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^errfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage”
Zernsprech-Anschlutz Nr. 8
Nr. 116.
Dienstag, den 3. Oktober
1911,
Bestellungen
auf das Bersfelder Kreisblatt werden für das
4. Quartal 1911
von allen Kaiserlichen Postanstalten, kandbriefträgern und von der Expedition angenommen.
Amtlicher teil.
Bekanntmachung.
Nach Mitteilung der Inspektion der Jnsanteriefchulen in Berlin herrscht bei den Unteroffizierschulen mit Landersatz für die diesjährige Herbsteinstellung noch ein großer Mangel an Freiwilligen.
Junge Leute, welche Lust haben in eine Unteroffizierschule cinzutreten, wollen sich baldmöglichst hier melden.
Bemerkt wird noch, daß voraussichtlich alle geeigneten jungen Leute, welche bis Ende Dezember bei der Inspektion angemeldet werden, noch in diesem Jahre zur Einstellung gelangen.
HerSfeld, den 25. September 1911.
Königliches BezirkSkommando.
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Nachrichten über die Einstellung in Unteroffizierschulen.
1. Die Unteroffizierschulen haben die Bestimmung, junge Leute, die das wehrpflichtige Alter erreicht haben und die sich dem Militürstande widmen wollen, kostenfrei zu Unteroffizieren heranzubilden.
2. Wer in eine Unteroffizierschule ausgenommen zu werden wünscht, hat sich bei dem BezirkSkommando seines Aufenthalts- ones oder 'bet einer Unteroffizierschule (in Biebrich, Ettlingen, Jülich, Marienwerder, Potsdam, Treptow a. R. und Weißenfels) oder Unteroffiziervorschule (in Annaburg, Bartenstein, Greifenberg i. Pomm., Neubreisach, Weilburg und Wohlau) persönlich zu melden und hierbei folgende Schriftstücke vorzulegen:
a) einen von dem Zivilvorsitzenden der Ersatzkommission seines Aushebungsbezirks ausgestellten Meldeschein,
b) den Konfirmationsschein oder einen AuSweiS über den Empfang der ersten Kommunion,
c) etwa vorhandene Schulzeugniffe,
d) eine amtliche Bescheinigung über die bisherige Beschäftigungsweise, über früher überstandene Krankheiten und etwaige erbliche Belastung.
3. Der Einzustellende muß mindestens 17 Jahre alt sein, darf aber das 20. Jahr noch nicht vollendet haben.
Er muß mindestens 154 cm groß, vollkommen gesund, frei von körperlichen Gebrechen sowie wahrnehmbaren Anlagen zu chronischen Krankheiten sein und die Brauchbarkeit für den Friedensdienst der Infanterie besitzen.
Schicksalswege.
Erzählung von Theodor Werner.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Weshalb bist Du nicht glücklich, Dorle?" pflegt er dann wohl zärtlich besorgt zu sragen, „vermißt Du irgend etwas, mein Liebling? — Ist er Dir zu still hier? Du weißt, ich lebe nur für Dich. Hast Du einen besonderen Wunsch, Dorle, so jag' es mir".
„Nein Erhardt," erwiderte sie dann und sieht mit blassem traurigen Gesicht zu ihm auf.
„Warum denn diese Tränen?"
„Weil Du so gut zu mir bist, mir alles gibst und ich Dir daS so wenig vergelten kann".
Sanft legt er seine Hand aus ihren blonden Scheitel.
„Hast Du mir nicht Dein eigenes Ich gegeben? Ist dar nicht genug? Hast Du mir mein großer, alte? Haus nicht zu einem wahren Paradiese umgewandelt, mein Dorle?"
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Ein trüber unsreundlicher Abend.
Leicht erschaudernd schiebt Dorle die schwere Gardine zurück und blickt hinaus in die finstere, sternenlose Nacht. Aber noch immer kein Laut, der ihr die Wiederkehr deS Gatten derrät. „Wo er nur bleibt?" denkt sie besorgt.
Er ist so ganz gegen seine Gewohnheit, sie warten zu lassen. Eine Weile bleibt sie am Fenster stehen, aber tote er ”0$ immer nicht kommt, setzt sie sich wieder vor daS lustig flackernde Kaminfeuer und hängt ihren Gedanken nach. Plötzlich hebt sie den Kops und lauscht. Ferner Räderrollen e$ kommt näher — jetzt hält ein Wagen vor dem Hause, y kommen Schritte die Treppe heraus, schon erhebt sich um ihrem Gatten entgegenzugehen, als sie plötzlich Wend mitten im Zimmer stehen bleibt, denn nicht Erhard der eintritt, sondern Hofrat Prixen, ihr HauSarzt.
Er muß sich tadellos geführt haben, lateinische und deutsche Schrift mit einiger Sicherheit lesen und schreiben können und in den vier Grundrechnungsarten bewandert sein.
4. Der Eintritt in eine Unteroffizierschule kann nur dann erfolgen, wenn sich der Freiwillige zuvor schriftlich verpflichtet nach erfolgter Ueberweisung aus der Unteroffizierschule an einen Truppenteil noch vier Jahre aktiv im Heere zu dienen.
5. Ist die Prüfung im Lesen, Schreiben und Rechnen sowie die ärztliche Untersuchung günstig ausgefallen, so wird zunächst die Berpflichtungs-Berhandlung über die vorgeschriebene längere aktive Dienstzeit (Ziffer 4) ausgenommen.
6. Eine Einstellung findet im Oktober nur bei den Unteroffizierschulen in Biebrich und Marienwerder, im April nur bei der Unteroffizierschule in Ettlingen statt.
Wünsche der Freiwilligen um Zuteilung an eine dieser Unteroffizierschulen werden, soweit angängig, berücksichtigt.
Wer zu diesen Zeitpunkten nicht einberufen werden kann, darf in freiwerdende Stellen der Unteroffizierschulen in Biebrich und Marienwerder bis Ende Dezember, in Ettlingen bis Ende Juni eingestellt werden.
7. Die Einberufenen müssen für die Reise zu der Unteroffizierschule ausreichend mit Schuhzeug, Kleidung und Wäsche versehen sein.
8. Der Aufenthalt in der Unteroffizierschule dauert im allgemeinen drei Jahre. Die jungen Leute erhalten gründliche militärische Ausbildung und Unterricht, der sie besonders befähigt, die bevorzugteren Stellen des Unteroffizierstandes (Feldwebel usw.) und des Beamtenstandes (Zahlmeister usw.) zu erlangen.
9. Die Unteroffizierschüler gehören zu den Militärpersonen des Friedenstandes, stehen daher wie jeder andere Soldat unter den militärischen Gesetzen und haben beim Eintritt den Fahneneid zu leisten.
10. Während ihrer Dienstzeit in der Unteroffizierschule erhalten die Unteroffizierschüler, die sich gut geführt haben, bei Urlaub in die Heimat eine einmalige Reiseentschädigung; auch haben die Unteroffizierschüler bei Beurlaubungen gleich wie die Kapitulanten Anspruch auf Löhnung.
11. Unteroffizierschüler, die sich durch mangelhafte Führung oder durch zu geringe Leistungen als nicht geeignet für den Unteroffizierberuf erweisen, werden aus den Unteroffizierschulen entlassen.
12. Die Unteroffizierschüler treten im allgemeinen als Gefreite in die Front und werden bei guter Führung sehr bald zu Unteroffizieren befördert.
Die besten Unteroffizierschüler können jedoch bereits auf den Unteroffizierschulen zu überzähligen Unteroffizieren befördert werden und treten bei ihrem Ausscheiden in das Heer sogleich in etatmäßige Unteroffizterstellen.
13. Die Unteroffizierschüler werden in erster Linie der Infanterie überwiesen, können aber auch der Maschinengewehr-Truppe, der Feld- und Fußartillerie, den Pionieren, dem Luftschiffer-Bataillon, den Bezirkskommandos und der Marine-Infanterie zugeteilt werden. Die Wünsche der einzelnen um Zuteilung an bestimmte Truppenteile werden nach Möglichkeit berücksichtigt.
nicblaiWer M.
m Tripolis.
Wenigstens hat die Schnelligkeit, mit der sich die Entscheidung über Krieg und Frieden vollzogen hat, da? eine
Zu dieser ungewohnten Stunde!
„Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen," hebt er in sehr ernstem Tone an, „daß ihr Herr Gemahl —"
„O Gott, mein Mann!" sällt sie ihm erbleichend inS Wort, „wo ist er? ES ist ihm doch nichts zugestoßen?"
„Ein leichter Unwohlsein, er kommt sofort".
Da kam er auch schon — aber wie sah er au?! Todbleich aus zwei Männer gestützt, die ihn mehr schleiften, alS daß er seine eigenen Füße gebrauchte.
Mitten aus der Straße von plötzlichem Unwohlsein befallen, hatte er sich in die nächste Apotheke begeben, wo ein glücklicher Zufall er wollte, daß gerade Hofrat Prixen anwesend war.
AlS Dorle bei seinem Anblick einen leisen Schrei nicht zu unterdrücken vermochte, streckte er ihr seine Rechte lächelnd hin. In der nächsten Minute brach er ohnmächtig zusammen. —
„Ach, Herr Hosrat helsen Sie! Retten Sie ihn! Er darf nicht sterben I" flehte Dorle den alten Herrn an — aber vergebens suchte sie nach einem Hoffnungsschimmer in seinem ernsten Gesicht.
Regungslos, ohne Bewußtsein lag er da, die Augen geschlossen, da? Gesicht so weiß wie die Kiffen, auf denen er ruhte. „ _
Die ganze Nacht hindurch saß Dorle an seinem Bett, seine leblose Hand in der ihren, und weinte ihre bittersten Tränen, wie sie seiner großen Güte und Liebe gedachte. Da, alS sich das erste Morgengrauen im Osten zeigte, schlug er die Augen aus.
„Dorle, bist Du bei mir? — Mein armer Liebling, bald wird der Tod un? trennen".
Sie preßte ihr kalte?, blaffe? Gesicht auf feine Hand, daS Schluchzen zu ersticken.
„Tröste Dich, mein Dorle," und er legte feine Rechte auf ihren Kopf, „warum gar so traurig sein? — Die Trennung ist ja nur für eine kurze Spanne Zeit. Eine Bitte habe ich noch", fuhr er, leicht den Kops hebend, sott, „ich möchte so gern den Glauben mit mir in? Jenseit? nehmen, daß Du mir für immer bleibst. Dorle, mein Liebling, willst Du mir hier auf meinem Sterbebett versprechen, Dich nie wieder zu
Gute, daß die Zeit der Unsicherheit auf wenige Tage abgekürzt worden ist. Italien hat die Türkei garnicht erst zu Worte kommen lassen. Die Zuschauer nennen da? Vorgehen brutal, die Handelnden nennen eS schneidig und freuen sich ihrer Entschlußkraft. ES wird in diesen Tagen in Europa viel Moral konsumiert und eS kann ja auch nicht der geringste Zweifel darüber sein, daß die Italiener vor dem Forum der Moral nicht bestehen können. Besonders moralisch sind in solchen Fällen die Besitzenden, also in erster Linie die Engländer, die bereits über mehrere hundert Millionen Mohammedaner herrschen und die Aufregung in ihren Herrschaftsgebieten fürchten. Die Franzosen, die am Mittelmeer die größten mohammedanischen Territorien Afrikas in ihren Besitz gebracht haben, würden eS jetzt auch nicht an moralischer Entrüstung fehlen lassen, wenn sie nicht zufällig noch damit beschäftigt wären, ein weiteres Stück mohammedanischen BesitzeS an sich zu nehmen. Bei unS in Deutschland ist die Entrüstung ehrlich, weil nicht von territorialen Sorgen diktiert.
Wir werden aber gut tun, uns des BiSmarckschen AuS- spruchS zu entsinnen, daß Entrüstung kein politischer Ausdruck ist. Nüchternheit in der Beurteilung der Situation wird un? nicht schaden. Sie führt unS zu der Ueberlegung, daß wir bei aller Freundschaft für die Türkei und ganz abgesehen von unserm Bundesverhältnis zu Italien nicht in erster Linie berufen sind, unsere Finger in daS KriegSfeuer am Mittelmeer zu stecken. Die deutschen Diplomaten haben sich nach Kräften bemüht, den Kriegsausbruch zu verhüten. Nachdem ihre Bemühungen fruchtlos geblieben sind, ist vorläufig ihre Ausgabe erledigt, soweit Tripolis in Frage kommt. Mit den andern Mächten gemeinsam ist ihnen aber daS Interesse, die Balkanvölker ruhig zu halten, An kräftiger Tätigkeit in dieser Richtung wird man es nicht fehlen lassen. Am Balkan steht für die Türkei viel mehr aus dem Spiel als in Afrika. Tripolis bedeutete für die Türken nichts als eine Last. Finanziell und wirtschaftlich hat die Provinz bisher nicht aus eigener Kraft zu leben vermocht. Ob die Jungtürken über den näher liegenden Aufgaben jemals dazu gekommen wären, etwas Gründliches für Tripolis zu tun, steht dahin. Als Kolonisator find die Türken ohnehin nicht begabt. Vom reinen Standpunkte des Nutzens angesehen, könnten sie sogar froh sein, wenn ihnen jemand diesen Geld verschlingenden Besitz abnähme oder gar abkaufte. ES wäre gute Politik, wenn eS ihnen gelänge, noch etwas Tüchtiges für den Staatsschatz von den Eroberern herauSzuschlagen. Ob eS möglich ist, ist sreilich eine andere Frage; denn die Italiener sind gute Rechner und werden wohl von der Ansicht ausgehen, daß der Krieg daS billigste Mittel zum Erwerb dieser Kolonie ist indem es Entschädigungen überflüssig macht. Nur scheinen sie sich noch nicht klar gemacht zu haben, waS die Erhaltung und Nutzbarmachung kosten wird. Sie treten in einen gänzlich verwahrlosten, vom weiteren Hinterlands abgkfchnittcnen Besitz. Kommerziell ist nicht viel herauSzuschlagen. Der ganze
verheiraten? ES ist mein letzter Wunsch." Er sah ihr so bittend in die tränenumflorten Augen. „Rede Dorle, — versprich eS mir, bevor ich sterbe!"
„Ich verspreche eS Dir."
Sein Kops sank schwer in die Kissen zurück.
„Komm, küffe mich, mein Liebling. Lebe wohl!"
Sie neigte sich über ihn, aber die Lippen, die sie auf deS Sterbenden Stirn preßte, waren eiskalt.
Es waren seine letzten Worte.
Als die ersten Sonnenstrahlen in da? Zimmer fielen, beleuchteten sie die kalten, starren Züge eine? Toten.
Baron von Wollen war heimgegangen zu seinen Vätern, und Dorle, seine Witwe von kaum einundzwanzig Jahren, war durch ein seltsame? Gelöbnis gebunden, für ihr ganzes Leben einsam zu bleiben.
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Als Georg Scherling? die Kunde von des Barons Tode zu Ohren kam, war seine erste Empfindung ein Gefühl der Freude: Dorle, seine erste und einstige Liebe war wieder frei; und ein beseligendes Gefühl der Hoffnung durchzitterte ihn, als er auf den kleinen Perlenring an seiner Uhrkette niederblickte. „Nun wird sie endlich doch noch mein! Jetzt steht unserem Glück nichts mehr im Wege!" jubelte eS in seinem Innern.---
Ueber ein Jahr ist vergangen. Schnee und Frost sind warmem Sonnenschein gewichen; die ersten Frühlingsblumen schauen neugierig au? dem jungen Grün, die Vögel schmettern ihr lustiger Lied in die Welt.
Einsam und weinend, als ob das Herz ihr brechen wollte, liest Dorle einen Brief von Georg. Seine Liebe ist unverändert, er ist schon auf dem Wege zu ihr, voll sroher Hoffnung und Zuversicht, sie nunmehr als sein eigen zu gewinnen.
Keinen Moment ist sie schwankend, wak sie tun soll. Ihr Weg ist ihr klar vorgeschrieben, diesen Weg muß sie gehen. Aber dars sie ihrem eigenen Herzen trauen? Wird sie stand- hast bleiben können, wenn sie ihm Aug in Auge gegenüber» steht? Sie sinkt aus die Knie, läßt ihr tränenüberströmtes