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herrMer Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8

Nr. 41.

Donnerstag, den 6. April

1911.

Amtlicher teil.

HerSfeld, den 4. April 1911.

Den Ortsvorständen gehen in diesen Tagen die Benach- richtigungSschreiben über die Einkommen- und Ergänzung-steuer- Veranlagung zu.

Ich ersuche zu veranlassen, daß die Z u st e l l u n g e n umgehend erfolgen. Wo die auf der ZustellungSverfügung festgesetzt« Frist von 5 Tagen überschritten wird, ist über die Gründe, die dies veranlaßten, zu berichten.

Der Vorsitzende der (Einkommensteuer« Veranlagungs-Kommission:

Nr. 1017. von GruneliuS.

nichtamtlicher teil.

Der deutsche Militärrundflug

ist am Sonntag glücklich beendet worden. Oberleutnant Erler und Leutnant Mackenthun sind mit ihrem Albatros-Zweidecker am Sonntag abend, von Braunschweig kommend, wo sie am Sonnabend nachmittag eingetroffen waren, wieder aus dem Döberitzer Felde bei Berlin angelangt.

Sonntag gegen 63A Uhr begaben sich die beiden Osfizier- piloten in Braunschweig im Automobil nach der Landungs- stelle aus dem Großen Exerzierplatz. Kurz nach 7 Uhr erhob sich der Apparat mit den beiden Fliegern und schlug zunächst eine etwas südliche Richtung ein. Wegen dichten Nebel- mußte Vormittag- 9 Uhr 50 Minuten beim Dorfe Miesterhorst im Kreise Gardelegen eine Zwischenlandung vorgenommen werden. Um 10V2 Uhr langten dann die Flieger in Stendal an. Am Nachmittag 5V* Uhr traten sie dort dann die letzte Wegstrecke an und landeten Abends 7 Uhr 5 Minuten auf dem Döbe- ritzer Felde. Den Fliegerschuppen erreichten sie nicht, da sie der Gewitterböen wegen schon an der Westgrenze des Feldes landen mußten.

Die Ankunft schildert derSag" wie folgt: ES ist 6 Uhr Abends. Soweit das Auge das Döberitzer Gelände überblickt, sieht es den-Himmel von dunklem Gewölk umspannt. Ueber das Feld streicht böig der Wind und von Zeit zu Zeit durch, zuckt eS das Gewölk. Ein Gewitter ist im Anzüge. Vor dem Schuppen des Flugfeldes steht eine Gruppe von Offizieren. Im Mittelpunkt der Gruppe bemerkt man den Inspekteur der Verkehrstruppen, Generalleutnant v. Lyncker, mit den Herren seiner Stabes. Von den in der Flugtechnik erprobten Ossi- zieren dürste keiner fehlen. Sie sind im eifrigen Gespräch mit einer Dame, der Mutter deS Leutnants Mackenthun. Sie hat den Siegesflug ihres Sohnes klopfenden Herzen- verfolgt und erwartet den Piloten jetzt am Endpunkt der Fahrt. Mit Sorge wird der Horizont betrachtet. Von Westen her müssen die

Frühlings Erwachen.

Skizze von E lse K ras st.

(Schluß.)

Vor seinen prüsenden Blicken wurde sie noch röter.

Wohin willst du? Warum biegst du denn ab? Da geht'S ja hinein in den Wald nein, Karl Heinz, das dürfen wir nicht!"

Er nahm nun doch ihren Arm.

Unsinn dürfen nicht! Tu mir den einzigen Ge- sallen und sei nicht immer so ängstlich. Ich will in den Wald! Und wenn du nicht mit mir gehst, so wandere ich eben allein weiter!"

Sie zuckte einen Augenblick unschlüssig zurück. Dann aber, als sie die Waldbäume vor sich sah, die frischen Moos- flächen, alle- wie neuverjüngt in ihren grünen, glänzenden Gewändern, schritt sie weiter.

Zur Seite lag der zugefrorene See, auf dem sie sonst Schlittschuh gelaufen waren. DaS dünne EiS knackte, hatte große Risse und Blasen bekommen, am Ufer entlang drängte sich glucksend das Wasser unter der kristallenen Fläche hervor.

Ein paar Krähen zankten sich am Wege und über- schrien daS Spatzenkonzert im Buschwerk. Von den Schießständen kam in langanhaltendem Echo ein dumpfes Knattern herüber, und die nahen Kiefern strömten einen Duft aus, als ob die Sommerjonne über ihren Häuptern brannte.

Rose Marie atmete mit leichtgeöffneten Lippen diesen Duft wie einen unerwarteten köstlichen Trank ein. War daS schön, dieses stumme Wandern mit Karl Heinz! Nein, das konnte kein Unrecht sein, wie die andern daheim er- zählten.

Er beobachtete den Wandel in dem Antlitz der Braut. Mitten aus dem ersten Waldwege blieb er stehen.

Ich muß dich mal etwas fragen, Rose Marie, ehe wir weiter gehen. Al- du dich Weihnachten mit mir verlobtest warst du da glücklich?"

Flieger kommen. Dort zeigt sich der Himmel noch ein wenig licht, aber vom Süden kommt es bereits grollend herüber. DaS Gewitter ist also schon in nächster Nähe, und auch der Aeroplan muß eS sein. Wo westwärts zwischen Abendschatten und Gewölk die lichteren Stellen sich zeigen, taucht jetzt ein dunkler Punkt auf, der sich mit lebhafter Schnelligkeit bewegt; er wird größer und größer. Die Offiziere eilen aus Frau Mackenthun zu und beglückwünschen sie. Da, ein stärkere- Rollen der Donner-, ein scharfer Blitz, und plötzlich ist der Aeroplan verschwunden. Was ist geschehen? Ist dem kühnen Piloten so dicht dem Ziele ein Unglück zugestoßen? Drei Automobile eilen sofort hinzu; aber man findet keine Verun- glückten. Die beiden Flieger waren trotz deS Gewitter- und böiger Winde glatt gelandet und lachend kommen sie den Kameraden entgegen und führen sie zu ihrem Zweidecker. Dann meldete sich Leutnant Mackenthun in streng militärischer Haltung bei seinem Chef zurück, und danach begrüßte der Sohn seine Mutter. Daraus erstattete er Generalleutnant v. Lyncker Rapport über seine Fahrt, und rückhaltlose Anerken­nung ward ihm und Leutnant Erler zu teil. Der General betonte, daß die beiden Offiziere die ihnen gestellte Aufgabe genau befolgt und glänzend gelöst hätten.

Leutnant Mackenthun hat mit seinem Kameraden Ober­leutnant Erler seine Aufgabe glänzend gelöst. DaS Ziel Bremen über Hamburg war ihm festgesetzt. Für den Flug BremenBerlin war Leutnant Mackenthun kein bestimmter Weg vorgezeichnet, er konnte die Etappen frei wählen. Auch war er an keine Zeit gebunden. Hervorzuheben ist, daß es ihm gelungen ist, seinen Apparat unbeschädigt zurückzubringen.

Der Flug der beiden Offiziere steht in der Geschichte der deutschen Aviatik beispiellos da. Diese Leistung ist um so anerkennenswerter und glänzender, alS bisher über die Tätigkeit der deutschen Militärpiloten wenig in die Oeffentlichkeit ge­drungen war. Erst der Flug deS Leutnants Mackenthun nach Magdeburg und der deS Leutnants Foerster nach Frank­furt a. O. haben gezeigt, daß die deutsche Armee Flieger be­sitzt, die hinter den französischen Osfizierpiloten nicht zurückstehen. Der Flug durch Norddeutschland hat bewiesen, daß unsere Ossiziere heute bereit- im stande sind, größere militärische Auf­gaben zu lösen. Vor allem aber muß die glänzende Orien- tierungSsähigkeit der beiden Herren anerkannt werden. Nur mit Hülfe deS Kompasses und der Karte, ohne Wegweiser haben sie die 650 Kilometer lange Strecke durchmessen und nicht ein einziges Mal haben sie sich, trotz deS Sturmes, dem sie zweimal auSgefetzt waren, verirrt. Der Flug Leutnant MackenthunS und Oberleutnants Erler ist unzweifelhaft dem großen Rundflug durch Ostfrankreich an die Seite zu stellen, den er in mancher Beziehung sogar übertrifft.

Reichstag.

Der Reichstag erledigte am Montag zunächst daS ReichS- besteuerungSgejetz, welches die kommunale Steuerpflicht der

Sie lachte unfrei.

Ich denke doch wohl, Karl Heinz. Sie sagten es ja auch alle."

Was sagten sie denn?"

Daß «S ein Glück wäre, daß gerade du und ich . . ." sie stockte vor seinem flammenden Gesicht.

Ach so darum? Und sonst hast du weiter gar nicht- dabei gefühlt?"

Sie schüttelte ängstlich den Kopf.

Ich ich war nur froh, ich kann dir daS natürlich nicht so sagen, Karl Heinz!"

Warum nicht?"

Sie antwortete nicht. Sie grub ihren Fuß krampf­haft in den weichen, feuchten Boden ein und sah ihn nicht mehr an.

Laß sie lausen," kam eS jäh in dem Manne hoch,sie gehört dir ja gar nicht, sie weiß ja gar nicht, war da- ist: sich gehören."

Er nahm so heftig ihren Arm, als müßte er sie gewalt­sam aus ihrer Bersunkenheit herauSzerren. Und gerade, als er sie ganz zu sich herumgedreht hatte, taumelte sie zurück. Ihr Blick weitete sich, sah starr in den Waldweg hinein und blieb an einer Stelle unter dichtem Tannengebüsch hasten, alS ge- schähe da etwas Entsetzliches.

Er sah sich um. In einer Entfernung von 50 Schritt stand weltvergessen ein junge- Paar. DaS Mädel hatte ein vertragene- Krimmerjäckchen an, einen blauen, billigen Hut auf und ein dünne-, schwarzgrauer Röckchen mit roter Borte an. Der Mann, ein kräftiger, hübscher Bursche, anscheinend dem Arbeiterstandc angehörend, küßte daS Mädchen. Sie sahen und hörten nichts von ihrer Umgebung; der FrühlingS- sturm riß an ihnen im tollsten Brausen, und der geschmolzene Schnee aus den Bäumen tropfte taktmäßig auf ihre vereinten Köpfe. Sie wußten eS nicht, sie küßten sich so, daß der junge Offizier unwillkürlich auch noch die andere Hand der Braut nahm und sie mit sich sortzog.

Eine ganze Weile liefen beide stumm und aufgeregt im Walde vorwärts, bis sie atemlos wieder stehenblieben.

R ichSbetriebe einführt, in dritter Lesung. Nach kurzer De­batte wurde das Gesetz mit einem von Leiten der Fort­schrittlichen Volkspartei gestellten Abänderungsantrage auf anderweitige Berechnung der EntschädigungSpflichten deS Reiches an die Gemeinden definitiv angenommen. ES folgte die dritte Etatslesung, eingeleitet durch eine nochmalige GeneraldiSkussion, in der jedoch lediglich der Sozialdemokrat Ledebour daS Wort nahm. Er behauptete in seiner etwa zweistündigen Rede, daß in der Behandlung der parlamen­tarischen Geschäfte deS Reichstages allmählich anarchistische Zustände eingerissen seien, polemisierte deshalb gegen die Regierung und verbreitete sich weiter über die AbrüstungSrede des Reichskanzlers, daS Handelsabkommen zwischen der Union und Kanada, wetterte gegen den Kapitalismus und zog über die Zustände in den russischen Gefängnissen her. In der sich anschließenden Spezialberatung wurden debattelo- die Etats deS Reichstages, der Reichskanzlei und des Reichs­kanzlers genehmigt, während der Etat des Auswärtigen AmteS eine desto längere Auseinandersetzung verursachte. In ihr spielte namentlich die Handhabung der Fremdenpolizei eine Rolle, da die Abgeordneten David (Soz.) und Dove (Fortschr. VolkSp.) behaupteten, daß hierbei unerhörte Schi­kanen von Durchreisenden vorkämen, welcher Auffassung Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter entgegentrat; auch die Ab­geordneten Hormann (Fortschr. Bolksp.) und Arendt (ReichSp.) griffen in diese DiSkusiion ein. Auch die vom Abgeordneten Ledebour zur Sprache gebrachten Ausweisung eines russischen Untertanen, der Jahrzehnte lange in Berlin gewohnt hatte, aus Deutschland tief eine ziemlich lebhafte Debatte hervor. Nach Bewilligung deS Etats des Auswärtigen Amtes kam der Etat des Stetes u.L» des Innern an die Reihe. Die Debatte hierüber, in welcher Vertreter der verschiedenen Par­teien sprachen, füllte die gesamte übrige Sitzung auS. Schließ­lich gelangten der gesamte Etat und die hierzu auS dem Haufe eingebrachten Resolutionen zur Annahme.

Der Reichstag erledigte am Dienstag Petitionen, die von der Commission alS ungeeignet zur Erörterung im Plenum erklärt worden sind, und setzte dann die dritte Beratung deS Etats beim Militäretat fort. Die meisten Redner beschäftigten sich mit der Frage der kleinen Garnisonen, fast durchweg unter Nutzanwendung auf einzelne Orte. Der Kriegsminister von Heeringen erklärte die geäußerten Wünsche für begreiflich; wenn er lediglich seinem Herzen folgen könnte, würde er sie erfüllen. DaS gehe aber leider im öffentlichen Leben nicht an. Aus eine Anregung deS Abg. Dr. Brunstermann (ReichSpaltei) erklärte Generalmajor Wandel, daß die Militär­verwaltung den Soldaten nach Möglichkeit Ernteurlaub er­teilen werde, soweit sich die entgegenstehenden Schwierigkeiten überwinden lassen.

Es folgt der Marineetat. Dabei hielt der Sozialdemokrat Severing eine Rede, in der er aus die Besichtigung der Wersten durch Abgeordnete zurückkommt. Er wird dabei vom Vizepräsidenten S ch u l tz wiederholt zur Ordnung gerufen

Karl Heinz konnte jetzt nicht anders, er mußte lachen, alS er daS verstörte Mädchenantlitz neben sich sah.

Hast du dich so furchtbar entsetzt, kleines Mädchen?"

Sie schüttelte den Kops.

Nein, nur wwas war denn daS, Karl Heinz?"

Er zuckte die Achseln.

WaS weiß ich! Du sahst eS ja! Zwei, die sich liebten", meinte er leichthin.

Zwei die sich liebhaben? Und die gehen hier in den offenen Wald und küssen sich vor allen Menschen?"

Er lachte noch mehr und noch spöttischer.

Vor allen Menschen, ist gut! Du und ich und nur die Bäume haben'- gemerkt. Es war wohl daS erstemal, daß du so etwa- gesehen hast,?"

Sie nickte rasch und lief wie gejagt von ihm fort. Wie eine Flucht sah daS ja auS.

Rose Marie!"

Sie drehte sich nicht um vor seinem erschreckten Ruse. Ihr war, als sei sie urplötzlich verzaubert, als sei mit dem Bilde, daS sie soeben im Frühlingssturme gesehen hatte, ein neues Wesen über sie gekommen, süß und schrecklich zu gleicher Zeit.

Er holte sie aber doch ein. Er hielt sie jest, bog ihren Kops zu sich herum und sah, daß sie weinte. Krampfhaft, lautlos, geradeso, als ob sich ein Bann in dem Mädchen be­freien wollte.

Den Mann durchzuckte eS gewaltsam.

Wenn du mich liebhättest, Rose Marie, wenn du mich vielleicht doch liebhättest, wie ich eS brauche?" fragte er erschüttert.

Sie nickte leidenschaftlich.

Ich hab- doch, Karl Heinz! Ich Habs doch eben da da drüben im Walde erst gewußt."

Und nun ging eS wirklich nicht ander-. Der Gras küßt« sein kleine-, zur Liebe erwachtes Komteßchen genau so un- schicklich imoffenen Walde", wie vorhin der kecke Bursche sein Mädel.