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herrMer Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 1. Dienstag, den 3. Januar 1910.

Amtlicher teil.

Hersfeld, den 27. Dezember 1910.

Ich habe den Schreiner Philipp Nürnberg zu Mecklar als Leichenschauer für die Gemeinde Mecklar am 21. d. Mts. eidlich verpflichtet.

I. 13895. Der Landrat.

I. A.:

W e s s e l, KreiSfekretär.

Nichtamtlicher Leil.

»t WsMche^elitik 1910.

Die innere Politik deS Reiches litt in dem 4 verflossenen Jahre unter den Nachwirkungen der Finarrzreform. Die Gegensätze unter den bürgerlichen Parteien haben sich trotz aller Vorsicht des Reichskanzler-, ihnen durch eine rein sach­liche Politik entgegenzuwirken, eher verMärst als gemildert. Diesem Bilde der Erregung, der Unru^ deS bunten Aus­marsches für den nächsten Wahlkamps stestkMd« auswärtigen Politik eine sehr erfreuliche, einmütige Anerkennung ihrer Er­folge gegenüber.

Unsere auswärtige Lage hat sich unleugbar günstiger ge­staltet. Wer spricht heute noch von der Isolierung, der Ein­kreisung Deutschlands? Damit war es allerdings schon seit dem festen Austreten der deutschen Politik an der Seite Oester­reich-Ungarns in der bosnischen Frage vorbei. Aber dieser Auftreten hat weiterhin^ viel zur inneren Festigung deS Drei­bundes beigetragen. Auf seinen Reisen nach Wien und Rom, in seinen Unterredungen mit dem Grasen Aehrenthal und dem Minister di San Giuliano hat der Reichskanzler v. Beth- mann Hollweg den Erfolg in der bosnischen Frage glücklich auszunutzen verstanden und-eine Versöhnung der österreichisch- ungarischen und der italienischen Interessen in den Balkan­sragen die Wege ebnen helsen.

Ein sehr wichtiges Ereignis des abgelaufenen Jahres war ferner der Besuch des Zaren in Potsdam und die Aussprache des neuen russischen Ministers des Auswärtigen Sosanow mit dem Kanzler von Bethmann Hollweg und dem neuen deut­schen Staatssekretär v. Kiderlen. Nach der Jswolskischen Periode des Anschlusses Rußlands an England und unruhiger Rivalitäten mit Oesterreich-Ungarn ist sein Nachfolger Sosanow zu der alten traditionellen Politik guter Nachbarschaft zwischen Rußland und Deutschland zurückgekehrt. In den Potsdamer Besprechungen wurde ausgemacht, daß keiner von beiden Teilen sich in Verbindungen einlassen werde, die ihre Spitze gegen den anderen Teil richten würden. Der gute Wille betätigte sich auch sofort in der deutschen Anerkennung der vorwiegen­den Interessen Rußlands in Nordpersien einerseits und in dem

Gehetztes Wild.

Roman von E. v. W i nterfeld- W a rn 0 w.

X (Fortsetzung.)

Schluchzend sank Leonie- Kops auf die Polster deS Sessel-. Ihre Verzweiflung gemahnte den Prediger an daS oft gehörte: Mea culpa, mea culpa. mea maxima culpa! und er­schütterte ihn hier mehr als sonst durch die Stärke des SchmerzensausbrucheS und in seinem durch Siebe aus- höchste gesteigerten Mitgefühl.

Und doch, hatte nicht Jesu- Christus, der Herr, auch der Sünderin vergeben, die sich ihm demütig zu Füßen warf?

Langsam trat Mr. Bateman aus Leonie zu und legte wie segnend seine Hand aus ihren Scheitel. AuS seinem Herzen rang sich ein wortlose- Gebet: mochte Gott ihr gnädig sein!

Da stürmten die Kinder vom Garten herein, goldige Aepfel, die ersten, die der Herbst bot, in den hoch erhobenen Händen.

Look here, mammy, wat we have got! They are splendid !" jubelte Harry. (Sieh her, Mammy, was wir be­kommen haben! Sie sind köstlich!)

Du sollst doch nicht sprechen Englisch!" belehrte die kleine Elsy ihren Bruder.Lonny will es doch haben, weil Vater will haben, daß wir sollen lernen die deutsche Sprache. Isnt it, father ?" fragte sie schmeichelnd.

Mechanisch strich er das goldblonde Köpschcn und schob die langen Locken zurück, die ihr beim Spiel über das blühende Gesicht gefallen waren. Da sah daS Kind, wie ernst der Vater aussah, und daß Leonie geweint hatte.

Aber, father dear, was ist denn? Was hat denn meine Lonny? Hast du sie gescholten, daß sie hat müssen weinen?"

Sie schmiegte sich an die Knie der armen Frau, die bei dieser Liebesbezeigung nun doppelt schmerzlich em­

russischen Versprechen anderseits, einem Anschluß der Bagdad- bahn nach Persien förderlich zu sein.

Hatte sich im Verlauf der bosnisch-serbischen Angelegenheit die sogenannte Einkreisungspolitik im Zentrum ihrer Bestre­bungen als ohnmächtig erwiesen, so zeigte sich nun in dem Ergebnis der Potsdamer Besprechungen, daß sie auch an der Peripherie nicht mehr wirkte. Gerade bei der Wahrnehmung unserer wirtschaftlichen Interessen im Orient waren wir mannigfachen Hindernissen infolge deS russisch-sranzösisch-eng- lifchen Einvernehmens begegnet. In diesem Zusammenhänge muß auch erwähnt werden, daß mit der Befestigung de» jungtürkischen RegimentS in Konstantinopel allmählich auch die Erkenntnis der Vorteile, welche die Türkei unter dem neuen wie unter dem alten Regiment durch die freundliche Haltung des deutschen Reiches genießt, wieder gewachsen ist. Diese freundliche Haltung hat sich ja auch praktisch in dem Verkaufe zweier Kriegsschiffe und in der Finanzierung einer türkischen Anleihe betätigt.

Was unser Verhältnis zu den beiden anderen Gliedern der sog. Triple-Entente, Frankreich und England betrifft, so gibt uns auch hier das Jahr 1910 Grund zur Befriedigung. Das deutsch-französische Abkommen über Marokko vom Jahre 1909 hat sich bewährt. Der beträchtliche Anteil, den es für Deutschland an wirtschaftlichen Unternehmungen in Marokko sestsetzt, ist von Frankreich bei den Verhandlungen über die Vergebung öffentlicher Arbeiten, Bildung von Syndikaten usw. respektiert worden, so daß keine ernsten Reibungen mehr ent­standen. Die deutsch-englischen Beziehungen sind äußerlich auf demselben Fleck geblieben wie vor dem Tode König Eduards, es ist zu keinen amtlichen Verhandlungen spezieller oder allgemeiner ?ht gekommen. Aber eS bleibt doch zu ver­zeichnen, daß sich die Voraussetzungen zu einem besseren Ein­vernehmen ganz erheblich verbessert haben. In dem schweren inneren Kampse, von dem das vereinigte Königreich heimge­sucht wurde, spielte n^tfrs Anfang des Jahres diedeutsche Gefahr" eine großes zi Am^n Wahlen zu Ende dieser Jahres war diese» Gespenst fa^ Ang verschwunden. Die englische Volksstimmung ist aus dem Wege, sich mit dem deutschen Flottengesetz abzufinden und es richtig zu verstehen. In dem Maße, wie diese Einsicht sich verliest, verbessert sich die AuSsicht auf eine amtliche Verständigung über beider­seitige praktische Interessen, wie eine solche kürzlich zwischen Deutschland und Rußland getroffen worden ist. Möge es unserer auswärtigen Politik im neuen Jahre gelingen, die Frucht einer nützlichen deutsch-englischen Verständigung zu ernten, die allmählich unter der ruhigen Sicherheit, die Re­gierung und öffentliche Meinung in Deutschland gegenüber den englischen Treibereien gegen unsere Flotte beobachteten, hrran- gereist zu sein scheint.

pfand, was der Abschied von den süßen Kindern für sie be- deutete.

Auch Harry trat näher und fragte:Oder hast du dir gestoßen eine solche große Loch, wie ich damals? Und tut es auch so schrecklich weh?"

Trotz allen Schmerzes huschte ein Lächeln über Leonies Züge. Ach ja! Ueber wie manchen Augenblick geheimer Ver­zweiflung hatte das Geplauder der Kinder ihr sortgeholfen! WaS würde ihr nun helsen?

Pastor Bateman sagte:Gott! Gott!"

Hatte Gott Vergebung für ihre Schuld?

Mammy, du gibst uns doch gar nicht Antwort! So sprich doch!"

Nein, mein lieber Junge, ich habe mich nicht gestoßen, und Vater hat mich auch nicht gescholten. Im Gegenteil, Vater ist sehr gut zu mir gewesen. Aber ich muß euch ver­lassen, und das tut mir so weh. Ich muß wieder zurückreisen nach Deutschland."

Aber du kommst wieder?" fragte Elsy dringend. Leonie antwortete nicht, und wieder rollten schwere Tränen über ihre Wangen. Da stürzte Elsy auf sie zu und umschlang sie mit beiden Armen.

Du kommst nicht wieder! Ich fühle das! £) Sonnt) dear, du kommst nicht wieder! Aber ich lasse dich nicht! I dont let you go, I dent!"

- Das leidenschaftliche Kind brach in Tränen aus und.preßte sich immer fester in die Arme ihrer mütterlichen Freundin, so daß diese trösten und scherzen mußte, um ihren Liebling zu beruhigen. Sie brächte die Kinder selbst zu Bett und saß dann an Elsy» Bettchen, bis die Kleine allmählich gefaßter wurde, bis der Schlummer ihre heißgeweinten Aeuglein schloß.

Harry nahm die Sache ruhiger.

Wann tust du reisen? Am Sonnabend? Ach, das sind noch drei Tage. DaS ist noch eine lange Zeit, wo wir können sein sehr vergnügt. DaS dumme Elsy, zu weinen nun schon so fürchterlich! Kann noch weinen genug, wenn du fortge­gangen."

Und er nahm seinen goldgelben Aepfel mit ins Bett,

flut 3*- und Mtlatlü.

Berlin, den 1. Januar.

Ueber die Neujahr-feier am Kaiserhose wird aus Berlin gemeldet: Kurz vor 8 Uhr wurden auf dem Königlichen Schlosse die Kaiserstandarte, die KönigSstandarte und die Kurbrandenburgische Flagge gehißt. Um 8 Uhr blieS das Trompeterkorps der, Garde-Kürassiere von der Galerie der Schloßkuppel den ChoralNun danket alle Gott", und unmittelbar darauf begann daS Große Wecken, das die Spielleute der Zweiten Garde-Jnfanterie-Brigade und die Hoboisten deS 4. Garde-Regiments an-führten. Die Musiker hatten aus dem innern Schloßhos Ausstellung genommen. Nach dem Anschlagen der Trommeln spielte die Kapelle daS Niederländische Dankgebet. Dann rückte alles durch Portal 1 unter den Klängen des Siebe)Freut Euch deS LebenS" nach dem Schloßplatz ab, von wo der Marsch im Schlender- schritt bis $mn Brandenburger Tor und zurück ging. DaS Wetter war trübe. Viele Tausende hatten sich eingesunden und begleiteten zum Teil die Musik, zum Teil blieben sie in der Umgebung deS Schlosse- versammelt. Da- Wecken schloß nach 9 Uhr mit dem Vortrag des Tedeums auf dem Schloß­hofe. Um 8 Uhr 2 Min. traf auf dem Anhalt« Bahnhof Prinz Rupprecht £on Bayern ein, der im Königlichen Schloß (Terassenwohnung) Quartier nahm. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin verließen da- Neue Palais im Automobil um 8V2 Uhr und trafen um 9 V* Uhr vormittag- im Königlichen Schlöffe ein. Das Publikum begrüßte beide Majestäten herzlich. Um 10 Uhr begann in der Schloßkapelle der feierliche Gottesdienst. Die Hosgeistlichkeit stand am Altar. Der Domchor unter PMflüvt Rudels Leistung fang beim Einzug deS HofeS a capella Psalm 98 (Singet dem Herrn ein neues Lied"). Unter Vorantritt der Pagen und der Herren des großen Vortritts nahten die Majestäten und die Prinzen und Prinzessinnen. Der Kaiser, in Generals- Uniform mit dem Bande deS Schwarzen Adlerordens unid der Kette des Hausordens von Hohenzollern, sührte die Kaiserin, die das gleiche Ordensband über einer dunkel- lilasarbenen Robe trug. Nach Gemeindegesang und Liturgie, die der Bläserbund begleitete, predigte Oberhosprediger Dr. Dryander über den vom Kaiser gewählten Text 2. Mose 14. u. 15:Und Mose sprach zum Volke: Fürchtet Euch nicht, stehet fest und seht zu, waS für ein Heil der Herr heute an Euch tun wird." Der Gottesdienst schloß mit dem Niederländischen Dankgebet. Dann setzte der Bläserchor mit demWilhelmuS von Nassauen" ein, und in feierlichem Zuge begaben sich die Majestäten nach dem Weißen Saal zur Entgegennahme der Gratulationk-Difiliercour. Die Schloßgarde-Kompagnie präsentierte, die Leibbatterie deS 1. Garde-Feldartillerie-RegimentS schoß im Lustgarten Salut Kaiser und Kaiserin traten vor die Stüscn des ThroneS ncbcn dessen beiden Thronsesseln die Leibpagen Wache hielten

biß herzhaft hinein, und schlics ein, sobald er ihn verzehrt hatte.

Leonie aber beugte sich über die Betten der schlafenden Kinder und fühlte wieder und wieder in ihrer Seele daS ur­alte schneidende Scheideweh. Diese süßen beiden! Was waren sie ihr gewesen in diesem ersten, schweren Jahr! Ihre Sor­genbrecher, ihr alles! Besonders Elsy, ihr Sonnen- scheinchen! Wie würden ihr die Kinder fehlen! Mit tropfen­den Augen küßte sie innig die reinen Stirnen und schlich dann leise aus dem Schlasgemach. In ihrem Zimmer suchte sie sogleich den Koffer hervor und begann noch denselben Abend sich zu rüsten zu neuer Pilgerfahrt inS große, unbe­kannte Leben.

Wohin würde diesmal die Reise sühren?

* * *

Sie saßen im Sande der Dünen zum letztenmal.

Vor ihnen rauschte das Meer seine uralte Melodie vom Kommen und Gehen.

Ja, Scheiden und Meiden!

Das fangen die Wellen, das rauschten die Wogen, wenn sie, hochausspritzend, ihren weißen Gischt gegen den zerklüsteten Strand warfen.

Die Promenade' mit ihren unaufhörlich treibenden Men- schenströmen, mit den Niggern und Eseltreibern lag fern, weitab auch der Pier mit der lauten Musik des Nachmittag-- konzerts.

Ganz allein saßen sie zwischen Dünengras und Klippen. Die Kinder hatten weiße Strandblumen gesucht und sie Leonie in den Schoß gelegt. Sie sollte für Elsy ein Kränzchen daraus winden. Die scharfen Halme deS Dünengrases schwankten im Winde. Sie zitterten, und die Sonnenstrahlen glänzten auf der weißen Unterseite. Leonie ließ träumend den Sand durch die Finger gleiten.

Morgen wollte sie fort von hier, zuerst natürlich noch ein­mal nach Elmhvuse, um dort ihre letzten Pflichten zu erfüllen, den Wäscheschrank durchzusehen, das Silber zu zählen. Der Köchin wollte sie noch einige Liebling-gerichte für den Herrn Pastor ausschreiben, und dann wollte sie Emily, da- gute,