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herrfel-er Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 80.
Sonnabend, den 9. Juli
1910»
Amtlicher Ceil.
Hersseld, den 5. Juli 1910.
Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher deS hiesigen Kreises ersuche ich um gefällige Einsendung der KreiShunde- steuer-Zugangsliste für die Monate April, Mai und I u n i d. Js. — nach dem vorgeschriebenen Formular — bis spätestens zum 10. b. Mts.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses:
J. A. 5018. von Grunelius.
Hersseld, den 5. Juli 1910.
Der Landwirt Johannes Baumgardt in Kleba ist als Bürgermeister dieser Gemeinde gewählt worden.
Ich habe diese Wahl bestätigt und den Gewählten heute verpflichtet.
A. 5118. Der Landrat
von Grunelius.
Bekanntmachung, betreffend Abhaltung einer Zuchtviehauktion in Alsfeld (Oberhessen).
Interessenten, insbesondere auch den Herren Gemeindevorstehern teile ich mit, daß der LandwirtschastSkammer-AuS» schuß für Oberhessen am 11. Juli d. Js. in Alsfeld eine Zuchtviehauktion für Simmentaler Bullen, Deutsche Edelschweineber und Saaner Ziegenböcke abhalten wird. Aufgetrieben werden nur Tiere, die in die Herdbücher der Landwirtschastskammer eingetragen sind und von Original- oder reinrassigen Tieren abstammen.
Gemeinden und Zuchtvereinen ist besonders Gelegenheit geboten, vorzügliche Zuchttiere zu erwerben. Der Austrieb findet am 11. Juli vormittags 8 Uhr, aus dem Lindenplatz in Alsfeld statt. VersteigerungSbestimmungen und Katalog sind aus Wunsch vom 2. Juli ab durch den Landwirtschafts- kammer-Ausschuß in Gießen zu beziehen.
Hersfeld, den 13. Juni 1910.
I. I. Nr. 5607. Der Landrat
von Grunelius.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
In der Berichtswoche scheint nunmehr doch der Friede im Baugewerbe tatsächlich zustande gekommen zu sein, nachdem säst überall, wo noch gestreikt wurde, die Arbeit wieder ausgenommen ist. In verschiedenen Orten wurde weiter gestreikt, weil den Arbeitern die im DreSdener Schiedsspruch gemachten Zugeständnisse, namentlich waS die Erhöhung des tarifmäßigen Lohnes betrifft, nicht genügten und sie bedeutend höhere Lohnansprüche machten. Wenn solche unberechtigten Forderungen von den Arbeitgebern abgelehnt wurden, so waren sie ohne Zweifel im Recht. Hat doch sogar der alte Führer Bebel im „Grundstein", dem Organ der Maurer, seine mahnende Stimme erhoben. Freilich stellt er den „Genossen" oie Entscheidungen des Schiedsgerichts zunächst als einen großen Sieg der Arbeiter hin, zieht aber dann auch die Folgerung dahin, daß dieser Sieg eben auch ausgenutzt, d. h. der SchiedS- Much anerkannt und peinlichst durchgesührt werden müsse. AJenn der alte „Genosse" Bebel in dem Schiedsspruch schon ”nc" Sieg der Arbeiter erblickt, so scheint er doch recht be» Icheiden geworden zu sein, und wenn die Sozialdemokratie sich kuchtig mit solchen Siegen begnügte, dann käme man vielleicht doch noch einmal zu einem Zustandekommen des gewerblichen Friedens ; denn bisher sind eS wohl nie die Arbeitgeber ge-
i d"*ch Aujstellcn neuer Forderungen den Frieden zu Itoren gedachten. Hiernach könnte eS beinahe klingen, als sei die Sozialdemokratie zusrieden, wenn sie solche sriedenstörenden Forderungen zurückwiese und ihrerseits darauf verzichtete, ganz neue umwälzende Bestimmungen in den ArbeitSvertrag hinein- Kn™nV P6 dies aber in Zukunft jemals der Fall fein ^ '^doch zu bezweifeln.
„bille parlam entsl ofe Zeit wird von der oppo- "'onrllcn Presse zu um so eifrigerer Agitation benutzt. Wenn
um eine allgemeine Ausrüttelung des Volkes, um > e sachliche Ausklärung handelte, dann könnte man auch die ^.attgkeit von jener Seite begrüßen. Aber waS wir bei der
AgitatwnSpraxiS der Opposition zu sehen und zu irr' h ,ommcn, ist alles andere, nur nicht sachliche Ausklärung, hns.^. °"s aufwieglerischen Phrasen, ist ein Treiben, "'^ auftüttett zu politischem Denken und Handeln, son- Mi?“iÄ besseren Elemente von der Anteilnahme an der K f»K fce anbern aber der Sozialdemokratie zutreibt.
llt- man aus jener Seite doch b-denk-n! öfterrei^ innerpolitischen Lage hat jetzt die atfib« ^ einen vorläufigen Ausweg waren die ^ih™ ^ Vertagung deS Parlaments Die sRenimitmbf Möglichkeiten, mit denen gerechnet wurde, auemnen Mllte? d-! N ^Eschloffen, zu dem augenblicklich bc- q icmeren Mittel der Vertagung zu greifen, und das Parla
ment ist nun aus unbestimmte Zeit außer Tätigkeit gesetzt. Die Vertagung läßt alles beim alten; das Präsidium bleibt bestehen, auch die eingebrachten Vorlagen werden nicht zurück- gezogen, nur die Abgeordneten erhalten keine Diäten, ein Ausfall, der manchen dieser Berufspolitiker schmerzlich treffen wird. Wahrscheinlich hat auch das Verhalten des Polenklubs in der Wasserstraßen-Frage mitbestimmend auf die Regierung eingewirkt, wenn auch in dem Kommunique, mit dem die Vertagung sachlich begründet wird, die Schuld lediglich der slowenischen Obstruktion zugeschrieben wird. Wie sich nun die Lage weiter entwickeln wird, liegt natürlich vollständig im Dunkeln.
Die letzten Nachrichten aus Kreta haben die guten Hoffnungen, die man aus eine friedliche Lösung der Kretasrage hegte, grausam enttäuscht und lassen die Lage aus der Insel als äußerst kritisch erscheinen. Die sogenannte unabhängige Partei, die Michalidakis um sich geschart hat, weigert sich entschiedener denn je, sich vor dem Willen der Mächte zu beugen und verlangt auf das energischste die Vereinigung der Jnse! mit Griechenland. Die Partei des Kundoros fordert dagegen die Wiedereinsetzung eines Oberkommissars, wogegen Venizelos mit seinen Anhängern zu vermitteln sucht. Sollte jedoch die Partei des Michalidakis den Sieg davontragen, so würde jedensalls nichts übrig bleiben, als daß die Schutzmächte Truppen ausschiffen, die Insel besetzen und die Nationalver- sammlung mittels Gewalt auflösen.
In Frankreich bereiten sich offenbar bedeutsame Wandlungen vor. Das hat die Programmrede deS Ministerpräsidenten Briand gezeigt, durch die er sich zum Führer der konservativen Elemente in der Republik aufgeworfen und den bisher herrschenden Radikal-Sozialisten den Fehdehandschuh hingeworsen hat. Auch sein mutiges Einschreiten gegen die bei der Hinrichtung des Apachen und Zuhälters Liaboeus demonstrierenden Hausen des Pöbels zeigt, daß es ihm ernst war mit jenem: „Genug! Geht nicht weiter!", daS er in der Kammer seinen Bundesgenossen von ehemals, den Radikal-Sozialisten, mit dröhnender Stimme zurief. Es hat allen Anschein, daß er aus dieser Bahn weiter schreiten wird, und es bleibt abzuwarten, wie weit feine Ministerkollegen sich geneigt zeigen werden, den großen Sprung mitzumachen.
Aus Jn- und Ausland.
Berlin, den 7. Juli 1910.
Von der Nordlandreise Sr. Majestät deS Kaisers liegen folgende Meldungen vor: Berlin, 7. Juli. Nach ruhiger Fahrt lies S. M. Jacht Hohenzollern am 5. Abends in den Hardangerfjord ein und ankerte für die Nacht bei Lervig. Am 6. früh wurde die Reise nach Odde fortgesetzt, wo Ankunft gegen 1 Uhr Mittags erfolgte. Nach- mittags besuchte Seine Majestät der Kaiser die für Odde vor zwei Jahren gestiftete Lazarettbaracke und machte daraus einen kürzeren Spaziergang. Das gute Wetter hat bis jetzt angehalten. Am Mittwoch gegen Abend hielt Oberst Dickhuth seinen ersten Vortrag über das Jahr 1812. — An Bord ist alles wohl.
Ueber die Dekorierung von Schulknaben ist eine kaiserliche Anordnung ergangen, nach der schulpflichtigen Lebensrettern außer einer öffentlichen Belobigung oder einer Geldprämie auch noch die Rettungsmedaille verliehen werden kann mit der Anwartschaft, sie nach vollendetem 18. Lebensjahr anzulegen. Von besonderem Mut zeugende Fälle sollen dem Monarchen speziell vorgetragen werden. Das war auch mit einer LebenSrettung der Fall, die der elf Jahre alte Schulknabe Karl Hartmann aus Obornik vor einiger Zeit vollführte. Er rettete seinen Mitschüler Wendland unter schwierigen Umständen und mit höchster eigener Lebensgefahr vom sicheren Tode des Ertrinkens. Diese brave Tat hat jetzt der Kaiser dadurch belohnt, daß er dem jugendlichen Lebensretter die Erinnerungsmedaille für Rettung aus Gefahr verlieh mit der Anwartschaft späterer Verleihung der Rettungsmedaille am Bande.
Die Reichstagskommission für die Ver - sicher» ngSordnung erledigte die Paragraphen 381— 401 der Vorlage im Wesentlichen in der Fassung des Regie- rungSentwurfS. Eine längere Auseinandersetzung fand über die von der Mehrzahl der Redner verneinte Frage statt, ob eine ehrenwörtliche Verpflichtung von Aerzten in wirtschaftlichen Fragen zulässig sei, bezw. ob in diesem Falle die ärztlichen Ehrengerichte zur Enscheidung angerufen werden könnten. Mit der Erledigung der beiden ersten Bücher über die Ver- sicherungSbehörden und der Krankenversicherung hat die Kom- nnffion die schwierigsten Teile deS umfangreichen Gesetzentwurfes überwunden. Sie hofft, ihre Arbeiten bis zum August erledigen zu können. Am Freitag wird die Beratung fortgesetzt.
DaS abgelaufene zweite Vierteljahr 1910 hat eine lebhafte Vermehrung der A u s st ä n d e gebracht. Selbst wenn man von dem Kampfe im Baugewerbe absieht, ist die Zahl der ArbeitSkämpfe doch erheblich gestiegen. Im ersten Vierteljahr d. Js. waren 107 Ausstände zu verzeichnen, an denen rund 50 000 Arbeiter beteiligt waren, während im Jahre 1909 in den Monaten Januar bis April
nur 187 AuSstände mit rund 35 000 Arbeitern verzeichnet wurden. Im zweiten Vierteljahr bringt schon der Monat April eine sehr wesentliche Steigerung der ArbeitSkämpfe. Während der Monat März 1910 nur 70 Ausstände auf- zuweisen hatte und der April des Jahres 1909 75 Ausstände, hat der April des Jahres 1910 eine Zunahme um 151 neue Ausstände gebracht, die alle in diesem Monat begonnen wurden. In der Hauptsache waren daran daS Metall- und Maschinengewerbe sowie die Eisen- und Bekleidungsindustrie beteiligt. Der „Arbeitgeber" erinnert mit Recht daran, daß die Ausstände im April vielfach von Gewalttätigkeiten begleitet waren. Derartige Vorkommnisse, wie z. B. die Zusammenstöße auf dem Delbrück-Schacht in Makoschau im April d. I., denen zwei Menschenleben zum Opfer fielen, sind ein Zeichen unserer Tage. Im Mai 1910 folgten die Ueberfälle der ausständigen Gerüstarbeiter in Charlottenburg auf die Arbeitswilligen, ferner ähnliche Vorgänge in Köln, bei Kassel und in Dortmund. Im Juni 1910 wurde bei einem Ausstand in Göppingen ein Zimmermann erstochen.
Kaum ist die Nachricht bekannt geworden, daß die Hamburg-Amerika-Linie mit dem Bau eines ge- waltigen Dampfers von bisher beispiellosen Dimensionen beginnen will, so kommt auch daS Echo von jenseits des Kanals: die Cunard-Linie, die in der „Lufitania" und in ihr „Mauretania" gegenwärtig die grössten Passagierschiffe der Welt besitzt, beabsichtigt, auch diesen geplanten neuen deutschen Riesendampser zu übertrumpfen und wird einen Dampfer von nicht weniger als je 60 000 TonS in Bau geben. Damit werden auch die ungeheuren Dampfer der White-Star-Linie in den Schatten gestellt, die „Olympie" und die „Titanic", die eine Größe v-n je 45 000 Tons haben. Der Plan der Cunard-Linie steht im Zusammenhang mit dem beabsichtigten Bau neuer, mächtiger Dockanlagen in England, die Schiffe von 350 Metern Länge ausnehmen können. Aber nicht nur die Handels- und Passagierdampfer erhöhen ihre Dimensionen. Zu gleicher Zeit kommt aus England die Nachricht, daß bei der großen englischen Werft von Armstrong, Whitwurth u. Cie. ein neuer Dreadnought aus Stapel gelegt wird, der nach seiner Fertigstellung alle fertigen neuen Kriegsschiffe der Welt übertreffen wird. Der neue Dreadnought wird etwa 60 Millionen Mark kosten und so mächtige Geschütze aufweisen, wie sie bisher aus keinem Kriegsschiff Platz gefunden haben. Die gewaltige Kriegsmaschine, die eine Wasserverdrängung von 32 000 Tons haben soll, wird für die chilenische Regierung gebaut. Auch Amerika und Japan planen den Bau ähnlicher Ucber-DreadnoughtS, aber das chilenische Schiff wird das erste sein, das mit seinem mächtigen Rumpf die Meere durchfurcht, da die amerikanischen und japanischen Schiffe noch nicht endgültig in Auftrag gegeben find.
Ueber die in Zeithain unterbrochene UebungSfahrt deS MilitärluftfchiffeS „M. 3" hat sich der Führer deS Luftkreuzers Major Groß zu einem Mitarbeiter des Tag wie folgt geäußert: „Gleich, nachdem wir den Tegeler Schießplatz verlassen hatten, unternahmen wir funkentelegraphische Versuche und korrespondierten auch alsbald mit Gotha, dem Ziel unserer Fernfahrt. Die Gespräche mit unserer dortigen Station, die zu diesem Zweck provisorisch errichtet war, gelangen auf die ungefähr 400 Kilom. betragende Entfernung ganz vor- trefflich, was uns um so mehr sreute, als wir bisher nur mit der noch nicht 100 Kilometer entfernten ständigen Station Frankfurt a. O. (dem dortigen Telegraphenbataillon) Gespräche geführt hatten. Unsere ursprünglich festgesetzte Route, die unS — immer längs der Bahn — über Jüterbog, Wittenberg, Bitterfeld und Gotha führen sollte, gaben wir unterwegs auf, da die Windverhältnisse recht widrig waren, und wählten statt dessen den Umweg längs der DreSdener Bahnstrecke. Wir hatten ja nichts zu versäumen. In der Gegend von Torgau stießen wir auf heftigen Wind; in Leipzig wütete ein starke- Gewitter, und wir wurden von seinen Ausläufern behelligt. Ich entschloß mich daher, nach Berlin umzukehren, da ich bei dem herrschenden Wind und Wetter unmöglich Gotha erreichen zu können glaubte, und gab meine Absicht auch telegraphisch bekannt. Als wir aber wendeten, bemerkte ich, daß die neue Windrichtung noch ungünstiger war. Es blieb mir nun nichts anderes übrig, als in den Wind hineinzufahren, wie man es in solchen Situationen zu machen pflegt. Auf der Karte fand ich, daß Zeithain der nächste Truppenübungsplatz iei und beschloß, den Lustkreuzer hierher zu dirigieren. Wir landeten nach vorzüglich gelungenem Manöver auch völlig glatt und ohne jeglichen Schaden in Zeithain. Der Eifer zu helfen und die Schaulust bewirkten einen wahren Ansturm auf das Luftschiff. Dabei kam einer der Soldaten aus Versehen an >ie Ventillcine, und dem Ballon entströmten erhebliche Mengen Gas. Ich bemerkte daS alsbald. An sich war es kein Un- glück, immerhin brauchte ich nun mehr GaS zur Nachsüllung. Ich telegraphierte sofort um Gas nach Gotha. Die Antwort lautete, das GaS könne vor der Nacht nicht eintreffen. Unter- )effen wurde der Wind immer böiger. Ich sah, wie da- Schiff anfing, schwer zu arbeiten und an den Halteseilen zu zerren, und da in der finsteren Nacht nicht ordentlich nachge- üllt werden konnte, und der Ballon auch in seinem angen- flicklichen Zustande nicht länger der Gefahr ausgesetzt bleiben