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Herzfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-^lnschlutz Nr. 8
Nr. 139»
Donnerstag, den 35» November
1909»
Amtlicher teil.
Aufnahme von Waisen.
In der L e n o i r' j ch e n W a i s e n a n st a I t aus dem Teichhofe bei Hessisch-Lichtenau, die dazu bestimmt ist, Waisenkinder ohne Rücksicht aus da» religiöse Bekenntnis und die OrtS- oder Lande»angehörigkeit der Eltern zu erziehen, können am 1. April nächsten JahreS wieder 20 Mädchen Ausnahme finden. Voraussetzungen für die Aus- nähme sind:
1, Gänzliche Mittellosigkeit der Zögling».
2. Bei Halbwaisen muß nachgewiesen werden, daß Vater oder Mutter nicht imstande sind, durch eigene Er- werbStätigkeit die Mittel für Unterhalt und Erziehung der KindeS aufzubringen.
3. Geistige und Physische Gesundheit deS auszunehmenden Kinde», die durch Beibringung einer Bescheinigung deS KreiSphysikuS nachzuweisen ist.
4. Ein Alter von 6 oder 7 und nur im äußersten Bedürs- nirsalle ein solche» bir zu 8 Jahren.
Die Kinder verbleiben bis zum vollendeten 16. Lebensjahre in der Anstalt und werden dort der natürlichen Familie entsprechend in Familienkreisen erzogen, auch für einen späteren Lebensberuf, unter möglichster Berücksichtigung ihrer Fähigkeiten und Neigungen vorbereitet.
Ordnungsmäßig entlassenen Zöglingen können auch in ihrem späteren Leben noch Unterstützungen (z. B. Ausstattung, Bei- hilft in Unglück-fällen) zugewendet werden.
Aufnahmegejuche sind unter Darlegung der persönlichen Verhältnisse innerhalb 8 Wochen vom Tage der Ausschreibung an, an den unterzeichneten Schriftführer der Stiftung zu richten.
Cassel, den 1. November 1909.
Stiftung der Brüder George und Konrad Lenoir zur Erziehung von Waisen in Cassel. gez. Brunner.
Her-feld, den 19. November 1909.
Die unter der Schafherde des Landwirts Johannes Vetter zu GiebjeShos bei Breitenbach a/H. (Kreis Ziegenhain) auS» gebrochene Räude ist erloschen.
I. 12040. Der Königliche Landrat.
I. V.:
W e s s e l, KreiSsekretär.
• Hertseld, den 22. November 1909.
In Mecklar ist der Echweinerotlaus amtlich fcstgestellt worden.
I. 12071. Der Königliche Landrat.
I. V.:
Wessel, KreiSsekretär.
Am 2. Januar 1910 beginnt an der Hufbeschlag-Lehr-
Der Sonntagsjäger.
Roman von Fritz S k o w r o n n e k.
(Fortsetzung.)
Der Assessor hatte mit ernster Miene ein paarmal zu den Worten seines Freundes genickt.
„Du hast sehr richtig beobachtet, lieber Erich. Bor drei Jahren, alS deine Schwester einige Wochen bei ihrer Tante Windheim in Berlin weilte, habe ich sie kennen gelernt!"
„Davon hat sie zu Hause kein Wort erzählt."
„Sie wird wohl ihre Gründe dazu gehabt haben. Ich will noch hinzusügen, um dir zu zeigen, wie lieb du mir bist, daß ich deiner Schwester gegenüber nicht gleichgültig geblieben bin. Leider sah ich bald, daß mein Interesse gegenstandslos war, da ich auf kein Entgegenkommen zu hoffen hatte."
Er hatte die letzten Worte in dem heiseren Tone gesprochen, der bei großen seelischen Erregungen sich unwillkürlich einstellt.
Erich schwieg betroffen. Diese Wendung hatte er nicht wartet. Endlich fragte er kleinlaut: „Willst du mir nicht wenigsten» andeuten, was dich zu dieser Annahme berechtigt?"
„Sehr gern, lieber Erich, wenn ich eS könnte. Doch da spielt eine dritte Person mit, deren Geheimnis ich nicht lüften darf. Es ist mir durch traurige Ereignisse bekannt geworden, und ich bin nicht befugt, eS einem anderen gegenüber zu durch- brechen."
Jetzt sprang Erich erregt auf.
„Du hast eben von einer dritten Person gesprochen, die du tu meiner Schwester in Beziehungen gebracht hast."
»Ja, lieber Erich, aber vertraulich ! Selbst deiner Schwester gegenüber I Ich habe nur da» gesagt, waS zur Erklärung deiner Frage unumgänglich nötig war."
»Du vergißt, daß e» sich um die Ehre meiner Schwester handelt. Du hast von traurigen Ereignissen gesprochen —
schmiede in Weißenborn, im hiesigen Kreise, ein neuer KursuS zur Vorbereitung für Schmiede, die ihre Hufbeschlagprüfung daselbst ablegen wollen.
Anmeldungen, denen ein Geburtsschein, ein polizeiliches FührungSattest, sowie ein LehrzeugniS beizufügen ist, nimmt entgegen Lehrschmiedemeister Diegel in Weißenborn bei Sontra, der auch jede weitere Auskunft erteilt.
Rotenburg a. F., den 15. November 1909.
Der Vorsitzende deS KreiSauSschufft»: gez. Türke, Landrat. * * *
HerSseld, den 22. November 1909. Wird veröffentlicht.
Der Königliche Landrat.
I. V.:
Wessel, KreiSsekretär.
HerSfeld, den 22. November 1909.
In Niederjossa ist der Schweinerotlaus amtlich scstgestellt worden.
I. 12072. Der Königliche Landrat.
I. V.:
Wessel, KreiSsekretär.
nichtamtlicher Ceil.
Sie Kisenbahn in Gegenwart n. Vergangenheit
„Diesen Karren, der durch die Welt rollt, hält kein Menschenarm mehr auf!“ So sprach in weiter Voraussicht küns- tiger Entwickelungen vor etwa siebzig Jahren der damalige Kronprinz von Preußen, der spätere König Friedr. Wilhelm IV. gelegentlich der EinweihungSfahrt der ersten Eisenbahn Berlins und Preußens, der Bahnlinie Berlin—PotSdam (22. Sept. 1838). In welchem Maße sich dieses Wort bewahrheitet hat, tritt unS am deutlichsten vor Augen, wenn wir unS bai Reich-kursbuch sowohl seinem heutigen äußeren Umfang als seinem Inhalt nach etwa» genauer anschen, und wenn wir bedenken, daß da- Eisenbahnnetz der Erde gegenwärrig beinahe 1000 000 km Eisenbahnen umfaßt.
Sieht man von einigen älteren Versuchen bei Bergwerksbahnen ab und betrachtet den 27. September 1825, an dem die englische Bahnlinie Stockton-Darlington, die überhaupt erste regelrechte Personcnbahn der Erde, eröffnet wurde, als den Geburtstag des modernen Eisenbahnwesens, so haben wir in dieser Million Kilometer daS Ergebnis von nur wenig mehr als 80 Jahren. Eine derart gewaltige Entwickelung ist um so erstaunlicher, wenn man hört, daß eS England, die eigent- liche Wiege der Eisenbahnen, bis zum Jahre 1848, dem Todesjahre deS Erfinders der Lokomotive Georg Stephenson, also in fast einem Vierteljahrhundert nach der Eröffnung jener ersten Lokomoliveisenbahn, nur auf etwa 9000 km, Deutsch- land aus etwa 5000 km Eisenbahnen gebracht hatte, während
hast von einem Manne gesprochen, der nach deinen Worten in nähere Beziehungen zu meiner Schwester getreten ist -‘
„Nur nicht hitzig, lieber Freund. Du hast eS und wirst e» nicht hindern können, daß deine Schwester zu einem Mann in nähere Beziehungen tritt, sobald sich zwischen ihnen eine Neigung entspinnt. Sie wird dich dabei auch nicht um Rat fragen. Sie wird f» handeln, wie e» ihr von ihrem ehrenhaften Charakter diktiert wird. Habe ich recht, oder nicht?"
„Deine Schlußfolgerungen sind jetzt unanfechtbar."
„Jetzt kann ich dir weiter sagen, daß deine Schwester in Berlin zu einem jungen Manne der guten Gesellschaft in diejenigen zarten Beziehungen getreten ist, die al» Einleitung zu einem ernsthaften Verhältnis, da» zur Eheschließung führen soll, betrachtet werden müssen. Nach meiner Kenntnis der Dinge sind diese Beziehungen jäh unterbrochen worden. DaS Schicksal hat mir dabei eine Rolle zugewiesen, die deiner Schwester nicht völlig bekannt ist, da sie mir sonst keine Schuld an den ihr unerwünschten Entwicklung der Dinge beimessen könnte, waS sie augenscheinlich jetzt noch tut!"
„Da wäre eS doch am einfachsten, eine offene Aussprache zwischen euch beiden herbeizuführen."
„Wie die Verhältnisse liegen, ist eS unmöglich, lieber Erich. Ich könnte ihr nur zum zweiten Male die Versicherung geben, daß ich in der Affäre durchaus nur nach den strengsten Anforderungen meines Pflichtbewußtseins gehandelt habe. Da die Versicherung schon zum ersten Male nicht geglaubt wurde, muß ich aus ihre Wiederholung doch ver- zichten."
Der Jüngere war erregt ausgesprungen und hatte mit un- ruhigen Schritten daS Zimmer mehrmals hin und her durch- messen. Nun blieb er vor dem Freunde stehen.
„Erlaube, daß ich deine halben Andeutungen in klare« Deutsch übersetze. Zwischen meiner Schwester und einem Dritten hat sich eine Neigung angesponnen. Du hast mit dem Dritten ein Renkontre gehabt. Daß du eS nicht pro- Dotiert hast, glaube ich dir unbedingt, so schmerzlich eS mir
die entsprechenden Zahlen heute etwa 40000 für England und etwa 60 000 für Deutschland betragen; noch mehr: während um die Mitte deS vorigen Jahrhunderts z. B. die Länge der vom preußischen Staate verwalteten vollspurigen Haupt- und Nebenbahnen sich erst auf etwa 500 km belief, beträgt diese heute etwa 35000 km.
Mit dieser bedeutenden Entwickelung und der allmählichen Verdichtung des Verkehrs mußte naturgemäß auch die Zunahme der Fahrgeschwindigkeit gleichen Schritt halten. Während man zu Beginn deS Eisenbahnverkehr» vor Benutzung deS neuen, mit etwa 16 km in der Stunde fahrenden Beförderung-mittel» warnte, und in besonderen „Gebrauchsanweisungen" den Fahr- gästen auSeinandersetzte, wie sie sich vor Schwindelanfällen und Gehirnerschütterungen bewahren könnten, und während man dem oben genannten Stephenson den wohlgemeinten Rat gab, er dürfe eine größere Geschwindigkeit als 20 km in der Stunde nicht erreichen, wenn er nicht als irrsinnig angesehen werden wolle, fährt man heute mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km in der Stunde. Die neue Eisen- bahn-Bau- und Betriebsordnung sieht auch schon eine größte zulässige Geschwindigkeit von 120 km in der Stunde vor. Auf der Nürnberger Lander- und Industrieausstellung 1906 war sogar eine große Schnellzuglokomotive für 150 km Geschwindigkeit seitens der Maschinenwerkstätten von I. A. Maffei in München ausgestellt.
Durch die Eisenbahnen find nicht nur neue Verkehr». verhältnisie geschaffen worden, sondern die Eisenbahnen haben auch mittelbar und unmittelbar vollständig neue Jndustrie- und Erwerbszweige geschaffen; es möge hier nur erwähnt sein, daß allein die AuSgg*"" der preußischen Staatseisenbahnver- Waltung sich im Jahre 1906 auf 1 169 773093 Mk. beliefen, worin u. a. auch die Gehälter und Löhne für 240345 Be- amte und 207 690 Arbeiter, also für ein Gesamtpersonal von 448035 Köpfen, enthalten sind. Der Gesamtüberschuß allein der preußischen StaatSeisenbahnverwaltung betrug im Jahre 1906 nahezu 700000000 Mk., die also der Allgemeinheit zugute kommen.
Nur der verstockteste Lobredner der „guten alten Zeit" kann bestreiten, daß die Eisenbahnen ungeheuer segenbringend für die Menschheit geworden sind. In Deutschland hat sich allein während der Regierungszeit deS jetzigen Kaisers die Anzahl der Plätze in den Personenzügen mehr als verdoppelt. Diese Steigerung dürste wohl auch mitbegründet sein durch das Bewußtsein des reisenden Publikums, daß für feine Sicherheit und Bequemlichkeit alles nur mögliche geschieht. Wenn trotz dieser bis ins Kleinste ausgeklügelten EicherheitScinrich- hingen doch noch von Zeit zu Zeit eine Eisenbahnkatastrophe von mehr oder weniger schwerwiegenden Folgen sich ereignet, so wird die« den im Eisenbahnbereich herrschenden Geist deS Fortschrittes nicht lähmen oder hemmen, vielmehr ein neuer Ansporn sein, daS gewaltige Kulturwerk immer weiter auSzu- bauen und zu verbessern zum weiteren Wohle deS einzelnen, zum Segen der Allgemeinheit.
auch ist, daß ich in dieser Auseinandersetzung, die mich so nahe angeht, im Dunkeln tappen muß. Dann halte ich c« aber für unerläßlich, daß die Ehrenhaftigkeit deines Verhaltens meiner Schwester klar zu Gemüte geführt wird. Nach dem, waS ich von dir gehört habe, müßte sie sich ja wundem, daß du mir SchmolliS angeboten hast. Deshalb muß ich sie zu- rechtweisen können."
„DaS wird seinerzeit geschehen, nicht durch mich, sondern durch den Dritten selbst und, wie ich hoffe, in nicht allzu ferner Zeit. BiS dahin muß ich die Abneigung deiner Schwester ruhig ertragen."
„Es ist furchtbar, lieber Freund. Du deutest wieder etwas Neues an. Da» soll doch jetzt heißen, daß die Bezieh- ungen meiner Schwester zu dem Unbekannten nicht abgebrochen sind, daß sie vielleicht schon in nächster Zeit wieder fest geknüpft werden."
,3a, das wollte ich allerdings andeuten, und dir damit gleichzeitig sagen, daß ich meine Hoffnungen, die du vom ersten Augenblicke geahnt hast, völlig eingejargt habe."
Mit einem trüben Lächeln fügte er hinzu: „Früh genug, um nicht an gebrochenem Herzen zu sterben. Aber die Umstände persönlicher Natur, von denen ich damals sprach, find nun eingetreten. Ich habe auf den Kauf von Knoten ver- zichtet, und es ist mir zum mindesten gleichgültig, ob ich zum Landrat gewählt oder ernannt werde oder nicht. Ja, ich gehe schon damit um, noch vorher meine Versetzung zu beantragen. Es wird mir nicht schwer werden, wieder alt Hilfsarbeiter'bei der Regierung anzukommen."
„DaS wäre eine —"
„Ausgewachsene Dummheit, wolltest du sagen", fiel rasch der Assessor ein. „Nimm die Sache nicht tu'tragisch, lieber Erich. Die Neigung zu deiner Schwester mürbe so schnell im Keime erstickt, daß sie keine zu tiefen Narben hinterlassen hat. Und al» sie hier beim Wiedersehen noch einmal auf. flackerte, wurde sie sofort durch einen kühlen Wasserstrahl gelöscht. Ja, ich möchte beinahe meinen, ich täte gut daran, mich hier so schnell wie möglich aus dem Staube zu machen, um nicht zum zweiten Mal die schmerzliche Erfahrung zu er- leben, daß ich zu spät gekommen bin."