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Herzfelder Armblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Lernsprech-Nnschlutz Nr. 8

Nr. 83.

Sonnabend, den 16. Juli

1910.

Amtlicher teil.

HerSseld, den 11. Juli 1910.

Der Kreisausschuß hält gemäß § 5 des Regulativs zur Ordnung des Geschäftsganges und des Versahrens bei den Kreisausschüssen vom 28. Februar 1884 während der Zeit vom 2i, Juli bis zum i. September d. Js. ferten.

Während dieser Zeit dürfen Termine zur mündlichen Ver­handlung der Regel nach nur in schleunigen Sachen abgehalten werden.

Aus den Laus der gesetzlichen Fristen bleiben die Ferien ohne Einfluß.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses:

J. A. 5240. von GruneliuS.

HerSseld, den 8. Juli 1910.

Die Cholera ist in Rußland in wachsender Ausbreitung begriffen.

Ich nehme deshalb Veranlassung, die Ortspolizeibehörden aus die Polizei-Verordnung, betr. die Bekämpfung gemein­gefährlicher Krankheiten vom 12. Oktober 1908, hinzuweisen. I. 6580. Der Landrat

von GruneliuS.

Gefundene Gegenstände.

Eine Kette. Meldung des Eigentümers beim Ortsvorstand in Reckerode.

Nichtamtlicher teil.

Politischer Wochenbericht.

Der in der Berichtswoche erfolgte Rücktritt des E r b - prinzenzuHohenlohe-Langenburg vom Reichs­tagspräsidium hat allgemein überrascht und ist in der gesamten Presse lebhaft erörtert worden. Zu einer Klärung der Sach­lage haben diese Preßäußerungen indessen vorläufig nichts bei- getragen. Als Gründe seines Rücktritts hat der Erbprinz in Seinem Schreiben an den Reichstagspräsidenten die immer tiefer gehende Spaltung der bürgerlichen Parteien und die Borromäus-Enzyklika bezeichnet, und diese Gründe werden ge- wiß von allen billig Denkenden gewürdigt werden. Sie ver- vollständigen nur das Bild, das man fich bisher schon von dem Politiker Hohenlohe gemacht hatte, als eines charakter- vollen Mannes, der bereit ist, in die Bresche zu treten, wenn das Vaterland es verlangt, der aber gern auf Amt und Wurden verzichtet, wenn seine Ueberzeugung auf dem Spiele W Trotzdem man feinen Schritt verstehen kann, wird man X Interesse einer Gesundung unserer innerpolitischen Ver­hältnisse, die durch eine Annäherung der alten Kartell-

Der böse Bube.

Skizze von A. Tschechosf.

Aus dem Russischen von H. Licht.

Iwan Jwanitsch Lapkin, junger Mann von angenehmem Aeußern, und Anna Semionowna Semblitzkaja, eine junge Eln Stumpfnäschen, stiegen langsam den Abhang °m Ufer aus einem Bänkchen m Das Bänkchen stand, von dichtem, jungem Wcidcnqe- N.,umgeben hart am Wasser. Es war ein wunderbmeS Ä 1° weltabgeschieden - nur die Wasserspinnen knnnt? ''"d da aus der Flut ausblitzende silberne Fischchen nahmen ^^J^*' mit Angelgerät ausgerüstete Paar wahr- hatttn mS4 ^^ f °''s ihrem Posten installiert 9 ^machten sich beide anS Auswerfen ihrer Angelschnüre, lammn? 6r glEch' endlich einmal mit Ihnen ungestört bei- »d u 2'"- r^T 8* -ichh-b-Rmn kunEch Male -rbliW ^ ^'Mnowna. AlS ich Sie zum ersten unterbrack > ^ glaube, ein Fisch beißt bei Ihnen an", auf her mah ^'§' und er deutete auf den Korken, der heftig kennen kmk" Pr^ M Raffers tanzteals ich Sie aus der Wel ^""fort,begriff ich erst, wozu ich arbeitsreiches <jw ^m ^dol ist, dem ich mein ehrliches, bra^ weihen darf - sehen Sie nur", unter^ sisch her ^ aufs neue -daS ist kein Katzen- «eben aeÄ ^nen °"b«ßt! - - seit Sie in mein Male hebe thech ^ Semjonowna, liebe ich zum ersten wenig n?M leidenschaftlich - warten Sie noch ein 2 dar ick L ---sagen Sie mir, meine waae ia nickt auch nicht auf Gegenliebe, ich aber ich darf doch S& meine QkWeermibetn, jetzt die Angel aus dem Wasser^i* * ^"^ i'ehen Sie

^ ^ä £ .4 - °h -

®er Barsch fiel vom Angelhaken ins UfergraS, zappelte

Parteien herbeigeführt werden kann, lebhaft bedauern müssen, und an dem Rücktritte werden nur diejenigen Freude empfinden, denen an einer Fortdauer der Spannung zwischen den bürger­lichen Parteien gelegen ist.

In Bulgariens Hauptstadt Sofia hat in der Berichtswoche der zweite all slawische Kongreß getagt. Wie bei der ersten Tagung in Prag, sind auch jetzt wieder schöne Reden gehalten, farbenprächtige Zukunstsprogramme über das eine Ziel des großen slawischen Brudervolkes entwickelt worden. Man hat sogar dem alten etwas schäbig gewordenen Pan- slawismus ein neues glitzerndes Mäntelchen umgehangen und einen neuen slawischen Popanz geschaffen, den Neuslawismus, der auch weiter nichts ist als ein totgeborenes Kind. Aber ein Wermutstropsen ist doch in den Kongreß gefallen: die Polen sind ferngeblieben. Die Beschlüsse der kürzlich beendeten russischen Reichsduma haben ihnen gezeigt, daß das Schlag­wort der russischen Nationalpolitik nicht Slawisierung, sondern Russifizierung mit Ausschluß und Unterdrückung aller nationalen Sonderbestrebungen einzelner slawischen Völker ist. Die Slawenvölker vergessen eben noch immer, daß sie ebenso wenig unter einen Hut zu bringen sind wie die germanischen oder romanischen Völker. So sind die Blütenträume des Neu­slawismus heute schon welke Blätter geworden.

DaS russisch-japanischeAbkommenist nunmehr zustande gekommen. Es soll die notwendige Gleichmäßigkeit der beiderseitigen Eisenbahnpolitik in der Nordmandschurei herbcisühren, den Status quo ausrecht erhalten und endlich für den Fall der Bedrohung dieses Status eine Ueberein­stimmung der zu ergreifenden Maßregeln herbcisühren. Für Deutschland besteht aus diesem Vertrage vorderhand in keiner Weise Anlaß zu Besorgnissen. Irgend eine wirtschaftliche Sonderstellung nimmt unser Handel weder in der Süd- noch in der Nordmandschurei ein, unsere Interessen dort sind viel­mehr nur allgemeiner Art, wie sie mehr oder weniger jedes Land dort besitzt. Die Gesamtheit dieser Interessen ist durch den Grundsatz der offenen Tür gedeckt. Es wird abzuwarten sein, wie die weitere Entwicklung diesem Grundsatz Rechnung tragen wird. Was die weitverbreitete und namentlich von französischer Seite aus genährte Behauptung betrifft, daß Rußland durch diesen Vertrag die Hände für Europa frei« bekommen und voraussichtlich dort, namentlich auf dem Balkan, eine energischere Politik entwickeln könnte und würde, so kann man sie getrost als leeres Gerede beiseite schieben.

Die Krisis aus Krcta, die sich schon bedenklich verschärft hatte, hat eine unerwartete Wendung genommen. Die kretische Opposition hat es doch nicht zum äußersten kommen lassen, sondern im letzten Augenblick nachgegeben. Die Kreter haben sich den Noten und Schiffen der Schutzmächte und der ange­drohten Ausschiffung von Marinesoldaten gefügt und sich entschlossen, die Mohammedaner unvereidigt an den Sitzungen der Nationalversammlung teilnehmen zu lassen, auch sollen die mohammedanischen Beamten ihre Pflichten ausüben und ihr Gehalt beziehen, ohne einen Eid leisten zu müssen. Für den

näher zum heimischen vertrauten Element heran und rutschte eilig ins Wasser zurück. Im Bemühen, den Ausreißer einzu- sangen, erhäschte Lapkin, wie es schien, durch Zufall, Anna Semjonownas Hand und führte die zarten Fingerchen ebenfalls nur zufällig an feine Lippen. DaS junge Mädchen machte eine abwehrende Bewegung doch eS war nur ein scheinbares Ausweichen die beiden Lippenpaare suchten und fanden einander in glühendem, langem Kuß. Dem ersten folgte ein zweiter, von LiebeSschwüren begleitet.

Glückliche Augenblicke! Allein auf unserer unvollkommenen Erde gibt es keine absolute Glückseligkeit. Das Glück birgt gewöhnlich schon feinen Stachel in sich oder wird durch irgend einen äußerlichen Umstand vergiftet. So geschah eS auch hier. Während die jungen Leute Küsse tauschten, erscholl plötzlich dicht vor ihnen ein lauteS Lachen . . . Sie suhren verstört auseinander, blickten auf den Strom und erstarrten vor Schreck. Ein nackter Junge stand bis über die Hüften im Wasser und grinste die LiebeSleute hinterlistig an. . . Es war Anna Scm- jonownas Bruder, der Gymnasiast Kolja.

Ah ah ah ihr küßt euch also!" jagte er.Gut. DaS werde ich Mama berichten.

Ich hoffe, junger Mann," murmelte der fassungslose Lapkin,daß Sie eine ehrliche und anständige Natur sind. Andern Leuten nachzuspüren, ist eine Schlechtigkeit den Angeber zu spielen, ist niedrig und gemein. Ich setze daher voraus, junger Mann, daß Sie als vornehm denkender Mensch

Zahlen Sie mit einen Rubel Schweigegeld!" versetzte der ehrliche, vornehm denkende Mensch ungerührt, sonst--"

Lapkin zog schnell einen Silberrubel aus der Tasche und reichte ihn Kolja hinüber, der mit seiner nassen Knabensaust die Münze umschloß und dann lustig pscisend davonschwamm.

Am solgenden Tage brächte Lapkin, als er in der Sommer­villa, welche Anna Semjonowna mit ihren Eltern und ihrem Bruder bewohnte, vorsprach, dem Knaben einen Tuschkasten und einen Ball mit. Anna Semjonowna schenkte Kolja ihre Sammlung leerer Pillenschächtelchen. In der Folge erwies eS sich als ein Gebot der Klugheit, daS Schweigen deS Gym­nasiasten durch ein paar Manschettenknöpfe zu erkaufen. Der

Augenblick ist also die Krisis gelöst, und es ist glücklicherweise einstweilen der Anlaß zu Repressalien seitens der Schutzmächte fortgesallen. Bei dem unruhigen Charakter der Kreter fragt eS sich nur, aus wie lange.

Aus Jn- und Ausland.

Berlin, den 14. Juli 1910.

Von der Nordlandreise Sr. Majestät der Kaisers wird gemeldet: Bergen, 13. Juli. Seine Majestät der Kaiser nahm gestern abend noch bis 8Va Uhr Vorträge entgegen, unternahm heute früh einen Spaziergang und sah zur heutigen FrühstückStasel die ganze Familie des Konsuls Mohr und des früheren Staatsministers Michelsen. Bergen, 13. Juli. Se. Majestät der Kaiser nahm heute die Vorträge des Chess der Marine und des Militärkabinetts, sowie deS Gesandten v. Treutler entgegen. Vormittags ging Se. Majestät der Kaiser in Laksevagg an Land und besuchte den Regenschirmfabrikanten Eriksen. Die Abreise nach Sogn erfolgt gleich nach dem Frühstück. Heute abend geht die Hohenzollern nach Balholmen in See. Dauernd schönstes Wetter. An Bord alles wohl.

Die Kaiserliche Werst in Danzig, welche seit nahezu zwei Jahren, soweit Neubauten in Frage kommen, lediglich mit dem Spezialbau von Unterseebooten beschäftigt wird, hat letzthin, wie mit amtlicher Genehmigung bekanntgc- geben wird, ein neues UnterseebootU 3 in Dienst gestellt. Es ist dies das vierte Unterseeboot, das die Kaiserliche Werft zu Danzig gebaut hat, während zwei weitere sich im Bau be­finden. Bis zum Herbst sollen 12 deutsche Unterseeboote im Dienst stehen, so ^ entsprechend den Bestimmungen der Marinevorlage von 1906 dann noch 8 Boote zu bauen find, da die Vorlage 20 solcher Boote vorsieht.

Ueber die K o n ku rrenzkl a use l Hot der HandelS- minister einen umfangreichen Erlaß an die Handelsvertretungen gerichtet. Der Erlaß bezweckt eine Aenderung der Vorschriften des Handelsgesetzbuches und der Reichsgewerbeordnung über die Konkurrenzklausel. Auch die Kausmannsgerichte sollen sich über die Vorschläge äußern, soweit sie die kaufmännischen An­gestellten betreffen. Ausrecht erhalten bleiben soll die Vor­schrift, wonach eine Vereinbarung, durch die der Angestellte für die Zeit nach der Beendigung deS Dienstverhältnisses in seiner Tätigkeit beschränkt wird, nur so weit verbindlich ist, als die Beschränkung nicht die Grenzen überschreitet, durch die eine unbillige Erschwerung deS Fortkommens des Angestellten aus­geschlossen wird. Für Minderjährige und Lehrlinge soll jede Konkurrenzklausel nichtig sein. Das Konkurrenzverbot soll über­haupt nur wirksam fein, wenn dem Angestellten für die über die Vertragsdauer hinausgehende Beschränkung eine Entschä­digung zugestanden wird. Der Prinzipal kann bis zur Endigung des Dienstverhältniffes jederzeit auf das Konkurrenz­verbot verzichten. ES muß dies aber innerhalb einer bestimmten

böse Bube gefiel sich ausgezeichnet in der Rolle eines gefähr­lichen Mitwissers; um noch mehr Kapital herauszuschlagen, begann er den beiden heimlich Verlobten auf Schritt und Tritt nachzuspüren. Er ließ sie, sobald Lapkin anwesend war, keinen Moment aus den Augen. Lapkin knirschte innerlich vor Wut:Dieser Schurke so jung noch und schon so gemein! Welch ein abgefeimter Spitzbube wird sich aus diesem Jungen, wenn er es in dem Stile weitertreibt, entwickeln ..."

Die Monate Juni und Juli hindurch quälte Kolja unab­lässig die unglücklichen Verliebten. Er drohte ihnen beständig mit einer Anzeige, hielt sie durch sein fortgesetztes Ueberwachen in steter Furcht und verlangte immer wieder, daß sein Schwei­gen durch kleine Geschenke gesichert würde. Doch damit nicht genug seine Ansprüche verstiegen sich schließlich sogar bis zu einer Taschenuhr, deren Besitz ihm sehr verlockend erschien. Es blieb Lapkin keine Wahl er mußte Kolja das Ge­wünschte versprechen. Zu jener Zeit war er noch nicht in der Lage, offiziell um Anna Semjonowna zu werben.

Einmal bei Tisch es wurden just Waffeln gereicht, be­gann Kolja plötzlich zu kichern, zwinkerte Lapkin mit einem Äuge zu und fragte, verschmitzt auSschend:Soll ich's sagen, waS?" Lapkin wurde puterrot und stopfte sich vor Verlegen­heit den Scrviettenzipfel anstatt einer Waffel in den Mund.

Anna Semjonowna sprang aus und eilte ins Nebenzimmer.

Jy dieser unerquicklichen Situation, der beständigen Angst vor den Tücken des bösen Buben befanden sich die Verliebten bis zum August, wo Lapkin endlich um die Hand der Ge­liebten bei deren Eltern anhaltcn durste. O, welch ein glück­licher Tag! Nachdem Lapkin von den Eltern seiner Braut die Zustimmung zu seinem Herzensbunde empfangen Halle, eilte er sofort in den Garten, um Kolja aufzusuchen. AlS er ihn dort entdeckte, schluchzte er beinah vor Entzücken, während er ungesäumt den bösen Buben am linken Ohrläppchen ergriff. Und von gleichen Empfindungen wie ihr Verlobter, beseelt, eilte von der andern Seite Anna Semjonowna herbei und er­faßte unsanft daS rechte Ohrläppchen ihres BruderS. Die Mienen der Verlobten drückten einen Hochgenuß auS, alS Kolja der sich vergeblich ihren Händen zu entwinden suchte, sie kläg­lich und heulend beschwor, ihn freizugeben.