gefolgschaft des Barons von Braun, zu der fast nur adlige Grundbesitzer gehörten, zuerst Füh­lung genommen hatte.

Wieder anderen gefiel das vornehm reservierte Be­nehmen des Assessors nicht. Sie wollten einen Landrat der nicht wartete, bis man mit einem Anliegen zu ihm kam, sondern selbst herumfuhr und sich nach ihren Wün­schen erkundigte, einen guten Kameraden, den man nach der Jagd bei einem tiefen Trunk seine Wünsche ans Herz legen konnte.

Es hatte ein einfaches Essen zum Abendbrot gegeben,

uns kehrte an Bord derDeutschland" zurück. Um IV2 Uhr begab sich der Kaiser an Bord bei neuen Linienschiffe» Nassau". DaS Schiff hatte Großadmiraltflagge gesetzt. Der Kaiser nahm eine eingehende Besichtigung bei neuen Schiffe» vor und ging dann aus diesem in See

Der IV. Zeppelin-Ballon wird von der Zeppe- lin-Lustschifffahrt-Baugesellschast für die in Bildung begriffene Deutsche Lustschifffahrt-Aktiengesellschaft mit dem Sitz in Frank- surt a. M. erbaut werden. Der Zeppelin IV ist im wesent­lichen für Passagierfahrten, welche die neue Gesellschaft in den verschiedensten Gegenden Deutschland» zu veranstalten gedenkt, bestimmt. Der Ballon wird mit drei Gondeln auSgestattet werden und so in der Lage sein, eine größere Anzahl von Passagieren mitzunehmen. Er wird seine Vorgänger mit einem FaffungSvermögen von etwa 20 000 Kubikmeter nicht uner­heblich an Größe übertreffen und auch sonst einige wesentliche Aenderungen ausweisen. Vor allem wird da» Ballongerippe nicht mehr au» Aluminium Hergeftellt fein, sondern aul einer neuen Metalllegierung, dem sogenannten Elektrometall, da­bei einem sehr günstigen spezifischen Gewicht eine große Sta­bilität besitzen soll. E» steht noch offen, ob der neue Lust­kreuzer mit zwei oder drei Motoren auSgestattet werden wird. Jedenfalls ist die Stärke der Motoren so eingerichtet, daß die Arbeit zweier Motoren vollständig genügt, um dem Ballon die nötige Geschwindigkeit zu geben. Falls die dritte Gondel lediglich für Passagiere frei bleibt, könnten bis zu 40 Perso­nen gleichzeitig befördv. werden.

Unter dem Vorsitze bei Oberbürgermeisters fand am SamS- tag im Berliner Rathause eine zahlreich besuchte Vorstand S- sitzung bei Deutschen StädtetageS statt. E» wurde beschlossen, von einem Beschluß über die Unterwerfung bei ReichSfirkuS unter da» Gemeindesteuerrecht vorläufig Ab- stand zu nehmen, aber den Reichskanzler zu ersuchen, den be­treffenden Gesetzentwurf dem Vorstände zugänglich zu machen. Ferner wurde beschlossen, an den BundeSrat und an den Reichstag eine Petition zu richten, die Städte von der Talon­steuer zu befreien. Bezüglich der ReichS-WertzuwachSsteuer wurde beschlossen, die Städte aufzusordern, sich gegen die ReichS-WertzuwachSsteuer mit allen Mitteln zu wehren.

Der Bund der Landwirte hielt am Sonntag in Gnesen eine außerordentliche Generalversammlung ab. AlS erster Redner sprach Gutsbesitzer Logemann überDer Bund der Landwirte und der Kleingrundbesitz." Er versicherte, daß der Bund der Landwirte stets ein warme» Herz für die kleinen Landwirte gesagt habe, mal besonders bei dem Minimalzoll- tarif zutage getreten sei. Nach diesem Vottrage, der sich im wesentlichen gegen die Nationalliberalen richtete, sprach Frei­herr von Wangenheim.

Die Verhandlungen zwischen China und Portugal wegen der Grenze von Mocao find als ersolgloS abgebrochen worden. China hält seine Ansprüche auf da» gesamte Hasen- gebiet und den größten Teil bei Landgebirt» einschließlich der portugiesischen FortS ausrecht und weist den Einwand Portu-

zu Tisch wurden ein leichter Rotwein und Mosel ge­trunken. Dann hatten sich die Damen des Hauses zu­rückgezogen und den Herren allein das Feld überlassen. Auch der Förster war unter den Gästen. Er war wohl der älteste Freund des Hauses, der mit Herrn von Riesa zugleich die Schulbank gedrückt hatte.

Nicht wie sonst setzten sich die Gäste nach dem Abend­brot an die Spieltische. Sie standen in größeren und kleineren Gruppen zusammen, und überall war das Gesprächsthema die Landratswahl. In der Welt war manches geschehen, was sonst reichlich Gesprächstoff ab­gegeben hätte. Doch das Hemd ist dem Körper näher als der Rock. Und die Kirchturmpolitik ist den Nächst­beteiligten immer wichtiger erschienen als alle Welter­eignisse.

Man erörterte lebhaft die Chancen der Wahl. Die Vertreter der Dorfgemeinden würden wohl wie immer mit dem Grundbesitz stimmen. Aber für wen in diesem Falle? Die Sippe der Braun und Ternburg würde doch entschieden für Burmeister eintreten und manchen nach sich ziehen, so daß selbst die Entscheidung in der Gruppe der Grundbesitzer zweifelhaft war. Dann könnten die Vertreter der Stadt den Ausschlag geben. Man hatte unter den einflußreichen Kaufleuten sehr eifrig für Riesa geworben; aber merkwürdig, es schien keine Otim- mung für ihn zu sein.

Einige wollten gar wissen, daß die Kaufleute sich deshalb so reserviert zeigten, weil sie schon entschlossen wären, den Assessor zu wählen. Es schien fast, als hätte jemand, dem überall gute Verbindungen zu Ge­bote standen, für den Assessor eifrig und mit Erfolg geworben.

Womit konnte der Werber die Städter auf seine Seite gebracht haben? Doch nur mit der Aussicht, daß der neue Herr nicht so ausschließlich, wie es bisher ge­schehen, für den Großgrundbesitz Partei ergreifen würde.

Einer der Gäste, der mitten unter ihnen stand und manchmal stillvergnügt vor sich hinlächelte, hätte ihnen wohl Auskunft geben können. Aber er schwieg und