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herrselder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 85,
Sonnabend, den SS. Juli
1911,
Die heutige Nummer umfaßt 8 Seiten.
Erstes Blatt.
Amtlicher teil.
Bekanntmachung.
Wegen des Neubaues einer Eisenbeton-KanalS im Zuge der HerSfeld—Vachaer Landstraße im Orte HeimboldShausen muß der Durchgangsverkehr auf der Landstraße ab Friede- Wald bis Mitte des OrteS HeimboldShausen auf die Dauer von IV2 Monaten vom 20. Juli ab gesperrt werden.
Es sind daher folgende Wegezüge in der Richtung von Vacha nach HerSfeld und umgekehrt zu benutzen:
1, Londwegestrecke Nippa—RanSbach—SchenklengSfeld—Mal- komeS—HerSfeld und umgekehrt.
2, Landwegestrecke HeimboldShausen—LengerS—WölferShaujen- Herfa—Friedewald—HerSfeld und umgekehrt.
Die AbsperrungSstrecke ist in Friedewald und HeimboldShausen durch Aufstellung von Tafeln kenntlich gemacht.
Hersfeld, den 18. Juli 1911,
Der Vorsitzende des Kreisausschusses:
A. 4656. von GruneliuS.
HerSfeld, den 18. Juli 1911.
Die Herren Bürgermeister und GutSvorsteher der Kreises, welche meine Verfügung vom 29. Juni 1880, I. 7680 — KreiSblatt No. 52. betreffend Einreichung der Verzeichnisse über die von P r i v a t Hengsten abstammenden Füllen, noch nicht erledigt haben, werden hieran mit Frist von 8 Tagen erinnert.
I. 8212. Der Landrat.
I. «.: Wessel, KreiSsekretär.
HerSfeld, den 18. Juli 1911.
Die Herren Bürgermeister und GutSvorsteher deS Kreises, welche meine Verfügung vom 15. April 1879 I. No. 4433 — KreiSblatt No. 31 — betreffend Versicherung der Feld- früchte gegen Hagelschaden noch nicht erledigt haben, werden mit Frist von 3 Tagen erinnert.
I. 8214. Der Landrat.
I. A.:
Wessel, KreiSsekretär.
Hersseld, den 18. Juli 1911.
Die Rotlaufseuche unter dem Schweinebestande deS Martin Möller in Meckbach ist erloschen. I. 8885. Der Landrat.
3 81 *
Wessel, KreiSsekretär.
Bekanntmachung.
In WehrShausen im Kreise HerSseld ist eine Telegraphenanstalt mit Unsallmeldedienst und öffentlicher Fernsprechzelle in Wirksamkeit getreten.
Cassel, 15. Juli 1911.
Kaiserliche Ober-Postdirektion. I. V.: B u ch h 0 l z.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Auch in der Politik herrscht hochsommerliche Stille, und so ist auch ohne besonderen Belang, was in der Presse über die ReichStagSwahlbewegung verlautet. Da muß denn der magerste Stoff für eine Polemik herhalten. Dieses Schicksal hat eine Aeußerung des ReichStagSprästdenten Grafen Schwerin-Löwitz über die Zentrumspartei gehabt, und eS bedurfte einer abermaligen persönlichen Kundgebung deS ReichStagSprästdenten, um das Selbstverständliche nochmals zu betonen, daß ihm eine Verletzung oder Herabsetzung deS Zentrums völlig fernlag. Die sogenannte Sauregurkenzeit hat auch bewirkt, daß Meldungen in der Preffe Aufnahme gesunden haben, die sonst wohl kaum Verbreitung gefunden hätten, so der an sich gut ersonnene Scherz, die Sozialdemo- kratie wolle mit zehntausend Grammophonen in den Wahl- kamps eingreisen, um ihre AgitationSredner durch einen Nor- malvortrag zu entlasten. Es sehlte nur noch die notwendige Erweiterung, daß auch der vorgeschriebene Beisall auf gleichem Wege hergestellt werden solle. Einigermaßen unterbrochen wird die sommerliche Stille durch den noch immer nicht zur Ruhe gekommenen Streit um den Hansabund, von dem sich noch nicht absehen läßt, wie er enden wird, ob er eine -.Reinigung" oder „Auslösung" bedeutet, und welche Macht Hansabund verbleiben wird.
Weniger still ist et dagegen in der BerichtSwoche in der auswärtigen Politik gewesen, in der für unS noch immer die M a r 0 k k 0 s r a g e im Vordergründe deS Interesses steht. Die iwischen Deutschland und Frankreich geführten Verhandlungen
haben ihren ruhigen Fortgang gehabt. Selbstverständlich ist die deutsche Regierung daraus bedacht, die wirtschaftlichen Vorteile, welche die Algesirasakte und das Casablanca-Abkommen von 1909 uns für ganz Marokko gewähren, wie die offene Tür, den beträchtlichen Anteil an den öffentlichen Arbeiten usw., möglichst zu erhalten und außerdem unS eine reichliche Entschädigung dasür zu verschaffen, daß durch daS willkürliche sranzösische und spanische Vorgehen die tatsächlichen Verhältnisse verschoben worden sind. DaS Eingreisen der deutschen Politik vor Agadir hat bewirkt, daß Frankreich bereit ist, eine solche Entschädigung zu gewähren, die an und für sich ebenso gut außerhalb Marokkos liegen kann wie in Marokko selbst, und eS wäre daher verkehrt, sie um jeden Preis nur in Marokko selbst suchen zu wollen.
In der Wiener Hosburg hat die feierliche Eröffnung des neugewählten österreichischen ReichS- r a t c s mit einer Thronrede deS greifen Kaisers Franz Joses stattgesunden. Der Eindruck, den die Thronrede machte, war allgemein günstig. Insbesondere wurde der Abschnitt über daS herzliche Verhältnis zu den verbündeten Regierungen, das in ungeminderter Herzlichkeit fortbestehe, mit donnernden Bravorufen begrüßt; bemerkenswert ist hierbei, daß auch die Polen beistimmten. Auch die Stelle über die Notwendigkeit deS AuSgleichS zwischen Deutschen und Tschechen in Böhmen wurde mit Beifall ausgenommen. Viel bemerkt wurde auch bei der Ankündigung der Wehrresorm des Kaisers, daß die schleunigste Verabschiedung derselben im Interesse der Gesamtheit liege. Man erblickt darin eine deutliche Verurteilung der ungarischen Obstruktion durch den Kaiser. Hoffentlich ist eS dem neuen ReichSrate beschieden, sich nicht, wie eS im vorigen der Fall war, in unfruchtbaren Zänkereien zu verlieren, sondern positive Arbeit zu leisten zuyl H^l». deS unS befreundeten und verbündeten Nachbarreichs.
In Albanien haben sich die zeitweilig nicht ungünstigen Aussichten auf Herstellung von Ruhe und Ordnung wieder getrübt. Eine große Zahl von Albanesen und Malissoren verhalten sich auch gegen die von der Pforte durch Vermittlung deS ErzbischofS von Ekutari angebotenen neuen Zugeständnisse noch immer ablehnend, weil sie noch immer auf Montenegros Hilfe hoffen. Sie stellen weitergehende Forderungen, die sie aber auS eigener Kraft schwerlich werden durchsetzen können. Auch wird kaum von dritter Seite eine so ernste Einmischung in die Verhältnisse des Ottomanischen Reiches erfolgen, wie sie notwendig wäre, um den Erwartungen der Albanesen zu entsprechen. Die Türkei hat inzwischen Vorsichtsmaßregeln getroffen, um einer etwa auS- brechenden stärkeren Bewegung gewachsen zu sein. Auch die näher beteiligten Mächte setzen ihre Bemühungen fort, damit der Friede nicht gefährdet werde.
Die Wirren in Persten haben eine unerwartete Wendung genommen. Nachdem die Ausständischen den abgesetzten Schah Mohammed Ali zum Herrscher proklamiert haben, ist dieser nach Perfien zurückgekehrt. Die Stärke der ihn begleitenden Schar ist zwar noch nicht bekannt, doch ist es zweifellos, daß er erheblichen Zulauf erhält, da die Zahl der Unzufriedenen in Persien außerordentlich groß ist. Die Furcht vor dem früheren Schah und dem Vorrücken Salar ed Dau- lehs haben inzwischen das Parlament und die Parteien geeinigt. Der Sepehdar bleibt Ministerpräsident und hat ein neues Kabinett gebildet, dem auch einige frühere demokratische Minister angehören. Die Verwirrung wird noch durch daS Auftreten eines falschen Schahs erhöht, der sich für den früheren Schah Mohammed Ali ausgibt und ebenfalls viele Anhänger gefunden hat. Nach dem, war gegenwärtig über die Zustände in Persien berichtet wird, muß man leider die Hoffnung ausgeben, daß es diesem alten Kulturlande jemals gelingen werde, sich zu einem geordneten StaatSwesen herauf- zuarbeiten. So zeigt sich auch in Persien wieder, daß in den orientalischen Ländern nur eine starke Regierung erfolgreich wirken kann, ein parlamentarisches System aber mit Notwendigkeit zum Chaos sührt.
Der Held von Graudenz.
Zum 100. Todestag deS Feldmarschalls Courbiere am 23. Juli.
Von Walter Steinweg.
Das Unwetter von 1806/7 hatte Preußen nicht nur politisch und militärisch, sondern auch moralisch an den Rand deS Verderbens gebracht. Gerade die festeste Stütze des Staates Friedrichs bei Großen, die Armee schien morsch bis aus den Grund zu sein und innerlich am gesährlichsten zu wanken. Nach der Schlacht bei Jena am 14. Oktober 1806 Übergaben sich die Festungen dem napoleonischen Heere feig bis zur Schimpflichkeit. Spandau. Stettin, Küstrin fielen fast ohne Widerstand und ohne Schuß. Ungehindert konnte der Feind sich nach Osten wälzen und ins Herz der preußischen Monarchie vordringen. Die königliche Familie hatte kaum Zeit richtig zu packen, so ängstlich und eilig wurde ihre Flucht betrieben.
Am 2. November 1806 war Friedrich Wilhelm III. mit seiner Gemahlin, der Königin Luise, und seinen Kindern in Graudenz zusammengetroffen. Hier soll vorerst daS Hauptquartier genommen werden. Die Versprengten deS Hose?
und des höheren Offizierskorps, unter ihnen der Prinz Eugen von Württemberg, der alte Köckritz, der Kriegsminister, hatten sich hier eingesunden, um die Fortsetzung deS Krieges zu beraten. Graudenz sollte der Prellbock sein, an dem sich die Franzosen bei ihrem Vordringen nach Ostpreußen stoßen sollten. Inzwischen wollte man die Armee sammeln und dem Feinde die Schmach von Jena heimzahlen. Wenn der König sich überlegte, wie die Kommandanten der westlichen Festungen schändlich ihr Wort gebrochen hatten, wie der Kommandant von Küstrin ihm in die Hand Gehorsam und Treue gelobt und ein paar Tage darauf 500 sranzösischen Chasseurs die Festung ohne einen Kanonenschuß überliefert, so mochte er es verlernt haben, in diesen Zeiten an die alte Zucht seiner vertrautesten Offiziere zu glauben. Gouverneur von Graudenz war seit dem Mai 1803 der alte 73jährige Courbisre. Jüngere als er waren der dämonischen Gewalt Napoleons erlegen und dazu in besseren militärischen Positionen alS er, denn die Festung Graudenz war jetzt in einem jämmerlichen Zustande. Aber der König sollte sich inen und sollte von dem alten Haudegen, der sich schon in deS Großen Friedrich Schlachten heldenhaft geschlagen hatte, wieder den Glauben an die Opserfreudigkeit seiner Armee befestigt erhalten.
Wilhelm Reinhardt Baron de L'Homme De Courbiere entstammte einer französischen AdelSsamilie, die mit den Hugenotten über Holland nach Preußen eingewandert war. Cr war am 23. Februar 1733 zu Mastricht in Holland geboten und hatte mit 14 Jahren bei Bergen op Zoom zum ersten Male im Pulverdampf gestanden. Bei Beginn des Siebenjährigen KriegeS war er in die Dienste des großen KönigS übergetreten. Die Belagerung von Schweidnitz 1758 und die Verteidigung von Herrnstadt gegen die Russen 1760 waren seine ersten Ruhmestaten. Er war erst 27 Jahre alt und schon Oberstleutnant. : e. der Belagerung von Dresden verlieh ihm Friedrich den Orden pour le merite. Nach dem Kriege stand er weiter hoch in der Gunst deS KönigS. 1771 wurde er Oberst, 1778 erhielt er als Zeichen persönlicher Gnade die Drostei Leer zum Geschenk, 1780 war er Generalmajor. Im selben Jahre durste er Friedrich aus besten schlefische Revue begleiten, und zurückgekehrt, mußte er dem großen Könige noch mehrere Tage in SanSsouci Gesellschaft leisten. Er war eine reckenhafte Erscheinung, sprach nicht viel, war karg in der Mitteilsamkeit seiner Empfindungen, aber feurig entflammt, wenn es zu handeln galt. Er war ein vorttefflicher Organisator, verstand es meisterhaft, Freibattaillone zu bilden und während des KampfeS die Truppen zufammen- zuhalten und neu zusammenzuraffen. Er hatte eine glänzende Begabung für die Uebersicht von Situationen. Seine Besehle geschahen kurz, aber immer sicher. Er war streng mit sich selber, eine echte Soldatennatur, der kein Hindernis das Erreichen deS Zieles verstellt. Dabei war er ein Charakter; fein Wort galt, und sein Handschlag war unzerbrechlich wie ein Eid.
Dieser General sagte nicht viel, als er am 9. November 1806 von Goldap her in die Festung Graudenz kam, um sie als Kommandant gegen den herandrängenden Feind zu übernehmen. Aber er sah umsomchr, denn kaum war er da, so begann sich die gänzlich nnwehrhaste Festung an allen Enden neu aufzubauen. Friedrich Wilhelm III. gab seinem General in allen Dingen vollkommen freie Hand. Courbiere sorgte zunächst für angemessene Verproviantierung und Bewaffnung der Festung. Er hatte den Roggen in den Speichern zum großen Teil verfault angetroffen, und von den 200 Geschützen hatten die Mörser und 24-Pfänder keine Bedienung. In größter Eile mußte alles herbeigeschafft und geregelt werden. Am 11. November waren die Franzosen in Bromberg, am 14. in Schwetz angekommen, am 15. brächte ein Detachement preußischer Husaren 2 französische Husaren als Gefangene nach Graudenz. Die Vorhut der Franzosen schwärmte also bereits um Graudenz herum. Die königliche Familie hielt eS für geraten, am 16. November früh die, Flucht weiterhin nach Osterode und Königsberg aufzunehmen. „Leben Sie wohl, mein lieber Courbiere," sagte der König beim Abjchiede zum Kommandanten, „ich verlasse mich daraus, daß Sie die Festung in keinem Falle übergeben." Der Alte nahm die Mütze vom Kops, streckte dem König die Hand entgegen und antwortete: „Majestät, solange noch ein Tropfen BlutS in meinem Körper ist, wird Graudenz nicht übergeben!"
Tag und Nacht stand jetzt in den paar Tagen, die ihm bis zur eigentlichen Verteidigung noch blieben, Courbiöre auf den FestungSwällen, um unermüdlich die letzten Anordnungen zu treffen. Pallisaden wurden gesetzt, Gruben gegraben, Blockhäuser ausgestellt, die Schießscharten geblendet, ungeheure Fallgatter errichtet, Balken angetragen, um beim Sturmangriff die feindlichen Sturmleitern zu zerschmettern, Handgranaten haufenweise bereitgelegt, auf den Zugängen außerhalb der Festung Fußangeln gelegt und den Bürgern der Stadt wurde nahe- gelegt, alle Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen, aber im übrigen nicht das Geringste zu Gunsten des Feindes zu unter- nehmen. Am Abend des 16. November ließ Courbiöre die Weichfelbrücke in Brand stecken, und die lodernden Flammen erschienen Freund und Feind vor Graudenz wie blutige Zeichen kommender Ereignisse.
Die Franzosen ließen auf sich warten. Ein Oberst vom LanneS'schen Korps hatte bald nach der Abreise der königlichen