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Herrselder Kreisblatt
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 61.
Donnerstag, den 25. Mai
1911.
Amtlicher teil
HerSseld, den 19. Mai 1911.
Den Herrn OrtS- und Gutsvorstehern des Kreises werden in den nächsten Tagen die Karten über die diesjährigen Anbau-Ermittelungen zugehen. Die Karten sind sorgfältig auSzusüllen, und eine derselben ist mir bis spätestens zum 1. I u n i d. I s. zurückzusenden. Ich erwarte, daß der Termin genau eingehalten wird.
L 6139. Der Landrat.
I. «.:
Wessel, Kreissekretär.
nichtamtlicher teil.
Himmelfahrt.
Das Fest der Himmelfahrt spricht zu den Herzen der Gläubigen mit einer ganz eigentümlichen Kraft. Die Welt des Jenseits, der geheimnisvolle Hintergrund, den unser Sinn hinter dem gesamten irdischen Dasein ahnt, tritt unS an diesem Feste als die greifbare Wirklichkeit machtvoll vor die Seele, und unsre Herzen werden durch die Gewißheit erhoben, daß wir eine himmlische Heimat haben, ein Haus deS VaterS, in dessen vielen Wohnungen auch uns die Stätte des Friedens bereitet ist. Der sinnliche Mensch mag an der äußerlichen Vorstellung Anstoß nehmen, wie der Heiland vor den Augen seiner Jünger gen Himmel aufgeschwebt ist; der Glaube erblickt in diesem Bilde nur die augenfällige Bekräftigung der geistigen Tatsache, daß unser Heiland in die Herrlichkeit zum Vater eingegangen ist und die Gewalt empfangen hat über Himmel und Erde. Mit dieser Tatsache aber ist unS die andre untrennbar verknüpft, daß wo er ist, auch seine Diener sein sollen, und daß wir alle, die wir Christo angehören, unser Gemeinwesen im Himmel haben.
Die liebliche Jahreszeit, in der wir daS Himmelfahrtsfest begehen, legt wohl dem empfänglichen Gemüte die Empfindung von selbst nahe, die unS über den Jammer und die Bedürftigkeit deS Erdenlebens hinweg in ein Reich der Freude und der Befriedigung tragen. Scheint eS nicht als stehe in dieser Zeit der Himmel offen und lasse aus die empfängliche Erde Segen über Segen strömen? Vertreibt nicht die strahlende Sonne alle Reste der winterlichen Unbilden und lockt überall neues, frisches und verheißungsvolle- Leben hervor? Wie sollte da nicht auch in unserm Innern die Hoffnung aufwachen: nun, armes Herz, nun sei nicht bang, nun muß sich alles, alles wenden! Aber in alledem ist uns nicht mehr als ein Gleichnis deS wahren Lebens gegeben, danach wir verlangen. Innerhalb unseres natürlichen Daseins bleibt schließlich doch die Scheidung zwischen Himmel und Erde, daS Gesetz der Vergänglichkeit und die Bitterkeit deS Scheiden-
Der l)immelfahrt$$egen.
Von K. von Linz.
Die eifrig lesende Greisin hob ihre Augen von dem HimmelsahrtSevangelium und richtete sie mit einem so grenzenlosen Ausdruck des Erstaunens auf die alte Dienerin, daß diese ihre Meldung wiederholte:
„Frau Doktor ist soeben gekommen und läßt fragen, ob die Frau Großmama schon zu sprechen wäre."
„Natürlich bin ich daS," sagte die alte Frau lebhaft . . „aber ich verstehe nicht . . . Doktor- hatten doch die kleine Himmelfahrtserholung ganz fest vor."
Frau Doktor Lienhardt trug heute, gegen ihre sonstige Gewohnheit, einen sehr dichten Schleier vor dem hübschen Gesichtchen. AlS sie ihn zurückschlug, merkte die Greisin, warum er nötig gewesen. Zwei von langem Weinen gerötete Augen sahen ihr trauervoll entgegen.
„Was ist geschehen, Liesel?" fragte die alte Dame angstvoll; „ist dein guter Mann etwa plötzlich erkrankt?"
Die kleine Frau schluckte ein paarmal heftig, ehe sie antworten konnte. Dann sagte sie kaum verständlich:
„O nein . . . meinem . . . guten Mann geht es vortrefflich ! Der Koffer war auch bereits gepackt und die beiden Billette gelöst ... da verschlimmerte sich der Zustand deS alten Fräuleins Fiedler, und mein Mann erklärte, daß ihm ein Vergnügen auf Kosten eines hilflosen Patienten all eine der ärgsten Pflichtverletzungen erscheine . . . ."
Die Greisin richtete ihre Gedanken zurzeit nur auf die ihr Wohlbekannte. „Sie muß weit über achtzig Jahre zählen," sagte sie leise, „und hatte seit zwanzig Jahren eine besondere Liebe und Anhänglichkeit für deinen Mann."
„Die in der letzten Zeit geradezu in Tyrannei auSgeartet ist." setzte Frau Lienhardt hinzu. „Besonder- gern erwählt sie sich die Nacht für die Beweise ihrer starken Zuneigung. Schon mehrmals schrillte die Klingel uns um 2 Uhr aus dem tiefsten Schlaf . . . und immer läuft Georg mit der gleichen Bereitwilligkeit zu ihr."
unausweichlich in Geltung. Ach, der Himmel über mir will die Erde nicht berühren; und daS Dort ist niemals hier! Den Weg zum Himmel weist unS nicht die Natur, sondern der Geist unseres Herrn.
Wo ich hingehe, das wißt ihr; und den Weg wißt ihr auch. So spricht der Herr zu seinen Jüngern. Für unS ist daS HauS deS VaterS nicht ein blasser Traum, ein Gegenstand der sehnsuchtsvollen Ahnung. Wir missen, wohin der Heiland gegangen ist, der da spricht: „Ich bin ausgegangen vom Vater und kommen in die Welt; wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater." Denn wir sehen in ihm die Kräste der obern Welt wirksam, wir vernehmen von ihm die Worte deS ewigen Lebens, wir empfangen von ihm die Wohltat der göttlichen Liebe, wir schauen durch ihn in die Tiefen der Gottheit und begreifen den Gnadenratschluß, in dem wir erwählt worden sind, ehe der Welt Grund gelegt war. Die Ewigkeit ist mit Christo für aller Menschen Augen sichtbar in der Zeit erschienen, und darum können wir aus den Fels der Ewigkeit uns mit völliger Gewißheit gründen: wir wissen wohin JesuS gegangen ist.
Und den Weg wissen wir auch. ES war der Weg deS Kreuzes, deS Opfers, deS Sterbens; darum war eS der Weg deS Siege-, deS Gewinner und deS Lebens. Die bittersten Gegensätze in der Wirklichkeit werden geeint und versöhnt durch die eine himmlische Kraft, die niemals dahinsällt, auS der alles Leben quillt und in die aller münden soll, die Liebe Gottes. Diese Liebe GotteS, die sich selber in ihrem eingeborenen Sohne darangibt, unS zu sich zurückzuführen, ist in des Heilandes Fleischwerdung, in seinem Leiden, Sterben und Auserstehen unS geschenkt und zum Heil geworden. In ihr ist unS der Weg zum Himmel geöffnet. Wir wissen den Weg, sollten wir ihn zu beschreiten zögern? ES gilt in der Liebe, die alles trägt und aller opfert, alles glaubt und alles überwindet, daS irdische Leben zur Schule für den Himmel zu machen, und durch den Geist von oben den Wandel hinie- den zu heiligen und zu verklären. Möge auch daS diesjährige Himmelfahrtsfest dazu mitwirken, daß wahre christliche Gesinnung immer tiefere Wurzeln in uns schlage und mehr und mehr zur herrschenden Macht auf Erden werde.
Reichstag.
Der Reichstag führte am Montag zunächst die zweite Lesung der ReichSversicherungSordnung zu Ende. ES war noch daS 226 Paragraphen enthaltende sechste Buch, daS vom Verfahren usw. handelt, zu erledigen, doch ging auch diese Beratung förmlich im Eilzugstempo vor sich; die Paragraphen deS sechsten Buches wurden im wesentlichen in der Komissions- sassung unter Ablehnung aller sozialdemokratischerseitS gestellten Abänderung-anträge, jedoch hie und da mit von konservativer Seite beantragten Abänderungen, gutgeheißen. Die namentliche Abstimmung über § 1341 (Genehmigung von WohlfahrtS- einrichtungen durch die Aufsichtsbehörde) der ReichSversicherungS-
„Er ist Arzt, mein Kind — dar sei dir Erklärung genug."
„WaS aber habe ich von all dieser großen HerzenSgüte!" empörte sich Frau Liesel weiter; „den ganzen Tag hetzt er sich ab, und der Verdienst...... Großmutter, ich bin gewiß von dir anspruchslos erzogen, aber wie ich mich einrichten und kümmern muß, daS ist wirklich schon unerträglich. Sobald einer mehr als vier Kinder besitzt und reichliche Tränen zur Verfügung hat, macht mein Mann eine großartige Handbewegung und sagt: „Ich behandele Sie natürlich umsonst ... wo fehlt'- denn?"--Und ich muß immer und ewig in diesem elenden Nest alleinsitzen. Erhalten wir eine Einladung und habe ich mir glücklich ein altes Gewand au- der Mädchenzeit anständig zurechtgemacht, sagen wir gewiß im letzten Augenblicke ab, weil die Achtzigjährige oder ein unartiger Schreihals nach Georg Sehnsucht hat.--Wie habe ich mich unter diesen Umständen aus die HimmelfahrtSreise nach DreSden gefreut . . und nun ist'- wieder nichts!"
„Sei verständig, Liesel . ."
„Ich mag aber nicht mehr. Weißt du, Großmutter . . . ich käme am liebsten wieder zu dir zurück."
Die Greisin erschrak heftig.
„Mit solchen Sachen darfst du nicht fcherzen--"
„Ich scherze auch nicht. Georg liebt mich nicht mehr. Darum bin ich auch so furchtbar unglücklich. Sage offen, ob er das kann, wenn ihm selbst der geringste Patient vorgeht. Ja, wäre er der einzige Arzt an diesem Ort . . . Aber Doktor Bender vertritt ihn doch gern. Darum ist es also lediglich Eigensinn. Gestern abend, al- er mir eröffnete, daß diese Reise ausgegeben wäre, war ich so außer mir, daß ich an Fräulein Fiedler den wahren Grund schreiben und sie bitten mußte, doch für ein paar Tage mit Georg- Vertreter sürlieb zu nehmen . ."
„Und antwortete sie dir?"
„DaS hatte ich garnicht erwartet. Nur als Karl darauf von ihr kam, erzählte er obenhin: daß Fräulein Fiedler jetzt plötzlich aus freien Stücken in die Fortsetzung ihrer Behandlung durch den Kollegen gewilligt habe. . . Trotzdem aber fei
ordnuug blieb vorläufig zurückgestellt. ES folgte die erste Beratung deS deutsch-schwedischen Handelsvertrages nach, an welchem wegen seiner für Deutschland vielfach nicht sonderlich günstigen Bestimmungen von den Abgeordneten v. Vollmer (Soz.), Rösike (Bund d. Landw.) und Dr. Werner (Wirtsch. Vereinig.) eine abfällige Kritik ausgeübt wurde. Die Abgeordneten Speck (Zentr.) und Dr. Stresemann (nat.-lib.) erklärten, daß ihre Fraktionen sich ihre Stellungnahme zum Handelsverträge mit Schweden noch vorbehielten. Diese Debatte wurde kurze Zeit unterbrochen, um dem Haufe Gelegenheit zu geben, nunmehr die Abstimmung über § 1341 der ReichSversicherungSordnung nachzuholen. Der Paragraph wurde mit 184 gegen 95 Stimmen in der Kommission-fassung angenommen. Dann gab Präsident Gras Schwcrin-Löwitz der Teilnahme deS Reichstages an dem schweren Unglück auf dem Flugplätze zu Jssy-les-Moulineaux, bei welchem der französische Kriegsminister Berteaux getötet und der Ministerpräsident MoniS schwer verwundet wurden, warmen Ausdruck. Schließlich verwies daS HauS den deutsch-schwedischen Handelsvertrag an eine Kommission. Am Dienstag trat der Reichstag in die zweite Lesung der elsaß-lothringischen Verfassungsvorlage ein. — Der Gesetzentwurf über die Pensionsversicherung der Privat- beamten ist jetzt dem Reichstage zugegangen. Die an dem Entwürfe in feiner jetzigen Fassung im Vergleich zu dem schon längst veröffentlichten früheren Entwurf vorgenommenen Abänderungen sind nicht allzu einschneidender Art.
Schiffbauprobleme.
Bekanntlich sind zwei deutsche Kriegsschiffe der Brandenburgklasse an die Türkei verkauft worden. Es handelte sich um die Linienschiffe „WUßenburg" und „Wörth , 5h ^m die Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts vom Stapel gingen, damals als erstklassige Schlachtschiffe galten und nun in 15 Jahren vollkommen veraltet sind. Veraltet in dem Sinne, daß sie gegen die modernen Schlachtschiffe, gegen die neuesten „Dreadnoughttypen" als ernste Waffe nicht mehr in Betracht kommen. Wie bedeutende Werte sie trotzdem noch repräsentieren müssen, das geht wohl am besten auS dem Umstände hervor, daß die Türkei für jedes dieser Schiffe die bedeutende Summe von 10 Millionen Mark bezahlt. Für die Zwecke der Türkei, d. b. für die absolute Beherrschung der Gewässer an den türkischen Küsten gegenüber etwaigen Rebellen und auch gegenüber den Schiffen der angrenzenden Kleinstaaten find jene alten deutschen Schlachtschiffe in der Tat noch über und über ausreichend.
Ein Laie könnte nun meinen, daß diese Schiffe auch für die deutsche Marine immer noch Wert haben, daß sie in einer Seeschlacht doch schließlich mit ins Gewicht fallen. Diese Meinung ist aber irrig. Der Seekampf ist heut mehr denn je eine Frage der Technik, und in der Technik heißt es mehr als anderswo: entweder — oder. Man stelle. sich eine römische Legion, nur mit Wurfspießen und kurzen Schwertern
kein Gedanke an sein Verreisen, denn er wisse genau, daß seine Gegenwart allein schon ihre Schmerzen lindere . ."
Die Greisin atmete schwer.
„Ich verdamme dich nicht wegen deines Zornes, mein Kind, denn ich habe Aehnliche- durchkämpfen müssen wie du!"
„Du willst mich nur trösten, Großmutter . ."
„Nein, weh will ich mir tun, um dir zu helfen . . . Was ich mit ins Grab zu nehmen gedachte, will ich dir heute als Himmelfahrtsgabe in daS Herz legen. Höre mich an!
„Du weißt, dein Großvater war viel ält r als ich und ein gehaltener, stiller Charakter, während ich als wildes, unreifes Ding mehr vom Leben verlangte, als eS mir geben konnte. Tanzen und springen wollte ich beständig und war totunglücklich, als er, einer mir sehr unbedeutend erscheinenden Venenentzündung halber, einem großen Fest auf einem Nachbargut nicht beiwohnen wollte. Meine heißen Tränen rührten ihn. Mir zu Liebe quälte er sich die engen GesellschaftSschuhe aus den schmerzhaften Fuß — tanzte sogar, als ich nicht aufhörte, ihn darum zu quälen . . . und fünf Tage danach mußte ihm das rechte Bein abgenommen werden, — wie der Professor klipp und klar sagte, einzig infolge jenes durch mich veranlaßten Leichtsinns.---DaS hat mir, der damalS Zweiundzwanzigjährigen, auch in Jahresfrist das schneeweiße Haar gebracht, von dem du fo oft gehört hast . . .
Dein Fall liegt zwar ganz anders, Liesel! Aber auch dort steht ein Menschenleben im Vordergrund: und wenn du deinen Hang zu Tand und Vergnügen nicht beherrschen, ja zu ertöten verstehst, wird die Zeit kommen, wo auch ein Teil deiner Mannes ersterben muß. Seine Liebe für dich, die zurzeit noch in alter Stärke vorhanden ist . . ."
Die junge Frau begann zu zittern. Sie neigte die Stirn auf die welken Hände, die ihren Eigensinn in diesen Augenblicken zerbrochen hatten. „Glaubst du wirklich, Großmutter, daß er mich noch lieb haben kann?"
„Ja, mein Kind, des bin ich gewiß! Du ahnst ja gar nicht, wie er darunter leidet, daß er dir gegenüber noch vorläufig so sparsam und kleinlich sein muß. — — M aber hat er es geflößt! — Denke immer daran, Liesel, M du