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Beilage 311m

Herrsel-er Kreisblatt

Nr. 40.

Dienstag, den 4. April

1911.

Skizze von E lsr Kras st.

Zweimal in der Woche er in der Villenkolonie Grunewald bei den Schwiegereltern: Donnerstags und Sonntags. Man saß dann eine halbe Stunde länger alS üblich in dem wundervollen flämischen Speisezimmer bei Tisch, und es^gab einen Extragang und einen Extrawein.

So war eS auch heute. Man, man trank, man sprach über die stattgefundenen und noch bevorstehenden Festlichkeiten und die Hochzeit im April.

Der Hausherr, Gras Behring, laut, resolut, mit einem jovialen, gütigen Unterton, die Gräfinmutter mit müden, schleppenden Worten, in denen sich ihr langjähriges, körper­liches Leiden kennzeichnete, die Repräsentantin der Hauses, Fräulein von Klitzling, sehr gewählt und selbstbewußt, und das Brautpaar, überstürzt mit einer gewissen Be­klommenheit.

Die beiden jungen Menschen sahen sich auch nicht an, wenn sie von den Vorbereitungen zu ihrer Hochzeit sprachen.

Rose Marie konnte es nicht, und Karl Heinz wollte es nicht. Er wußte ja sehr genau, wie das blasse, stille Antlitz neben ihm dabei aussah, unglaublich jung und verängstigt.

Manchmal zuckte eS an seinen Fingern, wenn er die zum modernen Krönlein hochgesteckten Flechten über der Kinderstirn sah. Er hätte sie brutal und gewaltsam herunter­reißen mögen, links ein Zöpflein, rechts ein Zöpflein . . . »Da... so paßt's besser zu deinen 18 Jahren! Lache doch, Mädel, und wehre dich meiner spöttischen Ueberlegen- Heit; hast ja recht dazu, Komtesse Rose Marie!" . . .

Sie wehrte sich nicht, Sie lächelte, wenn es die andern taten und wenn man gerade von amüsanten Dingen sprach. Sie war vorzüglich erzogen, das Muster eines Grafenkindes. Sie nahm ihr Verlöbnis hin wie alles, waS man bisher

über sie bestimmt hatte. Sie begriff wohl kaum, was das war:verlobt sein."

Der junge Offizier wurde toll und nervös dabei und vergaß ihre knospende Lieblichkeit, die ihn zuerst so zu ihr hingezogen hatte. Ihre Lippen bewegten sich nie. wenn er sie küßte, ihre Arme hatten sich noch niemals gegen ihn er­hoben in haltloser Leidenschaft.

Seine eigentlich auch noch nicht. Er hatte eS noch gar nicht versucht. Auch war er in den zwei Monaten seiner Verlobung noch kein einzig Mal so allein mit ihr gewesen, daß er daS hätte tun können. DaS zarte, kleine Komteßchen wurde wie eine Treibhausblume behütet, und ihre Seele schien wie von durchsichtigen Glaswänden unverhüllt in Klarheit und Wahrheit vor jedermann offen zu liegen.

Manchmal war Karl Heinz nach dem Mittagsmahle mit der Braut in irgend einen entlegenen Raum der Villa ge- lausen, nur um sie zu küssen, nur um sie aufzurütteln aus dem Gleichmaß dieser Stunden.

Jedesmal war sie erschreckt zurückgezuckt.

Ich glaube, Fräulein kommt .... laß mich loS, Karl Heinz!"

Und Fräulein von Klitzing, die ewig Herumspionierende, war auch sicher gleich daraus da.

Aber Sie wissen doch, meine liebe Rose Marie, die Frau Gräfin hat diese unpassenden Absonderungen entschieden verboten ..."

Und daS natürliche Interesse an der Braut, die man ihm schon in früher Jugend zur Gattin bestimmt hatte, wurde geringer, kälter . . .

Zum Schlittschuhlaufen auf dem Grunewaldsee ließ man daS Brautpaar sonderbarerweise allein gehen.

Umringt von ihren Freundinnen und feinen Kameraden, lief man da ein bis zwei Stündchen, lachte, scherzte genau so harmlos, wie die andern eS taten, um in der Dämmer­stunde durchsroren und hastig wieder heimzukehren.

Und dann riß Karl Heinz aus. Er glaubte, sonst in den heißen, schwülen, kostbaren Zimmern, in denen der Tee

I genommen wurde, ersticken zu müssen. Er fuhr nach Berlin zurück, stürzte sich in den Strudel der Großstadt und vergaß bis zum nächsten Wiedersehen das blaffe, scheue Komteßchen, | das seinen Ring am Finger trug.

Als er am heutigen Donnerstag nach Grunewald herau-- gekommen war, gab's Tauwetter.

Ein starker, warmer Wind, durchbrauste die Landschaft, riß hier ein Stückchen Schnee und dort ein Stückchen Eis auseinander und deckte Gras, Kräuter und Moos am Boden so geschwind aus, daß die nassen, grünen Streifen wie junge? FrühlingSland erglänzten. Die langentbehrte Sonne war auch da. Ihre Lichter flossen wie Freudenfeuer über das unsichtbare Werden in der Natur . . .

Das regte Karl Heinz auf. Dieser klingende Sturm riß auch an ihm und weckte tausend heiße Wünsche in ihm auf.

Er war schweigsamer als sonst bei Tisch, und er ging noch weniger als sonst auf die bevorstehenden Hochzeit-- Vorbereitungen ein. Nur von dem schweren Wein trank er mehr, und als er das geleerte Glas der Braut neben seinem vollen stehen sah, goß er der Widerstrebenden trotzig zum zweiten Male ein.

Vor den Fenstern draußen bogen sich ächzend die Bäume im Garten, und an dem buntfarbigen Glase tropfte der ge­schmolzene Schnee im lustigen Klippklapp hernieder.

Ich kann nicht mehr trinken, Karl Heinz!"

Seine Augen blitzten herausfordernd in ihre erschreckten.

Du mußt schon, wenn ich dir eingeschenkt habe!"

Sie gehorchte.

DaS ärgerte ihn.

Wie ein gut erzogene- Kind", dachte er, ihr schmale- feine- Gesichtchen betrachend, über das sich jetzt lichte Röte hinzog.Mach Schluß, Karl Heinz, eS ist deiner unwürdig, um schnödes Gold, um gräflich Blut allein diese Ehe einzugehen. Sag'- ihr, daß sie sich nicht mehr