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herrfelder Kreisblatt

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Fernsprech-Flnschlutz Nr. 8

Nr. 142. Donnerstag, den 1. Dezember

1910,

nichtamtlicher Coil

Reichstag.

Der Reichstag nahm am Montag die Vorlage, betr. den Schutz des jur Ansertizung von ReichSbanknoten bestimmten Papieres, nach unerheblicher Debatte in zweiter Lesung an, und begann dann die Generaldebatte über daS Schiffahrtt- abgabengesetz. Sie wurde durch eine nicht allzulange Rede deS Reichskanzlers eingeleitet. In ihr warf der Kanzler einen Rückblick auf die Vorgeschichte der Frage der Erhebung von Schiffahrtkabgaben in Deutschland und betonte, wie sich die frühere Ansicht, daß die natürlichen Wasserstraßen von Abgaben seitens der Schiffahrt grundsätzlich frei bleiben müssen, in der Folge erheblich geändert habe. In weiten Kreisen sührte Herr v. Bethmann Hollweg hierbei auS sei die Ueberzeugung herangewachsen, eS sei zweckmäßig und gerecht, die Benutzer der Ströme mit zu den Kosten des Ausbaues und der Erhaltung der Schiffahrt-straßen heran- zuziehen. Er erinnerte ferner daran, daß schon im Jahre 1886 ein ReichSgesetz, betreffs der Erhebung von Schiffahrt-- abgaben aus der Weser erlassen worden fei und daß auch das preußische Wasserstraßengesetz vom Jahre 1905 die Er- Hebung von Schiffahrtsabgaben vorsehe. Der Reichskanzler streifte dann die Schwierigkeiten die sich dem vorliegenden Gesetzentwürfe entgegcngestellt hätten und wie» auf dessen zuletzc einstimmig erfolgte Annahme im BundeSrate hin. Schließlich bcrühite Herr v. Bethmann Hollweg noch flüchtig den Umstand, daß auch ausländische Staaten an den öffent- lichm deutschen Wasserstraßen interessiert sind, und erklärte er, die ReichSregierung , werde nach der Verabschiedung deS SchiffahrtsabgabengesetzeS durch den Reichstag mit den be- ti essenden Staaten in freundschaftliche Verhandlungen in dieser Angelegenheit eintreten. Der dann den Reichskanzler ab- lösende preußische Eijenbahnminister v. Breitenbach unternahm es, die wichtigeren Einzelheiten der Schiffahrt-abgabenvorlage zu begründen, und nach Kräften gegen die in der öffentlichen Kritik laut gewordenen Bedenken zu verteidigen. Auch bemühte er sich, die Vorlage als recht verkehr-freundlich zu schildern, während bekanntlich der verkehrSsreundliche Charakter des SchiffahrtsabgabengesetzeS vielfach stark bezweiselt wird. Weiter versicherte der Minister, die geplanten Abgaben würden selbst in ihren Maximalsätzen noch erheblich hinter denjenigen zurückbleiben, die schon jetzt in gewissen Stromgebieten zur Erhebung gelangten. Zuletzt hob auch er, wie die- schon der Reichskanzler getan, die einmütige Annahme der SchiffahrtSabgaben im BundeSrate hervor. Als erster Redner aus dem Hause trat der Zentrum-abgeordnete Am Zehnhoff auf, der die prinzipielle Zustimmung feiner Fraktion zu den Schiffahrtsabgaben auSsprach und im übrigen für Kommissionr- beratungen plädierte. Auch der Konservative Kreth nahm denselben Standpunkt ein, allerdings mit der einschränkenden

Gehetztes Wild

Roman von E. v. Winterfeld-Warnow.

(Fortsetzung.)

Ja, was sagen Sie zu unserer Stadt? Der Freimarkt ist himmlisch I Er soll immer aufgehoben werden, aber er wird doch immer wieder vom Senat bewilligt. E- wäre auch jammer­schade, wenn wir unsern Freimarkt verlieren sollten. So sieht es hier nur zwölf Tage im Jahre aus. Nicht wahr, Herr Mühldörffer."

Dieser bestätigte lachend.Besonder- schön ist'S, wenn an jeder Straßenecke eine Orgel leiert. Die eine spielt:Lott ist tot" und die andere winselt:O schöne Zeit, o sel'ge Zeit!" Das ist zum Weglaufen."

O, schelten Sie unsere Orgeldreher nicht! Denken Sie, daß Papa jedes Jahr eine lange Orgelprobe durchwachen muß. Da treten all die Straßenkünstler an und jeder muß Probe spielen. Das Gesicht von Papa können Sir sich au-malen. Doch wir müssen gehen."

Sie wendete sich zu einer hinter ihr stehenden Freundin, die mittlerweile auch mit Bekannten gesprochen hat, reicht Leutnant Mühldörffer die Hand zum Abschied und dankt mit einem leichten Kopfneigen für TcssowS Verbeugung. Bald sind sie in der Menge verschwunden. Nur ihr keckes Filzhütchen taucht noch hier und dort aus.

Tessow starrt ihr nach wie verzaubert. Er sieht noch immer das süße Gesicht mit den strahlenden Blauaugen.

Mühldörffer lacht ein bißchen.

Nun, hat sie Ihnen gefallen, die Kleine? Sie fragen ja gar nicht, wer ei ist? Also Fräulein Charlotte Lüning, genannt Lolo, Tochter vom Senator Lüning. Sie kennen doch daS LustspielDer Herr Senator" ? Na, so ungefähr, das heißt, Fräulein Lolo sagt nicht immer:Mein Vater, der Herr Senator", wie e» im Lustspiel heißt. Einzige» Töch» terlein, da« sagt schon wa»l Solch Goldfischchen hat sich letzt schon mancher Leutnant geholt. Früher heirateten sie in die Verwandtschaft und so sind dir Patriziersamilien fast alle

Erklärung, daß die sächsischen Mitglieder der konservativen Fraktion Gegner der Schiffahrt-abgaben seien. Ebenso ver­sicherte der Nationalliberale Woelzl, seine politischen Freunde nähmen im allgemeinen eine freundliche Haltung gegenüber dem Projekte der Schiffahrt-abgaben ein. Erhebliche Be­denken gegen Einzelheiten der Borlage äußerte jedoch der freikonservative Führer v. Gamp. Nach letzterem Redner griff der Eisenbahnminister v. Breitenbach wiederum in die De­batte ein, um zunächst zu erklären, daß keinerlei Verhandlungen über einen Eintritt Sachsens in die preußisch-hessischen Eisen­bahngemeinschaft stattgefunden hätten. Im weiteren plädierte er nochmals für die Annahme der Schiffahrt-abgabenvorlage durch den Reichstag. Hieraus teilte Abg. Vogt-Hall von der Wirtschaftlichen Vereinigung mit, daß die allermeisten Mit­glieder derselben der Schiffahrt-abgabenvorlage sympathisch gegenüberstünden. Anderseits betonten die reich-ländischen Abgeordneten Dr. Ricklin und Gregoire, falls nicht Mosel und Saar in da- neue Gesetz hineinbezogen würden, so wäre eS für die Abgeordneten au- Elsaß-Lothringen unannehmbar.

Der Reichttag hat auch am gestrigen Dienstag noch ein­mal die ganze Nachmittag-sitzung der Beratung der Schiffahrt-- abgaben gewidmet. Die Vorlage wurde schließlich an eine Kommission von 28 Mitgliedern verwiesen. In dir Debatte griff u. a. ein der Zentrum-abgeordnete Zehnter, der die süd­deutschen Interessen geltend machte, dabei aber betonte, daß da- bayerische Zentrum prinzipiell für die Schiffahrtsabgaben stet- eingetreten sei. Ein sächsischer konservativer Abgeordneter brächte noch einmal den ablehnenden Standpunkt sämtlicher Sachsen gegen die Schiffahrt-abgaben zum Ausdruck. Nach den Abgeordneten Korfanty (Pole) und Stolle (Soz.) nahm der nationalliberale Abgeordnete Jung zu einer sehr emdiucksvollen Rede daS Wort. Er kam aber auch zu dem Schlüsse, daß die Schiffahrtsabgaben abzulehnen seien, die nicht dem Förderativ- staat, sondern dem PartikulariSmus Rechnung tragen. Nach ihm sprach noch der Abgeordnete HauSmann von der fortschritt­lichen Volk-Partei, woraus Eisenbahnminister von Breitenbach summarisch mehrere der Regierung gemachten Vorwürfe zurück» wic-. Dann äußerten sich noch die Abgeordneten Gerstenberger (Ztr.), Dr. Diedrich Hahn (kons.), Lchmann-Wic-baden (Soz.), Wölzll (natl.) und Günther (Fortschr. Vp.) zu der Vorlage, dir endlich in achter Abendstunde an die Kommission verwiesen wurde. Am Mittwoch soll da- Kurpjujchergefetz in erster Lesung beraten werden.

Aus In- und Ausland.

Berlin, den 29. November.

Se. Majestät der Kaiser traf um 11 Uhr 25 Min. Vormittag» in BreSlau zur Einweihung der Technischen Hochschule ein und fuhr im offenen Automobil über die neue Kaiserbrücke nach der Technischen Hochschule. Der ganze Weg war von Menschenmassen dicht umfäumt, die dem Kaiser be-

untereinander verwandt. Jetzt aber gehen die Töchter aus den reichen Häusern viel hinaus als OffizierSfrauen. Da­rin, wie in so vielem anderen, ist man mit der Zeit fortge­schritten."

Teflow hatte den anderen sprechen lassen. Der Redefluß war an ihm vorbei gerauscht, ohne daß er allzuviel davon gehört hätte.

Vor seinen inneren Augen standen zwei Frauenge- stalten; bai blonde, süße Kind, bai ihn soeben ange- lächelt hatte, und eine andere. Er schauerte fröstelnd zu­sammen.

SS kam ihm vor, all fei schon eine lange Zeit verflossen, seit er jene andere zuletzt im Arm gehalten seit sie voll Entsetzen und Angst an jenem verhängnisvollen Abend von ihm gegangen war. Und doch, wie greifbar nahe war bai Bild I Wie furchtbar deutlich I Todesangst lag in den großen Augen, Grausen in ihrer Stimme. Ihr Mann hatte sie schlagen wollen, alS er den unseligen Brief gesunden hatte, und sie war in ihrer Angst zu ihm geflohen. Und als sie dann nach Hause kam, da fand sie einen Toten. So wenigstens hatte sie gesagt.

Oder war er nicht tot? Starb er erst später?

Da war er wieder, der schreckliche Verdacht, den er nie loi wurde. Und doch hielt jene Frau ihn noch im Bann. Sie ließ ihn nicht loi mit ihren schönen, traurigen Augen. Er sehnte sich, sie wiederzusehen, und er fürchtete sich doch namenlos vor einem Wiedersehen. Jedenfalls war er hier sicher davor. Die Entfernung war weit genug; gottlob I

Er atmete bei diesem Gedanken freier auf, schüttelte den Bann ab und ging scheinbar interessiert auf bai von dem Kameraden angelegte Gespräch ein.

Sie hatten den Domhos verlassen, der sich allgemach leerte.

Auch sie schlenderten langsam nach Hause. Am Herdentor kamen sie an HillmannS Hotel vorbei. Vor der Tür hielt eine Droschke. Gepäck wurde herauSgereicht und der Portier half einer Dame beim AuSsteigen.

In tieseS Schwarz war sie gekleidet. Ein langer,

gcifterte Huldigungen darbrachten. Mit dem Kaiser trafen außer den Herren des Gefolges ein der Herzog von Ratibor und der Ob «Präsident Dr. v. Guenther. Vor dem Gebäude der Hochschule, das von einem Walde von Flaggenmasten um­geben war, stand eine Ehrenkompagnie der Grenadierregiment- König Friedrich Wilhelm M. (2. Schlesischen) Nr. 11. Der Kultusminister Dr. v. Trott zu Solz und der Rektor der Tech­nischen Hochschule, Prof. Dr. Schenk, empfingen den Kaiser und geleiteten ihn durch ein Spalier der Studierenden zu der provisorischen Aula. Hier hatten sich versammelt der Lehr­körper der Hochschule, die Chargierten der Studentenschaft der Hochschule und der Universität in Wichs mit ihren Fahnen, Herzog Ernst Günther zu Schle-wig-Holstein, Minister Sydow, die Fürsten Hcnckel von DonnerSmarck und Hatzjeld, Fürst­bischof Dr. Kopp, der kommandierende General v. Woyrsch, der Erbauer der Hochschule Baurat Dr. Burgemeister, der Direktor im Kultusministerium Dr. Naumann und andere. Gesang eröffnete die Feier. Der Kaiser betrat sofort daS Katheder und verlas die EinwechungS-Rede. Hieran schloffen sich die Ansprachen deS Kultusministers und des Rektors. ES jprachen ferner der Vorsitzende des Provinzialau-schuffeS Graf Stojch für die Provinz Sachsen, Oberbürgermeister Dr. Bender für die Stadt BreSlau, der Rektor der Universität BreSlau Geheimrat Hillebrandt für die Universitäten, forme Vertreter der technischen Hochschulen Deutschlands, der wissenschaftlichen Vereine Schlesiens und deS Verein» Deutscher Ingenieure. Hierauf dankte der Rektor namens der Hochschule und brächte ein dreifaches Hoch auf den Kaiser auS, in da» die Anwesen­den begeistert etnfttmmten. Dann lolgte der Gesang der Nationaldymne. Nach einem kurzen Rundgang nahm der Kaiser den Vorbeimaisch der Ehrenko...pagnit ab. Eine Reihe omi Orbeniaiiiiei^rtiraen wurde verliehen. Der Kali« nahm da» Frühstück beim OffizicikoipS deS Leibküraffierregiment» Großer Kurfürst (SchlesstcheS) Nr. 1. Er wurde hier empfangen vom kommandierenden General v. Woyrich und dem Regi­mentskommandeur Oberst Graf v. Schmettow. Der Kaiser nahm die Meldung des Prinzen Reutz XXXIV. entgegen, schritt die Parade-Aulstellung des Regiments ab und ließ ei oorbeimarjchicren. An dem Frühstück nahmen teil daS aktive und daS Referve-OffizierkorpS sowie die alten Herren bei Re­giments, die direkten Vorgesetzten bii zum kommandieren­den General, bei Chef bei Generalstabe» Oberst Graf von Pfeil und der Kommandant von BreSlau, Generalleutnant Freiherr von Maltzan. Graf Schmettow brächte bai Kaiser- hoch auS.

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Im Anschluß an eine Aeußerung bei Abg. Ledebour beschäftigt sich der Vorwärts neuerdings mit der Ansprache, die S e. Majestät der Kaiser bei der Rckrutcnvneidigung in PotSdmn ge­halten hat. Die über den Wortlaut dieser Ansprache ver­breiteten Angaben sind falsch. Insbesondere hat sie einen Satz bei Inhalts, ei könne für den Soldaten keinen Konflikt zwischen Pflicht und Gewissen geben, nicht enthalten. Den

schwarzer Schleier deckte bai Gesicht. Um aber beim Aussteigen nicht dadurch behindert zu sein, schlug sie ihn zurück.

Ein Moment war es, aber er genügte, um Alexander von Teffow stillstehen zu lassen.

Da verschwand sie schon auf der Treppe.

Teflow raffte sich zusammen, murmelte etwa» von:Eine Aehnlichkeit!" auf den fragenden Blick Mühldörffer» hin und ging weiter. Aber eS war kein Irrtum! Sie war», sie selbst I

Wie ein Schlag war die Erkenntnis durch seinen Körper gezuckt. Zuerst fühlte er nichts als dumpfen Schrecken. Doch dann kam ein ungeheurer Zorn über ihn. Ein Zorn darüber, daß sie ihm nachgereist war.

Konnte, durfte sie sich so fortwersen ? Wenn er sie mied, wenn er das allein richtige Gefühl für ihr gegenseitige» Ver­hältnis hatte, wenn er die Schranken fühlte, die der Tote auf ewige Zeiten zwischen ihnen ausgerüstet hatte, konnte dann sie, daS Weib, alle Schranken vergessen und alle Gesetze der Sitte in den Staub treten ?--

Von dem Kameraden hatte er sich mit kurzem Dank für dessen Führerrolle verablchicdel.

Nun schritt er allein in den Anlagen weiter. Hier draußen war ei sitzt menschenleer.

Die Zeit, wo Dienstmädchen mit ihren kleinen Pflege­befohlenen hier fpazieren gingen, war vorbei.

Es war ja Essenszeit.

Auch er sollte eigentlich jetzt zum Essen gehen. Aber ihn hungerte nicht-

Er fühlte stattdessen nur da« Bedürsni», weiterzugehen, immer weiter, immer unter den hohen Bäumen entlang, an den breiten, von Anlagen umsäumten Stadtgräben, den ehe­maligen FestungSgräben vorbei.

Anfangs sah er nicht» von seiner Umgebung.

Er kämpfte mit seinem Zorn, seiner Aufregung, seiner Liebe!

Aber endlich blickte er doch um sich.

ES war ein schöner Spätherbsttag, wie er sonst selten zur FreimarktSzeit in Bremen anzutreffen ist. Meist ist daS Vetter