Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich 1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark, va
Der Anzeigenpreis beträgt für den Raum einer eingespaltenen Zeile lOPfg.,im amtlichen Teile 20pfg. Reklamen die Zeile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.nsns^n»
Herrfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 141.
Donnerstag, den 30. November
1911
Amtlicher teil.
HerSseld, den 23. November 1911.
Der Landwirt Peter Burkhardt auS Wölsershausen ist als Fleisch. und Trichinenbeschauer der Gemeinde Wölsershausen bestellt und eidlich verpflichtet worden. I. 15188. Der Landrat.
I. 81.:
Wessel, KreiSsekretär.
Hersseld, den 24. November 1911.
Unter dem Rindvichbestande des Friedrich Wagner in Heringen ist die Maul- und Klauenseuche erloschen. I. 14919. Der Landrat.
g y e
Wessel, Kreissekretär.
nichtamtlicher teil.
Die Erklärungen des Reichskanzlers von Bethmann Sollweg über das deutsch-französische Abkommen.
Meine Herren! Zur Beurteilung der Ihnen vorliegenden Abmachungen wird eS zunächst von Wert sein, die letzte Entwicklung der marokkanischen Frage und einiges Wesentliche aus den getroffenen Abmachungen vorzutragen.
Die Vorgeschichte.
Die Akte von Algeciras war bestimmt, die Selbständigkeit MarokkoS aufrecht zu erhalten, um das Land zugunsten des Handels aller beteiligten Mächte wirtschaftlich zu entwickeln. ES zeigte sich bald, daß eine wesentliche Voraussetzung hierzu sehlte: ein daS Land tatsächlich beherrschender Sultan, imstande, die vorgesehenen Reformen durchzusühren. Auch der Sultan Mulay Hafid vermochte eS trotz seiner persönlichen Eigenschaften nicht; er geriet immer mehr in fremde Abhängigkeit und wurde deshalb von den Stämmen seines eigenen Landes immer lebhafter besehdet.
Dies führte zu immer größerem Einfluß Frankreichs; denn von den vier Mächten, welche seit den 70er Jahren vertragsmäßig Militärmisstonen am Hofe deS Sultans unterhielten, hatte sich nur die französische Mission durchzusetzen vermocht. Ebenso war Frankreich seit langem der Geldgeber MarokkoS. Die Lage deS von feindlichen Stämmen bedrängten und in Fez eingeschlossenen Sultans wurde schließlich so prekär, daß Frankreich den Mächten erklärte, eS müsse für das Leben und Eigentum seiner am Hofe des Sultans befindlichen Offiziere und der europäischen Kolonie ernste Besorgnisse hegen.
Der verlorene Sohn.
Historische Original-Novelle von Carl C a s s a u.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Aber jetzt lag die Stadt friedlich im Sonnenschein da, und von dem geschäftigen Leben der Bürgersleute da drinnen, von Hantierung, Handel und Wandel drang kaum ein Laut über die Stadtmauern in die stillen Gärten draußen, wie durch die hallenden Stadttore auf die Landstraße hinaus.
Ein Büchsenzug von der Stadt, an der tief ausgefahrenen Landstraße nach Luneborc — Lüneburg — lag das Hochgericht vulgo, Galgenberg genannt, auf dem Rad, Galgen und Scharfrichterblock sich unheimlich gegen den blauen Himmel abhob. Nur einige Raben, welche krächzend davonflogen, scheuchte der einsame Wanderer dort auf, als er die Straße entlang am Hochgericht schaudernd vorüberschritt.
Jetzt stand er still und wischte sich den Schweiß auS der Stirn, die ein schwarzes Barett bedeckte.
Das Gesicht deS jungen Mannes war schön und geistreich die Augen dunkel und sinnend, aber auch ruhelos und voll Tücke, das Haar dicht, dunkel und lockig. Den schlanken Körper bekleidete ein dunkles WammS und Oberkleid, schwarze enge Hose, schwarze Strümpfe und Schnabelschnallenschuhe. Am Gürtel hing ein Schreibzeug und ein Dolch.
Sinnend schaute der Geselle, der ganz den Eindruck emeö sahrenden Schülers machte, auf die freundlich vor ihm liegende Stadt und murmelte:
„Soll mich wundern, wie sie mich empsangen werden, bte ehrsamen Philister meiner Vaterstadt."
Bunte Bilder zogen an ihm vorüber, bis seine schönen Züge sich verklärten, denn vor seinen inneren Sinnen stand das Bild eines schönen Mädchengesichts. Dann aber raffte er sich aus, nahm sich zusammen und schritt keck dem GudeStore zu.
Um dieselbe Zeit öffnete sich die Tür eines hohen mehr- stückigen HauseS in der GudeSstraße, über dessen Hauptem» vang drei goldene Kugeln im Sonnenschein glänzten.
Frankreich erklärte deshalb, Truppen nach Fez schicken zu wollen, um die Europäer nach der Küste zurückzuführen.
Wir hatten keine so bedrohlichen Nachrichten auS Fez und erklärten deshalb, daß fremde Hilfe für unsere Kolonie nicht erforderlich sei. Da wir aber natürlich keine Garantie für das Leben der anscheinend bedrohten Franzosen übernehmen konnten, erhoben wir keine Einwendungen gegen den Zug nach Fez zur Zurückführung der bedrohten Franzosen nach der Küste. Wir knüpjten aber daran den ausdrücklichen Vorbehalt, den wir auch öffentlich bekanntgaben, daß wir uns unsere Handlungsfreiheit vorbehielten, sobald die sranzösische Expedition den angegebenen Zweck überschreite, und dies auch dann, wenn daS Hinausgehen lediglich eine Folge der sich aus der Expedition ergebenden äußeren Umstände fein sollte. (Hört, hört! rechts.)
Dies traf, wie vorauSzusehen, zu. Frankreich schaltete vermöge seines allmählich abfulut gewordenen Einflusses auf den geretteten Sultan ziemlich unbeschränkt als Herr im Lande. Damit war die Voraussetzung der Algecirasakte — ein selbständiger Sultan — hinfällig. Es ist zwar eingewendet worden, der Sultan habe ja die Franzosen selbst zur Hilse gerufen! aber ein Herrscher, der fremde Truppen zur Hilft ruft, der sich nur auf fremde Bajonette stützt, ist nicht mehr der selbständige Herrscher, den die Algecirasakte zur Voraussetzung hatten. Wir gaben dies zu erkennen und legten Frankreich eine Verständigung nahe, wobei wir natürlich Frankreich die Initiative zuschoben. Nur in allgemeinen Umrissen deuteten wir unser Programm dahin an, daß wir bereit seien, der durch die veränderten Verhältnisse bedungenen veränderten französischen Stellung Rechnung zu tragen, daß wir aber dafür genauere Garantien für die unS zugesicherte Gleichheit aus dem Gebiete des Handels und der Industrie, insonderheit bei öffentlichen Unternehmungen verlangen müßten, daß wir außerdem Kompensationen für diejenigen Rechte fordern müßten, die sich Frankreich ohne vorherige Verständigung mit unS über Buchstaben und Sinn der Algecirasakte hinaus zugelegt hatte.
Agadir.
Wir erhielten zunächst keine positiven Vorschläge aus PariS, während sich die sranzösische Militärmacht in Marokko immer mehr ausbreitete und sich allmählich die Fiktion sestzusrtzen begann, nicht nur in Frankreich, sondern auch bei den anderen Mächten, als handle Frankreich infolge eines europäischen MandatS. Als daher deutsche Interessen infolge der Ereignisse in Marokko bedroht erschienen, entsandten wir ein Kriegsschiff nach Agadir. Die Entsendung dieses Schiffes hatte zunächst den Zweck, Leben und Eigentum unserer Untertanen zu schützen. Sie war aber gleichzeitig eine deutliche Kundgebung unserer Berechtigung und unseres Willens, unsere Untertanen in Marokko ebenso gut selbstständig zu schützen, wie Frankreich die seinigen, so lange letzteres sich nicht anderweitig mit uns verständigt haben würde. Dieser Zweck der Entsendung unseres Schiffes und ihre Beschränkung aus diesen Zweck ist unmittel
Eine Inschrift besagte, daß allhier im BräuhauS „Zu den drei Weltkugeln" der Brauergilde Aldermann Johann Sode wohne und eine öffentliche Trinkstube halte.
AuS der Tür aber schritt, einen Korb am Arm, eben eine anmutige Frauengestalt heraus, die GudeSstraße hinab und dem Tore zu, indem sie, leise eine Melodie vor sich hin singend, in der rechten Hand einen Schlüssel mit einem großen Schlüsselbrett dran schwang. Offenbar war es ein Gartenschlüfsel, was schon der Korb am Arm verriet.
Die Jungfrau Hütte ihr lichtblondes langes, aber sorgsam in zwei dicke Zöpse gedrehtes Haar, das bis tief aus den Rücken herabfiel, mit einem breitrandigen Hut bedeckt, der fast die schönen ebenmäßigen Züge des Gesichtes und den Glanz der großen blauen Augen verbarg. Sie war hoch und schlank wie eine Tanne gewachsen und mit einem dunkelblauen auf- geschürzten Gewände bekleidet, unter dem ein schwarzes Unter- gewand sichtbar ward. An der linken Seite hing ein schwarzes Sammettäschchen und ein Schlüsselbund.
Die Jungfrau hatte wohl einige Schritte gemacht, als eine behäbige Gestalt im dunklen Kamisol in der Tür deS Sode- schen HauseS sichtbar ward und ihr nachries:
„Jutta willst du in den Garten?"
„Ja wohl, Vater, ich hole Bohnen zum Mittagsmahls!" Er nickte.
„Ich schicke Dir Sabine nach," rief der Vater noch und verschwand in der Tür, denn es war heiß.
Jutta Sode schritt indes in den Schatten der anderen Häuserreihe hinüber und dort entlang bis zum Tore, unter dessen kühler Halle — beide Eisengatter waren aufgezogen — der Torwärter saß, ein alter Mann mit langem schneeweißem Haar. Er flocht zum Zeitvertreib Körbe auS langen, schwanken
Weidenruten. . ,
Neben ihm stand plaudernd ein Stadtknecht mit blanker Partisane im Lederkoller, Brustharnisch und Eisenkappe und plauderte lustig mit dem Alten, während drinnen in der Wacht- stube der Städtrottenmeister AmbrosiuS Sintor, ein großer, ritterlicher Herr, dessen Angesicht vom Trunk rot glänzte, mit feinen Quartiermeistern Karten spielte und die Mannschaft gähnend aus der Pritsche lag.
bar vor Eintreffen des Schiffes den Mächten durch unsere bei ihnen beglaubigten Botschafter und Gesandten kundgegeben worden. ES ist also eine unwahre Behauptung, wenn in der Presse, in der fremden Presse, die Schiffsendung nach Agadir als eine Provakation und als eine Drohung dargestellt wurde. Wir provozieren und bedrohen niemanden, aber wir wahren unsere Rechte, meine Herren, und wir werden unS darin durch niemand beirren oder behindern lassen. (Sehr gut!)
Beginn der Verhandlungen mit Frankreich.
Danach kam eS zur Aussprache mit Frankreich. Vom rein formellen Standpunkte aus konnten wir die Wiederherstellung des Status quo ante, d. h. des Status von 1906, fordern. Vom theoretischen Standpunkte auS wäre das richtig gewesen. Praktisch war eS unmöglich, ohne innere Wirren befürchten zu müssen, Marokko wieder ganz von fremden Truppen zu entblößen. Außerdem wäre die restitutio in integrum nur eine höchst unvollständige gewesen, weil der nachhaltige Eindruck, den das Vorgehen Frankreichs hervorgerufen hatte, k auch nach Zurückziehung der Truppen bestehen geblieben wäre. Schließlich wären wir auch nur, und zwar unter für uns ungünstigen Umständen, zu einem Punkt zurückgelangt, der der AuSgang jahrelanger Reibereien gewesen war, deren Beseitigung von beiden Regierungen gleichmäßig gewünscht wurde. Die Behauptung, daß die Entsendung des „Panther" nach Agadir Landerwerb in Marokko bezweckt hätte, ist unrichtig. Schon durch daS Februarabkommen von 1909 war Landerwerbung in Marokko ausgeschlossen. Unser bereits lange vor Entsendung deS Kriegsschiffes festgelegteS Programm bewegte sich auf derselben Linie. Die Unrichtigkeit der Behauptung wird auch durch die Erklärungen bargetan, welche wir den fremden Mächten unmittelbar vor Eintreffen deS Schiffes in Agadir gegeben haben; sie folgt endlich auch auS den Erklärungen, die wir beim Eintreffen deS Schiffes durch die Organe der Preffe in die Oeffentlichkeit haben gelangen lassen. ES ist in hohem Grade beklagenswert, daß diese unrichtige Behauptung auch bei unS dazu benutzt worden ist, um in unpatriotischer Weise ein Zurückweichen der Kaiserlichen Regierung um eine Demütigung des Landes zu konstruieren. Bei den Verhandlungen mit Frankreich war der leitende Gedanke der, daß sich die Unmöglichkeit ergeben hatte, daß die Marokkaner auS eigener Kraft die Ordnung in ihrem Lande herstellten und aufrecht erhielten, daß eS dazu des Eingreifens einer sremden Macht bedürfe. Diese konnte für den überwiegenden Teil MarokkoS nur Frankreich sein. Je größer die Freiheit war, die Frankreich hierin erlangte, desto mehr kam es in die Lage, die Bürgschaft und Verantwortung für die Ordnung zu übernehmen. Dagegen haben wir weitgehende und detaillierte Garantien für die Gleichberechtigung deS nichtfranzösischen Handels, der nichtsranzösischen Industrie, für die Rechte der in Marokko lebenden nichtfranzösischen Staatsangehörigen erhalten. Die Einzelheiten ersehen Sie aus dem Ihnen vorliegenden Vertrag. (Fortsetzung folgt.)
Als Jutta Sode an dem alten Wärter vorübergehen wollte, blickte der Greis auf und lächelte:
„Nun, Jungfer Jutta, wollt Ihr in den Nutzgarten der gestrengen Herrn Vaters gehen?"
„Ja, Vater Martinus," entgegnete die Gefragte, „will Gemüse zu Mittag holen."
„So ist'S recht!" nickte der Alte. „Gebt einmal eine gute Hausfrau ab, Jungfer Jutta ! Nun, 'S ist ja noch nicht aller Tage Abend.
„Haben Euren Enkeln die Glaskirschen gut geschmeckt?" fragte sie errötend.
„O, vortrefflich, Jungfer Jutta! Was ich sagen wollte, hat sich der junge Herr Wolfgang Wede, der Tuchweber, Euer stattlicher Nachbar, noch nicht erklärt?"
„Meint Ihr wegen der KrauthoseS, den er vom Vater taufen möchte?"
Der Alte lachte, daß er sich die Tränen aus den Augen wischen mußte und meinte dann:
„Schelmin, Ihr wißt recht gut, was ich meine!"
Sie lächelte halb verlegen, und wollte dann weiter schreiten, warf dann aber hin:
„Gut, Vater Martinus, so bringe ich Euren Enkeln wieder Kirschen mit."
„Tut das, Schelmin," rief er ihr nach, „und merkt (Euch jung gefreit hat noch niemand gereut, vergeßt den Wolf- gang nicht!"
Eben als sie zum Tore hinaus schritt, lenkte der bewußte Wanderer seinen Gang nach der Halle zu. Ueber ihr Gesicht ging es wie ein sreudigeS Erschrecken, als sie den sahrenden Gesellen erblickte, und auch er schien betreten. Einen Augenblick schien eS, als wolle Jutta Sode stehen bleiben, im nächsten Moment aber gewann Frau Konvenienz wieder dir Oberhand über die Gefühle deS Herzens und schritt, den Blick züchtig zur Erde gerichtet, dem Garten deS Vaters zu.
Der fahrende Geselle aber hatte unterdes ein scharftS Verhör vor dem Vater Martinus und dem Rottenmeister Sintor zu bestehen.
„Wer seid Ihr?" fragte der Hauptmann finster.