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Herrselder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 133. Donnerstag, den 9. November 1911.

nichtamtlicher teil.

Sie MnOltW Her totitaMti.

Ueberblickt man das Jahreseinkommen der berusSgenoffen- schastlich beschäftigten Personen Deutschlands während der letz­ten 25 Jahre, so zeigt sich ein sozialer Ausstieg, der sich mit steigender Entschiedenheit innerhalb der arbeitenden Bevölkerung vollzieht. Noch deutlicher wird das Bild dieser Ausstiegs, wenn wir die Besetzung der einzelnen Lohnklassen deS § 34 der Jnv.-Vers.-Ges. mit der Zahl der zugehörigen versicherten Personen in den Jahren 19031908 unS vor Augen sühren. Hier sehen wir, daß auS der ersten bis dritten Lohnklaffe eine ständige Abwanderung und Auffülluug der vierten und fünften Klasse stattfindet. Indessen liegt nicht in der Lohn- steigerung an sich das charakteristische Merkmal der deutschen Lohnbewegung, sondern vielmehr darin, daß sie sich dem WarenpreiSniveau stets automatisch angepaßt und eS gleich- zeitig beträchtlich hinter sich gelassen hat. Die interessanten Untersuchungen Calwcrs haben ergeben, daß der Minimal- lohn eines VollarbeiterS seit 1895 um rund 37 bis 38 Pro­zent, das WarenpreiSniveau dagegen in der nämlichen Zeit um rund 25 Prozent gestiegen ist. Die Differenz zwischen bei­den SteigerungSziffern gibt die Bewegung des ReallohnS an, der seit 1895 bis einschließlich 1906 um 12 bis 13 Prozent oder im Durchschnitt jährlich um ein Prozent zugenommen hat. Nimmt man daS Jahr 1901 als Ausgangspunkt, so ist der Minimallohn bis 1906 um ca. 22,3 Prozent, daS WarenpreiSniveau um 7,2 Prozent resp, mit einem Zuschlag für ein stärkeres Ansteigen der Detailpreise um rund 9,5 Pro­zent gewachsen, so daß die Steigerung deS ReallohnS 13,8 oder im Durchschnitt eines JahreS 2,76 Prozent beträgt.

Aus Grund des einschlägigen Materials und der Beobach­tung deS täglichen Lebens darf man als Gesetz gelten lassen, daß eine Preissteigerung der Lebensrnittel stets eine so bemessene Lohnerhöhung nach sich zieht, daß eine bemerkenswerte Ver­schlechterung der Lebenshaltung vermieden wird. Gegen dieses Gesetz würde eS auch nicht sprechen, daß etwa augenblicklich die Spannung zwischen dem Preisniveau der Lebensrnittel und der Lohnhöhe eine geringere als sonst sei oder sich in Zukunft so gestalten sollte. Denn diese Erscheinung beruht aus dem anormalen Grunde, der außergewöhnlichen Dürre und damit verbundenen Knappheit der Futtermittel in diesem einzelnen Jahre, nicht aber in den Besonderheiten unserer WirtschaftSversassung.

Unsere Schutzzoll- und Steuerpolitik hat aber nicht nur keine Verschlechterung der Lebenshaltung der Arbeiterschaft zu- folge gehabt, sie hat auch eine sehr bemerkenswerte Hebung der allgemeinen Kulturhöhe des 4. Standes gezeitigt. Den Grad der kultursördernden Wirkung einer Lohnsteigerung pflegt man danach zu bemessen, wieviel von dem Gesamtverdienst des Arbeiters nach Abzug für die Kosten der Nahrung, der

Das gestohlene Bild.

Kriminalnovelle von Berthold Rosenthal.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Mit Staunen hatte Fratelli den Darlegungen LepelletierS gelauscht, aber die Verblüffung deS Direktors wuchs noch, als der Detektiv ein Vergrößerungsglas auS der Tasche nahm, sich gleichsallS auf den Sessel stellte und jeden Zoll breit der leeren Stelle genau zu untersuchen begann. Fast eine halbe Stunde lang setzte Lepelletier schweigend seine Beschäftigung sort, während Fratelli ihm mit immer größerer Ungeduld zu- schaute. Endlich schien der Detektiv gefunden zu haben, war er suchte. Er steckte daS Vergrößerungsglas ein und holte eine kleine Büchse hervor, aus der er ein rötliche- Pulver ge­gen eine bestimmte Stelle der Wand streute.

Wollen Sie mir gestatten, ein kleines Stück aus dem Damast herauSzuschneiden?" wandte er sich dann an den Direktor.

Sehr gern, Signor," erwiderte Fratelli,wenn es im Interesse der Untersuchung nötig ist, ich würde mit Freuden noch ganz andere Opfer bringen, wenn sie zum Ziel sührten", fügte er seufzend hinzu.

Der Detektiv schnitt mit einem kleinen Messer ein Stück­chen auS der Wandbekleidung heraus, das er dem Direktor triumphierend unter die Augen hielt. Aus dem Stoffe war deutlich der Abdruck eines Daumens zu sehen.

Der Dieb hat seine Visitenkarte zurückgelassen," sagte Lepelletier mit blitzenden Augen,dieser Fingerabdruck ist ein untrüglicher Mittel zu seiner Wiedererkennung."

Zum Schluß begaben sich die beiden Herren noch in den Keller, um dar Fenster zu besichtigen, aus dem der Dieb seine Flucht bewerkstelligt hatte. Das Fenster ging unmittelbar aus die dar Gebäude umgebenden Anlagen hinaus. Mit einiger Anstrengung zwängte der Detektiv seine hohe Gestalt durch

Fenster hindurch, während Fratelli eS vorzog, ihm vom "^er auS zuzusehen. In der vom Regen durchweichten Erde

Wohnung, Bekleidung und Heizung zur Befriedigung ideeller Bedürfnisse übrig bleibt. Nach dieser Richtung hin hat Dr. Rehe Untersuchungen über die Verhältnisse der Schuhgroß­industrie angestellt, wonach bei den Gehilfen, Fabrikarbeitern und Zuschneidern im Jahre 1907 vom Gesamtverdienst zur Besriedigung ideeller Zwecke 1117 Prozent mehr freiblieben als im Jahre 1890. Wer sich ferner verdeutlichen will, waS die deutsche Arbeiterschaft für politische Zwecke auSzugeben in der Lage ijt, vergegenwärtige sich, daß die Einnahmen der sozialdemokratischen Fachorganisationen 1891 6,68 Mk., 1900 13,69 Mk., 1909 27,57 Mk. pro Kopf betrugen, daß die Gesamteinnahme der Fachorganisationen sich 1891 aus 1116 000 Mk., 1909 auf 50 529 000 belief, und daß der VermögenSstand der Fachorganisationsverbände im Jahre 1909 die Höhe von 43,48 Millionen Mark erreichte. Dabei haben die deutschen Fachorganisationen von 1890 bis 1909 zusam­men 77,7 Millionen an Streikunterstützungen gezahlt. Von 1900 bis 1909 betrug diese Summe 65,2 Millionen.

Der Krieg m (Tripolis.

Der türkische Minister des Innern teilte den Journalisten ein amtliche- Telegramm mit, in dem berichtet wird, daß in der Nacht zum 28. Oktober ein Bataillon türkischer Infanterie mit vier Kolonnm der Eenussi Derna angegriffen hat. Aus türkischer Seite feien 80, aus italienischer 500 Mann getötet worden. Die Türken hätten 18 Kanonen erbeutet. Ein italienisches Kanonenboot bombardierte drei Tage lang den Hasen und daS Telegraphenamt. ohne Schaden anzurichten. Alle eingeborenen Stämme sind zum heiligen Kriege bereit. 18 EcheichS nahmen an dem Angriff aus Derna teil. Ein Telegramm erklärt die Gerüchte von der Einnahme DernaS durch die Türken als unzutreffend. Ein amtliches Telegramm deS WaliS von Syrien bestätigt die Beschießung Port AkabaS durch einen italienischen Kreuzer und die Zerstörung eines türkischen Kanonenbootes.

Wie derFranks. Ztg." auS Mailand berichtet wird, sängt die sozialistische Preffe an, dringend zu fordern, die Regierung folle die Wahrheit sagen und endlich die Verluste bekannt geben, die die zugestandenen Zahlen weit überträsen. Der häufig in Krieg-angelegenheiten gut untern cktete sozialistische Avanti" berichtet, die Regierung werde noch weitere zwei JahreSklassen der Reserve, nämlich von 1887 und 1886 ein- berusen, um durch gewaltige, nach Tripolis geworfene Truppen- massen den Gegner zu erdrücken.

London, 7. November. DieWestminster-Gazette" erhält via Malta eine Schilderung ihrer bisher in Tripolis weilenden Korrespondenten Me Cullagh, welche die schärfsten Anklagen gegen die italienische Armee enthält. Herr Mc Cullagh, der auch für dieNewyork World" tätig ist, hat mit Herrn von Gottberg, dem Korrespondenten desBerl.

gewahrte Lepelletier deutlich die Spuren eines Mannes, von denen er sich mit Hilse von Papier und Bleistift genaue Maße nahm. Am meisten aber schienen ihn die Sträucher zu interessieren, welche an dieser Stelle so dicht standen, daß man sich nur mit Mühe zwischen ihnen hindurchzwängen konnte. Jeden einzelnen Zweig bog der erfahrene Detektiv um und untersuchte ihn lange und eingehend. Plötzlich stieß er einen Hellen Freudenrus auS und wandte sich mit leuchtenden Blicken an den Direktor, der ihm auS feinem bequemen Be- obachtungSposten aus gespannt zugeschaut hatte. In seiner Rechten hielt Lepelletier ein langen Faden von seiner, schwar­zer Seide.Von diesem Faden hängt vielleicht die Entdeckung deS Diebe- der Monna Vanna ab!" rief er dem Direktor entgegen,denn er gibt unS einen sehr wertvollen Ausschluß über seine Persönlichkeit."

Ihren Scharfsinn in Ehren, Signor," antwortete Fratelli ungläubig,aber waS wollen Sie aus einem einsachen Eei- densaden schließen?"

Nicht mehr und nicht weniger, alS daß der Dieb einer besseren Gesellschaftsklasse angehört hat," belehrte ihn Lepelletier ernsthaft,denn welcher gewöhnliche Einbrecher wird so seine Seide tragen. Es scheint mir fast, alS ob dieser Seidensaden auS einem der breiten Schlipse herrührte, wie sie oft von Malern und Bildhauern getragen werden."

Erschrocken blickte Fratelli zu ihm empor und rief mit der Gebärde deS Entsetzen-:

Sie wollen doch nicht sagen, daß einer von unseren Malern--"

Der Detektiv zuckte die Achseln.Ich sage vorläufig noch gar nicht-," erwiderte er, als daß mir der Fall durchaus nicht so hoffnungslos erscheint wie der hiesigen Polizei."

Schweigend gingen die beiden Herren bis zur Pforte de- MufeumS zurück, wo sie sich voneinander verabschiedeten.

Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Ersolg, Signor," sagte der Direktor, dem französischen Detektiv die Hand ent- gegenstreckend.

Ich werde mein Möglichstes tun, Herr Dierektor," er- widerte Lepelletier ruhig,Sie werden von mir weiteres hören, sobald eS Zeit ist."

L.-A.", zum Protest gegen die italienischen Barbareien dem General Cancva feine* offiziellen Papiere zurückgegeben. Beide Herren sind am Sonnabend abgereist. Weiter sollen noch alle englischen Berichterstatter bis aus einen abreisen. Mc Cullagh versichert, die Italiener hätten 400 Frauen und Kinder und 4000 Männer erschossen, von denen noch nicht 100 schuldig gewesen seien. Unter den vorsätzlich Erschossenen hätten sich Krüppel, Kranke, Blinde und Bettler besunden. Die Szenen bei den Massenerschießungen seien schlimmer ge­wesen, alS jeder russische Pogrom oder die armenischen MassakreS. Erst nach den Schlächtereien der Italiener hätten die Araber angesangen, die Körper der Gesallenen zu ver­stümmeln; ansangs hätten sie sich sehr gut benommen. Nach der Darstellung Mc Cullagh- haben die Angriffe der Araber, obwohl sie bisher nur von rund 1500 Mann ausgeführt wurden, bei den Italienern die größte Panik hervorgerusen. Den lächerlichen italienischen Berichten zum Trotz, wonach die Verluste des Feindes nach Tausenden zählen sollen, ist absolut keine AuSsicht vorhanden, daß die Italiener auS der Stadt nach der Wüste gegen die seindliche Hauptmacht unter Fehlt Bey vorstoßen können. Sie sind vollkommen belagert und zwar auf einem ganz kleinen Gebiet. Die Araber sind so nahe, daß ihre Kugeln die Konsulate treffen; der deutsche und der amerikanische Konsul mußten ihre Gebäude bereits verlassen. Die Cholera verbreitet sich rasch, da auf beiden Seiten die Leichen der Gegner nicht beerdigt werden. General Caneva hält sich ausschließlich in der bombensicheren Zita­delle aus und ist an der Front nicht mehr sichtbar; der Division-general tut daS Gleiche. Unter solcher Führung würde jede Armee demoralisiert; die italienischen Truppen sind eS bereits in hohem Grade.

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Sie toiitoii in China.

London, 7. November. Die Nachricht, daß der Hos von Peking geflohen sei, findet in den Montag in der Haupt­stadt ausgegebenen Depeschen keine Bestätigung. Der TimcS- Korrespondent entwirft folgendes Bild von der dortigen Lage: Der Hos ist von Furcht gelähmt, aber er wird in Peking bleiben, waS immer auch geschehe. Viele Prinzessinnen und andere adelige Damen haben sich jedoch in die ausländischen Niederlassungen geflüchtet, die bereits überfüllt sind von schütz- suchenden MandschuS. Der neuernannte Kaiserliche Kommissar und kommandierende General der nördlichen Truppen Tschang- schautsen, derselbe, der die militärische Revolte im Norden inszenierte und dem Hose mit einem Angriff aus Peking drohte, salls die Forderungen der Armee nicht unverzüglich bewilligt würden, wird mit den Rebellen am Jangtse verhandeln, nach­dem der Rebellengeneral Lijuanhung die Vorschläge Juan- schikaiS zum Frieden abgelehnt hat, und das, obwohl in- zwischen alle revolutionären Forderungen mit Ausnahme der Abdankung der Dynastie bewilligt worden sind.

Peking, 7. November. Prinz Tsaisün, ein Bruder

Mit festem Drucke nahm er die Hand Fratellis entgegen und schüttelte sie kräftig, dann entfernte er sich mit langsamen bedächtigen Schritten. Sinnend schaute ihm der Direktor eine Weile lang nach, ehe er fein harrendes Auto bestieg, um wieder nach Hause zu fahren.

* *

*

Etwa einen Monat früher, ehe der Diebstahl der Monna Vanna alle Welt in Aufregung versetzte, fand bei dem amerikanischen Millionär David Hill in der berühmtrn italie­nischen Kunststadt F. eine große Gesellschaft statt. Hill hatte in F. einen alten Palazzo angekaust, der aus dem 17. Jahr­hundert stammte und in prunkvollem Barockstil ausgebaut war. Das Innere dieser Gebäude- war von seinem jetzigen Besitzer mit einem geradezu blendenden Luxus auSgestattet worden, und Hill liebte eS, die Pracht seiner Einrichtung vor anderen Personen, Freunden und Gästen zur Schau zu stellen. Sein Hau- galt als einer der gastfreundlichsten in der ganzen Stadt, und fast jede Woche fand sich eine glänzende Gesell­schaft bei ihm zusammen. Künstler und Gelehrte, Politiker und Großkaufleute, kurz alle-, war in F. einen Namen hatte pflegte sich an solchen Abenden in Hills Palast zu treffen, ja, selbst die adelSstolzen Patriziergeschlechter der Stadt verschmäh­ten er nicht, den Einladungen des reichen Amerikaner- Folge zu leisten, dessen Millionen und dessen vornehmer Kunstsinn die sonst geübte Zurückhaltung der italienischen Patrizier überwunden hatten. Außerdem war noch ein Magnet im Hause de- Millionärs vorhanden, der aus die vornehme junge Welt in F. eine unwiderstehliche Anziehungskraft au-übte. ES war dies Mr. Hills einzige Tochter Eva, deren Schönheit ebenso wie ihr Reichtum sie für die vornehmen jungen Herren als erne von F. äußerst begehrenswerte Partie erscheinen ließ.

Heute wurde Evas Geburtstag gefeiert, weshalb Mr. Hill alles ausgeboten hatte, um den Tag würdig zu begehen und seinen Gästen den Ausenthalt in seinem Hause ganz besonder­angenehm zu machen. Am Portal deS Palastes, dessen kunst- voll geschmiedete Gittertore heute weit offen standen, brannten in mächtigen gußeisernen Kandelabern 2 lohende Fackeln, deren