Einzelbild herunterladen
 

Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Ver Bezugspreis beträgt fürkjersfe'ld vierteljährlich 1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. re

Der Anzeigenpreis beträgt für den Raum einer ein» gespaltenen Zeile 10 pfg., im amtlichen Teile 20 pfg. Reklamen die Zeile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.^vvsvsv»

hersselder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage

Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8

Nr. 154

Sonnabend, den 31. Dezember

1910.

Amtlicher Leil

Hersseld, den 24. Dezember 1910.

Nachstehend veröffentliche ich daS KörungSergebniS zweier Zuchtbullen.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses:

A. 9087. von GruneliuS,

Landrat. .

K

D e r Bullen

Name

Halter

Wohnort

Alter

D c r Bullen

Raffe sFarbe u. Abzeichens Beiund

Tag der Körung

Bemerkungen.

1

2

Bürgermeister Neuber

Heinrich Glebe

BeierShausen

Wipperkhain

21 Mt.

16 Mt.

Simmt. Z. Ä. Fritzlar Simmt. Z. G. Ober Hessen

Gctbfchack w. Stirn

Gelbrotsch.w. Kops

brauchbar

gut

18. 10.

14. 12.

nichtamtlicher teil.

Politischer Wochenbericht.

Die Weihnachtsglocken sind verhallt, und von neuem umjängt uns die Sorge und Unrast des Alltagslebens. Nöüger denn je tut unserm Volke die FriedenSmahnung, die daS Christfest der gesamten Menschheit aus Herz legt. Soll der innere SelbstzerfleischungSProzeß wirklich so weiter gehen, soll wirklich kleinlicher Parteihader daS Leitmotiv unserer innerpolitischen Betätigung sein und bleiben? Wir mögen und können es nicht glauben. Und noch eine andere Mah­nung ist uns beim Glänze der WeihnachtSkerzen und beim Singen der altgeheiligten Weihnacht-lieder mit eindringlicher Macht vor die Seele getreten. In keiner anderen Feier tritt der innige geschichtliche Bund, den Christentum und deutsche- Volkstum miteinander eingegangen sind, so herrlich zutage wie in der Weihnachtsfeier. AuS dieser Verschmelzung von Christentum und Deutschtum ist das Größte und Schönste hervorgegangen, was die Menschheit ihr eigen nennt. Noch niemals aber waren unsere religiösen und nationalen Heilig, tümer ärger bedroht als heutzutage. Der Ruf der Weih- nachtSglocken bedeutet daher in der Gegenwart zugleich den Ruf zur Sammlung an alle diejenigen, die den heiligsten und wertvöllsten Kulturbesitz von Volk und Menschen zu schützen gewillt sind. Der Feind steht vor den Toren. Da gilt eS, allen nichtigen Hader abzutun, die Reihen fest zu schließen und nicht aus den Zinnen der Partei daS Partei­banner, nein, auf den Zinnen geeinter Volktkcast lM christ­lich-nationale Banner aufzuhissen. In diesem Zeichen wollen und werden wir siegen.

Mitten in die Weihnacht-freude hinein fiel die Trauer­

Ein afrikanisches Abenteuer.

Schon wiederholt sind ausführliche Schilderungen der Schicksale von Fremdenlegionären erschienen. Zu den er­greifendsten Erzählungen deS Selbsterlebten aus diesem Gebiet« gehört Erwin Rosens Buch. In der Fremdenlegion (Memoirenbibliothek, Robert Lutz, Stuttgart, Preis geb. 6 Mk.) Er ist ein Stück LebenSgeschichte eines jungen deutschen Schriftstellers, der in der Fremdenlegion sich und sein Geschick vergessen und begraben wollte.

Eines der packendsten Kapitel deS interessanten Buches ist die Schilderung von Rosen- eigener Flucht; im folgenden geben wir einen da und dort gekürzten AuSzug heraus. Mit dem Betreten des italienischen Bodens endigte Rosen- afri­kanische- Abenteuer.

Am Ende der nächsten Gasse begann die FestungSmauer. Ich konnte sie von der Innenseite leicht ersteigen. Aus der Außenseite war die Entfernung zum Boden ziemlich groß, aber beim Sprung in die Tiefe fiel ich unbeschädigt in den Sand und stand in einem Palmenhain. Unter den Palmen war eS dunkel. In fieberhafter Eile streifte ich die Uniform ab und zog die Zivilkleider an. Dann spießte ich Uniform und Mantel, Militärschuhe und Käpi mit dem spitzen Ba,onett an eine Palme. Mochten sie'S da finden am Morgen!

Mit einem häßlichen Furchtgefühl schritt ich dem nächsten Tore in der FestungSmauer zu. Aber die Legionäre, die dort auf Wache waren, beachteten mich gar nicht. Da« gab nur Selbstvertrauen. Langsam und unauffällig, alS sei ich ein spazierengehender Bürger, ging ich über die Promenade. Ueberall schlenderten Legionäre. Mehrercmale mußte ich um- kehren und einen Umweg machen, weil mir Unteroffiziere meiner eigenen Kompagnie entgegenkamen I ES war ein auf- regender Weg I Endlich halte ich die innere Stadt burajquett und kletterte über die felsige Böschung hinab auf daS Gleise. Es war unterdessen völlig dunkel geworden. Ich fing an zu lausen. Im Anfang stolperte ich fortwährend über die spitzen Steine der Schotterung zwischen den Schwellen und fiel einmal der Länge nach hin. Aber ich gewöhnte mich rasch daran, von Schwelle zu Schwelle zu springen. Au- vollen

kunde von dem Ableben des früheren Reich-tagSpräsi- denten Grafen Franz von Balle strem. Damit hat einer der bedeutendsten Politiker auS den vier ersten Jahr­zehnten des neuen Deutschen Reiches sein arbeit-- und er- folgreiches Leben beschlossen. WaS Graf Ballestr.m alS Leiter der Präsidialgeschäfte des deutschen Reichstages in schwieriger und verantwortungsvoller Tätigkeit Jahre hindurch geleistet hat, ist von den verschiedensten Seiten ohne Unter- schied der Parteifarbe ausS rühmendste anerkannt worden. Dem Verstorbenen standen alle Eigenschaften für ein solches Amt in hohem Maße zur Verfügung. Er vereinigte mit um- sasfender Gefchäftskenntnis und Unparteilichkeit ein seltenes Maß von Schlagfertigkeit und gesundem Humor So hat er eS beispielsweise mit meisterhaftem Geschicke verstanden auch während der ZolltarisSverhandlungen, als die Sozial- demokraten ihre in der Geschichte deS deutschen Parlamen- tariSmuS unerhörte und hoffentlich niemals wiederkehrende Obstruktion trieben, Disziplin zu üben und die Zügel der präsidialen Gewalt fest in Händen zu behalten. Sein An- denken als das eines klugen, kenntnisreichen und patriotischen PolitikerS wird in Ehren bleiben.

Der Prozeß vor dem Reichsgericht gegen die zwei eng­lischen Offiziere wegen Spionage hat mit der Verurteilung der beiden Angeklagten zu je vier Jahren Festungs­haft geendigt. Die Gerechtigkeit und Milde, die in diesem Urteil-spruche liegt, ist selbst von englischer Seite allgemein anerkannt worden. E- steht daher zu hoffen, daß die Affäre keinerlei Mißstimmung zwischen den beiden Nationen hinter­lassen wird.

Soeben sind in Budapest dieDelegationendeS österreichischen R e i ch sra t e S und deS ungarischen Reichstages eröffnet worden. Dieser Vorgang erhielt durch den Umstand besondere Bedeutung, daß der Thronfolger Erz­

Krästen rannte ich, eine Viertelstunde lang, eine halbe Stunde lang. Dann ryußte ich, schwer keuchend, stehen bleiben. Feiner Regen riefelte herab. Die Gegend war in tiefes Dunkel gehüllt, und nur ein schwacher Lichtschein weit hinten am Horizont zeigte, wo Sidi-bel-Abbes lag. Meine Füße schmerzten mich. AlS ich einen Stiesel auSzog und ihn tastend untersuchte, fühlte ich, daß innen im Stiesel lange Reihen von spitzen Nägeln durchdrangen; daß die Sohle feucht war von meinem Blute. Ich zerriß ein Taschentuch und polsterte die Nägelstellen mit Tuchsetzen aur. Zwar bohrten sich die spitzen kleinen Ungeheuer auch durch diese Hülle, aber eS war doch weit besser als vorhin. Nun untersuchte ich den Revolver in meiner Tasche und sah mit freudigem Erstaunen, daß eS eine prachtvolle Waffe war, eine Browning- pistole.

Der Regen hatte bald wieder aufgehört. Jetzt leuchtete auch der Mond dann und wann zwischen den Wolken hervor, und sein matteS Licht gab einen weit helleren Schein, alS mir lieb war. Ich stand eine fürchterliche Angst auS, von irgendeiner Gendarmcnpatrouille gesehen zu werden. Da wurde daS Terrain felsig. Auf beiden Seiten des Schienen­weges lagen mächtige Felsblöcke, zerrissene, zackige Kalkfelsen, und ich freute mich über den verbergenden Schutz, den sie mir gaben. Einige Minuten lang mochte ich zwischen den Felsen gelaufen sein, als ich ein eigenartiges Geräusch hörte. Zuerst glaubte ich, es fei wieder ein Eisenbahnzug. Als aber das Geräusch näher kam, schärfer und klarer wurde, wußte ich, waS eS war: galoppierende Pferde!

Zwischen den Felsen hindurch konnte ich den seinen hellen Streifen sehen, der die Militärstraße bedeutete. Sie war kaum hundert Meter von den Gleisen entfernt. Auf dieser Straße kam eine Patrouille galoppiert. Vielleicht hatten die Gendarmen mich schon längst gesehn! Vorhin, alS die Gegend flach war, mußte sich im Mondschein meine Silhouette scharf gegen den Himmel abgezeichnet haben.

In einem ParoxySmuS von Angst kroch ich zwischen zwei Felsen und lauschte atemlos. Immer näher kamen die Pferde, immer schallender tönten die Hufschläge. Nun sah ich, aus meinem Versteck hervorlugend, die dunken Gestalten von

herzog Franz Ferdinand zum erstenmal alS Vertreter deS Kaisers und KönigS Franz Josef die Thronrede gehalten hat. Bei diesem Anlässe ist dem Erscheinen deS Erzherzog« in der ungarischen Hauptstadt seitens der dortigen politifchen Kreise die wärmste Sympathie entgegengebracht worden. Dieser Stimmung hat der offizielleMagyar Nemzet" mit den folgenden Worten Au-druck gegeben:Als der Erzherzog- Thronfolger davon erfuhr, daß die Aerzte eine Budapester Reife des Königs nicht gern sehen würden, machte er sich selbst erbötig, den König zu vertreten. Seine Majestät nahm mit Freude dieses Anerbieten entgegen, und sicherlich begrüßen auch die Völker beider Staaten, die der Persönlichkeit bei Thronfolgers mit ehrfurchtsvollem und warmen Interesse zu­getan sind, diese Entschließung mit Freude." Als warm­herzige Freunde und Verbündete der österreichisch-ungarischen Monarchie können wir nur wünschen, daß dem künftigen Träger der Habsburgischen Krone diese Sympathien seiner Untertanen sür alle Zeit in vollstem Maße erhalten bleiben mögen.

In Frankreich sind die Sozialdemokratin über da» gegen den revolutionären Hetzapostel D u r a n t ergangene Todesurteil in heftigsten Zorn versetzt worden und die deutschenGenossen" zeigen sich eifrigst bemüht, ihnen zu sekundieren. Aber die französische Regierung scheint glück­licher Weise fest bleiben zu wollen. Solche Beispiele von Energie und Festigkeit einer Regierung gegenüber der Um- sturzbewegung sind wahrhaft herzerfrischend und wirken wie stärkendes Labsal in einer Zeit, in der man leider so mancherlei entgegengesetzte Erscheinungen wahrzunehmen ge­nötigt ist.

Glückauf zum neuen Jahr:

Wieder sank ein Jahr in daS Grab der Vergangenheit hinab, wieder stehen wir in Hoffen und Erwarten vor der Pforte eines neuen Zeitabschnitte- und suchen vergeben- mit unseren Blicken den Schleier zu durchdrungen, der unS das Werdende verhüllt, und wir sehnen unS, zu erkennen, was unS, waS unserem Volk vom Schicksal beschicken ist. Wir betten das alte Jahr zur Ruhe, und wenn die Gedanken zurückkehren zu seiner Wiege und sein Werden und Wachsen verfolgen, dann beschleicht uns ein leises Gefühl der Trauer, und daS Bewußtsein erwacht, daß wieder so viel Hoffen und so viel Sterben vergebens gewesen ist, und daß in unserm öffentlichen Leben nur ein bescheidener Erfolg alles Mühen gelohnt hat. Selbst in dem Jubel der Mitternacht-stunde, die unS die Vergangenheit von der Gegenwart trennt, erfüllt uns ein Hauch von Melancholie, der geboren wird aus dem Gefühl der menschlichen Unzulänglichkeit, die nicht über die Stunde hinweg da- Schicksal zu erkennen vermag, die nicht weiß, ob das auSgesäte Korn zur Reise gedeihen wird. Und dann jedes neue Jahr bedeutet ja auch einen Schritt jenem letzten düsteren Ziele entgegen, dem wir alle zustreben:

Pferden und Reitern. Nun waren sie mir gegenüber. Und in diesem Augenblick hörte ich einen scharfen arabischen AuS- ruf. Die drei Reiter parierten ihre Pferde und hielten.

Ich riß die Pistole aus der Tasche. Ihr glänzender Stahllauf funkelte. Schleunigst bedeckte ich die Waffe mit meinem Rock, damit ihr Blitzen mich nicht verrate. Vorsich­tig entsicherte ich die Pistole und probierte tastend, ob der Patronenrahmen auch fest und richtig säße. Ein Gefühl eisiger Ruhe kam über mich. Ich nahm mir vor, mich nicht vom Platze zu rühren und erst zu feuern, wenn die Gendarmen bei ihrem Suchen ganz in meine Nähe kommen würden. Ich überlegte. Ich nahm den zweiten Patronenrahmen in die linke Hand zum Nachfüllen bereit.

Da flammte unten ein Zündholz auf. Eine Sekunde lang. Ich hörte den lachenden Ruf eines Gendarmen. Und dann galoppierten die drei Mann weiter. Einer von ihnen mußte einen Kameraden um Feuer zu einer Zigarrette gebeten haben. DaS Galoppieren verklang in der Ferne, und ich faß immer noch da, am ganzen Leibe zitternd. Die Tränen liefen mit über das Gesicht, als ich die Pistole einsteckte. HinauSjchreien hätte ich mögen in jubelnder Dankbarkeit, daß diese fürchter­liche Gefahr vorüber war. Und als ich aufstand, fiel ich zurück gegen den Felsen. Meine zitternden Knie konnten den Körper nicht tragen!

BiS zehn Uhr wanderte ich in der Stadt herum. Dann ging ich in daS Passagebureau der französischen Mittelmeer- linie und besorgte mir einen zweiten Kajüten platz nach Mar- scille. DaS Paketboot St. Augustin sollte um 5 Uhr Nach­mittag- abgehen.

Wenige' Minuten vor 5 Uhr ging ich auf den Dampfer Zigarette im Mund, ein Bündel Zeitungen unter dem Arm. Ich spazierte auf dem Verdeck auf und ab, las Le Rire und zwang mich krampfhaft, ein unbesangenck, amüsiertes Gesicht zu machen. Ein Gedanke nur erfüllte mich: War mein telegraphisches Signalement vom Regiment schon in Oran ein- getroffen?

ES wurde halb sechs, und noch immer lag der St. Augustin am Kai! Gendarmen kamen und gingen. Und