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Herchlder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage

Zernsprech-5tnschlutz Nr. 8

Nr. 94. Sonnabend, den 13. August 1911.

Die heutige Nummer umfaßt 8 Seiten.

Erstes Blatt.

Amtlicher teil.

HerSseld, den 8. August 1911.

Im Austrage deS Herrn RegierungS-PrSfidenten werden die Viehmärkte in Her-feld, am 23. August, sowie am 6. September d. Jr. aus veterinärpolizeilichen Gründen untersagt.

I. 9449. Der Landrat.

I. 81:

Wessel Krei-sekretär.

HerSseld, den 7. August 1911.

Die Herren Ort-vorsteher deS Kreise-, welche mit der Rückreichung der Gemeindesteuerliste im Rückstände sind (Ver­fügung vom 26. v. Mt-. I. Nr. 1794 KreiSblatt Nr. 75 werden mit Frist bis spätesten- zum 1 2. d. Mt-. an die Rückreichung erinnert.

Der Vorsitzende der Einkommensteuer- Veranlagungs-Kommiffion.

Nr. 2319. von Gruneliu -.

nichtamtlicher teil.

Politischer Wochenbericht.

In der inneren Politik ist eS nun wirklich Saure- g u r k e n z e i t geworden. Selbst die Flut der Wahlkampfer, die schon anzuschwellen begann, ist zurückgeebt, und nur ganz matte Wellen spülen müde zu unS her. So hat der Bund der Landwirte im Reichstag-wahlkreise Deutsch-Krone wieder dessen bisherigen Vertreter, den Freiherr» von Gamp, aus­gestellt. Für den 19. Hannoverschen Wahlkreis Otterndors- NeuhauS-Geestemünde wird LegationSrat Frhr. Hartmann V. Richthofen, der Sohn deS früheren Staatssekretär- deS Auswärtigen Amte-, als nationalliberaler Kandidat dem bis­herigen Abgeordneten Dr. Diedrich Hahn vom Bunde der Landwirte gegenübertreten. Eine aus allen Teilen deS ReichS- tagSwahlkreifeS Friedberg-Büdingen besuchte Vertrauens­männerversammlung deS BundeS der Landwirte hat für die Reichstagswahlen die Kandidatur deS AmtSgerichtsratS Strack in Gießen ausgestellt, der von einem bürgerlichen EinigungS- ausschuß als gemeinsamer Kandidat vorgeschlagen ist und im Falle feiner Wahl als Hospitant der nationalliberalen Partei beitreten will. So ist in unserm innerpolitischen Leben zur­

Um Sonnenuntergang.

Von Hedda von Schmid.

Der alte Herr Rat war gestorben.

Tilde KrusiuS hatte die Empfindung, als gäbe es auf der Welt GotteS nichts mehr für sie zu tun. Fünfzehn Jahre lang hatte sie den kränklichen Witwer, der nur einen er­wachsenen Sohn besaß, gepflegt, hatte den kleinen, stillen Haus­stand im Westen von Berlin tadellos geführt.

In Tilden- Armen war der alte Herr sanft entschlafen. Wie eine Tochter beweinte sie ihn und kam sich nun un­nütz vor.

Derjunge" Herr Rat er näherte sich allerdings schon den Fünfzigern lebte in Magdeburg. Er hatte, wie eS schien, den Anschluß verpaßt und war noch immer unbeweibt. Tilde hatte sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, nunmehr ihm die Wirtschaft zu führen, ebenso treu, ebenso selbstlos, wie sie eS beim alten Herrn getan.

Nach der Beerdigung hatte Leo ihr die Hand gedrückt: Liebes Fräulein Tilde, richten Sie alles hier nach Ihren Wünschen ein mein Urlaub währt nur wenige Tage, ich schreibe Ihnen alle-Nähere, ich muß noch viele-überlegen!"

Und Tilde mit ihrem gewohnten praktischen Sinn be­sorgte alles, löste den Haushalt auf, wusch und bügelte Gardinen, rastete nicht von früh bis spät. So kam sie auch am besten über den Verlust deS alten Mannes, um den sie tief trauerte, hinweg.

Dann traf eine- Morgen- ein eingeschriebener Brief auS ^agbeburg ein. Tilde überfiel ein Zittern in den Knien, ^un entschied sich ihr Schicksal, sie zweifelte ja nicht daran, daß Leo sie auffordern würde, seinem Heim vorzustehen. In Gedanken hatte sie schon die Möbel auSgewählt, die nach Pragdeburg mitgenommen werden konnten.

Dem Kuvert entfiel ein Depositenschein über eine größere ^umme, welche der alte Herr Rat seiner treuen Pflegerin vermacht hatte. So viel, ja, mein Gott da- war ja für <ube, die arme Major-weise, bei ihren geringen Ansprüchen em Vermögen! Seit dem Tode ihrer Mutter hatte sie für selber sorgen müssen, lange Jahre hindurch, nun war

zeit im ganzen träge Ruhe eingetreten, die voraussichtlich aber weichen wird, wenn Ferien und Hitze vorüber sind.

Nachdem über den Gang der deutsch-französi­schen Marokkoverhandlungen alle Tage die widersprechendsten Nachrichten verbreitet waren, ist durch eine offiziöse Erklärung daS Dunkel etwas aufgehellt worden. Danach hat zwischen dem Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter und dem französischen Botschafter Cambon eine Annäherung über den prinzipiellen Standpunkt stattgefunden, wodurch eine spätere Verständigung mindestens sehr wahrscheinlich ist.

Der neue Präsident deS österreichischen Abgeordnetenhauses hat in der BerichtSwoche in Salzburg eine äußerst sympathische Rede über den Wert deS Dreibundes gehalten und dem genialen Werke BiSmarckS seine hohe Bewunderung und Anerkennung gezollt. Der Dreibund, so führte er auS, stellt Europa wieder an die Spitze der übrigen Weltteile, ja, er befähige e-, die Füh­rung in der Welt zu übernehmen. Wir wollen heute den Blick noch erweitern. Wir wollen auch die Harmonie unter den Mittelmeermächten herbeiführen. Er präge vielleicht daS erste Mal den Gedanken, der möglicherweise in einem Lande, daS dem germanisch-deutschen Volke nicht gut gesinnt ist, unange­nehm aufgenommeu werde. Dieser Gedanke fasse fich in den Satz zusammen: DaS Mittelmeer seinen Anrainern. Die- richte sich besonder- gegen eine Macht, die ihre Hände in allen Dingen der Welt habe, und die da- germanische Deutschtum zurück- drängen wolle. Unsere Vettern jenseit- deS KanalS werden wohl ein recht verdrießliche- Gesicht zu diesen Wahrheiten machen.

Der Albanesenaufstand, welcher der Türkei so viel Sorge machte und zeitweise auf dem Balkan einen KriegS- brand zu entsachen drohte, darf nunmehr im wesentlichen alS beigelegt angesehen werden, nachdem durch ein Entgegen­kommen aus beiden Seiten der Malissoren-Konflikt seine fried­liche Lösung gesunden hat. Die türkische Regierung hat daS Verbot des WaffentragenS fallen lassen, und die Malissoren haben die weitgehende Forderung der Einführung der Auto­nomie für Albanien zurückgezogen. Nachdem den Malissoren gewährt ist, waS in den Grenzen der Möglichkeit lag, ist der Friede zwischen ihnen und der Türkei geschlossen. Wenn eS auch hier und da noch zu kleineren Kämpfen kommen mag, so ist mit dem Abschlüsse dieses Frieden- doch die Gewähr geboten, daß der Friede aus dem Balkan gesichert ist. Die albanesische Frage hat ausgehört, eine wichtige Frage der internationalen Politik zu sein, und ist nur noch eine innere Angelegenheit der Türkei. Mit Genugtuung wird der Friedensschluß besonders in Deutschland begrüßt, wo man dem befreundeten Osmanen- reich eine ruhige und ungestörte Entwickelung aus politischem und wirtschaftlichem Gebiete aufrichtig gönnt.

In der Negerrepublik Haiti ist die Revolution siegreich gewesen. Präsident Simon hat den Widerstand aufgegeben und sich nach Jamaika geflüchtet. Zwischen den beiden Generälen Firmin und Leconte, die gemeinsam gegen Präsident Simon

ihr Alter gesichert, der Herbst ihres Lebens gestaltete sich freundlich. Tilde hätte ihre Hände falten und Gott danken müssen, aber sie saß da, versonnen, schmerzlich bewegt, staunend über den Ueberfluß an irdischem Gut, der ihr so zahlreich zu teil geworden war. Sie hatte flüchtig an ein kleines Legat gedacht, an einen Notgroschen. Dann laS sie den Brief.

Liebes verehrtes Fräulein Tilde", schrieb der junge Herr Rat,ich erfülle eine der letzten Bestimmungen meines VaterS durch die Ucbersendung des anliegenden ScheineS. Ich bleibe ihr ewiger Schuldner, denn das, was Sie für den alten kranken Mann getan haben, läßt sich niemals bezahlen, ich halte eS für meine Pflicht, Sie daraus aufmerksam zu machen, daß Sie Ihre, durch die lange Pflege erschöpften Kräfte stärken müssen. Am besten ist es wohl für Sie, auf eine Weile aufS Land zu Ihrer Schwester zu gehen und nachher an die See. Gestatten Sie mir, die zu einem Bade­aufenthalt erforderliche Summe beizusügen." Nun folgten ge­schäftliche Dinge, daS Persönliche war erledigt, und keine Zeile verriet Tilde, daß der junge Herr Rat die Absicht habe, seinem Hausstand eine Hausdame zu geben. Und doch wußte sie, daß er unter der Tyrannei einer alten Köchin, eines soge­nannten Erbstücks der Familie litt.

Wie soll ich nur auf eine gute Manier meinen Drachen loswerden?" hatte er mehr al- einmal geseuszt, wenn er zu kurzem Besuch nach Berlin gekommen war.

Jetzt wäre der Zeitpunkt dagewesen, die Alte zu pensionieren. Tilde starrte enttäuscht auf daS Briesblatt, sie hatte sich ja so ganz in die Hoffnung hineingelebt, für Leo sorgen zu dürfen, hatte seine Gewohnheiten ihm abgclauscht, kannte seine Leib­gerichte . .

Sie ließ Möbel und Koffer auf einem Speicher abstellen und reiste zu ihrer Schwester. Dort auf 'dem Landgut, in­mitten einer lärmenden Kinderschar, konnte sie sich gar nicht zurechtfinden. In der Stille bei ihrem alten Herrn, in der Gartenwohnung mit den alten vornehmen Möbeln und den vielen Büchern hatte sie ein weltserneS Leben geführt, hier in dem geräumigen GutShause herrschte die Prosa. Die Schwester hantierte von Sonnenaufgang an in Milchkammer und Küche,; den Tod der alten Herrn Rat tat sie mit den

optierten, scheint aber jetzt Feindschaft au-gebrochen zu sein; denn Lecomte, der sich zum Diktator erklärt hat, hat Firmin eröffnen lassen, daß man ihm nicht gestatte, an Land zu gehen. Leconte scheint da- Eindringen eine- ihm unbequemen Neben­buhler- verhindern zu wollen. General Firmin, der sich auf seinem Schiffe vor der Hauptstadt Port-au-Prince befindet, kann also wenigstens aus dem Waffer regieren. Er soll erklärt haben, er werde sich der Entscheidung deS Volke- unter­werfen.

Die Lage in P e r s i e n ist auch jetzt noch immer unge­klärt. Wo sich der frühere Schah Mohammed Ali jetzt befindet, ist aus keiner Nachricht zu ersehen, ebensowenig, wie weit er eigentlich mit seinen Rüstungen gelangt ist. Bei Semuan wollen die RegierungStruppen einen Sieg erfochten haben, aber im Gegensatz hierzu steht die von russischer Seite kommende Nachricht von einem großen Siege der Rebellen. Da- Beste an den widersprechenden Krieg-nachrichten ist übrigen- die Tatsache, daß wieder andere Meldungen von völliger Ruhe in Persien reden. In Teheran selbst scheint man sich aus alle Fälle noch nicht in seinen stillen Freuden stören zu lassen; denn amerikanische Finanzbeiräte und belgische Zollinstrukteure liegen sich dort mit gegenseitigen Schikanen in den Haaren, als wenn es keinen Mohammed Ali gebe. Die auswärtigen Vertreter der übrigen Mächte, heißt es, ergreijen Partei für die Belgier und geben den Amerikanern die Schuld an dem gestörten Idyll.

Marskk».

Fortgesetzt wird noch in derPost" und anderen all­deutschen Blättern die öffentliche Meinung mit der Behauptung auszuregen versucht, daß die deutsche Regierung in den Marokkoverhandkungen mit Frankreich klein beizugeben im Begriff sei oder eS schon getan habe. DaS eine Mal heißt es, der Kaiser habe seinen Ratgebern eine weitgehende Nach­giebigkeit auferlegt, das andere Mal sollen die Deutschen Unterhändler vor sremdem Drucke zurückgewichen sein. Diese Angaben sind nicht nur tatsächlich unbegründet, sondern auch ihrer Wirkung nach höchst unpatriotisch; denn sie stören und erschweren die schwebenden Verhandlungen, indem sie die eigene Regierung als schwankend und uneinig erscheinen lassen.

Dieses Treiben hängt offenbar damit zusammen, daß sich die alldeutschen Kreise von vornherein, d. h. seit der Ent­sendung deSPanther" nach Agadir, in dem Gedanken fest­gerannt hatten, es müsse nun unbedingt ein Stück von Marokko von unS annektirt werden, koste eS selbst auch einen europäischen Krieg. Kaiser, Kanzler und Staatssekretär sind aber von Ansang an anderer Meinung gewesen; sie haben, ganz abgesehen davon, daß ein Streit um marokkanischen Landerwerb heute noch wie früher ein schlechter Grund zum Kriege sein würde, einen solchen Landerwerb für einen politischen Fehler erachtet, und zwar auch für den Fall, daß

zufriedenen Worten ab:Na, daß er dir etwas vermacht hat, Tilde, war auch nicht mehr alS recht billig." Tilde grämte sich um ihren alten, gütigen, väterlichen Freund, und niemand verstand sie hier. Hier war Sonne, grelle leuchtende Sonne, aber ihre Strahlen erwärmten daS alternde Mädchen nicht, daS so gern in einen stillen, sanften Sonnenuntergang blickte; matte Farben, welkende Blätter und Blüten, leise- Hinüberweben zum milden Herbst, daS paßte zu Tilde KrusiuS.

Sie ging an die See, in den stillen, vornehmen Badeort, in dem man viel Pensionierte trifft, wo das Brausen der Geselligkeit nicht daS Brausen der Brandung übertönt, wo Tilde widerholt mit dem alten Herrn Rat geweilt hatte. Dort war sie sich ihrer Vereinsamung oft recht bewußt. Die Lücke in ihrem Dasein klaffte nach wie vor. Ihre einzige Rettung war Arbeit. Sie mußte wieder zu Fremden. Von ihren Er­sparnissen und der Erbschaft hätte sie bei ihren Verwandten leben können, aber ihr graute sörmlich vor dem Lärm und dem grellen Sonnenschein im Hause ihrer Schwester. Nein, sie wollte wieder zu Müden und Kranken, zu solchen, welchen die Sonne nntergeht . . . Schnell entschlossen, schrieb sie ein Inserat und sandte eS an die altvertraute Tageszeitung, welche der Rat gehalten. Offerten erbat sie sichPostlagernd Berlin". Dorthin wollte sie zurückkehren.

Noch ein paar stille Tage an der herbstlichen See, dann hatten die Wochen des AuSruhenS, die doch keine wirkliche Ruhezeit für Tilde gewesen waren, ein Ende.

Kurz bevor sie die sreundliche Stadt verließ, traf sie aus der Promonade zwei Nichten deS alten Herrn RatS. Sehr herablassend grüßten die Damen, welche den Verstorbenen gern ausgesucht hatten, sobald sie von ihm ein Geldgeschenk ge­braucht. Daß der Ohm ihnen nicht- vermacht hatte, war einfach unverantwortlich von ihm". DaS äußerten sie bissig gegen Tilde und fügten hinzu:Na, jetzt, wo Leo diese ver­rückte Partie macht, ein blutjunges, verwöhnte- Balg, wird OnkelS Geld schon rasch verbraucht werden. Leo mit seinen grauen Haaren hätte auch nicht gerade diese Achtzehnjährige zu wählen brauchen und überhaupt . . . ."

Tilde hörte gar nicht hin. Ein plötzlicher Schreck war ihr so in die Glieder gesahren, daß sie wie geistesabwesend