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herrfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 89.
Sonnabend, den 30. Juli
1910»
Amtlicher teil.
HerSfeld, den 27. Juli 1910.
Nach Mitteilüng des Königlichen Hauptzollamtes zu Hanau darf vom 1. Oktober d. Js. ab der Verkauf von vergälltem Branntwein (Brennspiritus) nur noch in mit besonderem Verschluß versehenen Gefäßen von 50, 20, 10, 5 und 1 Liter geschehen. Zuwiderhandlungen sind strafbar.
Es empfiehlt sich deshalb namentlich für den Gewerbetreibenden nicht mehr Votrat in anderen Gesäßen anzukaufen, als sie voraussichtlich bis Ende September noch verkaufen werden.
Ich ersuche die Ortspolizeibehörden, die in ihren Bezirken wohnhaften Interessenten, auf die vorbezeichnete Bestimmung besonders aufmerksam zu machen.
I. 7261. Der Landrat.
3. A.:
Wessel, Kreissekretär.
Hersseld, den 23. Juli 1910.
Die unter dem Schweincbestande deS Friedrich Jakob Bommer zu Heringen auSgebrochene Rotlausscuche ist erloschen.
I. 7120. Der Landrat.
J. A.:
Wessel, Kreissekretär.
Hersfeld, den 23. Juli 1910.
Der Landwirt Heinrich Kaufmann in Friedlos ist als Bürgermeister dieser Gemeinde gewählt worden.
Ich habe die Wahl bestätigt und den Gewählten heute vereidigt.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses:
I. A. 5752. von GruneliuS.
Casiel-Wilh., den 25. Juli 1910.
In dem Verlage von JohS. Braun-Eschwege ist eine Schulwandkarte der Kreise Hersseld und Rotenburg erschienen. Das Kartenbild hat eine Größe von 1,54 und 1,68 m und ist im Maßstabe 1: 25 000 auSgesührt. Das Terrain ist in Höhenschichten dargestellt, welche die verschiedenen Erhebungen — auch in der Ferne — klar und deutlich hervortreten lassen. Das Flußnetz ist vollständig und genau eingezeichnet, durch die eingezeichneten Flußläufe wird die Uebersichtlichkeit der Karte nicht gestört. DaS Straßennetz enthält die Landstraßen, gebauten Wege und Verbindungswege. Die Zeichen für Ortschaften sind so dargestellt, daß aus ihnen auf die Bevölkerungszahl der Orte geschlossen werden kann. Sämt- liche Namen auf der Karte treten so zurück, daß sie in einiger Entfernung nicht zu lesen sind, und daß daS Gesamtbild der Karte durch sie nicht gestört wird. Die Kreisgrenze ist durch eine hervortretende rote Linie angedeutet.
Die Karte wird bei der Einführung in das Kartenver- ständnis und bei der Erteilung des heimatkundlichen Unterrichts sehr gute Dienste leisten. Der Preis (ausgezogen 25 Mk.) kann als ein angemessener bezeichnet werden.
Königliche KreiSschulinspektion HerSfeld. gez.: Gonnermann, Kreisschulinspektor.
' Hersseld, den 26. Juli 1910.
An die sämtlichen Schulvorstände deS Kreises.
Abschrist zur Kenntnis im Anschluß an mein Ausschreiben vom 26. Mai d. JS., Kreisblatt Nr. 63.
Die sämtlichen Schulvorstände deS Kreises wollen jene Kreis-Karte, deren Anschaffung für die Schule als notwendig vom Königlichen Kreisschulinspektor erklärt worden ist, alsbald mit den unter Titel V a. des HauShaltsanschlageS 1910 zur Verfügung stehenden Mitteln von dem Verlage >whs. Braun in Eschwege beziehen und mir biS zum 15. k. Mts. Die Beschaffung der Karte unter Angabe deren Schul-Jnventar- Nummer mitteilen.
I- 6950. Der Landrat.
I. A.: __________________Weisel, Kreissekretär.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Müde und träge wie ein breiter Strom schleicht sich die hohe Politik nach und nach in das öde Gebiet der hochsommerlichen S a u r c n - G u r k e n z e i t hinein. Diplomaten und Minister sind auf Urlaub gegangen, um sich von den Strapazen der Winterkampagne auSzuruhen und zu neuen Taten zu stärken. Doch in der Sozialdemokratie geht eS recht lebhast zu. Die sozialdemokratische Parteileitung hat bereits der Welt kundgetan, was aus dem nächsten Parteitage, der in Magdeburg stattfinden wird, verhandelt werden soll. Den meisten Radau wird vermutlich wieder die Haltung der Sozialdemokraten bet babtf^cn Landtages veranlassen, die bekanntlich so
ketzerisch waren, für daS Budget zu stimmen. Der „Vorwärts" hat seiner Verurteilung der badischen „Genossen" eine ganze Reihe von Stimmen aus allen möglichen Parteiwinkel- blättchen folgen lassen, die ebenfalls gegen die Badenser zeugen sollen.
Im ungarischen Abgeordnetenhause hat der Ministerpräsident Gras Khuen-Hedervary eine bemerkenswerte Rede gehalten, die besonders deshalb Beachtung verdient, weil in ihr nach langer Zeit wieder einmal eine klare und offene, die zwischen den Parteien bestehenden Gegensätze nicht verhüllende, sondern sie offen bekennende politische Richtung zum Ausdruck kam. Inhaltlich setzte die Rede des ungarischen Ministerpräsidenten an Stelle des nationalen Idealismus die Politik deS gesunden Menschenverstandes. Ihm kommt für die Banksrage in erster Reihe nicht in Betracht, ob die Bank eine gemeinsame oder selbständige sein soll, sondern er untersucht bloß, wie die Kreditinteressen deS Landes am besten gewahrt werden können. Er prüft die militärische Frage nicht von dem Standpunkte aus, was sich dabei für die ungarischen Parteien herausschlagen läßt, sondern fragt einsach, wie das Heer am besten seinen Beruf erfüllen kann. Er hält nichts von der Politik, mit künstlichen Mitteln, staatlichen Unterstützungen und dergleichen eine starke Industrie zu schaffen, sondern will eine Lage herbeiführen, bei der es das natürliche Interesse ausländischer Geldmänner wäre, ihr Geld in ungarischen Industrie- unternehmungen anzulegen. Diese das Wesen der Dinge er- sassende Politik hat einen männlichen Zug, der sich vorteilhaft von der aus kleine Eitelkeitszicle gerichteten weibischen Politik der erst kürzlich von der Regierung verdrängten Opposition unterscheidet.
In der Berichtswoche haben die Generalratswahlen in Frankreich stattgefunden. ,Die französischen Generalräte sind eine Art von Kreistagen für die einzelnen Departements, die sich nur mit deren Finanzgebarung zu besassen haben, weshalb sie auch im Jahre nur einige Tage beisammen sind. Diese Körperschaften besitzen also keinerlei politische Bedeutung und eS macht daher einen etwas komischen Eindruck, wenn versichert wird, daß das Wahlergebnis bei den 1446 Sitzen in regierungssreundlichem Sinne ausgefallen sei. Es ist nämlich bei den Generalratswahlen unmöglich, von den meisten Neu- gewählten die politische Gesinnung vor Ablaus geraumer Zeit zuverlässig kennen zu lernen, da die Wahlen vollständig unter Ausschluß politischer Parteikämpse vor sich gehen. Nur in der Stadt Algier trugen diesmal die Generalratswahlen einen ausgesprochenen politischen Charakter, da dort die Liste der antisemitischen Kandidaten gegen die der Gegenkandidaten durchging. Die unterlegenen Mandatsbewerber waren gemäßigte Republikaner. Danach zu schließen, scheint sich in der algerischen Hauptstadt wieder ein Umschwung zugunsten des Antisemitismus vorzubereiten, der dort srüher das Heft in Händen gehalten hatte.
Die innere Lage in Spanien wird immer bedenk- licher. Parallel mit der tief gehenden Aufregung, die der Streit mit der Kurie über die anerkannten und nicht anerkannten Kongregationen fowie die Frage der öffentlichen Duldung nichtkatholischer Kulte hervorgerufen hat, geht eine revolutionäre und eine karlistische Bewegung, zu der neuerdings noch sozialistische Ausschreitungen in Bilbao gekommen sind. Die Regierung des Ministeriums Canalejas, das der König durch seine Thronrede in seiner Stellung gestärkt hat, sieht gcsähr- lichen Entscheidungen entgegen, ohne rechte Aussicht zu haben, ihrer je ganz Herr zu werden, da, was aus Spanien flüchtet, auf französischem Boden Ausnahme findet und im günstigen Augenblick wieder in Spanien austaucht.
Dagegen beginnt in Mexiko und in Südamerika mehr und mehr gesundes Leben zu sprießen. In Mexiko ist der geniale Porfirio Diaz, jetzt ein Greis von 80 Jahren, wieder zuin Präsidenten gewählt, nachdem er in den 33 Jahren, da er die Leitung der Republik in Händen hatte, sie tatsächlich auS einem verwilderten Gemeinwesen zu einem wirklichen Kulturstaat emporgehoben hat. Ebenso gewaltig ist das Aufblühen von Argentinien, Chile, Brasilien. In dem Pan- amerikanischen Kongreß, der in Buenos Aires tagt, liegt die Führung zweifellos in ihren Händen. Die Streitigkeiten zwischen Bolivia und La Plata, zwischen Peru und Ecuador sind dank der Vermittlung der Vereinigten Staaten von Nordamerika leidlich ausgeglichen. Es läßt sich erwarten, daß daS Beispiel der drei großen südamerikanischen Republiken auch aus diese unruhigen Staatenbildungen zurückwirken wird.
Ie» WautH Steift (Zum 30. Juli.)
Der Todestag deS ersten Kanzlers des neuen Deutschen Reiches, unsres großen BiSmarck, ist ebenso wie fein Geburtstag zum andauernden weihevollen Gedenktage für das deutsche Volk geworden. Der gewaltige Mann, der mit Recht der „eiserne Kanzler" genannt wird, ruht nun in heiligem Frieden, umbraust von den Melodien, die der Sturm in den Wipfeln der knorrigen Eichen und alten Buchen deS Sachsenwaldes weckt. Dort ruht er aus von seinen Heldenehren. Aber nicht nur wehmutsvoll deS toten BiSmarck gedenken wir, sondern
auch mit freudiger Dankbarkeit gegen Gott, der uns in ihm wieder einmal einen Helden zur rechten Zeit erweckte, deS noch als Personifikation deutschen NationalgeisteS in unsern Herzen lebendigen.
Geborgen und fest verankert ist das Lebenswerk unserer BiSmarck, weil er niemals etwas anderes sein wollte und gewesen ist als ein deutscher Mann, weil seines innersten Wesens und seiner Größe Kern urdeutsch war. Sein Ehrgeiz sand genüge im Dienste für sein Vaterland und für seinen König. „Für mich," sagte er einmal, „hat immer nur ein einziger Kompaß, ein einziger Polarstern, nach dem ich steure, bestanden: das Wohl des Staates. Ich habe von Anfang meiner Tätigkeit an mich immer der Frage untergeordnet: was ist für mein Vaterland, was ist — solange ich allein in Preußen war — für meine Dynastie, und heutzutage, was ist für die deutsche Nation das Nützliche, das Zweckmäßige, daS Richtige? Doktrinär bin ich in meinem Leben nicht gewesen, alle Systeme, durch welche die Parteien sich getrennt und gebunden fühlen, kommen für mich in zweiter Linie — in erster Linie kommt die Nation, ihre Stellung nach außen, ihre Selbständigkeit, unsere Organisation in der Weise, daß wir als große Nation in der Welt frei atmen können. Alles war nachher folgen mag — liberale, reaktionäre, konservative Ver- sassung — ich gestehe ganz offen, das kommt mir in zweiter Linie, das ist ein Luxus der Einrichtung, der an der Zeft ist, nachdem das Haus sestgebaut dasteht. Der Schöpfung und Konwlidation des Deutschen Reiches und der Sinigteit der deutschen Nation habe ich meine ganze politische Tätigkeit vom ersten Augenblick, wo ich begann, untergeordnet, und wenn Sie mit einen einzigen Moment zeigen, wo ich nicht nach dieser Richtung der Magnetnadel gesteuert habe, so können Sie mir vielleicht Nachweisen, daß ich geirrt habe, aber nicht nachweisen, daß ich das nationale Ziel einen Augenblick auS den Augen verloren habe."
Nie gab es für Bismarck eine andere Losung als deS Dichters Wort „Deutschland, Deutschland über alles!" In ihm ist diese Losung Fleisch und Blut und unser höchster Gesetz geworden, indem er das „Deutschland über alles" zur vollsten Wirklichkeit und Wirksamkeit erschlossen hat. Deutsch war sein unbeugsamer Glaube an die Mission seines Volkstums und an die kategorische Pflicht, die er seiner Nation zu erfüllen hatte. Wie in den Helden der Nibelungensage verkörpert sich in ihm die deutsche Treue zu seinem Herrscher, die doch die Treue zu sich selbst nicht einen Augenblick auS» schloß. Deutsch war er in der elementaren Macht seiner LicbenS und HafsenS, in seinem köstlichen Humor und seinem kernigen Witz, in der Innigkeit seines GemütslebenS, in seiner gottver- trauenden Lebensauffassung, die ihn zu felsenfester Mannheit erhob, in seinem Verhältnis zur Natur, in seiner Freude an der Landwirtschaft, in seiner Liebe zum häuslichen Herd. Und deutsch wie seine Taten waren seine Gedanken und feine Worte. Aus feinen Reden tönte es heraus wie feierliche Akkorde aus dem tiefsten Schachte der deutschen Volksseele. Was er in geweihten Stunden verkündete, war der Herzschlag des deutschen Volkes, war die Offenbarung des nationalen Willens. Solange noch der deutsche Gedanke fortleben, solange sich deutsches Wesen erhalten wird, so lange kann der Bismarck nicht erlöschen, so lange wird des deutschen Ruhmes und der deutschen Ehre strahlendster Leitstern nicht untergehen. BiSmarck lebt im deutschen Volke, im deutschen Vatcrlande, nicht bloß in der Erinnerung, sondern als ein Vermächtnis, das sich alle Jahre, alle Tage erneuert und verjüngt.
So bleibt uns denn als der Trost des heutigen Tages, daß dieser Tag nicht ein Tag des Todes, sondern des ewigen Lebens ist, daß unser nationaler Held heute und in alle Zukunst mitten unter uns bleibt und waltet und wirkt. So vollendet sich die Wahrheit, die Ernst von Wildcnbruch, als die Trauerkunde von Bismarcks Tode die Welt durch- zitterte, .in die poetischen Worte kleidete:
Bismarck war tot, ist nicht mehr tot, In deiner Seele, die sich erhebt, Steht er dir aus, kommt wieder und lebt, Kommt und ist da Allgegenwärtig und nah.
Deutschland, dein Bismarck, er lebt!
Aus > und Ausland.
Berlin, den 28. Juli.
Se. Majestät der Kaiser hörte gestern, wie aus Bergen gemeldet wird, den Vortrag des KabinettschefS und deS Gesandten v. Trcutler und unternahm Nachmittags einen Spaziergang.
Einer internationalenUcbersichtderSpar- kassenstatistik, welche die „Statist. Korr." bringt, entnehmen wir, daß Deutschland und Preußen eine recht vorteilhafte Stellung im Sparkaffenwesen inne haben. Sie zählten in den Jahren 1907 bezw. 1908 rund 30—31 Bücher aus je 100 Einwohner und standen hiermit ungefähr auf gleicher Stufe wie Belgien, Großbritanien, Frankreich, den